VI. Ballast abwerfen

1253 Worte
Mir laufen die Tränen über die Wange, während ich die Kiesallee hinunterlaufe, meinem Taxi hoffentlich entgegen. Er hat sie mitgenommen. Und vor etwas über zwei Wochen hat er noch behauptet, sie wäre Vergangenheit. Hat er mich belogen? Hat er es nur gesagt, weil er wusste, dass ich nicht mit ihm schlafen würde, wenn ich die andere Frau wäre? Hat er sich, nachdem er mit mir geschlafen hat, anders entschieden? Ist sie besser als ich? Das Taxi bleibt neben mir stehen und lässt das Fenster hinunter. „Richter“, presse ich hervor und der Fahrer steigt aus und öffnet mir die Tür. Ich würde ihm nicht so viel Trinkgeld geben wie Patrick, also muss er sich nicht so anstrengend. Schluchzend schiebe ich mich auf den Rücksitz und schnalle mich an. Die ganze Fahrt über kreisen meine Gedanken um den Doktor und Kathi und mein klägliches Selbst. Ich habe die Arme um den Oberkörper geschlungen und versuche, meinen Körper zusammenzuhalten. Als wir die Autobahn verlassen und in die Stadt kommen wische ich mir die letzten Tränen aus dem Gesicht und streiche mir die verflixten Haare zurück. Iris hat mich schon zweimal angerufen und ein paar Nachrichten hinterlassen. Ich ignoriere sie. Der Doktor hat mich ersetzt. Er hat jetzt Kathi. Und ich sollte mich endlich zusammennehmen und ihm nicht mehr hinterherheulen. Verdammte Scheiße! Ich schlinge die Arme fester um meine ächzende Brust und lehne den Kopf an die Rückseite des Vordersitzes. Scheiße! Scheiße! Scheiße! Die Tränen tropfen wieder von meinem Gesicht auf den staubigen Fußboden des Wagens und meine Haare hängen mir wirr ins Gesicht. Das Geräusch des Autos lässt mich an unsere Fahrt von Italien nach Hause denken. Wir haben uns so gut verstanden. Es schien alles so leicht. Aber er wollte nur ein wenig harten Spaß nach einem harten Tag. Das hat er selbst gesagt. Ich bin nichts Besonderes. Unser Video ist nichts Besonderes. Mein Schluchzen schüttelt mich durch, als der Fahrer fragt, wo er hinfahren soll. Weiter. Einfach nur weiter. Ich muss fort von hier. Fort von alledem. Und diese scheiß Haare! Energisch reiße ich sie alle nach hinten in einen strengen Zopf und sehe auf. Wir sind mitten in meiner neuen Heimatstadt und stehen an einer roten Ampel. Durch meine tränenverhangenen Augen sehe ich ein Friseurschild. Ich ziehe den Rotz hoch, wische mir die Tränen vom Gesicht und krame einen Geldschein aus meiner Tasche. Mit einem Blick auf das Taxameter drücke ich ihm den Schein in die Hand und verlasse hastig das Auto. Ohne weiter nachzudenken stolpere ich auf den Laden zu und reiße die Tür auf. „Guten Tag! Wie kann ich Ihnen helfen?“, fragt mich die blonde Friseurin, als ich etwas orientierungslos vor ihr stehe. „Hallo. Ich will meine Haare schneiden, aber ich hab keinen Termin“, antworte ich mit heiserer Stimme. Sie sieht mich besorgt an, wendet sich dann um und meint: „Komm, setz dich“ Sie führt mich zu einem Stuhl und ich lasse mich darauf plumpsen. Im Spiegel sehe ich mein verheultes Gesicht mit den geschwollenen roten Augen und der roten Nase. Ich kneife die Augen zusammen und öffne sie erst wieder, als sie mir ein Glas Wasser hinstellt und hinter mir Platz nimmt. „Also, was kann ich für dich tun“ Sie lächelt, mich im Spiegel an und fährt mir durch die langen Haare. „Die Haare schneiden“, antworte ich rau und will mich gar nicht ansehen. „Das trifft sich gut, das habe ich zufällig gelernt“, lacht sie und betrachtet dann meine Spitzen. „Ich- keine Ahnung. Ich kann sie nicht mehr ausstehen. Sie müssen ab. Ich hasse sie“, stottere ich und werfe ihr im Spiegel einen flehenden Blick zu. Sie sieht mich skeptisch an und lässt dann von meinen Haaren ab. „Hör mal, ich will nichts machen, was du später bereust..“ Ich seufze und meine Augen wandern über die Produktwerbung auf den Seitenrändern des Spiegels. „Das“, ich deute auf einen unscheinbaren Sticker. „Ich- Meine Mutter ist an Krebs gestorben. Bitte“, presse ich hervor. Ja. Ja ich habe die tote Mutter Karte ausgespielt und ich fühle mich nur ein klein wenig schuldig. Der Blick meiner Friseurin wird weich und mitleidig. Sie seufzt. „In Ordnung, ich denke, dir steht ein Lob gut. Er würde gut zu deiner Gesichtsform passen. Oder ein Pixiecut?“, schlägt sie ergebend vor und ich habe keinen blassen Schimmer, wovon sie spricht. Hat sie einen Schlaganfall? „Nein, das erste“, entscheide ich dann auf gut Glück und sie stellt mir dann noch ein paar Fragen. Ob mein Haar gefärbt ist und so weiter. Nein. Alles Natur. Dann erklärt sie mir, wie das mit dem Haare spenden funktioniert. Ich höre ihr gar nicht richtig zu, sondern versuche, mich nicht im Spiegel zu betrachten. Sie schneidet mein beinahe hüftlanges Haar ab, gibt es einer ihrer Kolleginnen und beginnt dann, mir diesen Lob zu verpassen. Mit der Maschine, einer Schere und Kamm bewaffnet trimmt sie mein Haar ungefähr auf Schulterlänge und stylt es ein wenig. Nach etwas mehr als einer Stunde komme ich aus dem Laden und streiche durch mein weiches Haar. Es fühlt sich anders an, so kurz, aber gut. Ich betrachte mich schnell in der Auslage und laufe dann weiter. Bis ich endlich in meiner Wohnung ankomme, muss ich noch eine weitere Stunde durch die Stadt streifen. Erschöpft sinke ich auf meinen Teppich und krame mein Handy hervor. Iris schon wieder. Sie wirft mir vor, dass ich einfach abgehauen bin ohne mich zu verabschieden. Ja, das war eine beschissene Aktion. Aber in diesem Moment konnte ich nicht klar denken. Ich schreibe ihr eine lange Nachricht, dass es mir Leid tut, aber dass ich da sofort raus musste und dass wir uns bald wieder sehen. Ich entschuldige mich unzählige Male, sage, dass ich dringend nach Hause musste, wegen meiner Arbeit und so. Lass es gut sein. Ich weiß, dass der Doktor gekommen ist., kommt die Antwort und ich stöhne leise auf. Auch das noch. Sie hat mich beim Lügen erwischt! Es tut mir Leid, Iris. Ich hab es nicht ertragen. tippe ich rasch und hoffe, dass sie mich zumindest ein wenig versteht. Ich ertrage dein scheiß selbstmitleid nicht mehr vergiss ihn endlich er hat eine neue , antwortet sie sofort und an ihrer mangelnden Zeichensetzung erkenne ich, wie wütend sie ist. Ich entschuldige mich nochmals und schicke ihr einen Kusssmiley doch sie ignoriert mich. Sie hat Recht. Ich muss ihn endlich vergessen. Kurz starre ich das Handy an, dann öffne ich eine andere App. Ich tippe auf Tims Icon und schreibe ihm eine Nachricht, ob er Lust hat, sich nächste Woche mal auf einen Kaffee zu treffen. Er scheint nett und er war lustig. Ich würde gerne wieder einmal herzhaft lachen. Dann packe ich meine Tasche aus, werfe das Handtuch und den Badeanzug in die Maschine und gehe mich zum dritten Mal heute duschen. Diesmal achte ich jedoch darauf, dass meine Haare nicht nass werden. Als ich zurück in mein Zimmer komme mache ich den Fernseher an und angle nach meinem Telefon. Sehr gern. Dienstag um 20.30 im Pub? Ich bin etwas überrascht. Wer trinkt denn um 20.30 noch Kaffee? Dann lese ich meine Nachricht durch. Hi, hast du Lust nächste Woche einen trinken zu gehen? Hoppla. Ich habe ‚Kaffee' vergessen. Kurz überlege ich, aber es ist mir zu blöd, meinen Fehler zu korrigieren. Also sage ich Tim kurzerhand zu. Wie schlimm kann es schon werden?
Kostenloses Lesen für neue Anwender
Scannen, um App herunterzuladen
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Schriftsteller
  • chap_listInhaltsverzeichnis
  • likeHINZUFÜGEN