„Mila ist in Gefahr? Hast du sie deshalb weggeschickt? " Amelie nickte. „Leider." Markus legte seine Hand auf ihre Schulter, als er die bedrückte Stimmung wahrnahm, die die beiden umgab. „Ich bin mir sicher, dass ihr nichts zustoßen wird. Ich kenne ein paar Magier,... ähm magierähnliche Wesen, die die Frau suchen und zur Rechenschaft ziehen werden." „Magierähnliche Wesen? ", fragte Amelie. „Wie sehen die denn aus? " „Sie tragen gerne lila Klamotten. Ansonsten sehen sie aus wie Menschen, verhalten sich aber wie Magier. " „So wie du? " Markus zog an seinem blauen Pullover und schaute ihn sich an. Dann schaute er auf seine schwarze Hose. „So wie ich? ", fragte er verwirrt. Amelie lachte leise. „Nicht die Klamotten. Dein Verhalten. Ich meine, ich habe noch nie gesehen, wie du einen Zauberstab schwingst. " Markus wurde rot. „Ich bin kein Zauberstabschwinger. Ich übe Magie lieber mit den Händen aus", gab er zu.
„Nur talentierte Hexen können das. Oder Magier und Halbmagier", sagte Amelie. Markus überlegte, was er über Halbmagier wusste, doch er kam zu dem Ergebnis: Nichts. Als er Amelie verdutzt anschaute, lächelte sie. „Das sind diejenigen, die eine Hexe und einen Magier als Eltern haben. Es gibt nicht viele davon. Sie sind sehr selten, tatsächlich. Denn nur wenige Hexen trauen sich, Kontakt mit Magiern zu haben. Magier sind gefährlich. Der Legende nach sind Magier egoistisch. Sie verwenden die Menschen, damit sie nicht in Gefahr geraten. Menschen können sehr gefährlich werden. Die Magier beschützen die Menschen nur, damit sie nicht von ihnen verbrannt werden. Das haben sie früher mit Hexen gerne gemacht. " „Warum haben sich die Hexen nicht gewehrt? Sie sind stärker als die Menschen. Sie können zaubern. " Amelie schaute auf ihren Zauberstab. „Die Magier haben ihre Zauberstäbe zerbrochen. Ohne sie waren die Hexen hilflos tatsächlich. " „Warum haben sich Magier und Hexen nicht zusammengetan? Gegen soviel Magie hätte kein Mensch etwas ausrichten können. " Amelie zuckte mit den Achseln. „Wenn ich das nur wüsste."
„Wissen Sie? Ich glaube nicht, dass Magier egoistisch sind. " Er lächelte leicht und schaute Amelie in die Augen. „Ich glaube, dass Magier auch ganz nett sein können. " Markus legte seine Hand mit dem Ring auf das Geländer und beobachtete das Wasser, auf dem nun viele Kerzen schwammen. Amelie zeigte mit ihrem Zauberstab auf eine der Kerzen. Sie fing an zu brennen. Die Flamme flog mit Magie auf eine andere Kerze. Und so entzündeten sich auf magische Weise mehrere hundert Kerzen, die den ganzen Teich erleuchteten. Amelie schaute auf Markus Ring an seinem Finger. „Sicher." Sie schaute ihm in die Augen und lächelte dann. „Manche Magier sind wie Kerzen in der Dunkelheit. Manche bringen Licht in das Dunkle." Sie richtete ihren Zauberstab wieder auf eine der Kerzen. Sie ging aus und ein bisschen Rauch stieg in die Luft. „Doch manchmal geht auch das Licht in der Dunkelheit aus. Gerade dann, wenn man es am meisten braucht." Markus nickte, während er überlegte, was das bedeuten könnte. Amelie schaute zu ihm. „Du verstehst, was ich meine? " Markus schüttelte schnell den Kopf. „Kein einziges Wort. " „Es gibt Magier, die geben vor, deine Freunde zu sein." Amelie hielt plötzlich ein Messer in der Hand. Sie stellte sich hinter Markus. Er drehte sich um, um sie im Blick behalten zu können. „Aber wenn du sie brauchst, offenbaren sie ihr wahres Gesicht und du wirst herausfinden, dass sie nur darauf warten, dir in den Rücken stechen zu können." Er nickte nur benommen und schaute auf das Messer in der Hand. „Oh, das habe ich ganz vergessen. " Amelie lächelte und steckte ihr Messer wieder in ihre Umhangtasche.
„Ich glaube, es wird immer mal jemand geben, der unser Vertrauen missbraucht. Deshalb aufzuhören zu vertrauen wäre falsch", entgegnete Markus. Amelie lächelte leicht. „Sicher." Es fing an zu regnen. „Ich ähm... Ich muss nach Hause. " Markus machte einen Schritt auf Amelie zu und nahm sie vorsichtig in den Arm. „Werden wir uns wiedersehen? " „Ich weiß nicht. Wenn das Schicksal es möchte. " Markus riss seine Augen auf. Amelie lachte laut. „Wenn du das möchtest", fügte Amelie hinzu. Er atmete erleichtert aus, lachte und schlug Amelie mit dem Ellbogen leicht in die Hüfte. „Du weißt, wo du mich findest? " Markus drehte sich um und prägte sich noch ein letztes mal ihr Haus ein. Das große weiße Haus mit dem flachen Dach. „Sicher", sagte er. Dann schloss er seine Augen, um sich wegzuteleportieren. „Gehst du schon oder möchtest du nur ein Nickerchen machen? ", fragte Sam. „Ich gehe und mache dann ein Nickerchen." Er schaute sich kurz um. „Wo ist Mila? ", fragte Markus. „Sie macht auch ein Nickerchen. Heute war nicht ihr Tag", entgegnete Sam. „Verstehe." Markus schaute noch einmal zu Amelie. „Machen Sie es gut. Amelie? Richtig? " Amelie lächelte und nickte. „Du auch. " Ein lauter Knall hinter Markus ließ ihn zusammenzucken. Sein Blick glitt sofort zu Amelie. Sam zog sie zu sich heran. Während Amelie sich an ihn kuschelte, hielt Sam sie fest. Er strich ihr beruhigend über die Haare. Markus drehte sich schnell um, als er ein lautes Fauchen hörte. Der Panther stand hinter ihm. Sein Blick war eisern auf ihn fixiert. Amelie holte ihren Zauberstab heraus, löste sich von Sam und stellte sich vor Markus. „Lass ihn in Ruhe! ", rief sie. Der Panther sprang auf und rannte auf Amelie zu. Währenddessen flog von der anderen Seite ein riesiger schwarzer Drache mit langen Krallen auf Markus zu, schmiss ihn um und zog seine Krallen aus. Er bohrte seine Krallen in seinen Bauch. Markus ließ einen lauten Schmerzensschrei los. Markus streckte seinen Kopf zur Seite, um nach Amelie zu schauen. Sie ließ mehrere Zauber los, der die Panther zurückweichen ließen. Sam stand neben ihr und half ihr dabei. Markus bemerkte einen kühlen Wind an seinem Nacken. Ein blondhaariger Hexer mit einem grauen Mantel stand neben ihm und beugte sich zu ihm herunter. Der Magier schloss seine Augen, um an einen Zauber zu denken. Doch sobald er sie geschlossen hatte, spürte er, wie sich die Krallen tiefer in seinen Bauch bohrten. Bevor er schreien konnte, spürte er die Hand des Jungen auf seinem Mund. Der Hexer schaute kurz nach oben, um Amelie und Sam im Blick zu haben. Dann griff er nach Markus Hand, zog ihn seinen Ring vom Finger und steckte ihn in seine Manteltasche. „Weißt du? Es ist nicht gerade schlau, als Magier in unsere Welt zu kommen. Jeder Magier, der hier entdeckt wird, wird gnadenlos umgebracht. Und du bist sicher keine Ausnahme. Er kam ihm immer näher und flüsterte in sein Ohr: „Geh lieber zurück in deine Welt. "
Dann stand er auf und ist auf einmal verschwunden. Der Drache schlug mit seinen Flügeln und flog davon. Markus spürte all seinen Schmerz. Es war ein heftiges brennen, das nicht mehr aufhörte. Er schloss seine Augen, um seine Verletzung wegzuzaubern, doch das gelang ihm nicht. „Amelie? ", flüsterte er schwach. Amelie unterbrach sofort ihre Verteidigungsversuche. Sie ließ Sam allein, der schweratmend weiter kämpfte und rannte zu Markus. Sie hatte mehrere große Kratzer auf ihrer Wange, ihrem rechten Arm und ihren Beinen. „Du siehst gar nicht gut aus", flüsterte sie. Sie richtete ihren Zauberstab auf Markus Bauch, doch dieser streckte schnell ablehnend seine Hand aus. „Keine Magie. " Er schaute ihr tief in die Augen. „Es wird Zeit. Ich sollte gehen. " Amelie griff seine Hand und streichelte ihm zärtlich über seinen Handrücken. Markus wollte aufstehen, doch Amelie drückte ihn auf den Boden zurück. „Du bist verletzt ", sagte sie. „Ich hole dir eine Salbe. " Markus schüttelte seinen Kopf. „Lass mich gehen. Bring mich in meine Welt. Ich bin mir sicher, du wirst uns Magier mögen. " „Ich mag euch jetzt schon ", rief Amelie.
Markus stiegen Tränen in die Augen. „Es gibt viele, die uns nicht mögen." Er schloss wieder seine Augen und wollte am liebsten schlafen. Doch seine Schmerzen waren zu groß. „Ich muss nach Hause ", flüsterte er. Amelie schüttelte schnell den Kopf. „Das kommt nicht in Frage." Sie schaute nach hinten und rief Mila zu sich. Sie kam angerannt. Als sie merkte, dass Markus verletzt war, wurde sie schneller. Markus schaute sich panisch um. Er hatte Angst, dass der Junge wieder vorbei kommen könnte. Dass er diesen Tag nicht mehr überleben würde. Mila lehnte sich über ihn und schaute dann zu Amelie. „Was hat ihn angegriffen? " Amelie schüttelte den Kopf. „Ich habe es nicht mitbekommen. Ich war abgelenkt." „Ein Drache", rief Markus. „Ein schwarzer Drache. " Amelie schaute Markus besorgt an. Er stand schnell auf und flog leicht nach vorne. Er konnte sein Gleichgewicht gerade noch so halten. Mila streckte ihren Arm aus und stützte ihn, in dem sie ihn am Oberarm festhielt. „Ich muss hier weg. Ich gehöre nicht hier hin. " Amelie schüttelte den Kopf und legte ihre Hand auf seine Schulter. „Jeder gehört hier hin. " Er schüttelte wieder den Kopf. „Ich nicht. " Er ging über die Brücke und lief davon. „Markus ", schrie Amelie. „Geh nicht. Es ist zu gefährlich. Du könntest sterben." Markus ignorierte ihre Worte und ging weiter. Er dachte nur noch an sein Zuhause. An seine Welt und seine Freunde. Amelie rannte ihm hinterher und holte ihn ein. Sie stand ihm gegenüber und legte ihre Hand auf seine Schulter. „Du musst bei uns bleiben." Markus griff vorsichtig nach ihrer Hand und nahm sie von seiner Schulter. Dabei schaute er ihr die ganze Zeit in die Augen. Dann ging er weiter, ohne sich noch ein einziges mal nach ihr umzudrehen. Er hörte immer wieder ihre verzweifelten Schreie, doch ignorierte sie. Denn er wusste eines: Diese Welt war nicht die richtige Welt für ihn.
Markus schaute sich die Bäume genauer an, an denen er vorbei kam. Die Baumstämme von manchen Bäumen waren blau, während andere rot oder grün waren. „Entschuldigung? ", hörte er eine männliche Stimme sagen. Er drehte sich erschrocken um und suchte die Umgebung nach der Person ab, die ihn angesprochen haben könnte. Aber er sah niemand. Markus rannte nun, so schnell er konnte. Er spürte, wie ihn jemand am Hosenbein zog. Wütend kickte er dagegen, hielt an und schaute nach unten. „Autsch, das war nicht nett. " Markus konnte seinen Augen nicht trauen. Unter ihm war ein kleiner schwarzer Löwe mit langen, weißen Flügeln. „Eigentlich würde ich dich für den Rest meines Lebens ignorieren, doch ich brauche deine Hilfe. " „Und ich brauche ein Bett. Also lass mich in Ruhe", meckerte Markus. „Nur ganz kurz", rief der Löwe. „Hast du ein zickiges, passiv aggressives Einhorn gesehen? Manche nennen sie Ina. Ich nenne sie oberzickige Nervensäge. " Markus verdrehte die Augen. „Nein. Und jetzt lässt du mich gefälligst in Ruhe." Er verschnellerte seine Schritte, um so schnell wie möglich von hier wegzukommen. Der Löwe schlug mit seinen Flügeln und flog ihm schnell hinterher. „Du weißt doch gar nicht, wie sie aussieht. Schau mal." Er umkreiste viele Bäume, auf denen nach und nach Steckbriefe auftauchten, auf denen das Einhorn zu sehen war. Auf dem Steckbrief stand groß geschrieben: Gesucht: Ina. Verbrechen: Sie hinterging uns Hexen rücksichtslos, in dem sie Enyas Ring mithilfe der Hexerei magisch entwendete. Markus hob die Augenbrauen. „Einhörner können zaubern? " „Einhörner können zaubern. Löwen können auch zaubern. Jeder kann zaubern. Du lebst in einer magischen Welt, du gehirnverbrannter Idiot." Der junge Magier warf dem Löwen einen vorwurfsvollen Blick zu. Er hasste es, angeschrien und beleidigt zu werden. Und noch mehr hasste er es, von einem sprechenden Löwen so respektlos behandelt zu werden.
„Wer ist Enya und was hat es mit dem Ring auf sich? " Der Löwe verdrehte schon wieder die Augen und seufzte genervt. „Enya ist ein abscheuliches Wesen. Eine Magierin. Und ihr Ring ist der Gegenstand der uns alle retten wird. Wenn wir das Ritual vollendet haben und ihr die ganze Magie genommen haben, die in ihr steckt, werden wir frei sein. Werden unsere Familien frei sein. " Markus stellte sich vor einen der Bäume und streichelte mit seinem Finger über den Steckbrief. Er verstand immer noch nicht, wie ein Ring ganze Familien befreien könnte. Und warum ausgerechnet ein Einhorn auf die Idee kommen könnte, diesen Ring zu stehlen. Er wusste aber ganz genau, dass er das Einhorn beschützen wollte. „Wer sucht das Einhorn? Ich habe es vor kurzem gesehen. "„Oh Liebling. Jeder sucht das Einhorn. Aber wenn du einen spezifischen Hinweis hast, musst du dich an Almina wenden." Markus nickte und versuchte, weiterzugehen. Doch sein Kopf tat unglaublich weh und sein Bauch brannte. „Almina? ", flüsterte Markus. Er hatte ihren Namen noch nie gehört. Plötzlich sah er vor sich einen dunklen Schatten und einen silbernen Zauberstab mit einem beflügelten Löwen drauf, der auf ihn gerichtet war. Seine Umgebung begann sich zu drehen und Markus taumelte nach vorne. Der Löwe umkreiste den Magier. Markus konnte nicht anders, als auf die Knie zu sinken. Er wollte den Zauber loswerden, der ihn umgab, doch er konnte sich nicht wehren. Die Kraft war einfach zu stark. Markus konnte auch nicht mehr aufstehen, obwohl er das unbedingt wollte. Der blondhaarige Hexer kam ihm nun näher. „Ich werde es dir nicht leicht machen, Magier. " Ein dunkelblauer Blitz traf seinen Kopf. Die Dunkelheit umgab ihn. „Danke Leon", rief der Löwe. „Der Mann ging mir mit seiner Fragenstellerei gehörig auf die Nerven."
Als Markus aufwachte, befand er sich in einer Zelle. Vor ihm befand sich eine blaue Tür. Seine rechte Hand war mit einem leuchtenden blauen Seil an einem Ring befestigt, der an der Wand hing. Auf dem Ring stand der kleine Löwe mit den Flügeln drauf. „Jetzt haben sie dich. Jetzt haben sie dich", rief er schadenfroh und flog Markus vor seine Füße. Markus versuchte den Löwen mit seiner linken Hand zu verscheuchen, doch dieser setzte sich nur gemütlich auf den Boden. „Oh, denkst du, du wirst mich los? In mir steckt jetzt schon mehr, als jemals in dir stecken wird. Du kannst doch gar nichts, Magier. Ich bin groß." Der Löwe flog ihm auf den Kopf und schaute kopfüber nach unten in sein Gesicht. Er fuhr seine Krallen aus. Markus wollte mit seiner freien Hand nach dem Löwen greifen. Doch in diesem Moment kam ein Seil aus der Wand. Auch das Seil leuchtete blau. Es kam schnell auf Markus Arm zu. Ehe er ihn wegziehen konnte, schlang sich das Seil um seinen Arm und zog ihn nach hinten an die Wand. Dort verknotete es sich, in dem sich das Seil automatisch um seine eigene Achse drehte. Der Löwe lächelte, rief : „Und du bist klein" und fuhr ihm mit seinen Krallen über die Wange. Markus keuchte vor Schmerz. Er spürte, wie das warme Blut seinen Wangen herunterlief. Der Löwe setzte sich vor Markus und starrte seinen Bauch an. Seine Wunde war immer noch nicht verheilt. „Du wirst sterben, Magier. Diese Verletzung hat noch niemand überlebt." Dann öffnete sich die blaue Tür. Markus schloss seine Augen, denn das Licht war so hell, dass es ihn blendete und er nicht erkennen konnte, was draußen vor sich ging. Nach einer Weile öffnete er die Augen und sah den blondhaarigen Jungen, der vor dem Gitter stand.