6
Yulia
»Das tut mir wirklich leid«, meint Contreras, als er den Deckel von meiner Kiste nimmt. »Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Sie so groß sind. Ich bin froh, dass Sie es geschafft haben, sich dort hineinzuquetschen.«
Ich stöhne auf, als er mich herauszieht, da meine Muskeln dadurch krampfen, dass ich die letzte Stunde in dieser winzigen Kiste gekauert habe. Meine Knie fühlen sich wie zwei riesige blaue Flecke an, und meine Wirbelsäule pocht, weil sie so stark gegen die Seitenwand der Kiste gedrückt wurde. Allerdings bin ich am Leben und habe die Grenze nach Venezuela überquert – was bedeutet, dass es die Strapazen wert war.
»Kein Problem«, sage ich und drehe meinen Kopf in einem Halbkreis von einer Seite zur anderen. Mein Hals schmerzt, weil er so steif ist, aber das ist nichts, was man mit einer guten Massage nicht wieder hinbekommen könnte. »Es hat die Polizei und die Grenzwachen getäuscht. Sie haben nicht einmal versucht, in die Kiste zu schauen.«
Contreras nickt. »Deshalb hatte ich diese mitgebracht. Sie sieht zu klein aus, um eine Person zu verstecken, aber wenn man entschlossen ist ...« Er zuckt mit den Schultern.
»Stimmt.« Ich drehe meinen Kopf erneut und strecke mich, um meine Muskeln wieder benutzen zu können. »Wie geht der Plan weiter?«
»Jetzt bringe ich Sie zum Flugzeug. Obenko hat alles arrangiert. Morgen sollten Sie bereits wohlbehalten in Kiew eintreffen.«
Unsere Fahrt zu der kleinen Landebahn dauert weniger als eine Stunde, und dann halten wir vor einem uralt aussehenden Flugzeug.
»Wir sind da«, sagt Contreras. »Ihre Leute werden von hier an übernehmen.«
»Danke«, erwidere ich, und er nickt, als ich die Tür öffne.
»Viel Glück«, sagt er auf Russisch mit seinem spanischen Akzent, und ich lächele ihn an, bevor ich aus dem Auto steige und schnell zum Flugzeug gehe.
Als ich die Treppen hinaufsteige, tritt ein Mann mittleren Alters heraus und versperrt den Eingang. »Code?«, fragt er, und seine Hand liegt auf einer Waffe, die er an der Seite trägt.
Ich betrachte die Waffe misstrauisch und sage ihm meine Identifikationsnummer. Eigentlich wäre es das Gleiche, mich umzubringen, wie mich von Esguerra wegzuholen: Ich wäre nicht mehr in der Lage, weitere Geheimnisse der UUR preiszugeben. Genau genommen wäre es sogar die sauberere Lösung ...
Bevor ich mich zu sehr auf diesen Gedanken einlassen kann, lässt der Mann seine Hand sinken, tritt zur Seite und lässt mich in das Flugzeug steigen.
»Herzlich willkommen, Yulia Borisovna«, sagt er und benutzt dabei meinen richtigen Namen. »Wir freuen uns, dass Sie es geschafft haben.«