Kapitel 7

820 Worte
7 Lucas Samstagmorgen bin ich wirklich davon überzeugt, dass Yulia zurück in der Ukraine sein muss. Diego und Eduardo haben es geschafft, ihre Spur bis nach Venezuela zu verfolgen, aber dort scheint sie sich in Luft aufgelöst zu haben. »Ich denke, sie hat das Land verlassen«, sagt Diego, als ich ihn nach einem Update frage. »Ein Privatjet, der auf eine Briefkastenfirma registriert ist, hatte einen Flug nach Mexiko angemeldet, aber es gibt keine Aufzeichnungen darüber, dass er irgendwo in dem Land gelandet ist. Das müssen ihre Leute gewesen sein, und wenn sie es wirklich waren, ist sie entkommen.« »Das ist noch nicht sicher. Sucht weiter«, erwidere ich, auch wenn ich weiß, dass er wahrscheinlich recht hat. Yulia hat es geschafft, zu verschwinden, und wenn ich überhaupt noch die Hoffnung haben sollte, sie zu erwischen, werde ich mein Netz weiter auswerfen und einige unserer internationalen Kontakte anrufen müssen. Ich überlege, Esguerra auf den neuesten Stand der Entwicklungen zu bringen, beschließe dann aber, bis Sonntag damit zu warten. Heute ist der zwanzigste Geburtstag seiner Frau, und ich weiß, dass er nicht in der Stimmung ist, mit solchen Dingen belästigt zu werden. Das, was ihn interessiert, ist, Nora alle ihre Wünsche zu erfüllen – einschließlich des Besuchs eines beliebten Nachtclubs im Zentrum Chicagos. »Es ist Ihnen aber klar, dass es ein Albtraum ist, diesen Ort zu bewachen?«, meine ich zu ihm, als er das Thema mittags anspricht. »Dort gibt es zu viele Menschen. Und Samstagnacht –« »Ja, ich weiß«, antwortet Esguerra. »Aber es ist Noras Wunsch, also lass uns einen Weg finden, ihn in die Tat umzusetzen.« Wir verbringen die nächsten zwei Stunden damit, die Baupläne des Clubs durchzugehen und zu entscheiden, wo wir die ganzen Wächter abstellen. Es ist unwahrscheinlich, dass einer von Esguerras Feinden Wind davon bekommen wird, da es eine sehr spontane Entscheidung ist, aber trotzdem beschließen wir, auf den benachbarten Gebäuden Scharfschützen zu positionieren, und weitere Wächter in einem Radius von einem Karree außerhalb des Clubs. Meine Rolle besteht darin, im Auto zu bleiben und ein Auge auf der Eingangstür des Clubs zu behalten, falls aus dieser Richtung Gefahr droht. Wir erarbeiten außerdem den Plan für die Absicherung des Restaurants, in dem Esguerra und seine Frau zu Abend essen werden, bevor sie in den Club gehen. »Ach, was ich fast vergessen habe«, meint Esguerra, als wir uns dem Ende nähern. »Nora möchte, dass Rosa am Club zu uns stößt. Hast du einen Wächter, der sie dorthin fahren kann?« »Ich denke schon«, sage ich, nachdem ich einen Augenblick darüber nachgedacht habe. »Thomas kann das Mädchen zum Club bringen, bevor er seine Stellung am Ende des Karrees einnimmt.« »Das würde funktionieren.« Esguerra steht auf. »Bis heute Abend.« Er verlässt den Raum, und ich gehe nach draußen, um den Wächtern ihre Aufgaben mitzuteilen. Esguerras Abendessen verläuft ohne Zwischenfälle, und danach fahre ich ihn und Nora zum Club. Rosa wartet bereits auf sie und trägt das gelbe Kleid, das sie auf unserer Shoppingtour gekauft hat. Als Nora aus dem Auto steigt, rennt Rosa zu ihr, und ich höre die zwei jungen Frauen aufgeregt miteinander reden, während sie in den Club gehen. Esguerra folgt ihnen mit einem leicht amüsierten Gesichtsausdruck, und ich bleibe im Auto und bereite mich auf das vor, was verspricht, eine lange und langweilige Nacht zu werden. Nach etwa einer Stunde esse ich ein Sandwich, das ich mir mitgebracht habe, und checke meine E-Mails. Zu meiner Erleichterung habe ich ein Update von den Hackern erhalten. Haben es endlich geschafft, die Firewalls der ukrainischen Regierung zu durchbrechen, und haben einige Akten entschlüsselt, steht in der Mail. UUR steht für Ukrainskoye Upravleniye Razvedki, was grob übersetzt »Dienststelle des ukrainischen Geheimdienstes« heißt. Es handelt sich dabei um eine inoffizielle Gruppe von Spionen, die als Antwort auf die Korruption und die engen Verbindungen des offiziellen Geheimdienstes zu Russland ins Leben gerufen wurde. Jetzt arbeiten wir gerade daran, eine Nachricht zu entschlüsseln, die Hinweise auf zwei Außendienstmitarbeiter und einen Standort in Kiew beinhalten könnte. Ich lächele grimmig, schreibe eine Antwort und lege das Telefon beiseite. Es ist nur eine Frage der Zeit, bevor wir Yulias Organisation aufspüren und auslöschen. Und sobald wir das tun, hat sie keinen Ort mehr, zu dem sie rennen kann, niemanden mehr, der ihr hilft. Keinen Liebhaber, zu dem sie zurückkehren könnte. Ich beiße meine Zähne zusammen, als mich ein heftiger Eifersuchtsschub durchfährt. Yulia könnte bereits bei ihm sein, bei ihrem Misha. Er könnte sie in diesem Augenblick umarmen. Er könnte sie sogar gerade ficken. Dieser Gedanke erfüllt mich mit brennendem Zorn. Wenn sich der Mann gerade vor mir befände, würde ich ihn mit meinen bloßen Händen erwürgen, und Yulia müsste dabei zusehen. Das wäre ihre Bestrafung dafür, dass sie mich hintergangen hat. Das vibrierende Klingeln meines Telefons reißt mich aus meinen Rachefantasien. Ich ergreife es, lese Esguerras Nachricht, und mein Blut verwandelt sich in Eis. Nora und Rosa angegriffen, steht dort. Rosa mitgenommen. Ich folge ihr. Alarmiere die anderen.
Kostenloses Lesen für neue Anwender
Scannen, um App herunterzuladen
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Schriftsteller
  • chap_listInhaltsverzeichnis
  • likeHINZUFÜGEN