Kapitel 1
Es ist ein kalter Samstagmorgen – nun ja, kalt für Miami – und Marcia ist bei einem Geschäftsfrühstück mit neuen Kunden. Sie nippt an ihrem Kaffee und versinkt in Gedanken. Es ist schon eine Weile her …
Es ist schon lange her, dass sie in der Stadt war. Sie liebt diese Gegend besonders, mit den vorbeifahrenden Autos und den Menschen, die auf dem Bürgersteig spazieren gehen.
Während sie diesen entspannten Moment genießt und den Gesprächen ihrer Kunden lauscht, erscheint eine Nachricht auf ihrem Handy.
–– Das Paket wurde zugestellt.
–– Warten auf Prüfung.
Sie stellt ihre Kaffeetasse ab und entschuldigt sich bei ihren Kunden. „Nun, meine Herren, vielen Dank für Ihre Zeit. Wie vereinbart, werden Ihnen alle Unterlagen noch vor Ende der Woche zugesandt.“
Alle lächeln und geben sich die Hand. Marcia begibt sich zügig in ihr Büro.
==========
„Da! Folge ihr. Komm ihr nicht zu nahe“, sagt der Mann mit sandbraunem Haar und hellblauen Augen.
Er sitzt auf dem Rücksitz eines schwarzen Lexus und beobachtet Marcia aufmerksam, wie sie die Straße zum Parkplatz überquert und in ihren roten Mercedes steigt.
Fünfzehn Minuten später parkt Marcia ihr Auto und betritt ihr Büro, ein zweistöckiges Gebäude mit einer vollständig verglasten Fassade im Erdgeschoss, über der sich im Obergeschoss eine stilvolle Holzfassade erhebt.
Über dem Eingang steht der Name des Unternehmens: Oltre Bacchus, eine Mischung aus Italienisch und Französisch. Einer der neuesten Weinläden, die den Miami Strip erobert haben.
Als Marcia hineingeht, parkt der schwarze Lexus gegenüber dem Gebäude. Der Mann auf dem Beifahrersitz beugt sich herüber und legt eine Hand auf den Fahrer. „Warte hier, ich bin gleich wieder da.“
Er steigt aus dem Auto, schaut nach, ob Fahrzeuge kommen, und überquert zügig die Straße bis zur Tür. Er bleibt einen Moment draußen stehen, die Hand über dem Türgriff, bevor er tief Luft holt und hineingeht.
==========
Marcia öffnet gerade eine frisch gelieferte Kiste mit Wein aus Europa, den Rücken zur Tür gewandt, die Schultern nach vorne gebeugt. Als sie jemanden hereinkommen hört, dreht sie sich um und blickt auf. „Oh, es tut mir so leid, wir haben noch nicht geöffnet. Wenn Sie vielleicht später wiederkommen könnten …“
Sie hält mitten im Satz inne, den Mund noch immer offen, als wäre ihr die Luft ausgegangen – wegen des Mannes – nein, des Geistes –, den sie vor sich sieht.
Marcia starrt den Besucher an, ihre Augen weiten sich, und sie lässt den Deckel der Kiste fallen, die sie gerade geöffnet hat.
Krach!
Ihr Sekretär stößt einen Schrei aus: „Ma’am, geht es Ihnen gut?! Ist alles in Ordnung?“, ruft er und eilt zu seiner Chefin.
Als er den Herrn an der Tür bemerkt, verlangsamt der Sekretär seinen Schritt und wendet sich dem Gast zu. „Oh, es tut mir leid, wir haben noch nicht geöffnet. Vielleicht könnten Sie in einer Stunde wiederkommen, oder in zwei?“
Er fragt nervös und deutet mit ausgestreckter Hand an, dass der Besucher gehen solle, während er sich weiter auf seine Chefin zubewegt – besorgt wegen des plötzlichen Lärms, aber mit einem professionellen Lächeln für den potenziellen Kunden.
Der Mann schaut ihn nicht an, nicht einmal für einen Moment; sein Blick ist auf die Frau gerichtet, seine Gedanken sind bei dem Bild, das er gesehen hatte, als er durch die Türen trat: Marcias schlanker Rücken und ihre Schultern, die sich anmutig bewegten, während sie den Deckel der Kiste öffnete, die Konzentration in ihrem Profil eingeprägt.
Ihre schmale Nase, ihre vollen Lippen und ihr schlankes Kinn.
Der Sekretär blickt zu Marcia zurück und sieht, dass sie und der Gast sich gegenseitig anstarren. Er verstummt.
Schließlich atmet Marcia tief ein. „Du … Jullian … Wie …? Warum …?“, stammelt sie.
Jullian tritt vor und nähert sich Marcia. Sie weicht einen Schritt zurück und hebt die Hand. „Halt!“, ruft sie.
Jullian bleibt augenblicklich stehen, als wäre er von einer unsichtbaren Wand getroffen worden.
Die Spannung liegt förmlich in der Luft, während der Sekretär verwirrt von einem zum anderen blickt und unsicher ist, ob er etwas sagen oder sich in den Abstellraum zurückziehen soll, aus dem er gerade gekommen ist. Zum Glück rettet Marcia ihn.
„Kyle, bitte lass uns allein. Es ist alles in Ordnung; ich habe den Deckel versehentlich fallen lassen.“
Kyle nickt, murmelt seine Zustimmung zu Marcias Bitte und verlässt den Raum.
„Marcia … ich …“
„Hör auf“, unterbricht Marcia ihn erneut, wobei ihre sonst so sanfte Stimme zittert und kaum mehr als ein Flüstern ist. „Ich will nicht … Du solltest nicht … Warum …?“, stammelt sie.
Sie presst die Lippen zusammen und strafft die Schultern. Sie atmet tief ein, den Blick fest auf den Eindringling gerichtet. „Geh weg, Jullian!“, befiehlt sie mit fester, klarer Stimme.
„Wenn du mir nur …“, begann er erneut.
„Ich sagte, geh!“, fordert Marcia, ohne ihn zu Wort kommen zu lassen, und spricht ihre Gedanken ohne zu zögern aus.
Jullians Schultern sinken leicht herab, fast unmerklich, und zum ersten Mal, seit er den Raum betreten hat, wandert sein Blick für einen kurzen Moment von Marcia weg, bevor er zu ihrem immer röter werdenden Gesicht zurückkehrt.
„Marcia, wir müssen reden“, drängt er sie und wählt seine Worte sorgfältig.
Diese Stimme, dieselbe tiefe, sonore, autoritäre Stimme …, denkt Marcia, während sie unbewusst den Blick abwendet und den Kopf zur Seite neigt, als wolle sie leicht mit den Schultern zucken.
Sie hält mitten in der Bewegung inne, dreht sich zu Jullian um, ihre braunen Augen lodern. Sie starrt Jullian trotzig an, während er weiterredet.
„Ich weiß, dass die Art und Weise, wie wir uns getrennt haben, falsch und verletzend ist, aber wenn du mir –“
„Ich habe gesagt, geh!“, schreit Marcia und ballt die Fäuste an den Seiten.
„Wenn du mir eine Minute gibst, kann ich es erklären“, drängt Jullian mit fester Stimme, während seine wunderschönen hellblauen Augen Marcias tiefbraune anstarren.
„Eine Minute, um zu erklären, was du vor fünf Jahren getan hast?“, entgegnet Marcia ungläubig. Sie dreht sich von Jullian weg, wendet sich der Wand zu und atmet ein paar Mal tief durch.
„Ich will nichts von dir hören. Du kannst gehen, und zwar sofort“, schnappt sie, wirft ihm einen Seitenblick zu und legt die Hände auf ihre schlanke Taille.
Jullian seufzt und zeigt zum ersten Mal Verärgerung – nun ja, Jullian’s Version von Verärgerung. Er schließt für drei Sekunden die Augen und macht einen Schritt nach vorne. „Ich weiß, dass du nicht hören willst, was ich zu sagen habe, aber du musst es hören. Ich muss dir erzählen, was damals passiert ist. Ich muss es erklären.“
„Ich brauche deine Erklärung nicht!“, entgegnet Marcia, ohne ihre Haltung zu ändern. „Das ist mein Raum, und ich will, dass du verschwindest. Du bist nicht eingeladen und nicht willkommen.“
Jullian seufzt tief. „Okay, gut, ich gehe, aber ich komme später wieder.“
Marcia dreht sich daraufhin um und zeigt aggressiv auf Jullian. „Wage es ja nicht, hierher zurückzukommen! Du hast nichts mit mir zu tun, und ich habe nichts mit dir zu tun!“
Jullian tritt einen Schritt vor, direkt bis vor Marcias Gesicht. Er packt sie am Arm. „Du hast sehr wohl alles mit mir zu tun, und ich habe sehr wohl alles mit dir zu tun. Ich werde jetzt gehen, wie du es verlangt hast, aber ich WERDE zurückkommen. Ich WERDE dich wiedersehen.“ Dabei betont er die letzten beiden „Werde“ besonders nachdrücklich.
Sie starren sich in die Augen, erstarrt in diesem Moment, in ihrer Wut einander näher als sonst, ihre Gesichter berühren sich fast, ihr Atem vermischt sich.
Marcia hält scharf den Atem an und lehnt sich bewusst zurück, weg von Julians intensiver Ausstrahlung, ohne ein Wort zu sagen, ihre braunen Augen dunkel vor Wut.
Jullian lässt Marcias Arm los, tritt einen Schritt zurück und räuspert sich. „Es tut mir leid. Es tut mir leid, dass ich das getan habe. Wir sehen uns wieder“, sagt er entschuldigend.
Damit blickt er Marcia ein letztes Mal intensiv an, dreht sich um und geht hinaus.