Kapitel I-2

2043 Mots
* IHM steht ein Lächeln ins Gesicht geschrieben. Er verstaut den Fotoapparat in einer Tasche seines Parkas und schließt das Visier des Helmes. Er ist zufrieden mit dem Verlauf der Dinge. Bellec war ziemlich pünktlich. Alles läuft wie vorgesehen. Und nun zu uns beiden, Meister Bel-leck-mich-am-Arsch, denkt er, während er dem sich entfernenden Anwalt hinterherschaut. Dreimal in die Pedale getreten, und der Motor seiner 103 Peugeot knattert fröhlich vor sich hin, trotz der 25 Jahre, die das gute Moped auf dem Buckel hat. ER fährt langsam, achtet darauf, dass der Anwalt stets einen ordentlichen Vorsprung hat. ER braucht sich ja auch gar nicht zu beeilen, denn er kennt die Route des Anwalts längst auswendig. Immer dieselbe, jeden Morgen, vom 15. März bis zum 30. September, seit zwei Jahren. ER hat den Anwalt schon lange aus sicherer Entfernung beobachtet. Beim Caplan, dem Bücherei-Café, das zur Gemeinde Guimaëc gehört wie das Wasser zum Meer, wird Bellec rechts die Gefällestrecke zum Strand wählen, sein Fahrrad gegen einen Felsen lehnen, einen Plastikbeutel vom Gepäckträger nehmen und über den Sand auf die berühmte Felsennase Pointe Beg an Fry zulaufen, dabei seine Arme wie Mühlenflügel bewegen und seine Beinmuskulatur hüpfend lockern. Er wird sich eine Badehose und ein Schwimmtop anziehen, bis an den Rand der Brandung traben und etwa zwei Minuten lang das Meer anschauen. Danach wird er entweder ein langes Wellenbad nehmen oder, wenn nicht genügend Brandung herrscht, vier Längen die Bucht entlang parallel zum Strand schwimmen. Auf jeden Fall wird er mindestens 15 Minuten im Wasser verbleiben. Dann, um wieder trocken zu werden, wird er sechsmal über den gesamten Strandabschnitt laufen. Das wird ihn weitere zwanzig Minuten von seinem Mountainbike fernhalten. Und weil derzeit Ebbe herrscht, wird ER mehr Zeit zur Verfügung haben, als für seine kleinen Bastelarbeiten nötig wäre. Immer noch verhalten fahrend erreicht ER schließlich die Place Léo Ferré, an der das Caplan liegt. Es ist kaum zu erwarten, dass Lan oder Caprini, die beiden Betreiber der Ausflugsgaststätte, sich zu dieser frühen Zeit hier blicken lassen. Zu SEINER Erleichterung sind sie nicht da. Vom Campingplatz her bellt ein großer Hund, aber ER weiß, dass er nicht herauskommen wird. Es ist 08 Uhr 25. Es ist nicht seine Zeit, jedenfalls sonst nicht. Philippe Bellec folgt seiner Routine. Er ist nun nicht mehr weit vom Wasser entfernt. Und ein paar hundert Meter vom Motorradfahrer. Dieser hat soeben sein Fahrzeug neben dem Fahrrad an einen Granitblock gelehnt. ER holt seinen Fotoapparat hervor und antizipiert zum soundsovielten Mal das kommende Geschehen. Gleich wird die Frau aus Guimaëc mit ihrem verrotteten Espace hier auftauchen und ihre sechs Spaniel-Mischlinge und den schwarzen Labrador rauslassen. Bis die alle am Strand sind, werden wohl zehn Minuten vergehen. Dann ist es 08 Uhr 40. Der Hund aus dem Haus mit den grünen Fensterläden kommt mit seinem Herrchen erst gegen 09 Uhr 05. Da bleiben mir etwa zwanzig Minuten, um dem Schwein meine Überraschung zu bereiten. Zur besagten Zeit erfüllt die Guimaëc’sche Menagerie den Strand mit fröhlichem Gebell. Weder das Frauchen noch ihre Hunde scheinen überrascht zu sein, einen Fotografen mit Helm Bilder von Poul Rodou bei Ebbe aufnehmen zu sehen. Der Strand liegt übrigens immer noch im Schatten… Ein Blick auf den Triathleten, einen weiteren zur Straße hin, dann holt ER blitzschnell ein kleines Werkzeugmäppchen aus seiner Parkatasche. Ein Paar Latexhandschuhe, eine Kombizange aus Titan und einen 10er Schlüssel, das ist alles, was er benötigt, um keine Spuren zu hinterlassen. ER hat sich gut in einem Sportgeschäft in Morlaix umgesehen, hat die Mutterngröße überprüft und sich mit dem Bremssystem auf das Beste vertraut gemacht. ER weiß, es wird ausreichen, die Muttern der Bremsen am Vordersowie am Hinterrad um eine halbe Umdrehung zu lösen, dann werden beim ersten starken Bremsversuch die Kabel aus ihren Halterungen springen. Und wenn du dann anhalten willst, dann kannst du nur hoffen, dass eine Steigung deine Fahrt bremst, dass irgendein Hindernis deinem Lauf Einhalt gebietet, oder dass du dem Schutzengel Josephine begegnest, gespielt von Mimie Mathy… Nach weniger als einer Minute ist die Sache erledigt, das Mäppchen wieder verstaut und das Moped angetreten. Ohne sich noch einmal zum Strand hin umzusehen, fährt ER davon, in Richtung… * Philippe Bellec verlässt eiligen Schrittes das nasse Element. Ein Blick auf seinen Chronometer: 18 Minuten 32, nicht schlecht für den Anfang der Saison! Und er beginnt, die sechs Strandlängen abzulaufen. 21 Minuten 10, die alte Form kommt wieder. Ich sollte vielleicht doch meinen Glenfiddich-Konsum reduzieren. Nach dem Umkleiden und dem erholsamen Zurückschlendern zu seinem Rad fühlt er sich nun wieder fit für seine größte Herausforderung: Den Anstieg der Côte de Poul Rodou bis nach Lézingard. Zwei Kilometer stets bergan, mit zwischendurch einer kleinen scheinbaren Ebene. Er ist so sehr auf diese Strecke fixiert, dass er kaum den freundschaftlichen Gruß von Lan erwidert, der gerade von dem morgendlichen Besuch bei seinen Eseln zurückkehrt. Schweißtropfen rinnen über sein Gesicht, und ständig ist er auf der Suche nach den passenden Gängen, sobald sich die Steigung verändert. Ah, endlich, das Waschhaus. Ich schaffe das. Nach einigen weiteren Minuten intensiven Schwitzens erreicht er den Gipfel, das Plateau von Lézingard. Ein Seufzer der Zufriedenheit angesichts seiner Leistung. Der Weiler erwacht eben erst aus dem Schlaf. Der erste Rasenmäher zerreißt die ländliche Stille. Er tritt nun mühelos in die Pedale, merkt, wie seine Muskeln wieder weicher und geschmeidig werden. Schon freut er sich auf eine schöne Dusche, die hat er sich redlich verdient, sobald er wieder zu Hause sein wird. Doch zunächst der große Nervenkitzel, die Abfahrt von Lézingard mit ihrem 15-prozentigen Gefälle. „Da muss man sich ganz auf seine Bremsen verlassen können“, sagt er halblaut zu sich selbst. Und lacht dabei. Gefühl-voll betätigt er die beiden Bremshebel, alles in Ordnung. Scheinbar, jedenfalls. Während der Abfahrt ist er vollständig auf seinen Lenker konzentriert, so dass er nicht bemerkt, dass beide Bremskabel sich bereits ein wenig gelöst haben und nur auf einen erneuten Hebeldruck warten, um vollends ihren Geist aufzugeben.“Hopp, hopp, hopp, Pferdchen lauf Galopp, über Stock und über Steine aber brich dir…“ Brutal wird er in seinem fröhlichen Gesang unterbrochen. „Mist, das kann nicht sein. Was ist los? Die Hinterradbremse, verdammt!“, schreit er und versucht, mit seinen Schuhen auf dem Asphalt zu bremsen. Vergebliche Mühe, es bewirkt so gut wie nichts. „Die Vorderbremse, aber vorsichtig! Wenn das Vorderrad blockiert, dann fliege ich über den Lenker.“ So gefühlvoll wie möglich betätigt er den linken Bremshebel, und ebenso gefühlvoll verlässt auch dieses Bremskabel seinen Sitz. Sein Gehirn hat bereits begriffen, dass es nun Zeit für den Plan B wäre. Wenn es denn einen Plan B gäbe. Von Panik erfüllt, die Unterarme durchgeschüttelt von den Stößen des Lenkers, sucht der Anwalt verzweifelt nach einer gangbaren Lösung. Er rast jetzt mit 70 Stundenkilometern die Straße hinab. In wenigen Augenblicken könnten es 90 sein. Wie immer er sich entscheidet, er wird sich wehtun – sehr weh! Vom Fahrrad abspringen in Richtung Straßengraben? Mit all den dahinter liegenden Mäuerchen vor den Häusern und den Strommasten wäre das der reine Selbstmord. Sich einfach mitten auf die Straße fallen lassen? Nein! Zu gefährlich… Die einzige geringe Chance wäre, bis in die Senke durchzufahren und zu versuchen, die Rechtskurve zu schaffen, die ihn in die Steigung der Route de Morlaix führt. Nach links, auf die Route de la Corniche abzubiegen, ist wegen der rechtwinkligen Einmündung unmöglich. Mit tauben Armen, den Mund nach Luft ringend weit geöffnet und vor Angst wie gelähmt, ist der rasende Radfahrer nur noch 50 Meter von der Kurve entfernt. Die Fliehkraft würde ihn schlimmstenfalls ein Stück nach links tragen. „Hoffentlich kommt jetzt keiner entgegen.“ Der Müllwagen ist hinter der Kurve gerade mit dem Leeren einer Tonne beschäftigt. Der Fahrer blickt sich im Spiegel nach seinem Kollegen um. Er ahnt nicht, was da auf ihn zukommt. Philippe Bellec freilich hat noch die Zeit, das massige Fahrzeug vor sich auftauchen zu sehen. Mit einem verzweifelten Lenkmanöver versucht er, eine Lücke zwischen dem LKW und dem Straßengraben zu finden. Vergeblich. Das Mountainbike zerbirst mit unsäglicher Wucht an dem stattlichen orangefarbenen Vorbau des Müllwagens. Der Kopf des Anwalts explodiert förmlich an der Windschutzscheibe und ein schlaffer Körper fliegt fünf Meter weiter, um schließlich an der Mauer eines Hauses mit rosa Fensterläden seinen finalen Schlag zu erleiden. * Rechtsanwalt Bellec hat offensichtlich keine Zeit mehr für sein letztes Plädoyer gehabt, um Gott die barmherzige Aufnahme seiner Seele anzutragen. Das scheint jedenfalls ER zu denken, hoch oben von seinem Beobachtungspunkt einen abfälligen Nachruf ausstoßend: „Fahr zur Hölle, du Schwein! Da hast du, was du verdienst: Einen Mülltransporter als Leichenwagen! Ja, Müll bist du, Müll!“ Er steckt das Fernglas in seinen Parka und tastet nach dem Telefon. „Hallo!“, Eine weibliche Stimme antwortet ihm mit ängstlichem Unterton. „Nun?“ „Geschafft.“ „Hat er ordentlich gelitten?“ „Das kannst du glauben, er hatte die ganze Abfahrt lang Zeit, sich verrecken zu sehen.“ „Das freut mich, wenn du wüsstest, wie mich das freut!“ „Ich leg’ mal lieber auf. Die Bullen werden bald hier sein.“ Sie lächelt und legt ihr Mobiltelefon aufs Bett. Endlich… * Am Sonntag Morgen bringt die Tageszeitung Le Télégramme den Tod des Rechtsanwalts groß heraus: Ein Aufmacher auf der Titelseite, dreißig Zeilen im Regionalteil und eine halbe Seite im Lokalteil. TRAGISCHER FAHRRADUNFALL IN LOCQUIREC. Der in Guingamp tätige Rechtsanwalt ist am Samstag Morgen gegen 09 Uhr 45 tödlich verunglückt. Der 49-jährige Philippe Bellec, ein hoch geschätzter Anwalt, war in Locquirec eine integre und bekannte Persönlichkeit. Als Sohn des ehemaligen Bürgermeisters nahm er aktiv am kommunalen Geschehen teil. Er war zweiter Vorsitzender des tourismusverbandes Locquirec-Guimaëc, Kassenwart des neuen Nautik-Clubs, Beisitzer im Jagdverein und allgemein sehr beliebt. Ebenso war er auch politisch tätig und sollte als Kandidat bei den Kommenden Kommunalratswahlen für die Sozialisten aufgestellt werden. 1957 wurde Bellec nahe Vannes geboren. Die Kindheit verbrachte er in Rennes, blieb aber immer dem Trégor/ Finistère treu, wo er stets seine Ferien verlebte. Anschließend an das Studium der Rechtswissenschaften lässt er sich im Jahre 1981 in Guingamp als Anwalt nieder. Sehr schnell… Angewidert von der Flut an Komplimenten wirft ER die Zeitung auf den Couchtisch: „Diese Schmierfinken! Sie haben da was in seinem Lebenslauf vergessen. Aber ich nicht!“ Dennoch fährt er in seiner Lektüre fort, weil ER sich für den Stand der Ermittlungen interessiert. Zu SEINER Erleichterung haben die Polizeibeamten aus Plouégat bereits den Schluss gezogen, es handele sich hier entweder um ein technisches Problem innerhalb der Bremsanlage oder aber um ein medizinisches Problem des Toten. Keine Autopsie, keine weiterführenden Untersuchungen des total zerstörten Fahrrades. ER kann nun ruhig schlafen. Ruhig schlafen? Vielleicht doch nicht. Eine andere Aufgabe wartet noch auf ihn. Heute Abend wird die Île-Verte, die „Grüne Insel“ ihre Farbe wechseln. * Guimaëc, einige Tage später. Vom Innenraum seines grauen Clios aus beobachtet ER aufmerksam die grün-weiße Vorderfront der Tierarztpraxis von Dr. Lepinson. Normalerweise kommen am Mittwoch Morgen nur selten Besucher hierher. Es ist allgemein bekannt, dass der Veterinär mittwochs von Ghislaine, einer Aushilfskraft aus Plouignou, vertreten wird. Also mittwochs keine Operationen und keine komplizierten Behandlungen. Es ist gerade Viertel vor neun, als er, begleitet von dem fröhlichen Bimmeln eines kleinen Glöckchens, die Glastür zur Praxis aufstößt. „Guten Tag!“, ruft ER mit gespielter Freundlichkeit. Hohl hallen seine Worte in dem leeren Wartezimmer wider. Mit forschendem Blick nach links fixiert ER unterschiedliche Tüten mit Hunde-und Katzenfutter. Ohne Eile stellt Ghislaine ihren Becher Nescafé ab und begibt sich in den Empfangsbereich. „Guten Tag, was kann ich für Sie tun?“ „Ich hätte gerne einen Beutel Wachstumsfutter für meine kleine Katze.“ „In der zwei oder fünf Kilo Packung?“ „Geben Sie mir die Fünfer, bitte. Das Tier ist ziemlich verfressen.“ „Sollen Sie haben.“ Mit sicherer Miene wendet sie sich den Regalen zu. „Oh, tut mir leid, ich habe nur noch die zwei Kilo Packungen.“ „Nein, nein, ich hätte gern die fünf Kilo Packung. Sind Sie sicher, dass Sie keine mehr davon haben?“ „Warten Sie, ich sehe mal eben im Lager nach“, entgegnet sie, bevor sie durch eine Tür verschwindet. Mal eben – das ist mehr als genug Zeit, um sein Vorhaben umzusetzen. Entschlossen öffnet er die Tür zum Behandlungszimmer, tritt an den OP -Tisch und öffnet dort eine Schublade mit der Aufschrift „Gift“, in der er fünf Ampullen T 61 findet, ein Mittel, das Tieren einen schnellen und schmerzfreien Tod beschert. Zwei davon reichen ihm. Ein weiterer Griff, und schon verschwinden die Ampullen nebst passenden Spritzen und Kanülen in seinem Parka. Kaum eine Minute ist vergangen, da steht er wieder im Empfangsbereich. Eine enttäuschte Ghislaine kommt aus dem Lager zurück: „Es tut mir wirklich leid, aber wir haben das nicht mehr in der fünf Kilo-Packung. Soll ich es Ihnen bestellen? Dann hätten wir es morgen gegen zehn Uhr.“ „Oh ja, tun Sie das.“ „Und auf welchen Namen?“ ER nennt ihr irgendeinen Phantasienamen, dann entfernt er sich, sehr, sehr zufrieden mit dem Verlauf seiner Arbeit. Alles läuft nach Plan! Sein Jubel ist groß.
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