Kapitel II-1

2006 Mots
IILocquirec, Freitag, der 5. mai 2006, 23 Uhr 40 Die Sackgasse Impasse du Corbeau vermittelt den Eindruck einer Mini-Champs-Elysées bei Kriegsverdunklung oder totalem Stromausfall. Seit 23 Uhr 30 ist die städtische Beleuchtung ausgeschaltet und die dünne Sichel des Mondes verhüllt mittels dichter Bewölkung ihr bleiches Restlicht. Kurz gesagt: Man sieht die Hand vor Augen nicht, und das Mitführen einer eigenen Taschenlampe ist angebracht. Der letzte Hund hat längst sein Abend-Gassi absolviert, da erscheint ein grauer Renault Clio. Er fährt langsam und nur mit Standlicht. Sie verstehen sich ohne Worte, SIE und ER, so oft haben sie ihre Rollen bereits in Vorfeld durchgespielt. Am Ende der Sackgasse wird der Wagen wenden. Sie steigt aus, Handy in der Hand. Von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet, hätte höchstens ein hellsichtiges Kaninchen nach übermäßigem Karottengenuss die Möglichkeit, sie wahrzunehmen. ER hebt vorsichtig ein Paket aus dem Kofferraum, den er, um keinen unnötigen Lärm zu erzeugen, offen lässt. Irgendwo von der Pointe du Corbeau her lässt sich der Ruf eines Käuzchens vernehmen, den zwei Hunde aus Richtung Moguérou echoartig mit Gebell beantworten. IHN stört das nicht. Mit seinem seltsamen Paket erreicht er nach etwa 200 Metern in Richtung Sables Blancs den schicksalhaften Ort am Fuße eines Leitungsmastes. ER lässt langsam seine Last in den Straßengraben gleiten und kehrt zum Kofferraum seines Autos zurück, dem er lautlos einen dicken Zedernast entnimmt. ER hatte ihn nach einer Sturmnacht in der Nähe des Campingplatzes gefunden und in weiser Voraussicht mitgenommen. Der Ast kommt ebenfalls in den Graben. Sollte wider Erwarten doch noch jemand hier vorbeikommen, so wäre auch er vor dessen Blicken verborgen. ER schließt vorsichtig den Kofferraum, steigt ein und fährt leise, mit geringer Drehzahl, davon. Nach einigen Minuten parkt ER das Auto in der Nouvelle Côte, unmittelbar oberhalb des Friedhofes. Ein kleiner Fußmarsch und, den wunderbaren Abkürzungsmöglichkeiten in Locquirec sei Dank, findet ER sich schon kurze Zeit darauf wieder bei IHR ein. „Irgendetwas passiert?“, flüstert ER. „Absolut nichts“, entgegnet sie IHM. „Okay, dann will ich mal aufbauen. Wir liegen gut in der Zeit. Du gibst mir Zeichen, wie vereinbart?“ „Null Problemo. Und… Toi, toi, toi!“ Wortlos, ohne sich auch nur einmal umzusehen, begibt er sich erneut zu seinem abgelegten Material in der Nähe des Strommasten. Zunächst befestigt er eine Stirnlampe, deren Streuscheibe er mit Krepppapier verdunkelt hat, an seinem Kopf. Er will es nicht riskieren, durch die Bäume und Tore der umliegenden Gärten gesehen zu werden. Mit sicherer Hand greift er nach dem mitgebrachten nachtblauen Seil und geht damit vor dem Strommasten in die Knie. Aus einer Tasche seines unerschöpflichen Parkas zieht er ein Maßband hervor. Er misst 80 Zentimeter ab, um in dieser Höhe ein Ende seines Seiles mit Schlinge und Knoten am Mast zu befestigen. Danach legt er das Seil auf dem Boden ab. Fünf vor zwölf auf seiner Uhr. Bald Mitternacht, Geisterstunde, denkt er grinsend… Nun heißt es nur noch warten – und hoffen, dass nicht etwa eine Meute motorisierter Jugendlicher auf die Idee kommt, die Pointe du Corbeau bei Nacht sehen zu wollen. Oder dass am Ende doch noch ein Hund sein dringendes Bedürfnis anmeldet. Vorsichtig bezieht ER Posten in seinem Graben, der guten Wetterfee aus dem Fernsehen dankend, dass sie in den letzten Tagen keinen Regen gemeldet hatte. * Patricia Le Guen bewohnt ein kleines gemütliches Haus, nicht weit vom Waschhaus Pors ar Villiec, gleich neben den Sables Blancs. An jenem Abend ist es nicht kalt und dennoch knistert ein Holzfeuer in ihrem Kamin. Man müsste wieder ein paar Scheite nachlegen, aber Patricia hat derzeit alle Hände voll zu tun. Nackt ausgestreckt liegt sie auf dem Sofa, das Gesicht ihres Geliebten zärtlich mit den Fingern liebkosend. François Lebault, der an ihrer Seite auf dem Boden kniet, küsst sinnlich ihre kleinen spitzen Brüste, während seine Hand verlangend an Patricias Schenkeln aufwärts wandert… „Nein, sei vernünftig, François. Dafür ist es jetzt zu spät.“ „Nur ein bisschen streicheln“, quengelt er, wie ein Kind, das noch einmal auf dem Karussell fahren will. „Nein!“ sagt sie nun wesentlich entschiedener und setzt sich hin. „Du weißt doch, dass mein Mann in einer dreiviertel Stunde hier sein wird. Und ich muss noch duschen und unser Chaos hier aufräumen.“ „Nun komm schon, meine kleine Patoune, einmal noch für ihren Fanfan“, bettelt er mit kindlich verstellter Stimme, derweil seine Hände eine sehr erwachsene Liebkosung anstreben. Patricia Le Guen stößt seine unartige Hand heftig zurück, lächelt ihn aber an und beschwichtigt: „Hör zu, ich will es genauso gern wie du, aber du musst jetzt gehen. Sei lieb, ich bitte dich.“ Das Feuer erlischt. François Lebault seufzt. Ein letzter flüchtiger Kuss, und er sucht seine Sachen zusammen, die im ganzen Raum verstreut liegen. „Und nächsten Freitag, darf ich wiederkommen?“, fragt er auf der Schwelle ihrer Haustür. „Weiß ich noch nicht. Hervé hat mir noch nicht gesagt, ob er dann Spätdienst hat.“ „Rufst du mich an?“ „Sobald ich es weiß“, antwortet sie. Ein letzter Kuss und sie fügt hinzu: „Mach bitte nicht so viel Lärm, wenn du abfährst – wegen der Nachbarn.“ François Lebault tritt aus dem Haus, gerade in dem Augenblick als die Katze der Familie Le Guen ihre Chance sucht, vom Garten her kommend durch die Tür zu schlüpfen. Heftig getreten stößt sie einen nachtzerreißenden Schmerzensschrei aus und rettet sich in die Dunkelheit des Gartens. „Da bin ich in meinem Schmerz nicht so alleine“, murmelt François und bringt ein schwaches Lächeln zustande. Sein Motorrad erwartet ihn zwischen zwei Bäumen in der Nähe des Tores. Kein Geräusch ist zu hören, außer dem Ruf des Käuzchens von der Landspitze her. So leise wie möglich schiebt er die KTM auf den Schotterweg, der das Haus der Le Guens mit der Teerstraße verbindet. Jetzt, da er sich an die Stille gewöhnt hat, kann er die Wellen hören, wie sie sich am Strand brechen. Im Schutze eines Baumes hat SIE die Katze jaulen hören. Auch wenn das Geräusch derzeit noch schwach ist, so hört sie doch Schritte den Schotterweg heraufkommen. Am Tage wird dieser Weg gern von Wanderern genommen, denn es handelt sich um einen Teil des „Sentier des Douaniers“, des Fernwanderweges GR 43, wie er auf Wanderkarten vermerkt ist. Allerdings um diese Zeit… Seitdem SIE das Auto verlassen hat, hält sie ihr Mobiltelefon stets griffbereit in der Hand. Auf diesen Augenblick hat SIE lange gewartet. Ein Druck auf „Wahlwiederholung“ und die Vibrationen seines Telefons bedeuten IHM, dass der Motorradfahrer bald kommen wird. Trotz seiner 50 Jahre springt ER behände aus dem Graben hervor, überquert mit dem freien Ende des Seiles eilends die Straße und findet dort das Loch im Zaun, das er einige Tage zuvor geschnitten hatte. Dahinter: Der Stamm einer alten Zeder. Es gelingt IHM, das freie Ende seines Seiles um die Zeder zu schlingen. Auch auf dieser Seite noch schnell die Höhe justiert, dann voll auf Spannung gezogen, zwei Knoten drauf, die Biker-Schleuder steht bereit. Erwartungsvoll versteckt er sich wieder in seinem Graben. * Derzeit schiebt der Biker noch. Schiebt und träumt. In Gedanken befindet er sich immer noch bei seiner Geliebten und genießt die Erinnerung an ihre sinnlichen Spiele. Schon hat er die Teerstraße erreicht und kann also sein Motorrad besteigen. Den Helm lasse ich weg – ich brauche frische Luft! Ein Tritt auf den Kick-Starter und die KTM schnurrt aus verhaltener Kraft. „Komm, mein Moped, bring mich nach Hause“, raunt er der Maschine zu. Nach der ersten 90 Grad Kurve, die er mit angepasster Geschwindigkeit nimmt, kommt eine kurze Gerade. Eigentlich zu kurz für hohe Geschwindigkeiten, wenn man verantwortungsbewusst und nüchtern unterwegs ist. Aber nach ein paar Gläsern Wein und drei Cognacs hält man sich leicht für Rocco Sifredi. Im dritten Gang sind 80 Stundenkilometer schnell erreicht. Und das dunkelblaue Seil bleibt dem Auge verborgen… Von 80 auf quasi Null im Bruchteil einer Sekunde. Der Körper des Motorradfahrers hebt sich aus dem Sattel, wird von furchtbaren Kräften durch die Luft geschleudert, um etwa 10 Meter weiter aufzuschlagen. François Lebault bleibt nicht die Zeit, das Geschehen zu begreifen. Sein Salto Mortale endet mit dem klatschenden Geräusch zerberstenden Fleisches, als sei er aus der 4. Etage eines Hauses auf den Boden gefallen. Schrecklich anzuhören, aber nicht sehr laut. Kein Hund schlägt deswegen in der Umgebung an. Und auch das plötzlich verwaiste Motorrad verursacht im Fallen kaum mehr Lärm als ein vom Sturm umgestürzter metallener Mülleimer. ER ist aus seinem Versteck hervorgesprungen. Ein kurzer Moment nur, dann hat er die Kordel über seinen Arm aufgerollt. Den mitgebrachten dicken Zedernast legt er einen halben Meter vor das Vorderrad der KTM. Leicht schräg. ER zögert. Sich umgehend aus dem Staub zu machen wäre jetzt klug, aber er möchte wissen, ob sein Opfer auch wirklich tot ist. Die Neugier ist stärker. Schnellen Schrittes nähert ER sich der dunklen unförmigen Masse auf dem Asphalt. Auf halbem Wege bleibt er stehen, dreht sich um und denkt Mach’ jetzt bloß keinen Fehler und lass’ dich hier erwischen! Ist doch egal, ob er tot ist. Nach so einem Satz werden die Folgeschäden dafür sorgen, dass er keine Freude mehr an seinem Leben haben wird. Etwa drei Minuten später treffen sich ER und SIE am Ende der nachtschlafenden Sackgasse. Da ER nicht redet, fragt SIE: „Was ist?“ „Ist alles gut.“ „Ist er tot?“ „Ich bin nicht sicher. Hatte keine Zeit zum Nachschauen. Wir müssen hier weg, komm, los.“ * Am Steuer seines Twingo sitzt ein ahnungsloser Hervé Le Guen. Er ahnt nicht, dass ihm seine Frau seit mehr als einem Jahr Hörner aufsetzt, wie soll er da erst ahnen, dass er einen menschlichen Körper auf der Impasse du Corbeau finden wird? Und das mitten in der Nacht, 00 Uhr 40, um genau zu sein. Als er das dunkle Etwas dort liegen sieht, hält er es zunächst für eine vom Wind zufällig dort hin gewehte Plane. Er nimmt etwas Gas weg, um nicht so schnell darüber zu fahren. Erst kurz vor dem Hindernis erkennt er im Licht der Scheinwerfer: „Verdammt, das ist ein Typ.“ Er macht eine Vollbremsung und springt aus dem Wagen, eine große metallene Taschenlampe in der Hand. Einige Jahre in der Armee und zwanzig Jahre Dienst als Kontrolleur bei der Eisenbahn haben ihn einiges gelehrt. Sehr vorsichtig nähert er sich dem ausgestreckten Körper. Wenn das ein Simulant ist und hier seine Komplizen im Gebüsch lauern, dann bin ich geliefert, denkt er. Und wie um sich Mut zuzusprechen, fügt er mit leiser Stimme hinzu: „Und mein längstes Wort wird Uiuiuiuiuiui sein, mit zwölf Buchstaben.“ Um sich abzusichern und zu verstehen, was hier los ist, leuchtet er zunächst einmal die nähere Umgebung ab. Keine Wegelagerer in Sicht, weder im Gebüsch, noch im Graben. Okay. Er versucht, die Straße in weiterer Entfernung zu sichten, als er ein schwaches Stöhnen von dem ausgestreckten Etwas vernimmt. Rasch kniet er neben dem Verletzten nieder, der unverständliche Laute von sich gibt: „Aaa… ver… stan…“ „Können Sie mich hören?“ „Aaa… erstan…“ „Tut mir leid, ich kann Sie nicht verstehen. Bitte ruhig liegen bleiben“, fügt er hinzu, ohne sich über den Unsinn seiner Aufforderung im Klaren zu sein, „ich rufe Hilfe.“ Dies tut er unverzüglich mit Hilfe seines Mobiltelefons, welches sich noch im Wagen befindet. Schnell ist der Notruf abgesetzt und er beeilt sich, dem Verletzten weiter Beistand zu leisten. Obwohl selbst ausgebildeter und geprüfter Erstretter, fühlt er sich angesichts der Verletzungen des Mannes machtlos. Blut läuft ihm aus dem Hinterkopf und die in ungewöhnlichen Winkeln positionierten Extremitäten lassen auf zahlreiche Frakturen schließen. Primo non nocere, vor allem keinen weiteren Schaden zufügen, erinnert er sich an das erste Rettungsprinzip. Den Mann zu bewegen kommt nicht in Frage. Das Einzige wäre, ihn warm zu halten. Da er keine Decke im Auto hat, muss er sich eine von den Anrainern der Straße besorgen. Sich nachts eine Haustür öffnen zu lassen unter der Behauptung, es sei ein Unfall passiert, ist nicht gerade ein Geschenk. Und das nicht nur in Locquirec. Beim sechsten Haus wird endlich ein Fensterladen halb geöffnet. Nach einiger Überzeugungsarbeit kehrt Hervé Le Guen, eine dicke Wolldecke in der Hand, zu dem Verletzten zurück. Der schon kein Verletzter mehr ist. Ein nicht mehr reanimierbarer warm gehaltener Körper wird von den Rettungssanitätern ins Krankenhaus von Morlaix transportiert. * Im Polizeikommissariat von Plouégat herrscht an diesem Samstagmorgen rege Geschäftigkeit. Capitaine Meunier, der Leiter, hat gerade den Bericht seiner Kollegen, die in der vorangegangenen Nacht in Plouigneau im Einsatz waren, überflogen. Neben ihm stehen seine Mitarbeiter, André Galibert und Lauriane Dorchel, voller Erwartung, von ihrem Chef unterrichtet zu werden. „Das Opfer heißt François Lebault, 49 Jahre, wohnhaft in Plouégat-Guerrand. Er war Lehrer für Geschichte und Geographie am Felix de Dantec Gymnasium in Lannion. Familienstand: geschieden, zwei Kinder.“
Lecture gratuite pour les nouveaux utilisateurs
Scanner pour télécharger l’application
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Écrivain
  • chap_listCatalogue
  • likeAJOUTER