VIER
KATIES WOHNUNG, DALLAS, TEXAS
16. März 2012
„Hast du irgendeine bessere Entschuldigung als das hier, dass du mich nicht zurückrufst?“ Collin schlug den strengen Großer-Bruder-Ton an. Ich zwang mich, meine Augen lange genug zu öffnen, um zu sehen, wie er in meinem vormals sehr schönen Apartment herumgestikulierte. Collin war quasi mein irischer Zwilling und elf Monate älter als ich. Wir hatten aber im gleichen Jahr die High-School abgeschlossen, weil mein Papa als guter Texaner darauf bestanden hatte, Collin ein Jahr zurückzustellen, damit er auf dem Footballfeld einen Größenvorteil hätte. Daher waren wir sowohl in derselben Klasse als auch Geschwister gewesen. Trotzdem hatte sich Collin mir gegenüber immer väterlich verhalten, vor allem im letzten Jahr, als wir Mutter und Vater verloren hatten.
Ich öffnete die Augen einen Spalt, gerade weit genug, um das Chaos zu sehen. Ich vermutete mal, dass ich nicht gut aussah. Normalerweise bin ich extrem eigen, was mein Umfeld betrifft. Collin hatte mich immer zwanghaft genannt, aber das finde ich nicht. Beim Staubsaugen gehe ich rückwärts, weil ich Fußspuren auf dem Teppich nicht mag. Ich ordne meine Kleidung nach Jahreszeiten und lege Unterkategorien nach Zweck und Farbe an, aber wer macht das nicht? Und wenn auch nicht jeder die Fransen an Zierkissen kämmt, so meine ich doch, dass man das tun sollte. Verhedderte Fransen. Das Grauen. Aber in den letzten Wochen? Naja, nicht so sehr.
Da lagen doch – wie grausig – Junkfood-Verpackungen auf dem Küchentisch und auf der Anrichte standen ein paar leere Flaschen V8 und Ketel-One-Wodka. Nach den Standards von Dennis the Menace war das nicht unhygienisch, aber, wenn man mich so gut kennt wie mein Bruder, dann war es beunruhigend. Mein Schlafanzug bestand aus den gestrigen Arbeitsklamotten, die Sachen von den Tagen davor lagen als chemisch ungereinigter Haufen neben dem Sofa – einem Sofa, auf dem mich die Knoten und Klumpen in den Kissenfransen höhnisch angrinsten. Der Fernseher plärrte Bon Jovis „Runaway“ über einem DirecTV-Sender mit Rockmusik der 80er. Eine beinahe geleerte Bloody Mary, die neben meinem roten Vaio-Laptop, einem Fläschchen Excedrin und meinem iPhone stand, verspottete mich vom Sofatisch aus.
Ich richtete mich so würdevoll wie möglich auf und glättete die Klamotten, die ich anhatte. „Warum habe ich den Alarm nicht gehört, als du reingekommen bist?“, fragte ich ihn. Collin hatte einen Satz Schlüssel zu meiner Wohnung, aber mein Alarm hätte eigentlich piepsen sollen, als er die Tür öffnete.
Collin erwiderte schonungslos: „Ich nehme an, du warst zu besoffen, um dran zu denken ihn einzuschalten. Oder vielleicht hattest du ja einen Besucher, der erst spät gegangen ist?“
Er sah sich nach einem zweiten Glas um, aber ich hatte alleine getrunken. Collin begann, meine Schweinerei aufzuräumen.
„Collin, lass das“, sagte ich.
„Nein. Los, mach dich frisch“, erwiderte er. „Ich gehe mit dir frühstücken. Das ist ein Befehl.“
Ich starrte ihn kläglich an. Er trug seine übliche 501-Jeans mit einem Hooters-T-Shirt und strahlte förmlich „Ich-habe-kein-Problem“ aus. Ich wollte nicht mit ihm zum Frühstücken gehen. Ich wollte mich in embryonaler Stellung zusammenrollen. Ich wollte schlafen und alleine sein. Ich wollte so reglos liegenbleiben, dass ich gar nicht mehr existierte.
Er blickte mich an, wie ich bewegungslos auf dem Sofa lag und irgendetwas an dem, was er sah, brachte ihn dazu, den Müll hinzulegen und zu mir zu kommen. Er ergriff meine Hand und zog mich auf die Beine. Er umarmte meinen steifen Körper ganz fest und wiegte mich einen Moment lang hin und her. Oh je. Zuerst versuchte ich, es zu unterdrücken, aber dann gab ich auf und schluchzte an seiner breiten Schulter. Meine Schluchzer wurden zu einem Schnauben, dann zu einem Schluckauf, der schließlich in zitternde Atemzüge überging. Er legte einen großen Daumen unter mein Kinn, bog meinen Kopf zurück, sah mir in die Augen und begutachtete mich.
„Nimm eine heiße Dusche. Wir gehen irgendwo ganz zwanglos essen, aber ich fahre – mit dir im Auto – in zwanzig Minuten los.“ Er stieß mich mit den Fingerknöcheln seitlich ans Kinn. „Hopp jetzt. Du weißt genau, dass ich dich hole, wenn es sein muss. Pass auf, dass es nicht soweit kommt.“
Mit einem sanften Stoß schickte er mich den Gang zum Bad entlang und dann hörte ich, wie er weiter aufräumte. Tränen liefen mir über Nase und Backen. Du lieber Himmel, ich würde beim Frühstück literweise Wasser trinken müssen, denn mit der ganzen Heulerei und den Wodkamengen, die ich gestern Abend konsumiert hatte, stand ich aus Dehydrierungsgründen kurz vor einer mächtigen Kopfwehattacke.
Eine Dreiviertelstunde später setzten wir uns ins IHOP in der Mockingbird Lane. Es war unser Lieblingslokal aus Kindertagen, aber heute bemerkte ich, dass die Ausstattung aus einer Menge grellem Orange bestand und deswegen gefiel es mir nicht mehr ganz so gut. Collin überraschte mich, als er um einen Tisch für drei Personen bat. Aber ich machte mir nicht die Mühe, nach dem Grund zu fragen. Ich verstand es, als ich Emilys Haarpracht am Hostessen-Stand entdeckte. Sie trug eine dunkelblaue Hose mit Bügelfalte und ein gelbes Seidenhemd mit einem Ledergürtel, der zu ihren braunen Pumps passte.
„Hallo, Katie.“ Sie sah mich kurz an, dann wandte sie den Blick ab.
Ich hob zur Begrüßung schlaff die Hand. Toll. Noch jemand, der mich in diesem Zustand sah. Bevor ich meine Wohnung verließ, hatte ich es vermieden, in den Spiegel zu schauen, ein kurzer Blick hatte mir gereicht. Nasser Pferdeschwanz. Ein alter Trainingsanzug mit T-Shirt. Aschfahl und geschwollene Augen. Pfui Deibel.
Wir vermieden ein Gespräch, indem wir in unsere Speisekarten starrten, bis die Bedienung mittleren Alters, die ihre Uniform wirklich eine Nummer größer hätte tragen sollen kam, um die Bestellung aufzunehmen. Meine Magenmuskeln zogen sich zusammen, als sie wegging. Ich stoppte sie beinahe, um noch zusätzlich einen Orangensaft zu bestellen, den ich gar nicht wollte, aber dann tat ich es doch nicht. Es hatte keinen Sinn, das Unvermeidliche hinauszuschieben. Collin hatte uns aus einem bestimmten Grund versammelt, und es dräute etwas Unangenehmes.
„Emily und ich haben geredet und sie hat mir erzählt, was mit dir gerade los ist“, sagte Collin.
Ich hoffte, dass Emily einen Teil verschwiegen hatte, aber ich konnte ihr keinen Vorwurf machen, dass sie sich um mich sorgte. Oder Collins Drängen nachgegeben hatte. Er war Polizist, führte damit die noble Tradition unseres Vaters fort und hatte noch nie einen Zeugen vor sich gehabt, den er nicht knacken konnte, wie er gerne erzählte.
Collin führte weiter das Wort. „Wir machen uns Sorgen um dich. Du bist komplett durch den Wind. Du schadest dir selber.“
Er sah Emily an, wartete auf Zustimmung, und sie starrte auf die weiße Tischoberfläche aus Resopal. So wie ich Collin kannte, hatte er sie zu dieser kleinen Intervention geschleppt und so wie ich Em kannte, widerstrebte ihr das Ganze ungeheuer. Emily war zwar selbstsicher, aber es war nicht ihr Stil, Staub aufzuwirbeln.
Ich hatte nicht die Kraft, mit Collin darüber zu streiten, ich konnte ihm an sich auch nicht widersprechen. Ich war zurzeit ein totales Wrack, das war mal sicher. Er hatte mich in einem dieser seltenen Momente erwischt, wenn die Frau mit der knallharten Schnauze nicht präsent war, um das verletzliche Mädchen in meinem Inneren zu verteidigen. Wahrscheinlich lag sie immer noch lang ausgestreckt auf meinem Sofa und kurierte ihren Kater aus.
„Du hast recht“, gab ich zu. Die Worte fühlten sich auf meiner trockenen Zunge wie Staub an. „Ich muss mich zusammenreißen.“
„Ich meine, du solltest eine Entziehungskur machen.“ Collins Worte klangen hart, denn das ist die einzige Möglichkeit, wie sich „Entziehungskur machen“ anhört.
So hatte sich also Amy Winehouse gefühlt. Und die war jetzt tot. Das sollte man bedenken. Außer, dass ich nicht Amy Winehouse war.
„Ich war down, ja, und ich habe zu viel gesoffen, aber nur ein paar Wochen. Ich glaube nicht, dass das eine Entziehungskur rechtfertigt.“ Der Gedanke daran, mit all den Alkoholikern dort über meine Probleme zu reden machte mir Platzangst. AA hilft ja vielleicht den meisten Leuten, aber ich bin nicht besonders gut bei Gruppenaktivitäten. Außerdem war ich keine Alkoholikerin.
„Die drei letzten Wochen waren besonders schlimm, aber du bist schon viel länger auf diesem Trip“, meinte Collin. „Etwa seit einem Jahr. Kannst du weniger trinken oder aufhören? Ich wette, das hast du schon versucht, oder?“ Ich vermied Blickkontakt. „Und ich wette, es hat nicht funktioniert.“
„Nein, Arschloch, hab ich nicht“, sagte ich beinahe. Stattessen sagte ich: „Ich habe es nicht versucht. Ich weiß, dass ich es kann, wenn ich bereit dazu bin.“
Mein Cheddar-Omelett kam, aber ich hatte keinen Hunger. Keiner von uns rührte das Essen an.
„Ich gebe zu, dass ich hier in Dallas ein Problem hätte, wenn ich es versuchen würde. Wenn ich es versuche. Aber ich weiß, dass ich es in den Griff bekäme, wenn ich ein paar Wochen aus meinem Leben aussteigen könnte. Ich bin bereit, damit anzufangen. Aber eine Entziehungskur ist nichts für mich. Vielleicht, wenn du mich eines Tages aus dem Rinnstein ziehst, aber nicht jetzt.“
„Gut. Ich gebe dir eine Chance, Schwesterherz, also schau, dass es klappt. Was hast du dir vorgestellt?“, fragte Collin.
Ich holte so tief Luft, wie es ging, dann atmete ich so heftig aus, dass sich mein Magen zusammenzog. „St. Marcos. Ich muss damit abschließen, was mit Mama und Papa passiert ist.“ Ich fing zu weinen an, dann schluckte ich es hinunter. Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen und schon wieder kamen mir die Tränen.
„Bist du dir sicher?“, fragte Collin.
Ich nickte und wischte mit der sauberen Seite der Papierserviette die Tränen weg. Als ich aufsah, fiel mit eine junge Schwarze auf, teilweise, weil sie mich anstarrte und außerdem, weil sie mit bloßen Füßen in einem IHOP saß und ihre Klamotten so aussahen, als wären sie schon hundertfünfzig Jahre lang fehl am Platz.
Sie hatte nun wirklich ein Problem. Drogen, so wie es aussah. Eine hundertprozentige Kandidatin für die Entziehungskur. Nicht ich. Ich wischte mir wieder über die Augen und als ich sie öffnete, war sie verschwunden. Da war überhaupt nichts. Ich wurde verrückt. Ich schnappte nach Luft.
Ich musste unbedingt weg. Dieser Trip, diese Solo-Entziehungskur oder ein Mini-Sabbatjahr oder was auch immer wäre ein Geschenk des Himmels.
Und so einigten wir uns darauf, dass ich das machen sollte. Sofort. Das hieß: gleich morgen. Ach, du Schande. Etwas früher, als ich es vorausgesehen hatte, aber Collin bestand darauf und Emily versprach mir zu helfen, damit es auch klappte. Collin und ich gaben uns die Hand darauf, als er mich bei meiner Wohnung absetzte und Emily stand direkt hinter uns.
Emily und ich trafen vormittags in der Firma Hailey & Hart ein, nachdem ich einen der Arbeit angemessenen, cremefarbenen Sommer-Hosenanzug angezogen hatte. Wir konnten nicht viel erledigen außer, meine Reise zu buchen und meinen Terminkalender für diese Zeit freizuräumen. Ich redete mit Gino über die Urlaubstage und erwartete deswegen eine Diskussion, aber das war nicht der Fall. Er tätschelte meine Hand. Würg.
„Eine Auszeit wird dir enorm guttun“, sagte er. „Du hast dieses Jahr in schwierigen Umständen hart gearbeitet, jetzt musst du neue Kräfte tanken, damit du in Bestform zurückkommst.“
Großartig. Das war Chef-Sprache für: „Du bist völlig durch den Wind, also zieh bloß Leine.“ Gut, es stimmte ja. Eine Gedemütigte, die durch den Wind war. Eigentlich klang morgen gar nicht zu früh, um alles hinter mir zu lassen.
Auf Collins Bitte hin blieb Emily über Nacht, um auf mich aufzupassen und ließ ihren Mann allein daheim. Emily war eine weit bessere Freundin als ich verdiente, aber es hatte eine Zeit gegeben, als ich ihre Rolle übernommen hatte, als Rich vorübergehend ihr Verlobung löste. Das Gleichgewicht des Lebens.
Spät abends erwähnte ich schließlich den Namen, den niemand den ganzen Tag über ausgesprochen hatte. „Falls Nick fragt, wo ich bin, dann erzähl ihm bitte eine gereinigte Version der Sache.“
Emily saß auf einem Barhocker und ich stand hinter meiner Küchenanrichte. Sie lehnte sich zu mir herüber. „Fang bloß nicht damit an. Nick hat sich seit Shreveport dir gegenüber wie ein beschissener Heathcliff aufgeführt. Komm schon, Frau. Lass los.“
Heute erhielt ich eine Menge verschleierter Botschaften. Diese besagte: „Er steht einfach nicht besonders auf dich.“ Autsch, aber sie hatte ja recht.
Aber konnte ich meine Gefühle für ihn hierlassen und wirklich mit klarem Kopf nach St. Marcos fliegen? Ich wälzte mich die ganze Nacht im Bett herum, hin- und hergerissen zwischen Bildern von meinen Eltern und Nick.