Ich sehe ein verschwommenes Gesicht vor meinen Augen. Ein hübsches Gesicht, ein sehr schönes sogar, trotz der Narbe, die die linke Augenbraue halbiert. Hohe, schräge Wangenknochen, stahlgraue Augen, die von schwarzen Wimpern eingerahmt werden, ein hartes Kinn mit Bartstoppeln – das Gesicht eines Mannes, lässt mich mein Gehirn verschwommen wissen. Sein Haar ist d**k und oben länger als an den Seiten. Kein alter Mann, aber auch kein Teenager. Ein Mann in seinen besten Jahren.
Seine Stirn ist gerunzelt, und sein Gesicht weist raue, düstere Züge auf. »George Cobakis«, sagt der harte, gemeißelte Mund. Es ist ein sexy Mund, gut geformt, aber ich höre die Worte wie aus einem Megaphon in einigem Abstand zu mir. »Weißt du, wo er sich aufhält?«
Ich nicke, oder zumindest versuche ich es. Mein Kopf fühlt sich schwer an und mein Hals eigenartig wund. »Ja, ich weiß, wo er ist. Ich dachte auch, ich würde ihn kennen, aber eigentlich tue ich es nicht. Kann man jemanden wirklich richtig kennen? Ich denke nicht, oder zumindest kannte ich ihn nicht. Ich dachte, dass ich ihn kennen würde, aber das tat ich nicht. Die ganzen Jahre, die wir zusammen verbracht haben, dachte ich, wir seien perfekt. Das perfekte Paar, so haben sie uns genannt. Können Sie das glauben? Das perfekte Paar. Wir waren die Crème de la Crème, die junge Ärztin und der aufsteigende Starjournalist. Sie haben gesagt, dass er eines Tages einen Pulitzer-Preis gewinnen würde.« Ich bemerke am Rande, dass ich einfach rede, aber ich kann nicht aufhören. Die Worte schießen aus mir heraus, all die angestaute Bitterkeit und der Schmerz. »Meine Eltern waren an unserem Hochzeitstag so stolz, so glücklich. Sie hatten keine Ahnung, was kommen würde, was passieren würde.«
»Sara. Konzentriere dich auf mich«, sagt die Megaphon-Stimme, und ich höre einen leichten ausländischen Akzent. Dieser Akzent gefällt mir, führt dazu, dass ich mich vorbeugen und meine Hand auf diese gemeißelten Lippen legen möchte, mit meinen Fingern über dieses ... harte Kinn fahren möchte, um zu sehen, ob es kratzig ist. Ich mag kratzig. George kam häufig von seinen Reisen nach Hause und war kratzig, und ich mochte es. Ich mochte es, auch wenn ich ihm immer gesagt habe, er solle sich rasieren. Er sah rasiert besser aus, aber manchmal mochte ich das kratzige Gefühl, mochte es, das Kratzen auf meinen Schenkeln zu spüren, wenn er ...
»Sara, hör auf«, unterbricht mich die Stimme, und das Stirnrunzeln des exotisch hübschen Gesichts vertieft sich.
Ich habe laut gesprochen, wird mir klar, aber es ist mir überhaupt nicht peinlich. Die Worte gehören nicht zu mir; sie platzen einfach beliebig heraus. Meine Hände tun auch das, was sie wollen, und versuchen, dieses Gesicht zu berühren, bevor etwas sie innehalten lässt. Ich senke meinen schweren Kopf, um nachzuschauen, was es ist, und erblicke Kabelbinder an meinen Handgelenken und eine große Männerhand über meinen Handflächen. Diese Hand ist warm, und sie fixiert meine Hände auf meinem Schoß. Warum tut sie das? Woher kam diese Hand? Als ich verwirrt nach oben schaue, befindet sich das Gesicht näher an mir, und graue Augen starren in meine.
»Du musst mir sagen, wo dein Mann ist«, sagt der Mann, und das Megaphon kommt näher. Es hört sich so an, als befände es sich genau neben meinem Ohr. Ich zucke zusammen, aber gleichzeitig fasziniert mich dieser Mund. Ich will diese Lippen berühren, sie lecken, sie auf meinen – Moment. Sie fragen mich etwas.
»Wo mein Mann ist?« Meine Stimme hört sich so an, als halle sie von den Wänden wider.
»Ja, George Cobakis, dein Mann.« Die Lippen sehen verlockend aus, als sie die Worte formen, und der Akzent ist trotz dieses Megaphon-Effekts wie eine Streicheleinheit für mich. »Sag mir, wo er ist.«
»In Sicherheit. Er ist in einer geheimen Unterkunft«, antworte ich. »Sie könnten ihn suchen. Sie wollten nicht, dass er über diese Sache schreibt, aber er tat es trotzdem. Er war so mutig, oder dumm – wahrscheinlich dumm, stimmt’s? Und dann ist der Unfall passiert, aber sie könnten immer noch hinter ihm her sein, weil sie genau das tun. Die Mafia interessiert es nicht, dass er jetzt den IQ eines Gemüses hat, einer Gurke, einer Tomate, einer Zucchini. Na ja, Tomate ist eine Frucht, aber er ist wie ein Gemüse. Ein Brokkoli vielleicht? Ich weiß es nicht. Aber das ist auch nicht wichtig. Es ist einfach so, dass sie an ihm ein Exempel statuieren wollen, anderen Journalisten, die an seiner Seite stehen, Angst einjagen wollen. Das tun sie; so funktionieren sie. Es geht immer um Bestechungen, und wenn man das ans Licht bringt ...«
»Wo ist sein Versteck?« Ich sehe ein dunkles Glitzern in diesen stählernen Augen. »Sag mir die Adresse seines geheimen Unterschlupfes.«
»Ich kenne die Adresse nicht, aber es befindet sich an der Ecke Ricky’s Laundromat in Evanston«, erzähle ich diesen Augen. »Sie bringen mich immer in einem Auto dorthin, also kenne ich die genaue Adresse nicht, aber ich habe das Gebäude von einem Fenster aus gesehen. Es sind mindestens zwei Männer in diesem Auto, und sie fahren ewig umher, manchmal wechseln sie sogar das Auto. Der Grund dafür ist die Mafia, weil sie alles beobachten könnte. Sie schicken immer ein Auto, das mich abholt, aber dieses Wochenende konnten sie nicht kommen. Wichtige Termine, haben sie gesagt. Das passiert manchmal; die Schichten der Wächter passen nicht und ...« ...»Wie viele Wächter gibt es dort?«
»Drei, manchmal vier. Es sind diese großen Militärtypen. Oder Ex-Militär, das weiß ich nicht. Sie sehen einfach danach aus. Ich weiß nicht, warum, aber sie sehen alle so aus. Das ist wie ein Kronzeugenschutz, aber irgendwie auch nicht, weil er spezielle Pflege benötigt, aber ich meinen Job nicht verlassen kann. Ich will meinen Job nicht verlassen. Sie haben gesagt, sie könnten mich versetzen, mich verschwinden lassen, aber ich möchte nicht verschwinden. Meine Patienten brauchen mich, und meine Eltern. Was sollte ich mit meinen Eltern tun? Sie nie wiedersehen oder anrufen? Nein, das ist verrückt. Also haben sie das Gemüse verschwinden lassen, die Gurke, den Brokkoli ...«
»Sara, schscht.« Finger legen sich auf meinen Mund, lassen den Strom der Worte verstummen, und das Gesicht kommt noch näher. »Du kannst jetzt damit aufhören. Es ist vorbei«, flüstert der sexy Mund, und ich öffne meine Lippen, um an diesen Fingern zu saugen. Ich schmecke Salz und Haut, und ich will mehr, also lege ich meine Zunge um seine Finger, fühle die Rauheit seiner Schwielen und die stumpfen Kanten seiner kurzen Nägel. Es ist schon so lange her, seit ich jemanden berührt habe, und mein Körper erwärmt sich bei diesem kleinen Vorgeschmack, bei diesem Blick in diese silberfarbenen Augen.
»Sara ...« Seine Stimme mit diesem Akzent ist jetzt leiser, tiefer und weicher. Sie gleicht keinem Megaphon mehr, sondern ist eher wie ein sinnliches Echo, wie Musik von einem Synthesizer. »Das möchtest du nicht tun, ptichka.«
Doch, genau das will ich. Und zwar unbedingt. Ich fahre weiterhin mit meiner Zunge um die Finger und sehe, wie sich die grauen Augen verdunkeln, wie sich die Pupillen sichtbar weiten. Ich weiß, dass das ein Zeichen von Erregung ist, und es bringt mich dazu, mehr tun zu wollen. Ich will seine gemeißelten Lippen küssen, will meine Wange an diesem stacheligen Kinn reiben. Und dann sind da noch diese Haare, diese dunklen, vollen Haare. Fühlen sie sich weich oder eher hart an? Ich will es wissen, aber ich kann meine Hände nicht bewegen, also nehme ich seine Finger einfach tiefer in meinen Mund, liebe sie mit meinen Lippen und meiner Zunge, sauge an ihnen, so als seien sie ein Lutscher.
»Sara.« Die Stimme ist belegt und rau, das Gesicht voll kaum zurückgehaltenem Hunger. »Du musst damit aufhören, Ptichka. Du wirst es morgen bereuen.«
Bereuen? Ja, wahrscheinlich werde ich das. Ich bereue alles, so viele Dinge, und ich lasse die Finger los, um genau das zu sagen. Aber bevor ich ein Wort sagen kann, ziehen sich die Finger zurück, und auch das Gesicht entfernt sich von mir.
»Geh nicht.« Dieser Ausruf ist kläglich, hört sich an, als käme er von einem anhänglichen Kind. Ich will mehr von dieser menschlichen Berührung, dieser Verbindung. Mein Kopf fühlt sich leer an, und alles an mir schmerzt, besonders mein Nacken und meine Schultern. Außerdem krampft mein Bauch. Ich will, dass jemand meine Haare kämmt, meinen Nacken massiert und mich wie ein Baby hin und her schaukelt. »Bitte, geh nicht.«
Etwas, das vage an Schmerz erinnert, flackert kurz auf dem Gesicht des Mannes auf, bevor ich erneut den kalten Einstich der Nadel in meinem Hals spüre.
»Auf Wiedersehen, Sara«, murmelt die Stimme, und schon bin ich weg, da mein Verstand dahinweht wie ein gefallenes Blatt.