Kapitel 5-1

1764 Parole
Kapitel Fünf Emily wartete darauf, dass Zaron zu ihr zurückkam, und ihr Fuß schlug immer wieder ungeduldig auf dem Boden auf. Nachdem er verschwunden war, war sie zur Wand gegangen und hatte sie berührt, um herauszufinden, wie sie funktionierte. Mit Sicherheit besaß sie irgendeinen Gleitmechanismus und sah einfach nur aus, als würde sie sich auflösen. Zu ihrer Enttäuschung hatte sie nichts gefunden, auch wenn sie bemerkt hatte, dass die Wand eine eigenartige Textur besaß. Sie hatte sich unter ihren Fingerspitzen warm angefühlt – warm und glatt, fast wie ein Lebewesen. Sie hatte sich einige Minuten lang damit beschäftigt, an ihr entlangzustreichen, aber dann war sie dessen müde geworden und hatte sich auf das Bett gesetzt, um darauf zu warten, dass dieser eigenartige Nicht-wirklich-Arzt zurückkam. Zum ersten Mal, seit sie erwachsen war, hatte Emily keine Ahnung, was sie tun sollte. Sie war immer die Ruhige, Einfallsreiche gewesen – diejenige, die jedes Problem auf eine ordentliche, analytische Weise lösen konnte und eine umsetzbare Lösung fand. Sie hatte sich allerdings noch nie in einer Situation wie dieser hier befunden. Sie hatte keine Ahnung, wo sie war oder wie sie hierhergekommen war oder warum sie überhaupt am Leben war. Diese ganze Sache fühlte sich surreal an, angefangen bei dem exotischen, wunderschönen Mann mit dem fremdartig klingenden Namen bis zu dem Zimmer, das sie an etwas aus der Science-Fiction erinnerte. Könnte das vielleicht eine geheime Forschungseinrichtung der Regierung sein? Zaron hatte das zwar verneint, aber er musste ihr ja nicht unbedingt die Wahrheit gesagt haben. Dieser ganze Ort – oder was auch immer das war – könnte geheim sein, und er könnte Probleme bekommen, wenn er ihr etwas darüber erzählte. Die Tatsache, dass sie über Verschwörungstheorien und geheime Labore der Regierung nachdachte, amüsierte Emily irgendwie. Sie war immer eine rationale Person mit gesundem Menschenverstand gewesen und nicht jemand, der Hirngespinsten nachging. Selbst als Kind hatte sie niemals an den Weihnachtsmann geglaubt oder Dinge, die nachts herumpoltern; diese Möglichkeiten waren ihr nie logisch erschienen – genauso wie geheime Labore der Regierung in Costa Rica jetzt. Aber was war die Alternative? Diese Frage nagte an Emily und verschlimmerte ihre Ungeduld. Ihr fiel nichts ein, was die derzeitige Situation erklären könnte – außer, dass sie sich die ganze Geschichte einbildete. Könnte das sein? War es möglich, dass sie sich den Kopf gestoßen hatte und jetzt mit einer Kopfverletzung im Krankenhaus lag? Bevor sie diesen Gedanken zu Ende denken konnte, öffnete sich die Wand erneut, und Zaron betrat den Raum. Er bewegte sich mit derselben eigenartigen, fließenden Anmut, die ihr schon zuvor aufgefallen war. »Hier, bitte«, sagte er und reichte ihr ein hellrosafarbenes Kleid und ein Paar weiße Sandalen. »Du kannst das anziehen, wenn du möchtest.« »Ja, danke«, antwortete Emily unsicher und nahm ihm die Kleidungsstücke ab. »Gibt es hier ein Badezimmer, das ich benutzen könnte?« »Natürlich.« Er durchquerte den Raum und ging auf die gegenüberliegende Wand zu. »Komm, ich zeige es dir.« Emily folgte ihm und fragte sich, wo sich das Badezimmer verstecken könnte. Als sie sich der Wand näherte, löste sie sich erneut auf und gab einen Eingang zu einem kleinen Raum frei. Zaron betrat ihn und gab ihr ein Zeichen, ihm zu folgen. »Das ist die Toilette«, erklärte er ihr, als sie in den Raum kam, und deutete dabei auf ein weißes, zylinderartiges Objekt in der Ecke. »Du musst dich einfach nur daraufsetzen, es kümmert sich um den Rest. Danach kannst du dich in dieser anderen Ecke frischmachen.« Er zeigt auf einen kleinen, waschbeckenartigen Vorsprung. »Wenn du später duschen möchtest, kann ich dir zeigen, wie du es benutzen musst.« Emily spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde. »Okay, danke. Ich denke, ich komme jetzt zurecht. Könnten Sie mich bitte allein lassen? Ich bräuchte mal eine Minute.« Seine Mundwinkel hoben sich zu einem kleinen Lächeln an. »Natürlich«, antwortete er und verschwand mit einer weichen Bewegung, um Emily wieder allein zu lassen. Sobald sich die Wand geschlossen hatte, ließ Emily die Decke auf den Boden fallen und zog das Kleid an, das ihr der Mann gegeben hatte. Es war ein Sommerkleid mit dünnen Trägern. Zu Emilys Überraschung passte es perfekt und schmiegte sich sanft an alle Rundungen ihres Körpers. Selbst ihre Brust fühlte sich durch das dünne, aber feste Futter in dem Oberteil des Kleides angenehm gestützt an. Das Material war allerdings ebenfalls ungewöhnlich. Seine Textur war wie Fleece, allerdings mit dem leichten Gefühl von Baumwolle. Die Sandalen passten ihr ebenfalls; es war, als seien sie für ihre Füße maßgeschneidert worden. Er hatte ihr keine Unterwäsche gegeben, aber Emily entschied sich dagegen, sich in diesem Moment deswegen zu beschweren. Sich überhaupt etwas anziehen zu können war schon eine deutliche Verbesserung. Als Nächstes wandte sie ihre Aufmerksamkeit der eigenartigen Toilette zu. Es handelte sich dabei um einen aufrecht stehenden, hohlen Zylinder mit abgerundeten Kanten. Darin befand sich weder Wasser noch war ein sichtbarer Spülmechanismus an ihm befestigt. Zaron hatte gesagt, dass sie sich einfach nur daraufsetzen sollte. Emily zögerte einen Moment lang und dachte darüber nach, bevor sie den Rock ihres Kleides nach oben schob und sich mit einem gedachten Schulterzucken auf den Zylinder plumpsen ließ. Wenn man muss, muss man. Als sie fertig war, fühlte sie eine warme Brise auf ihrem freiliegenden Fleisch. Ihre Haut kribbelte einen Moment lang, und Emily schnappte nach Luft, während sie gleichzeitig von dem Zylinder sprang. Das Kribbeln hörte augenblicklich auf. Als sie zurück in den Zylinder schaute, sah sie, dass er blitzblank war, genauso perfekt sauber, wie er es zu Beginn gewesen war. Gleichzeitig bemerkte sie, dass sie sich ebenfalls sauber und trocken fühlte, obwohl sie kein Toilettenpapier benutzt hatte – eine weitere Sache, die es in diesem eigenartigen Badezimmer nicht gab. Emily runzelte verwirrt ihre Stirn und ging zu dem waschbeckenähnlichen Objekt in der anderen Ecke. Sie fand keine Wasserhähne oder Knöpfe, also bewegte sie einfach ihre Hände in seine Richtung, weil sie hoffte, dass es Bewegungssensoren besaß. Fast augenblicklich kam ein warmer, flüssiger Strahl heraus, der ihre Hand mit einer angenehm riechenden Substanz bedeckte, die eine entfernte Ähnlichkeit mit Seife besaß. Bevor Emily ihre Handflächen zusammenbringen konnte, verdunstete die Substanz und ließ ihre Hände sauber und trocken zurück. Ein schickes Gerät zum Desinfizieren der Hände. Nett. Nachdem Emily alle dringenden Angelegenheiten erledigt hatte, ging sie zu der Wand, an der sich der Eingang befunden hatte. Als sie sich ihr näherte, erschien der Durchgang erneut, so als hätte er gespürt, dass sie kam. »Okay«, murmelte sie und ging durch die Öffnung, bevor diese sich wieder schließen konnte. Sobald sie das Schlafzimmer betreten hatte, verschwand die Tür zum Badezimmer. Emily starrte die Stelle der Wand einige Sekunden lang an und schüttelte dann ihren Kopf. Sie musste mit Zaron reden und schnell einige Antworten bekommen. Das war lächerlich. Als sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm, drehte sie sich herum und sah, dass der Durchgang, der aus dem Raum führte, erneut erschienen war. Zaron stand auf der anderen Seite. »Komm«, sagte er und gab ihr ein Zeichen, durch die Öffnung zu treten. »Ich würde mich freuen, wenn du mit mir mittagessen würdest.« »Natürlich.« Emily trat vorsichtig aus dem Raum, während sie diesmal die Kanten der Wand betrachtete, weil sie herausbekommen wollte, wie sie bedient wurde. Zu ihrer Enttäuschung gab es auch dort keinen sichtbaren Mechanismus. Sie waren glatt und poliert, ohne Rillen oder Grate, die auf eine Art von Schiebetür hinweisen würden. Sobald sie sich auf der anderen Seite befand, schloss sich die Wand wieder und verfestigte sich vor Emilys Augen. Unglaublich. Emily drehte sich zu Zaron um und starrte ihn frustriert an. »Wie funktioniert dieses Ding?«, fragte sie und klopfte gegen die Wand. »Was für ein Material ist das?« Zaron schaute sie ruhig an. »Ich könnte dir seinen Namen nennen, aber er würde dir nichts sagen. Und dazu, wie sie funktioniert, kann ich dir auch keine gute Erklärung geben, weil ich kein Designer bin.« Kein Designer? Was meinte er damit? »Und was sind Sie dann?« Der Hauch eines Lächelns erschien auf seinen umwerfenden Lippen. »Ich bin, was du einen Biologen mit dem Spezialgebiet Bodenkunde nennen würdest. Ich untersuche alle Arten lebender Kreaturen, genauso wie den Boden, der sie ernährt.« Emily blinzelte. »Ich verstehe.« Also war er eine Art Forscher. »Und das ist Ihr Labor?« »Nein.« Er schüttelte seinen Kopf. »Das ist mein vorübergehendes Zuhause.« Zuhause? Emily schaute sich ungläubig im Raum um. Wie das Schlafzimmer, das sie gerade verlassen hatte, war auch in diesem Raum alles um sie herum in verschiedenen Elfenbein- und Cremetönen dekoriert, und eine unbestimmte Quelle verströmte sanftes Licht. Es gab weder Fenster noch Türen, und die Möblierung war ebenfalls minimal. Abgesehen von einem weißen Brett in der Mitte, das einer flachen Bank ähnelte, und einigen blühenden Pflanzen in den Ecken, war der Raum völlig leer. Stirnrunzelnd ging Emily einen Schritt auf das bankartige Brett zu. Sie war sich ziemlich sicher, dass sie ihren Augen nicht trauen konnte, weil … »Schwebt dieses Ding in der Luft?«, fragte sie ungläubig und kniete sich hin, um unter das Brett zu schauen. »Wird es von Magneten in der Luft gehalten?« »Natürlich nicht«, antwortete Zaron und ging zu ihr, um sich neben sie zu stellen. »Es benutzt Kraftfeldtechnologie.« Emily, die immer noch auf allen vieren kniete, schaute zu ihm hoch. So über ihr sah er noch größer aus – und kraftvoll männlich. Eine unwillkommene Angstwelle rollte erneut ihren Rücken hinunter. »Kraftfeldtechnologie?«, wiederholte sie langsam und fühlte sich, als sei sie in einen Science-Fiction-Kaninchenbau gefallen. »Wovon reden Sie?« Er betrachtete sie mit einem kühlen, dunklen Blick. »Warum essen wir nicht etwas, und währenddessen erkläre ich es?«, schlug er freundlich vor. Sein Ton war sanft, aber sie konnte den Stahl darunter heraushören. Er hatte nicht vor, ihr ihre Fragen sofort zu beantworten. »In Ordnung«, erwiderte sie vorsichtig und begann, sich hinzustellen. »Ich …« Und dann hörte sie fast auf zu atmen, weil seine Hand ihren Ellenbogen umfasste, um ihr beim Aufstehen zu helfen. Seine Berührung war sanft, fürsorglich, aber sein Griff hatte etwas Besitzergreifendes, weil seine Finger einige Sekunden länger auf ihrem Arm liegenblieben als nötig, bevor sie ihn wieder losließen. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. So unlogisch das auch war, sie fühlte sich durch seine Berührung gebrandmarkt, und ihre Haut kribbelte an der Stelle, auf der seine Finger gelegen hatten. Er schaute sie ebenfalls an, und seine Augen leuchteten eigenartig gefühlsgeladen. Zum ersten Mal bemerkte Emily, dass seine Iris nicht dunkelbraun waren, wie sie ursprünglich gedacht hatte – sie waren schwarz. Da sie das völlig aus der Bahn warf, tat Emily das, was sie während schwieriger Zeiten in ihrem Leben immer getan hatte. Sie setzte ein Lächeln auf. »Okay«, sagte sie fröhlich. »Gehen wir essen und reden.«
Lettura gratuita per i nuovi utenti
Scansiona per scaricare l'app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Scrittore
  • chap_listIndice
  • likeAGGIUNGI