Kapitel 2-2

1331 Parole
Wegen des Straßenverkehrs dauert unsere Fahrt zum Flughafen etwas mehr als eine Stunde. Zu meiner Überraschung ist es nicht O’Hare. Stattdessen kommen wir bei einer kleinen Piste an, auf der ein großes Flugzeug auf uns wartet. Ich kann die Kennung »G650« auf seinem Heckflügel sehen. »Gehört das Flugzeug dir?«, frage ich, als Julian mir die Autotür öffnet. »Ja.« Er schaut mich weder an noch geht er näher darauf ein. Stattdessen fährt sein Blick unsere Umgebung ab, so als würde er sie nach versteckten Bedrohungen absuchen. Sein Benehmen zeigt eine Wachsamkeit, die ich vorher noch nie gesehen habe. Zum ersten Mal wird mir klar, dass die Insel auch sein Rückzugsort gewesen war, ein Ort, an dem er sich wirklich entspannen und nicht ständig auf der Hut sein musste. Sobald ich aussteige, umfasst Julian meinen Arm und drängt mich zum Flugzeug. Der Fahrer folgt uns. Ich hatte ihn davor nicht sehen können, da eine Verkleidung den hinteren Sitzbereich von den Sitzen vorne getrennt hatte. Jetzt erhasche ich einen Blick auf ihn, während wir zum Flugzeug gehen. Dieser Mann muss einer von Julians Navy SEALs sein. Sein blondes Haar ist kurz geschnitten, und die blassen Augen in diesem eckigen Gesicht sind eiskalt. Er ist sogar noch größer als Julian und bewegt sich mit der gleichen athletischen Anmut wie ein Krieger. Jede seiner Bewegungen ist kontrolliert. In seiner Hand befindet sich ein großes Sturmgewehr, und ich zweifele nicht daran, dass er genau weiß, wie man damit umgeht. Noch ein gefährlicher Mann … einer, den viele Frauen wegen seiner gleichmäßigen Gesichtszüge und seines muskulösen Körpers zweifellos attraktiv finden. Auf mich trifft das nicht zu, aber ich bin auch verwöhnt. Nur wenige Männer können mit dieser Anziehungskraft eines dunklen Engels mithalten, die Julian ausstrahlt. »Was für ein Flugzeug ist das?«, frage ich ihn, als wir die Stufen hinaufgehen und eine luxuriöse Kabine betreten. Ich verstehe nichts von Privatjets, aber dieser hier sieht beeindruckend aus. Ich versuche, nicht alles anzustarren, aber ich versage kläglich. Die cremefarbenen Ledersitze im Inneren sind riesig, und es gibt ein richtiges Sofa mit einem Kaffeetisch davor. Ich sehe außerdem eine offene Tür, die in den hinteren Teil des Flugzeugs führt, und erhasche einen Blick auf das Kingsize-Bett, welches sich darin befindet. Meine Kinnlade klappt vor Erstaunen nach unten. Dieses Flugzeug hat ein Schlafzimmer. »Es ist eines der luxuriöseren Gulfstream-Flugzeuge«, antwortet er und dreht mich herum, um mir meinen Mantel abzunehmen. Seine warme Hand berührt dabei meinen Hals, und ein angenehmer Schauer durchfährt mich. »Ein Geschäftsjet für extra lange Strecken. Er kann uns ohne nachzutanken bis zu unserem Ziel bringen.« »Sehr nett«, sage ich und schaue Julian dabei zu, wie er meinen Mantel in den Schrank neben der Tür hängt und danach seine eigene Jacke auszieht. Ich kann mich von diesem Anblick nicht abwenden, und mir wird bewusst, dass ein Teil von mir immer noch Angst hat, dass das hier nicht real ist – dass ich aufwachen und herausfinden werde, dass es sich nur um einen Traum handelt und Julian in Wirklichkeit bei der Explosion umgekommen ist. Der Gedanke lässt mich erzittern, und Julian bemerkt meine ungewollte Bewegung. »Ist dir kalt?«, fragt er und kommt auf mich zu. »Ich kann die Temperatur erhöhen lassen.« »Nein, es ist alles in Ordnung.« Trotzdem genieße ich Julians Wärme, als er mich zu sich heranzieht und einige Sekunden lang über meine Arme reibt. Ich kann die Wärme seines Körpers durch meine Kleidung spüren, und sie verjagt die Erinnerung an diese furchtbaren Momente, in denen ich dachte, ich hätte ihn verloren. Ich schlinge meine Arme um Julians Taille und drücke ihn fest. Er lebt, und ich habe ihn bei mir. Das ist im Moment alles, was zählt. »Wir sind startklar.« Eine unbekannte Stimme erschreckt mich, und ich lasse Julian los, um mich umzusehen. Der blonde Fahrer steht da und blickt uns mit einem unlesbaren Ausdruck auf seinem harten Gesicht an. »Gut.« Julian lässt seinen Arm auf mir liegen und hält mich fest an seiner Seite, als ich versuche, wegzugehen. »Nora, das ist Lucas. Er ist derjenige, der mich aus dem Lagerhaus gezogen hat.« »Oh, ich verstehe.« Ich sehe den Mann mit einem strahlenden und ehrlichen Lächeln an. Dieser Mann hat Julians Leben gerettet. »Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen, Lucas. Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen für das, was Sie getan haben, danken soll …« Seine Augenbrauen zucken leicht, so als sei er über das, was ich ihm gerade gesagt habe, überrascht. »Ich habe nur meine Arbeit gemacht«, erklärt er mit einer tiefen, leicht belustigten Stimme. Julians Mundwinkel verzieht sich zu einem leichten Lächeln, aber er antwortet nicht darauf. Stattdessen fragt er: »Ist auf dem Anwesen alles vorbereitet?« Lucas nickt. »Alles ist bereit.« Dann schaut er mich an, und sein Gesicht ist genauso ausdruckslos wie vorher. »Es freut mich auch, Sie kennenzulernen, Nora.« Danach dreht er sich um und verschwindet im Cockpit. »Er ist dein Fahrer und dein Pilot?«, möchte ich von Julian wissen, nachdem Lucas weg ist. »Er ist sehr vielseitig«, erwidert Julian und führt mich zu den weichen Sesseln. »Wie die meisten meiner Männer.« Sobald wir sitzen, kommt eine umwerfend schöne dunkelhaarige Frau aus dem vorderen Bereich des Flugzeugs in die Kabine. Ihr weißes Kleid sieht aus, als sei es auf ihre Kurven gegossen worden. Mit ihrem perfekten Make-up sieht sie genauso glamourös aus wie ein Filmstar – abgesehen von dem Tablett mit der Flasche Champagner und den beiden Gläsern, das sie in ihren Händen hält. Ihr Blick streift mich, bevor er zu Julian gleitet. »Möchten Sie sonst noch etwas, Herr Esguerra?«, fragt sie, während sie sich nach vorne beugt, um das Tablett auf den Tisch zwischen unseren Sitzen zu stellen. Ihre Stimme ist sanft und melodisch, und der hungrige Blick, mit dem sie Julian anschaut, lässt mich mit den Zähnen knirschen. »Für den Moment ist das alles. Danke, Isabella«, erwidert er und lächelt sie kurz an. Ich fühle ein kurzes, schmerzhaftes Aufflackern von Eifersucht. Julian hatte mir einmal gesagt, er habe seit unserer Begegnung keinen s*x mit anderen Frauen gehabt, aber ich frage mich trotzdem, ob er in der Vergangenheit s*x mit dieser Frau hatte. Sie ist eine Sexbombe, und ihr Verhalten macht deutlich, dass sie mehr als bereit dazu wäre, Julian alles zu servieren, was er möchte – auch sich selbst, nackt auf einem Silbertablett. Bevor meine Gedanken noch weiter in diese Richtung abdriften können, atme ich tief durch und zwinge mich dazu, aus dem Fenster auf den fallenden Schnee zu schauen. Ein Teil von mir weiß, dass es krank und unlogisch ist, so besitzergreifend zu sein. Jede rational denkende Frau wäre erfreut darüber, wenn der Entführer seine Aufmerksamkeit auf jemand anderes lenken würde. Aber was Julian betrifft, bin ich nicht mehr rational. Stockholm-Syndrom. Bindung während der Gefangenschaft. Traumatische Bindung. Meine Therapeutin hatte diese Begriffe während unserer wenigen Sitzungen benutzt. Sie hatte versucht, mit mir über meine Gefühle für Julian zu sprechen, aber es war zu schmerzvoll für mich gewesen, über den Mann zu reden, den ich verloren hatte. Ich hörte auf, zu ihr zu gehen. Ich schlug die Begriffe aber später nach, und ich kann verstehen, warum sie auf meine Erlebnisse angewendet werden können. Ich weiß aber nicht, ob es so einfach ist. Oder ob es überhaupt wichtig ist. Eine Sache verschwindet nicht, nur weil man ihr einen Namen gibt. Was auch immer der Grund für meine emotionale Bindung zu Julian ist, ich kann sie nicht abstellen. Ich kann ihn nicht weniger lieben. Als ich mich wieder umdrehe, um Julian anzuschauen, hat die Flugbegleiterin die Kabine schon verlassen. Ich höre, wie die Motoren aufheulen, und lege automatisch meinen Gurt um, genauso, wie ich es mein ganzes Leben lang gemacht habe. »Champagner?«, fragt er und greift nach der Flasche auf dem Tisch. »Na klar, warum nicht«, sage ich und schaue ihm dabei zu, wie er mir ein Glas einschenkt. Er reicht es mir, und ich lehne mich in dem geräumigen Sitz nach hinten und nehme einen Schluck von dem prickelnden Getränk, während das Flugzeug zu rollen beginnt. Mein neues Leben mit Julian hat begonnen.
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