Kapitel 3-1

992 Parole
3 Julian Ich nehme einen Schluck aus meinem Glas und betrachte Nora, wie sie durch das Fenster auf die immer kleiner werdende Landschaft blickt. Sie trägt Jeans, ein Sweatshirt aus blauem Fleece, und ihre Füße stecken in einem grob aussehenden Paar Stiefel aus Schafsfell. Ich glaube, die heißen Uggs. Trotz dieser abschreckenden Schuhe sieht sie immer noch sexy aus – aber ich sehe sie lieber in Sommerkleidern, in denen ihre weiche Haut in der Sonne schimmert. Ich betrachte ihren ruhigen Gesichtsausdruck und frage mich, was sie wohl gerade denkt; ob sie es bedauert, mich begleitet zu haben. Das sollte sie nicht. Ich hätte sie sowieso mitgenommen. Als spürte sie meinen Blick auf sich, dreht sie sich zu mir herum. »Wie haben sie von mir erfahren?«, will sie mit ruhiger Stimme wissen. »Die Männer, die mich entführt haben, meine ich. Woher wussten sie, dass ich existiere?« Bei ihrer Frage spannt sich mein ganzer Körper an. Meine Gedanken wandern zurück zu diesen höllischen Stunden nach dem Angriff in der Klinik, und ich werde von der gleichen Mischung aus brennendem Hass und lähmender Angst ergriffen. Sie hätte sterben können. Sie hätte sterben können, wenn ich sie nicht rechtzeitig gefunden hätte. Auch wenn ich ihnen das gegeben hätte, was sie verlangten, hätten sie sie immer noch umgebracht, um mich dafür zu bestrafen, ihren Forderungen nicht eher nachgegeben zu haben. Ich hätte sie verloren. Genauso, wie ich Maria verloren habe. Genauso, wie wir beide Beth verloren haben. »Es war die Schwesternhelferin in der Klinik.« Meine Stimme klingt kalt und entfernt, als ich mein Champagnerglas zurück aufs Tablett stelle. »Angela. Sie arbeitete die ganze Zeit für die Al-Quadar.« Noras Augen funkeln. »Dieses Miststück«, flüstert sie, und ich kann Schmerz und Wut aus ihrer Stimme heraushören. Ihre Hand zittert, als sie ihr Glas auf dem Tisch abstellt. »Dieses dreckige Miststück.« Ich nicke und versuche meine eigene Wut zu kontrollieren, während in meinem Kopf Bilder des Videos hochkommen, welches Majid mir geschickt hatte. Sie folterten Beth, bevor sie sie umbrachten. Sie musste leiden. Beth, deren Leben nichts als Leid gewesen war, seit ihr Arschloch von einem Vater sie mit dreizehn an ein Bordell auf der anderen Seite der Grenze nach Mexiko verkauft hatte. Sie war einer der wenigen Menschen gewesen, dessen Loyalität ich niemals in Frage gestellt habe. Sie musste leiden … und jetzt werde ich sie schlimmer leiden lassen. »Wo ist sie jetzt?« Noras Frage reißt mich aus der schönen Erinnerung daran, wie jedes Mitglied der Al-Quadar aufgehängt und meiner Gnade ausgesetzt war. Als ich sie fragend anschaue, fügt sie hinzu: »Angela.« Ich lächele über ihre naive Frage. »Du musst dir um sie keine Gedanken machen, mein Kätzchen.« Alles, was von Angela noch übrig ist, ist Asche, welche auf dem Rasen der Klinik auf den Philippinen verstreut wurde. Peters Art der Befragung ist brutal, aber sehr effektiv. Außerdem entsorgt er hinterher die Beweise. »Sie hat für ihren Verrat bezahlt.« Nora schluckt, und sie weiß genau, was ich meine. Sie ist nicht mehr das gleiche Mädchen, das ich in dem Klub in Chicago getroffen habe. Ich kann die Schatten in ihren Augen sehen, und ich weiß, dass ich dafür verantwortlich bin. Trotz all meiner Anstrengungen, sie auf der Insel in Sicherheit zu wahren, hat die Hässlichkeit meiner Welt sie berührt und ihre Unschuld verdorben. Auch dafür wird die Al-Quadar bezahlen. Die Narbe auf meinem Kopf beginnt zu jucken, und ich berühre sie leicht mit meiner linken Hand. Manchmal bekomme ich noch Kopfschmerzen, aber ansonsten bin ich fast wieder der Alte. Wenn ich bedenke, wie ich einen Großteil der letzten vier Monate verbracht habe, bin ich ziemlich zufrieden mit dem jetzigen Stand der Dinge. »Ist bei dir alles in Ordnung?« Nora hat einen besorgten Gesichtsausdruck, als sie sich ausstreckt, um die Stelle über meinem linken Ohr zu berühren. Ihre schlanken Finger streichen sanft über meinen Schädel. »Hast du noch Schmerzen?« Ihre Berührung jagt wohlige Schauer durch mich hindurch. Das will ich von ihr. Ich will, dass sie sich um mein Wohlbefinden sorgt. Ich will, dass sie mich liebt, obwohl ich ihre Freiheit gestohlen habe – auch wenn sie mich eigentlich dafür hassen sollte. Ich mache mir über mich keine Illusionen. Ich bin einer der Männer, die in den Nachrichten gezeigt werden – einer derjenigen, vor denen jeder Angst hat und die von allen verabscheut werden. Ich habe eine junge Frau entführt, weil ich sie wollte. Aus keinem anderen Grund. Ich nahm sie mit, und jetzt gehört sie mir. Ich entschuldige mich nicht für das, was ich getan habe. Ich fühle mich auch nicht schuldig. Ich wollte Nora, und jetzt ist sie hier bei mir und blickt mich an, als sei ich die wichtigste Person auf der ganzen Welt. Und das bin ich auch. Ich bin genau das, was sie jetzt braucht … wonach sie sich sehnt. Ich werde ihr alles geben und ihr gleichzeitig alles nehmen. Ihren Körper, ihren Geist, ihre Hingabe – ich will alles. Ich will ihren Schmerz und ihre Lust, ihre Angst und ihre Freude. Ich will ihr einziger Lebensinhalt sein. »Nein, es ist alles in Ordnung«, komme ich auf ihre Frage zurück. »Es ist fast verheilt.« Sie zieht ihre Finger weg, aber ich halte ihre Hand fest, da ich noch nicht auf ihre Berührung verzichten möchte. Sie fühlt sich in meinem Griff schlank und zerbrechlich an, die Haut weich und warm. Sie versucht aus einem Reflex heraus, ihre Hand herauszuwinden, aber das lasse ich nicht zu. Meine großen Finger schließen sich fester um ihre kleinen, und ihre Kraft ist unerheblich im Vergleich zu meiner; nur wenn ich beschließe, sie gehen zu lassen, wird sie sich befreien können. Aber sie möchte eigentlich gar nicht, dass ich sie loslasse. Ich kann ihre steigende Erregung spüren, und mein Körper versteift sich, als ein dunkler Hunger in mir wiedererwacht. Ich greife über den Tisch, um langsam und zielstrebig ihren Sicherheitsgurt zu öffnen. Danach stehe ich, ohne ihre Hand loszulassen, auf und führe sie zu dem Schlafzimmer im hinteren Teil des Flugzeugs.
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