Kapitel 2-2

1271 Parole
Schmerz strahlte durch Edges Arme. Seine Wachmänner hatten sie ihm hinter dem Rücken gefesselt. Das Unbehagen hatte ihn schließlich aus seinem ruhelosen Halbschlaf gerissen. Sein Kopf tat noch immer weh, aber der Schmerz war zu dem monotonen Pochen geworden, mit dem er jetzt schon seit mehreren Monaten lebte. Sein Körper war steif, nachdem er stundenlang auf dem kalten Boden gelegen hatte. Sein Verstand sagte ihm, dass er sich aufsetzen sollte, aber er hatte keine Kraft dazu. Er ließ seine Augen geschlossen. In der Dunkelheit machte es keinen Unterschied. Er konnte sehen, aber es gab nichts zu sehen, außer den schattenhaften Kreaturen, die in seinem Geist und entlang der Wand tanzten. Hinter seinem Rücken bewegte er seine Finger und versuchte, sich aufs Zählen zu konzentrieren. Er konnte fühlen, wie die Klauen des Biestes, das sie dieses Mal in sein Blut gegeben hatten, an ihm kratzten. Schweiß perlte auf seiner Stirn, trotz der Kälte. Das Feuer erhitzte ihn von innen und er begann wieder zu zittern. Seine Reaktion auf die Drogen wurde schlimmer. Er riss in dem Versuch, das Unbehagen zu lindern, an seinen Fesseln. Während das Feuer zu einem fiebrigen Inferno wurde, drehte er sich und mühte sich ab, bis er schließlich auf den Knien saß. Edge begann zu zittern und zu schwitzen, bis eine dünne Schweißschicht seinen ganzen Körper bedeckte. Auf seiner Haut krabbelten imaginäre Insekten. Ein qualvolles Stöhnen entfuhr ihm, als er das Gefühl bekam, lebendig verspeist zu werden. In seinem Gehirn begann erneut ein Feuerwerk zu explodieren und Farben blitzen in einer Übelkeit erregenden Geschwindigkeit auf. Nach Luft schnappend lehnte er sich nach vorne und legte seine Stirn auf den kalten Boden. Er kniff die Augen zusammen, um die brennenden Tränen zurückzuhalten. Er war dabei zu sterben. Er konnte es spüren. Aber er durfte nicht. Die Stimme … Die Stimme hatte ihm gesagt, dass er es nicht dürfe. Sie brauchte ihn. Sie hatte ihn gefunden und sie brauchte ihn. Wer hatte ihn gefunden?, verlangte ein weiterer Teil seines Verstandes zu wissen. Meine Amate, antwortete der andere Teil. Edge wusste, dass seine Verbindung zur Realität nun wirklich gekappt war. Da war keine Stimme gewesen, die auf seine Bitte an die Göttin um den Tod geantwortet hatte. Es war eine grausame Täuschung gewesen. Die Stimme war nur ein weiterer Trick gewesen, um seine Stärke auf die Probe zu stellen. Er richtete sich auf und öffnete seine Lippen, um seinen Widerspruch herauszurufen. Er würde den Waxianern niemals geben, was sie wollten. Er war ein Trivatorkrieger und lieber tot als ehrlos. »Bleib, wo du bist«, befahl eine weibliche Stimme. Das Geräusch durchbrach die Verwirrung und beruhigte das Chaos. Ein Schauder durchfuhr Edge und er öffnete seine Augen. An der gegenüberliegenden Wand konnte er die Insekten verschwinden sehen, die zuvor über seinen Körper gekrabbelt waren. »Ich schwöre bei der Göttin, dass ich Widerstand leisten werde«, flüsterte er. »Ich werde wie ein Krieger sterben.« Ein kaum hörbares Seufzen ließ ihn seine Stirn runzeln. »Naja, dann sag mal deiner Göttin, dass sie mit deinem Ableben noch etwas warten muss, Süßer. Solange ich hier das Sagen habe, stirbst du heute nicht. Jetzt beweg deinen Arsch an die Wand hinter dir, damit ich versuchen kann, ob ich diese verdammten Fesseln losbekomme. Das wird aus diesem Winkel verdammt schwierig«, befahl die Stimme. Edge neigte seinen Kopf zur Seite. Seine Falten auf seiner Stirn wurden tiefer, so wie auch seine Verwirrung. Er schüttelte seinen Kopf, was prompt einen Schwindelanfall auslöste. Er ließ sich nach hinten fallen, grunzte und streckte seine Beine aus, während er seinen Kopf gegen die Wand hinter sich lehnte. »Warum testest du mich so?«, fragte er und schloss erneut die Augen. Als Antwort bekam er ein leichtes Schnauben. »Willkommen in unserer Welt, Süßer. Im Leben geht es nur ums Testen – wer besteht und wer versagt komplett«, antwortete die Stimme. »Kannst du laufen?« Edge wollte gerade antworten, als er eine Bewegung an seiner Haut spürte. Ein Schauder lief durch ihn und er begann sich auf die Seite zu legen, als er merkte, wie sich schlanke Finger um sein linkes Handgelenk schlangen. Wärme durchströmte ihn. Es war nicht die gleiche Hitze, wie er sie noch vor ein paar Minuten verspürt hatte, sondern eine beruhigende Wärme, die die Insekten verscheuchte. »Göttin?«, flüsterte Edge ehrfürchtig. Dieses Mal bekam er ein Kichern als Antwort. »Schätzchen, du kannst mich nennen, wie du willst, solange ich nicht deinen Arsch hier hinaustragen muss. Das würde mein Leben ungemein erleichtern. Möglicherweise könnte dieser hirnrissige Plan dann sogar eine Chance auf Erfolg haben. So wie es momentan aussieht, werden wir aber wahrscheinlich schon bald mit deiner Göttin anstoßen«, gab die Stimme zurück. »Ich weiß nicht, ob die Göttin trinkt oder isst«, antwortete Edge und spürte, wie etwas an seinen Handgelenken zog. »Nun ja, dann muss ich halt dafür sorgen, dass wir ein paar Kisten Bier mitbringen«, murmelte die Stimme, bevor sie eine Reihe von Flüchen ausstieß, woraufhin Edge erstaunt seine Augen öffnete. »Deine Sprache ist recht farbenfroh«, bemerkte er. Erneut vernahm er ein leichtes Kichern hinter sich. »Ja, das hat man mir schon öfter gesagt«, antwortete sie. Die plötzliche Befreiung seiner Arme überraschte ihn. Langsam legte er sie um sich und zuckte zusammen, als seine Muskeln protestierten. Er beugte seine Ellbogen und rotierte seine Schultern, bis das Gefühl in seine Arme zurückkehrte. Während er seine Finger beugte und streckte, drehte er sich plötzlich herum, bis er auf dem Boden lag und die Wand anblickte. Ein kleines rotes Licht leuchtete in dem Loch, wo zuvor Gitterstäbe gewesen waren. Er kräuselte seine Oberlippe und knurrte. Falls der Waxianer gedacht hatte, dass er seinen Willen brechen könnte, indem er ihm Hoffnung gab, hatte er sich gründlich getäuscht. »Nun, schnell bist du immer noch, aber das beantwortet nicht meine Frage von vorhin«, zischte die Stimme. Edge versuchte, einen Blick auf das Gesicht in dem tiefen Loch zu erhaschen, aber das rote Licht schien ihm in die Augen. Ein leises Grollen ließ seinen Körper erzittern. Er wollte in das Loch greifen und die Person am Nacken herausziehen, wer auch immer sie war. »Welche Frage?«, verlangte Edge zu wissen, während er seine Hände zu Fäusten ballte. Das rote Lichte schwankte für einen kurzen Augenblick und Edge konnte die feinen Züge eines sehr femininen Gesichts erkennen. Die Frau starrte zurück, so als ob sie ebenfalls seine Gesichtszüge studieren wollte. Ihre braunen Augen schauten tief in seine und fochten einen stillen Kampf aus. »Kannst du laufen?«, fragte sie. »Ja«, sagte er und hoffte, dass es stimmte. Ihre Lippen verzogen sich zu einem schwachen Lächeln. »Das wird reichen, obwohl es besser wäre, wenn du auch rennen könntest. Geh davon aus, dass wir in zehn Minuten Gesellschaft bekommen«, antwortete sie und schaltete das Licht aus. Edge hörte ein leichtes, kratzendes Geräusch auf der anderen Seite der Wand. Unsicher, ob er sich das Ganze nur eingebildet hatte, streckte er seine Hand aus und schob sie in die Öffnung und tastete so weit, wie er nur kam auf der anderen Seite herum. Dann zog er seine Hand zurück und drückte sich langsam hoch, bis er wieder in einer sitzenden Position war. Sein Blick wanderte über seine Arme, während er mit seinen Fingern die groben Linien an seinen Handgelenken, wo zuvor die Fesseln gewesen waren, nachzeichneten. Er hob die Fesseln aus Metall mit der linken Hand auf und umfasste sie fest. Kannst du laufen? Kannst du laufen? Kannst du laufen? Ihre Worte hallten in seinem Kopf nach. Unsicher legte er seine freie Hand gegen die Wand und stemmte sich hoch. Seine Beine zitterten und er fiel gegen die glatte Wand seiner Zelle. Mit zusammengebissenen Zähnen zwang er seine Beine dazu, sich zu strecken, bis er schließlich stand.
Lettura gratuita per i nuovi utenti
Scansiona per scaricare l'app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Scrittore
  • chap_listIndice
  • likeAGGIUNGI