Kapitel 2
»Bist du dir sicher, Lina? Was passiert, wenn er uns angreift?«, fragte Bailey und kaute auf ihrer Unterlippe.
»Natürlich ist sie sich sicher! Lina weiß immer, was zu tun ist«, entgegnete Mirela, bevor sie eine Grimasse schnitt und leise hinzufügte: »Meistens.«
»Haha«, erwiderte Andy, lehnte sich gegen die Wand und streckte ihre Beine aus. »Wie lautet der Plan, Chefin?«
Fünf Gesichter wandten sich erwartungsvoll Lina zu. Gail und Mechelle, Mirelas Zwillingsschwester, saßen schweigend da und dachten über das nach, was Lina soeben allen erzählt hatte. Gail war die Älteste von allen, während Mechelle die Jüngste war, wenn auch nur fünf Minuten jünger als ihre Schwester.
»Seine Verletzungen ändern den eigentlichen Plan kaum. Wir holen ihn raus, flicken ihn so gut wir können zusammen und zwingen ihn dann, uns nach Hause zu bringen«, sagte Lina.
»Na, klingt ja wie ein Kinderspiel«, erwiderte Mirela und verdrehte ihre Augen.
Gail kicherte. »Pass auf, Mirela. Sonst wirst du diejenige sein, die diesen Trivatoren an den Füßen heraustragen muss«, warnte sie.
Mirela warf ihren Kopf zurück. »Um einen von diesen Kerlen herauszutragen, braucht es uns alle. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich erinnere mich sehr gut daran, wie groß sie sind und muskulös und …«
»… süß«, warf Mechelle ein und versuchte, nicht zu grinsen.
Mirela bedachte ihre Zwillingsschwester mit einem Blick. »Ich habe nie behauptet, dass ich sie süß finde«, zischte sie.
Mechelle schmunzelte. »Nein, das hast du nicht. Du hast gepfiffen und gesagt …«
»Genug«, unterbrach Lina sie. »Zurück zum Thema, wie wir ihn aus der Zelle, an den Wachmännern vorbei, aus dem Gebäude hinaus und den Schacht herunterkriegen, ohne dass der ganze Spaceport uns dabei zuschaut«, befahl Lina in einem leicht genervten Ton.
Andy lehnte sich vor und stützte die Ellbogen auf ihren Knien ab. Lina wusste sofort, wann den anderen Frauen plötzlich klar wurde, dass das hier wahrscheinlich ihre einzige Möglichkeit sein würde, jemals wieder nach Hause zu kommen. Bisher hatten sie Glück gehabt, aber ihr Glück würde nicht ewig andauern. Von den achtzehn Frauen, die entführt worden und von der Erde verschleppt worden waren, waren sie die Einzigen, denen die Flucht gelungen war.
»Wir sind ganz Ohr«, sagte Andy mit ruhiger Stimme.
Lina betrachtete die hoffnungsvollen und entschlossenen Gesichter um sich herum. Zusammen hatten sie viel erlebt, sowohl Gutes als auch Schlechtes, aber sie hatten überlebt. Lina atmete tief durch und deutete allen, sich um sie herum in einem Kreis zu versammeln. Sie kniete nieder und benutzte den Staub auf dem Boden als Zeichenbrett.
»Das Ganze wird so ablaufen«, sagte sie mit entschlossener Stimme. »Ich bin nicht sicher, ob er laufen kann, also brauche ich die Hilfe von einer von euch.«
»Ich mach das«, meldete sich Andy sofort.
Lina nickte. »Mechelle, ich will, dass ihr am Eingang zu den Tunneln bereitsteht. Wir müssen und beeilen und dann ganz schnell verschwinden. Mirela, du und Bailey müsst mit einem Handwagen mit Verdeck bereitstehen.«
Mirelas Gesicht verdunkelte sich für eine Weile, bevor sie nickte. »Ich kenn da ein paar Orte, wo ich einen ausleihen kann«, antwortete sie und zeichnete beim Wort ausleihen Anführungszeichen in die Luft.
»Wo sollen wir zu euch stoßen?«, fragte Bailey, die sich nach vorne lehnte, um auf die grobe Skizze des Gebäudeinneren zu starren.
»Das Gebäude gegenüber steht leer. Was auch immer dort produziert wurde, es gibt dort jedenfalls noch einen Schacht. Der Schacht ist auf der anderen Seite des Gebäudes. So bin ich hinein und wieder herausgekommen. Ich habe einen Metallbalken von einem Dach zum anderen gelegt und bin so rüber. Ich schätze, da dies ein Spaceport ist, rechnet niemand damit, dass jemand von oben kommt. Wie dem auch sei, auf dem Gebäude gibt es keine Wachmänner, da es leer steht, und auf dem anderen Dach sind auch keine«, erklärte Lina, damit alle Bescheid wussten, auch diejenigen, die noch nicht in die Details ihrer Erkundungstouren eingeweiht gewesen waren.
»Wie sieht es mit Kameras aus?«, fragte Gail.
Lina schüttelte den Kopf. » Ich habe keine entdecken können. Es wirkt so, als ob sie einfach eingezogen wären, ohne sich großartig um die Sicherheit zu kümmern, außer einen Haufen trotteliger Wachmänner anzuheuern. Der Chef hier ist ein Waxianer und verdammt gruselig. Ich habe gesehen, wozu er in der Lage ist. Es überrascht mich, dass überhaupt irgendjemand dumm genug ist, um für ihn zu arbeiten. Mir scheint, die Lebenserwartung eines Wachmannes ist nicht besonders hoch, wenn er seinen Job vermasselt«, erklärte sie mit einem Ausdruck von Ekel auf ihrem Gesicht.
»Bei Gott, ich hasse die Waxianer. Schwieriger zu töten als die Armatrux«, ächzte Andy.
»Ja, ich glaube, da sind wir alle einig«, erwiderte Gail.
Lina nickte und fuhr fort. »Der Schacht führt zu einem leerstehenden Bereich auf der oberen Etage des Gebäudes. Nachdem ich auf dem anderen Gebäude war, habe ich die Lüftungs- und Abwasserschächte benutzt. Wie dem auch sei, der Schacht endet in einer schmalen Sackgasse, die nur in Richtung des Hauptmarktplatzes führt. Es ist eine dunkle und heruntergekommene Gegend. Stellt den Karren unter den Schacht und haltet euch versteckt. Andy und ich holen ihn aus dem Gebäude heraus, bringen ihn in die obere Etage hier und schieben seinen Arsch durch den Schacht. Er fällt dann in den Karren, wir kommen nach, ihr deckt ihn zu und geht ganz ruhig weiter, über den Markt, während wir für Deckung von den Seiten sorgen. Das Ganze machen wir während der Rushhour, wenn auf dem Markt Chaos herrscht, was in sechs Stunden sein wird«, wies Lina an.
»Was soll ich tun?«, fragte Gail.
Lina lächelte und nickte in Richtung des Blasters, den Gail an ihrer Seite trug. »Du operierst verdeckt. Ich brauche dich, damit du uns den Rücken freihältst. Lass dich zurückfallen und halte die Augen auf. Wenn diese waxianischen Bastarde bemerken, dass wir ihr goldenes Ei gestohlen haben, werden sie ganz schön angepisst sein. Du bist von uns allen die beste Schützin, besonders auf Distanz. Falls wir entdeckt werden, musst du sie ausschalten«, sagte Lina mit einem grimmigen Ausdruck.
»Ich werde sie nicht verfehlen«, versprach Gail.
»Ich habe eine Frage«, sagte Mechelle und sah sie mit gerunzelter Stirn an.
»Und die wäre?«, fragte Lina.
Mechelle rieb sich das Kinn. »Wenn er nicht laufen kann, wie willst du ihn dann über einen Metallbalken fast fünf Stockwerke über dem Boden kriegen?«, fragte sie.
Lina hatte gehofft, dass niemand dieses kleine Detail bemerken würde. Sie blickte zu Andy, die mit den Schultern zuckte. Irgendwie würden sie ihn schon auf die andere Seite bekommen. Linas Blick streifte die Tasche in der Ecke.
»Bailey, was für Medikamente hast du, die uns helfen könnten?«, fragte Lina ruhig.