Kapitel 1-2

1155 Parole
Lina Daniels spähte durch die schmalen Öffnungen zwischen den Gittern dicht über dem dreckigen Boden der Zelle. Von dem Augenblick an, als sie mitangehört hatte, wie zwei Männer auf dem Markt über einen Trivator gesprochen hatten, war sie auf der Suche nach dem außerirdischen Krieger gewesen. Sie hatte nur einen Tag gebraucht, um zu entdecken, wo er gefangen gehalten wurde, dann fast eine weitere Woche, um herauszufinden, wie sie am besten in das Gebäude hinein und wieder herauskommen konnte. Auf keinen Fall wollte sie sich in der gleichen Zelle wie er wiederfinden, oder aber als Hauptgericht für die Alienbastarde enden, die ihn gefangen hielten. Dieses Loch, was sie Zelle nannten, war für heute das Letzte auf ihrer Checkliste gewesen. Nach jeder Zelle hatte sie mit leeren Händen zurückkehren müssen, und diese hier war auch leer gewesen. Sie hatte schon aufgeben wollen und sogar begonnen, wieder durch den Abflusskanal zurückzukriechen, als sie plötzlich Schritte näherkommen hörte und die Stimme des Mannes vom Markt wiedererkannte. Sie hielt die Luft an und wartete, um zu sehen, was sie vorhatten. Ihre Geduld wurde belohnt, als die Tür sich öffnete. Der Mann, nach dem sie gesucht hatte, wurde an den Armen hereingeschleift. Sie beobachtete mit einer Mischung aus Zufriedenheit und Abscheu, wie sie ihn zu Boden fallen ließen. Der Mann war definitiv ein Trivator! Sie studierte ihn, während die Wachmänner sich unterhielten. Persönlich war es ihr scheißegal, was seine Spezies oder die Regierung der Erde über die außerirdische Antwort auf die Signale, die von der Erde ins All gestrahlt worden waren, gesagt hatten. Ihrer Meinung nach hatten die Trivatoren und die Allianz die Erde überfallen. Die daraus resultierenden Folgen waren für die Menschen verheerend gewesen. Innerhalb weniger Stunden war ihr Leben und die Leben Millionen anderer Menschen zur Hölle geworden. Seit diesem unvergesslichen Tag vor zehn Jahren hatte sie jeden Tag damit verbracht, für die Freiheit ihrer Mitmenschen – sowohl von den Aliens als auch von anderen Menschen – zu kämpfen. Es war nicht gerade eine große Hilfe, dass die Erinnerungen daran, von jemandem ihrer eigenen Spezies verkauft worden zu sein, ihren Mund mit einem bitteren Geschmack füllten. Sie wollte zur Erde zurückkehren, damit sie Colbert Allen umbringen konnte. Wen scherte es, dass Rache eine schlechte Idee war? In ihrem Leben hatte sie schon so manche schlechte Idee gehabt, also würde sie mit den Konsequenzen dieser hier genauso umgehen, wie sie es schon immer getan hatte: mit einem Kampf. Lina knirschte mit den Zähnen, um den Fluch zu unterdrücken, der ihr über die Lippen wollte. Sie hatte l**t, den drei Wachmännern zu sagen, sie sollten mit ihrem sadistischen Gelaber aufhören und endlich abhauen. Jetzt, da sie gefunden hatte, wonach sie gesucht hatte, gab es jede Menge für sie zu tun. Das wurde aber verdammt noch mal auch Zeit, dachte sie wild, als die Tür sich endlich hinter dem sadistischen Trio schloss. Erneut richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf den Mann in der Zelle und beobachtete, wie er sich herumdrehte, bis sein Gesicht der Wand – und somit ihr – zugewandt war. Die grimmige Genugtuung, die sie aufgrund des Erfolges bei ihrer Mission erfüllt hatte, wurde von einem Schlag in die Magengegend ersetzt, als sie ihn plötzlich wiedererkannte. Dunkle, schmerzhafte Erinnerungen drohten sie zu ersticken. Blut, Schmerz und Verzweiflung durchfluteten sie, als sein Anblick eine Erinnerung heraufbeschwor, die sie in die Vergangenheit zurückkatapultierte und in der er über einem leblosen Körper stand. Tief erschüttert schloss sie einem Moment ihre Augen und atmete tief durch. Hier war kein Platz für ihre persönlichen Gefühle. Ob es ihr gefiel oder nicht, sie brauchte diesen Mann, egal wer er war, oder welche schmerzvollen Erinnerungen er in ihr erweckte. Nachdem sie die Galle, die in ihr aufgestiegen war, wieder heruntergeschluckt hatte, konzentrierte sie sich wieder auf ihre Mission. Hier ging es nicht um sie. Wenn dem so gewesen wäre, hätte sie womöglich der Versuchung nachgegeben, dem Waxianer beim Töten des Trivators zu helfen. Wenigstens wäre ich dabei barmherziger als der Waxianer, überlegte sie. Möglicherweise werde ich es ja doch tun müssen, falls er nicht weiß, wie man ein Raumschiff fliegt, dachte sie. »Göttin, lass mich sterben«, murmelte er. Lina erstarrte, als sie sein kaum hörbares Murmeln vernahm. Ein überraschender Zorn fegte durch sie hindurch, anders als alles, was sie jemals zuvor gefühlt hatte. Nun, fast alles. Die letzte kleine Dosis überwältigenden Zorns hob sie für Colbert Allen auf. Dennoch hatten die Worte auf sie den gleichen Effekt wie Öl ins Feuer zu gießen. Sie ignorierte die Tatsache, dass sie nur eine Sekunde zuvor daran gedacht hatte, ihn zu töten. »Einen Teufel werde ich tun. Du kannst doch nicht sterben, jetzt wo ich dich gerade gefunden habe, Trivator. Ich brauche dich lebendig«, zischte Lina. In der Dunkelheit konnte sie gerade so sehen, dass sein Körper sich vor Überraschung versteifte. Eine Reihe von Flüchen murmelnd tastete Lina ihre Hosentaschen ab. Sie fasste hinein, zog eine kleine rote Lampe heraus und schaltete sie ein. Als sie damit zwischen den Gittern hindurchleuchtete, konnte sie zum ersten Mal einen ordentlichen Blick auf das Gesicht des Trivators erhaschen. Sie atmete tief und unregelmäßig, während Vergangenheit und Gegenwart erneut in ihrem Geist miteinander kollidierten. Zwei Dinge weckten sofort ihre Aufmerksamkeit. Erstens sah er echt übel zugerichtet aus. Zweitens wurde sie von einer Welle des Mitgefühls überrascht, als sie den Schmerz sah, der sich in seine Gesichtszüge gefressen hatte. »Du warst auf der Erde«, konstatierte sie, nicht sicher, was sie sonst sagen sollte. »Ja«, war seine heisere Antwort. »Kannst du diese Raumschiffe fliegen, die sie hier haben?«, fragte sie eindringlich und zwang ihn dazu, sie anzusehen, als sein Kopf begann nach hinten zu rollen. »Ja«, antwortete er. Linas Lippen kräuselten sich und sie verstärkte ihren Griff um die Lampe. Sie atmete erneut tief ein und wünschte sich nichts mehr, als seinen Arsch einfach hier lassen zu können. Aber was sie anging, hatten seine Antworten sein Schicksal besiegelt. Er wusste, wo die Erde war, und er konnte fliegen. Sie brauchte ihn lebendig. »Ich bin bald zurück. Wag es nicht, in der Zwischenzeit zu sterben oder dich töten zu lassen«, befahl sie. Sie rutschte wieder in den Abflusskanal, wohlwissend, dass ihr nicht viel Zeit blieb. Außerdem würde sie Hilfe brauchen. So ungern sie auch die Leben der anderen Frauen, die mit ihr zusammen geflohen waren, in Gefahr bringen wollte, so hatte sie doch keine Wahl. Sie konnte diesen Kerl schließlich nicht allein herausschleppen, und er machte nicht den Eindruck, als könne er allein laufen, geschweige denn rennen. Vorsichtig nahm sie den gleichen Weg zurück, den sie gekommen war. Im Geiste passte sie ihre Pläne an, um den Krieger aus dem Gebäude zu schaffen. So schwierig dies auch sein mochte, noch mehr Gedanken machte sie sich darüber, was sie tun sollte, wenn er erst einmal draußen war. Dort, zusammen mit dem Rest der Bewohner des Spaceports, gab es einfach allzu viele Variablen und nicht allzu viele Möglichkeiten, sich auf diesem kleinen Mond mitten im Weltall zu verstecken.
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