Die Flüchtige-1b

1328 Words
Sie bemerkt, dass mein Göttinnenanhänger schief sitzt, und deutet darauf, indem sie ihren eigenen, imaginären Anhänger gerade richtet. Ich richte meine schiefe Kette, indem ich den Mondstein mittig auf meine Brust lege und den Verschluss zurückdrehe; Mama dachte, so ein Anhänger würde dem Beta zeigen, was mir wichtig ist. „Setz dich doch“, schlägt Lily vor. Mama winkt ab. Sie hat die ganze Woche nur über den Geburtstag des zukünftigen Betas gesprochen. Es ist meine Aufgabe, eine Gefährtin für ihn zu finden, und ich mache mir solche Sorgen, dass ich anfange, die Göttin anzuflehen, mich zu seiner Gefährtin zu machen. Es ist kein egoistisches Gebet; ich kann meine Familie nicht enttäuschen. Ein alleinstehendes Mädchen in meinem Alter wird zunehmend als Belastung angesehen. „Celeste? Irgendwas?“ Meine Unruhe steigt, weil sie so lange braucht und die mysteriösen Empfindungen nicht kommen. Gerade als ich das Gefühl habe, mein Stuhl würde mich verschlucken, schnappt Lily nach Luft und greift sich ans Herz, was alle Blicke auf sich zieht. Meine Fingernägel graben sich in die Polsterung. „Lily?“, fragt Mama. „Was ist los?“ Lily öffnet den Mund und stottert: „Ich … ich … glaube nicht …“ Mein Herz rast. Lily ist gerade erst volljährig, aber sie ist es, und selbst wenn sie erst seit einem Monat achtzehn ist, reicht das der Göttin völlig. Mama reißt die Augen auf, klammert sich an sie, sinkt auf das Sofa und packt Lilys Arm. „Spürst du es? Ist es die Verbindung von Seelenverwandten?“ Lily sagt nichts – ihre Worte verhallen ungehört –, aber sie sieht mich mit einem entschuldigenden Gesichtsausdruck an. Ich stehe auf. „Ja, oder?“ Mama wendet sich an Papa. „Geh raus. Warte auf ihn.“ Papa steht vom Sofa auf und legt seine Papiere auf den Tisch. Er sieht Lily an und wendet sich dann mir zu; sein Urteil ist klar, still, aber herzzerreißend. Er berührt Lilys Schulter zärtlich im Vorbeigehen und geht dann zur Haustür hinaus, direkt gegenüber vom Wohnzimmer. Mama sieht mich an, kann aber meinem Blick nicht standhalten, also streicht sie Lily über den Rücken und sagt: „Das sind gute Neuigkeiten. Mach dir keine Sorgen. Wie ist es mit einem Duft? Kannst du ihn riechen?“ Ich drehe ihr den Rücken zu. „Celeste, gib Lily die Kette.“ Ich bleibe wie angewurzelt stehen und meine Hände greifen nach dem Verschluss, meine Finger zittern. Ich brauche einen Moment, um ihn zu öffnen, aber als ich es geschafft habe, gebe ich sie ihr. Lily, der Anhänger. Mama hilft ihr beim Anlegen und fasst dabei all die ermutigenden und hoffnungsvollen Worte zusammen, die sie mir in der letzten Woche gesagt hat. Plötzlich bin ich nicht mehr da. Ich gehe in die Küche und schlüpfe durch die Hintertür, unfähig, sie dabei zuzusehen, wie sie sich um meine Schwester kümmert. Die Nacht ist im Sommer nicht so kalt, aber der Wind drückt mein Kleid an meinen Körper und hebt den Rock. Ich eile an der Hauswand entlang und bleibe an der vorderen Ecke stehen. Papa wartet ein paar Schritte von der Tür entfernt, die Arme verschränkt, scharrt mit den Füßen im Dreck und blickt zum Horizont. Heute Nacht ist kein Mond. Ich warte so lange, wie es nötig ist, und als endlich jemand erscheint, ziehe ich mich tiefer in die Schatten zurück und beobachte wie ein Geist. Mein Vater begegnet dem fremden Besucher, und das Licht im Haus enthüllt den Mann: unseren zukünftigen Beta. Mein Gesichtsausdruck verfinstert sich, Scham und Abscheu zugleich, denn nicht einmal ein Hauch der Seelenverwandtschaft regt sich in mir. Warum sollte die Göttin sich mit meiner Schwester vereinen, bevor ich es tue? Warum lässt sie mich so unfähig und unerwünscht erscheinen? Licht fällt auf den Boden, als sich die Haustür öffnet. Mein Vater spricht kurz mit unserem Beta, bevor Mutter mit Lily im Arm erscheint. Ich habe alles getan, was Mutter von mir verlangt hat, ich habe seit meiner Geburt danach gestrebt, ihre perfekte Tochter zu sein, und jetzt kann sie mich nicht einmal ansehen. Tränen steigen mir in die Augen und rinnen über meine Wangen. Lily ist die Gefährtin des Beta. Sie sichert unseren Familiennamen. In dem Moment, als der Beta Lilys Hand nimmt, reiße ich mich los und renne zurück. Der Boden ist vom Regen heute Morgen noch nass. Trotzdem trete ich achtsam in Schlammpfützen, ohne mich um meine Schuhe, mein Kleid oder irgendetwas Schönes zu kümmern. Ich gehe zum Wäldchen hinter dem Haus und blicke immer wieder zurück zu meinem Zuhause und seinen warmen, gelben Fenstern wie zu einem nächtlichen Zufluchtsort, aber ich fühle mich unerwünscht. Ich werfe meine Schuhe ab und gehe tiefer in den Wald. Mama hat Lily und mich immer gewarnt, uns von der Rudelgrenze fernzuhalten – unbeanspruchtes Land ist von Halunken und Gesetzlosigkeit heimgesucht –, aber ich verwandle mich, zerreiße mein Kleid und renne direkt darauf zu. Ich habe unser Rudel noch nie verlassen, die Grenze noch nie überschritten, aber ich verspüre ein überwältigendes Bedürfnis, einmal meine eigene Entscheidung zu treffen. Mein kleiner blonder Wolf rennt über die Grenze hinaus ins Unbekannte, angetrieben von einer unerschöpflichen Energie, die mich vorwärts und in keine andere Richtung treibt. Wenn sich meine Muskeln anspannen, drücke ich mich noch fester. Wenn ich heule Ich höre Geräusche aus den Bergen; ich beiße die Zähne zusammen und ignoriere sie. Wenn ich bleibe, werde ich nur bemitleidet, während alle Lily gratulieren, und ich will nicht die Schande meiner Eltern sein, unverheiratet und verachtet; ein gefürchtetes Thema bei Familientreffen, verdammt zu einem demoralisierenden Ruf. Ich fliehe ziellos, lege aber weite Strecken zurück. Stolz wächst in mir, bis ich die Witterung anderer aufnehme. Ein großer Wolf taucht neben mir auf und hält mit mir Schritt. Ich blicke ihn immer wieder an, und ein weiterer Wolf gesellt sich von der anderen Seite zu mir: die Wachen. Die beiden Rüden stürmen vor und zwingen mich zu einem quietschenden Stopp. Ich stolpere und falle zu Boden, während ich einen starken, aber fremden Geruch wahrnehme, als die Wachen mich umzingeln. Einer bellt – eine Aufforderung, die Position zu wechseln –, aber ich kann mich nur auf den Geruch und seine zunehmende Wirkung auf mich konzentrieren, bis die Wölfe von oben herabschleichen und die Zähne fletschen. *** Mein Magen knurrt und rumort unter einem abgetragenen, zerfetzten Männerhemd. Staub und Schmutz kleben am Stoff, sowohl meiner als auch der seiner Vorbesitzer. Es stank zuerst, doch meine Sinne sind verwirrt von der metallischen Feuchtigkeit um mich herum und dem mysteriösen Geruch, der noch immer in der Luft liegt. Das vergitterte Fenster der Zelle ist mein einziger Zeitbezugspunkt; die Morgendämmerung ist noch nicht angebrochen, obwohl sich meine Verhaftung wie Tage anfühlt. Ich sage mir, der Geruch bedeutet nichts, er bedeutet niemandem. Allein der Gedanke an einen weiteren Herzschmerz ist unerträglich. Der einsame Mann neben mir klirrt mit seinen Ketten. Die Wachen haben ihn an die Wand gefesselt, mich aber nicht. „Du solltest besser bereit sein“, sagt er, immer am Reden. „Ich verdiene es.“ Weil er einen von ihnen verletzt hat, aber selbst Hausfriedensbruch wird bestraft. Jeder andere Alpha würde einen Eindringling mit einer Warnung davonkommen lassen, aber nicht Draven. Du hast einen großen Fehler gemacht, hierherzukommen. „Es war nicht meine Absicht“, murmele ich und zeichne mit der Fingerspitze in den Dreck. „Es war ein Unfall, das habe ich doch schon gesagt.“ „Das wirst du büßen. Ich werde sein Territorium wohl nicht mehr verlassen. Er ist skrupellos. Es gibt nicht mehr viele wie ihn, aber sie schützen diesen Ruf. Es funktioniert, nicht wahr? Ich meine, wir sind die einzigen Narren hier.“ Ich sehe den Abtrünnigen an. „Wahrscheinlich, weil der Alpha sich schon um alle anderen gekümmert hat.“ Er nickt, etwas nervös. „Du hast recht. Ich hätte es wissen müssen. Aber dem Alpha ist es egal, ob es ein Unfall war oder nicht; es hat keinen Sinn zu betteln.“
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