Milena~
Ich trete von einem Fuß auf den anderen und umklammere die Tasche mit feuchten Handflächen.
Mama öffnet den Mund, um etwas zu sagen. Meine Seele verlässt fast meinen Körper, aber ich trage meine Fassung zur Schau wie ein elegantes Kleid. „Wo ist dein Gefährte?“, fragt sie, während ihr neugieriger Blick zur Tür wandert, als würde sie erwarten, dass gleich jemand hereinplatzt.
Ich erstarre, als mich das Gewicht ihrer Frage trifft und wie die Rudelglocke in meinem Kopf dröhnt.
Sie fragt nicht nach der Tasche; stattdessen gilt ihre Aufmerksamkeit meinem unbekannten Gefährten. Das ist widerlich. An diesem Punkt wäre es mir lieber gewesen, sie hätte die Tasche angesprochen, denn ihre Frage schnürt mir den Magen zu.
Wie kann es ihr egal sein, ob ihre jüngste Tochter kurz davor steht, eine folgenschwere Entscheidung zu treffen? Wie kann ihre Sorge nur meinem Gefährten gelten?
Einem Mann! … Einem zerstörerischen Wesen!
„Bist du nicht mit ihm nach Hause gekommen?“ Sie reckt den Hals noch weiter.
Ich schnaube und rolle mit den Augen. Offensichtlich nicht.
Ja, die Tradition verlangt es, den Gefährten nach der ersten Verwandlung mit nach Hause zu bringen. Aber ich halte mich nicht an Traditionen.
Ich liebe und genieße meine Willensfreiheit.
Ich räustere mich und wechsele das Thema. „Warum bist du zu Hause?“ Sie sollte eigentlich nicht hier sein.
Niemand sollte hier sein.
„Dein Vater hat unseren Besuch abgesagt. Ihm ist etwas Wichtiges dazwischengekommen.“ Sie klatscht in die Hände, ein Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus, und sie greift nach meinem Arm. „Komm, Mil. Setz dich. Lass uns feiern, bevor dein Vater zurückkommt.“ Mama führt uns zum Esstisch und macht sich dann an der großen Rotweintorte auf dem Tisch zu schaffen.
Mein Fuß trommelt auf dem Marmor, während ich mich an meine Tasche klammere wie an eine beste Freundin; meine Augen starren ununterbrochen zum Ausgang. Es kostet mich alles, nicht aufzustehen und zu fliehen.
Das Schiff, auf das ich steigen will, wird nicht warten.
Und hier sitze ich.
Ich beiße mir auf die Unterlippe und verneige mich vor den Tränen, während ich Mama beobachte. Sie schneidet den Kuchen mit einem warmen Grinsen an und erlebt den besten Moment ihres Lebens, während meine Blase vor Spannung fast platzt, weil ich mein Schiff zu verpassen drohe.
Meine einmalige Karrierechance. Ich habe mir vier Jahre lang jeden Cent vom Munde abgespart, um mein Fahrgeld zusammenzukratzen.
Ich weigere mich, das zu verlieren.
Ich kann nicht.
Ich schieße von meinem Stuhl hoch und nehme mir ein Stück Kuchen. Ich esse es, bevor ich sie in eine Umarmung ziehe. „Der Kuchen schmeckt toll“, flüstere ich und drücke ihr einen Kuss auf die Wange.
Sie will etwas sagen, aber ich drehe mich auf den Versen um und spunkte zur Tür, ohne mich um die Fassungslosigkeit in ihrem Gesicht zu kümmern. Als ich die Tür aufdrücken will, fliegt sie plötzlich auf und kracht gegen mich.
Ich strauchele rückwärts; meine Sicht verschwimmt, während ein stechender Schmerz von meiner Stirn ausstrahlt.
„Umstellt das Haus!“, dröhnt ein Befehl, der mir einen Schauer über den Rücken jagt.
Ich reibe mir die Augen, ländere den Schmerz und erlange meine Sehkraft zurück. Mein Blick fällt auf den grausamen Ausdruck von sechs bulligen Kriegern, die in unser Wohnzimmer eingedrungen sind.
Ein verschlagenes Lächeln zieht eine feine Linie über den Mund des Anführers, als er mich anstarrt.
Mein Herz macht Sprünge in verschiedenen Rhythmen, und ich mache einen zitternden Schritt auf Mama zu und greife nach ihrem Arm. Einer nach dem anderen knurren die Krieger, bevor sie sich uns nähern. Ihre Aura strahlt Raubtierhaftigkeit und Chaos aus.
Das hinterlistige Lächeln des Anführers wird breiter. Er schwingt eine Kettenkugel, als wäre er hier, um einen Streuner einzufangen.
„Beta Blackwood ist nicht zu Hause“, informiert ihn Mama und stellt den Kuchenteller auf den Tisch.
„Wir sind nicht wegen des Betas hier; wir sind wegen deiner Kerko gekommen“, antwortet er und zeigt auf mich.
Meine Brauen ziehen sich zusammen. Mama und ich starren uns entsetzt an.
„Was hast du schon wieder angestellt?“, formt sie lautlos mit den Lippen, während sie mich abschirmt.
„Ich habe keinen Ärger gemacht.“ Ich greife nach den Seiten ihrer Schürze und verstecke mich hinter ihr. Was wollen diese Männer von mir? Ich bin heute nicht in das medizinische Zentrum geschlichen. Ich war seit der letzten Tracht Prügel von zwei Kriegern nicht mehr dort.
Herr Transporteur? Hat er der Menschen-Meute gemeldet, dass ich es gewagt habe, aus dem Rudel zu fliehen?
Hat er mich verraten?
„Du hast kein Recht, eine Verbrecherin zu beschützen. Weich zurück, Frau“, donnerte der Anführer.
„Verzeiht mir. Aber ich muss wissen, warum Ihr mein kostbares Mädchen wollt.“ Mama hält mein Handgelenk fest umschlungen.
Sie zittert. Sie hat Angst. Als Frauen aus dem Hause Blackwood haben wir kein Recht, einen Mann zu hinterfragen, egal ob Gemeiner oder Mächtiger.
Er rümpft die Nase, Abscheu breitet sich auf seinen Zügen aus, als er Mama mustert. „Letzte Warnung“, knurrt er, wirbelt seine Kette und schlägt zu.
Die Eisenkugel landet zu Mamas Füßen und zertrümmert den Marmor. Wir springen zurück und halten uns aneinander fest.
Mein Herz rutscht mir in den Magen und schlägt schneller als bei einem Marathon.
Die Krieger tauschen Blicke aus. Wie aus einem Mund hallt ihr hämisches Lachen von den Wohnzimmerwänden wider.
Heißer Schweiß bildet sich auf meiner Stirn, Tränen steigen in meinen Augen auf. Warum tun sie uns das an?
„Tritt weg von der Verbrecherin.“ Derjenige mit der Kette zieht die Eisenkugel aus dem Marmor und wirbelt sie erneut in der Luft.
„Mil“, flüstert Mama. „Du musst rennen. Bring dich in Sicherheit. Geh und informiere deinen Vater.“
Ich nicke mit dem Kopf. „Ich kann dich nicht hierlassen.“ Tränen laufen mir über die Wangen.
Ich kann nicht rennen. Wenn ich es tue, werden sie Mama töten. Diese Kreaturen sind erbarmungslos. Das Leben einer Frau hat für sie keinen Wert.
„Die Hure will Spielchen mit uns spielen. Holt euch das Mädchen“, befiehlt er.
„Lauf, Mil!“, stößt Mama mich zur Seite.
Ohne Zögern schieße ich wie der Wind auf die Tür zu, halte aber inne, als ich ein grausiges Krachen höre. Dann schreit Mama. Die Schläge ertönen immer und immer wieder, und mit jedem Schlag werden Mamas Schreie zu einem Wimmern.
Die Männer lachen siegreich.
Mein Herz hämmert wild, als ich mich umdrehe. Meine Kehle ist wie zugeschnürt, und meine Worte klingen erstickt. „Mama.“ Vor Angst bildet sich eine Gänsehaut auf meiner Haut, als mein Blick sie trifft. Sie liegt auf der Seite in einer Lache ihres eigenen Blutes und blutet am Kopf.
Die Eisenkugel steckt in der Seite ihres Schädels, ihre Augen sind weit geöffnet und starr. Fort. Ist sie fort? Ist sie…?
Mit wackeligen Beinen sprinte ich los, meine Knie schlagen auf den Boden auf, als ich mit zitternden Händen nach ihr greife. Ihre Brust bewegt sich nicht. Sie haben sie getötet. Monster.
„Verdammt, holt das Mädchen! Alpha Vladimir wartet!“, höre ich den Befehl, aber ich bin zu taub, um mich zu bewegen. Um zu begreifen. Um mich in Sicherheit zu bringen oder zu verstehen.
Mama kann nicht tot sein. Sie hat genug gelitten, ohne jemals etwas von mir zu haben. Sie muss aufwachen. Ich kann nicht…
„Mil.“ Ihre schwache Stimme erwacht zum Leben, ihre zuckende Hand versucht, meine Wange zu berühren.
Sie lebt! Dem Himmel sei Dank. Ich krieche näher; meine Hand schwebt über der Kugel in ihrem Schädel. Damit sie heilen kann, muss ich die Waffe herausziehen.
Obwohl ich Anfängerin in der Medizin bin, kann ich sie retten.
Als ich danach greife, um sie herauszuziehen, halten mich ihre blutroten Finger fest. Ihre Lippen teilen sich und geben mit Blutgerinnseln bedeckte Zähne frei. „Lauf.“ Sie kämpft darum, ein Wort herauszubringen.
„Du… Du blutest stark.“
„Geh. Hol Hilfe—“
„Holt das Mädchen, ihr Idioten“, unterbricht der Anführer, seine Wut ist unüberhörbar.
Seinen Anweisungen folgend, reißt ein Krieger an meinen Haaren und zieht mich über den blutigen Boden.
Ich schreie und trete in die Luft, während ich versuche, mich loszureißen. Der Krieger brüllt und zerrt mich auf die Beine. Meine Kopfhaut brennt unter der Wucht, aber ich protestiere weiter und schlage mit den Fäusten auf seine Schulter ein.
Mamas Zustand ist kritisch. Ich muss sie retten.
Aus Instinkt fahre ich auf den Krieger los und versenke meine Zähne in seiner Brust. Nana knurrt, als sich meine Reißzähne verlängern und sich tiefer eingraben. Kupfriger und warmer metallischer Saft schießt in meinen Mund. Ich schlucke ihn hinunter.
Der verwundete Mann jault auf und lässt los, packt aber meinen Hals. Meine Luftzufuhr wird abgeschnitten, doch ich weiche keinen Schritt zurück. Meine Reißzähne graben sich tiefer ein, halten jedoch inne, als etwas Hartes meinen Hinterkopf trifft.
Ich erstarre. Werde taub. Kein Schmerz, kein Laut, keine Schwäche. Dann kommt es, tröpfelt von meinen Schläfen wie ein kleiner Fluss das Kinn hinab. Blutrot. Warm.
Ich taumele von dem Mann weg, während sich der Boden unter mir bewegt und mein Kopf ins Drehen gerät. Schmerz wallt auf, als der Schlag ein zweites Mal trifft.
Mein Blut gefriert in den Adern. Alles verschwimmt. Das Licht schwindet, während meine Beine unter mir nachgeben.
Ich breche nach vorne zusammen.
Dunkelheit übernimmt die Überhand.