Selena kämpfte gegen den Griff des Mannes an, der sie die große Treppe in Adrians Herrenhaus hinaufführte. Sein Griff war fest, aber nicht grob, als hätte er strikte Anweisungen bekommen, ihr nichts anzutun. Diese Erkenntnis tröstete sie nicht. Sie machte ihr nur umso bewusster, wie viel Kontrolle Adrian über ihre Situation hatte.
Das Herrenhaus war eine Mischung aus altweltlicher Eleganz und modernem Luxus. Kronleuchter funkelten über ihrem Kopf und warfen goldenes Licht auf polierte Marmorböden und kunstvoll verzierte Wände. Aber Selena nahm die Schönheit um sich kaum wahr. Für sie fühlte es sich wie ein Gefängnis an, egal wie vergoldet.
„Lass mich los“, schnappte sie, ihre Stimme schärfer als das Klackern ihrer Absätze auf dem Boden.
Der Mann blieb nicht stehen und sah sie auch nicht an. „Du machst es nur schlimmer für dich selbst, wenn du dich wehrst“, sagte er sachlich.
Selena sträubte sich. „Schlimmer? Eingesperrt in seinem Haus zu sein, ist nicht schlimm genug?“
Der Mann warf ihr einen Blick aus dem Augenwinkel zu, sein Gesichtsausdruck blieb undurchschaubar. „Du glaubst, Adrian ist die größte Gefahr, der du ausgesetzt bist?“
Sie blieb mitten im Schritt stehen und riss ihren Arm frei. „Was soll das heißen?“
Er seufzte und wandte sich ihr ganz zu. „Sieh mal, Lady, Adrian ist nicht gerade für Sanftmut bekannt, aber da draußen gibt es Leute, die dir viel Schlimmeres antun würden. Du weißt gar nicht, in welche Welt du da hineingeraten bist. An deiner Stelle würde ich aufhören zu kämpfen und überlegen, wie ich überlebe.“
Selena funkelte ihn an, ihre Trotzmaske verbarg das Flackern der Angst in ihrer Brust. „Ich werde schon überleben, danke. Ich brauche weder Adrian noch seine Wachen, die mich beschützen.“
„Wie du meinst“, sagte er und zuckte mit den Schultern. „Aber sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.“
Bevor sie antworten konnte, öffnete er eine schwere Tür und bedeutete ihr, einzutreten.
Selena zögerte. Der Raum dahinter war prunkvoll eingerichtet, mit einem Kingsize-Bett, das mit schweren Stoffen drapiert war, einer Sitzecke am großen Fenster und einem Kamin, der ein warmes Licht über den Raum warf. Es war wunderschön, doch erdrückend.
„Rein da“, sagte der Mann, seine Stimme ließ keinen Widerspruch zu.
Langsam und bedacht trat sie ein, als würde sie die Luft nach Fallen absuchen. Der Mann folgte ihr nicht, sondern blieb in der Tür stehen und beobachtete sie mit einer Mischung aus Mitleid und Resignation.
„Schließt die Tür hinter mir ab“, befahl er einem weiteren Wächter, der draußen postiert war. „Und öffnet sie nicht, solange Adrian es nicht sagt.“
Selena drehte sich scharf um. „Ihr könnt mich doch nicht einfach so einsperren!“
Der Blick des Mannes wurde weicher, doch seine Stimme blieb bestimmt. „Doch, können wir. Und wir werden es.“
Die Tür klickte ins Schloss, und das Geräusch des sich drehenden Schlüssels löste eine Welle hilfloser Wut in Selena aus.
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Selena schritt im Raum auf und ab, ihre Frustration wuchs mit jedem Schritt. Sie riss an der Türklinke, klopfte gegen die Tür und trat sogar dagegen, doch sie war massiv und widerstand jeder Kraft.
Ihre Aufmerksamkeit richtete sich auf das Fenster. Es war groß und mit schweren Vorhängen gerahmt, bot einen Blick auf die weitläufigen Gärten darunter. Sie lief hinüber, ihr Herz pochte vor Hoffnung und Entschlossenheit.
Das Fenster öffnete sich, aber nur ein Spalt. Hinter dem dekorativen Rahmen verbargen sich Eisenstäbe, die jede Flucht unmöglich machten.
„Natürlich“, murmelte sie bitter.
Unbeirrt begann Selena, den Raum nach etwas Brauchbarem abzusuchen. Sie durchwühlte Schubladen, Regale und sogar die Kaminwerkzeuge. Wenn Adrian glaubte, sie wie ein hilfloses Opfer einsperren zu können, hatte er sich geschnitten.
Sie untersuchte gerade die Fensterbänder, als hinter ihr die Tür quietschend aufging.
„Wieder Fluchtversuch, Selena?“
Die tiefe, vertraute Stimme jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Langsam drehte sie sich um und sah Adrian im Türrahmen stehen, sein maßgeschneiderter Anzug trotz der späten Stunde makellos. Seine dunklen Augen bohrten sich gefährlich in ihre.
„Was willst du?“ verlangte sie, straffte den Rücken.
Adrian trat in den Raum und schloss die Tür hinter sich. Er antwortete nicht sofort, sondern blickte zum offenen Fenster.
„Du hast wirklich gedacht, du kommst so hier raus?“ fragte er spöttisch. „Ich hatte mehr Einfallsreichtum von dir erwartet.“
Selena verschränkte die Arme und funkelte ihn an. „Was soll das Ganze, Adrian? Mich einsperren, deine Spiele spielen – das ist erbärmlich.“
Adrians Miene verhärtete sich, das Spottlächeln wich etwas Kälterem. „Erbärmlich? Das ist reichlich von jemandem, der wie ein Feigling weggelaufen ist.“
Ihr Kiefer spannte sich an. „Ich hatte meine Gründe.“
„Oh, da bin ich mir sicher“, sagte er und kam einen Schritt näher. „Aber du dachtest wohl nicht, dass diese Gründe es wert sind, sie mir zu erklären, oder? Nein, du bist einfach verschwunden und hast mich zurückgelassen, um den Scherbenhaufen aufzuräumen.“
Selenas Herz schmerzte bei der Bitterkeit in seiner Stimme, doch sie ließ sich nichts anmerken. „Du hättest es nicht verstanden.“
„Versuch’s mal“, forderte er heraus, seine Stimme gefährlich leise.
Sie zögerte, ihr Verstand raste. Wie sollte sie erklären, ohne zu viel preiszugeben? Adrian war immer scharf gewesen, und sie wusste, er würde nicht ruhen, bis er alle Antworten hatte.
„Warum ist das wichtig?“ entgegnete sie ausweichend. „Du hast dir dein Urteil über mich schon gebildet.“
Adrians Augen verengten sich. „Spiel keine Spiele mit mir, Selena. Du bist nicht so gut darin, wie du denkst.“
Ihr Temperament flammte auf, und sie trat einen Schritt vor, den Finger drohend erhoben. „Und du bist nichts als ein machthungriger Kontrollfreak! Du glaubst, du kannst alle um dich herum manipulieren, aber du bist nicht besser als die Leute, die du verachtest.“
Seine Hand fuhr heraus, griff ihr Handgelenk und zog sie näher. Sie keuchte, doch er ließ nicht los, sein Griff war fest, aber nicht schmerzhaft.
„Du hältst mich für besessen von Macht?“ fragte er mit gefährlichem Flüstern. „Vielleicht bin ich das. Aber wenigstens bin ich ehrlich damit. Und du, Selena? Vor wem oder was rennst du?“
Ihre Augen weiteten sich, doch sie maskierte das Erschrecken schnell mit Wut. „Lass mich los“, forderte sie, ihre Stimme zitterte.
Adrian ließ sie los, doch die Intensität in seinem Blick blieb. „Du kannst mich hassen, so viel du willst, Selena. Aber vergiss nicht – du bist hier wegen deiner Entscheidungen.“
Sie wandte sich ab, die Fäuste geballt. „Du weißt nichts über meine Entscheidungen.“
„Vielleicht nicht“, gab er zu, „aber eines weiß ich: Du findest draußen nicht, wonach du suchst.“
Sie wirbelte herum, die Augen voller Feuer. „Und was genau suche ich, Adrian?“
„Freiheit“, antwortete er schlicht.
Das Wort hing schwer zwischen ihnen in der Luft. Selinas Entschlossenheit wankte, doch sie fasste sich schnell wieder.
„Ich werde sie finden“, sagte sie mit fester Stimme. „Mit oder ohne deine Erlaubnis.“
Adrians Lippen zuckten zu einem schwachen, humorlosen Lächeln. „Viel Glück dabei.“
Er drehte sich um und ging zur Tür, hielt inne, bevor er sie öffnete. „Noch eins, Selena“, sagte er ohne sich umzudrehen. „Wenn du noch einmal versuchst zu fliehen, werde ich nicht so gnädig sein.“
Die Tür fiel ins Schloss, und Selena sank ans Bett, während ihr Kopf raste.
Adrian hatte mit einer Sache Recht – Freiheit würde ihr nicht leicht fallen. Aber sie würde nicht aufhören zu kämpfen. Nicht für ihn, nicht für irgendjemanden.
Und was die Gefahren anging, auf die er anspielte, wusste Selena, dass sie herausfinden musste, was sie waren, bevor sie sie fanden.