Vier

1900 Words
Ralf umklammerte das Lenkrad fester als sonst, seine Knöchel wurden weiß, während er die dunkle, einsame Straße entlangraste. Er war bereits zu spät zu seinem Termin. Es war ein wichtiger – einer, den er sich nicht leisten konnte zu verpassen. Deshalb hatte er sich zum ersten Mal seit Jahren erlaubt, das Tempolimit zu überschreiten. Jeder macht das, redete er sich ein, doch das ungute Gefühl in der Magengrube wollte nicht verschwinden. Seine Freunde, Kollegen und sogar sein Bruder prahlten oft damit, zu schnell zu fahren, lachten darüber, dass nie etwas passierte. Sie kamen schneller ans Ziel, und es gab keine Konsequenzen. Doch Ralf hatte sich immer darauf etwas eingebildet, ein vorsichtiger Fahrer zu sein. Er hielt sich gern an Regeln, blieb innerhalb der Grenzen. Heute jedoch war alles anders. Nur dieses eine Mal, dachte er, während er das Gaspedal stärker durchtrat, als er um die Kurve fuhr. Die Biegung kam schneller, als er erwartet hatte. Für einen Moment packte ihn die Panik, und sein Blick huschte von der Straße zum Armaturenbrett. Sein Herz hämmerte in der Brust, während er fahrig überlegte, welches Pedal er treten musste – Bremse oder Gas? Bremse! Es ist die Bremse! Doch der Gedanke kam zu spät. Seine Finger zuckten, sein Fuß zögerte, und bevor er reagieren konnte, krachte es ohrenbetäubend. Sein Truck prallte gegen etwas – nein, gegen jemanden – und das Geräusch von splitterndem Glas erfüllte die Luft. Das Auto vor ihm drehte sich unkontrolliert, schleuderte über die Straße, bevor es am Rand zum Stehen kam. Ralf stockte der Atem, und für einen Moment schien die Welt um ihn herum stillzustehen. Sein Herz pochte in seinen Ohren, während er reglos dasaß, die Hände noch immer fest um das Lenkrad gekrallt, und auf das Wrack vor sich starrte. Oh Gott, was habe ich getan? Sein Mund wurde trocken, kalter Schweiß brach ihm auf der Stirn aus. Er wollte nicht hinsehen, wollte den Schaden nicht sehen, den er angerichtet hatte. Doch er konnte nicht im Truck sitzen bleiben, konnte nicht so tun, als wäre nichts geschehen. Langsam, mit zitternden Bewegungen, löste er den Sicherheitsgurt und stieß die Tür auf. Die kalte Nachtluft biss ihm in die Haut, doch Ralf nahm es kaum wahr. Seine Beine fühlten sich schwach an, als er auf das zerstörte Auto zutorkelte. Das Knirschen von Glasscherben unter seinen Schuhen hallte in der nächtlichen Stille wider. Sein Herz schlug schmerzhaft, als er sich der Fahrerseite näherte. Als er ins Innere blickte, zog sich ihm der Magen zusammen. Dort, über das Lenkrad gesunken, lag eine Frau. Ihr Haar war wirr, Blut verschmierte ihr blasses Gesicht. Sie bewegte sich nicht. Ihre Augen waren geschlossen, ihr Körper schlaff – sie sah leblos aus. Oh nein, nein, nein … Er wich zurück, die Hände zitternd. Das hätte nicht passieren dürfen. Er war nur zu spät zu einem Termin gewesen. Er hatte nur versucht, Zeit aufzuholen. Aber jetzt … jetzt lag da ein Körper. Eine Frau, tot – wegen ihm. Ralfs Gedanken überschlugen sich, Panik packte ihn mit jeder vergehenden Sekunde fester. Er blickte sich um, sein Atem ging flach und hastig. Die Straße war leer, unheimlich still. Keine Zeugen, keine vorbeifahrenden Autos. Es war noch dunkel, und niemand hatte ihn gesehen. Für einen kurzen Moment dachte er daran, die Polizei zu rufen, das Richtige zu tun. Doch dann traf ihn die Realität mit voller Wucht – wenn er das tat, wäre sein Leben vorbei. Er würde alles verlieren. Seinen Job, seine Familie, seinen Ruf – alles wäre zerstört. Die Frau im Auto war tot. Es gab nichts mehr zu retten, nichts rückgängig zu machen. Aber wenn er jetzt ging, wenn er einfach wieder in seinen Truck stieg und davonfuhr, würde niemand je erfahren, dass er es gewesen war. Das kannst du nicht tun. Das ist falsch. Sie ist tot. Sie verdient Gerechtigkeit. Doch eine andere Stimme flüsterte in seinem Kopf, lauter, eindringlicher. Wenn du zur Polizei gehst, verlierst du alles. Du kommst ins Gefängnis. Du wirst deine Kinder nie wiedersehen. Deine Frau wird dich verlassen. Dein Leben ist vorbei. Er stand da, hin- und hergerissen zwischen Schuld und Angst. Das Gesicht der toten Frau verfolgte ihn, doch die Vorstellung, sein Leben zu verlieren, so wie er es kannte, jagte ihm noch größere Angst ein. Dann schlich sich ein Gedanke in seinen Kopf. Es war dunkel. Die Straße war leer. Niemand hatte ihn gesehen. Wenn er das Auto bewegte, wenn er es über den Abhang schob, würde niemand je erfahren, was wirklich passiert war. Es würde wie ein Unfall aussehen – als hätte die Frau die Kontrolle verloren. Und er wäre frei. Sein Herz hämmerte, das Blut rauschte in seinen Ohren. Er wusste, dass es falsch war – er wusste es –, doch der Gedanke, alles zu verlieren, war unerträglich. Er konnte es nicht. Nicht nach allem, wofür er gearbeitet hatte, nicht nach allem, was er sich aufgebaut hatte. Mit zitternden Händen ging er auf das zerstörte Auto zu, sein Kopf voller wirrer Gedanken. Ein letztes Mal sah er sich um, vergewisserte sich, dass niemand kam, dass niemand zusah. Die Straße war noch immer leer. Die Nacht gehörte ihm. Vorsichtig legte er die Hände an das Heck des Wagens und begann zu schieben. Die Räder knarrten, das Metall ächzte, und langsam setzte sich das Auto in Bewegung. Der Abhang fiel steil und tückisch ab. Ralf biss die Zähne zusammen und drückte stärker, spürte, wie sich das Gewicht verlagerte. Die Schwerkraft übernahm, und mit einem letzten Stoß kippte das Auto über die Kante. Er sah zu, wie es den Hang hinabstürzte, gegen Bäume und Büsche prallte, die Scheinwerfer flackerten, bis sie schließlich erloschen. Das Krachen von Metall auf Erde hallte durch die Dunkelheit, dann kehrte Stille ein. Ralf blieb stehen, wie erstarrt, seine Brust hob und senkte sich schwer. Das Auto war verschwunden, verschluckt von den Schatten der Bäume unterhalb. Er konnte es nicht mehr sehen. Und mit ihm war auch der Beweis für seine Tat verschwunden. Für einen Moment überkam ihn eine Welle der Erleichterung. Es war getan. Er hatte es getan. Niemand würde je davon erfahren. Doch diese Erleichterung wich schnell einem widerwärtigen Gefühl aus Schuld und Angst. Er hatte ein Auto – mit dem Körper einer Frau darin – über den Abhang gestoßen. Er hatte seine Tat vertuscht, jede Spur seiner Beteiligung ausgelöscht. Und nun, während er in der Stille der Nacht stand, begann das Ausmaß dessen, was er getan hatte, in ihn einzusickern. Du bist ein Monster, flüsterte sein Gewissen. Doch er schüttelte den Gedanken ab. Er hatte getan, was er tun musste. Er hatte keine Wahl gehabt. Er drehte sich um und eilte zurück zu seinem Truck, die Hände noch immer zitternd. Als er sich auf den Fahrersitz setzte, hörte er noch immer das Krachen von Metall, sah noch immer das leblose Gesicht der Frau vor sich. Sein Herz raste, als er vom Unfallort davonfuhr, schneller als zuvor. Sein Blick huschte zum Rückspiegel, halb erwartend, die Polizei hinter sich zu sehen – doch da war nichts. Die Nacht verschluckte die Straße hinter ihm, und bald war es, als hätte es den Unfall nie gegeben. Isabella spürte plötzlich einen Ruck, eine kalte Hand auf ihrer Haut. Ihre Augenlider flatterten schwach, kämpften darum, sich zu öffnen, und für einen Moment glaubte – hoffte – sie, gerettet zu werden. Diese flüchtige Berührung reichte aus, um sie vom Rand der Bewusstlosigkeit zurückzuziehen. Jemand ist hier, dachte sie, ihr Geist klammerte sich an die Hoffnung. Mir wird es gut gehen. Sie versuchte, sich zu bewegen, versuchte den Mund zu öffnen, um um Hilfe zu rufen, doch ihr Körper gehorchte ihr nicht. Ihre Muskeln waren steif, ihre Glieder schwer, aber in ihrem Herzen hielt sie an dem Gedanken fest, dass jemand sie gefunden hatte. Ihr Verstand raste, während sie gegen den betäubenden Nebel ankämpfte. Die Hand zog sich zurück, und sie hörte leise Schritte, das Rascheln von jemandem, der sich um das Auto bewegte. Bitte … Sie versuchte zu schreien, doch kein Laut kam über ihre Lippen. Ihr Hals fühlte sich an wie Schmirgelpapier, trocken und wund. Panik krallte sich in ihr Inneres, doch sie konnte ihren Körper nicht dazu zwingen zu reagieren. Sie war gefangen in ihrer eigenen Haut, hilflos. Einen Moment lang war die Welt still. Sie hörte den Wind draußen, das ferne Summen der Straße und das rhythmische Klicken ihres Autos, das nach dem Aufprall abkühlte. Sie wartete auf etwas – darauf, dass diese Person die Tür öffnete, sie aus dem Wrack zog, sie rettete. Doch nichts geschah. Sekunden vergingen, vielleicht Minuten. Zeit war bedeutungslos in ihrem benebelten Zustand, doch diese Berührung – wer auch immer es gewesen war – war verschwunden. Sie spitzte die Ohren, versuchte, irgendein Geräusch aufzufangen, doch alles, was sie hörte, war Stille. Eine Stille, die von allen Seiten auf sie eindrang und jede verbliebene Hoffnung verschlang. Warum haben sie mich allein gelassen? Der Gedanke traf sie kalt und grausam. Ihr Herz hämmerte, als die Erkenntnis einsickerte. Sie wurde nicht gerettet. Wer auch immer dort gewesen war, kam nicht zurück. Ihr Inneres schrie angesichts der Ungerechtigkeit. Sie war so nah gewesen, nur einen Atemzug von der Sicherheit entfernt, und doch war sie ihr entrissen worden – genau wie alles andere. Plötzlich verschob sich ihre Welt. Es gab ein leises Stöhnen von Metall, dann ein tiefes, unheimliches Knarren. Das Auto. Das Auto bewegte sich. Zunächst nur kaum spürbar in ihrem desorientierten Zustand, doch dann wurde die Bewegung deutlicher. Sie fühlte, wie sich der Wagen neigte, wie sich das Gewicht auf eine Seite verlagerte – und dann begann er zu rollen. Nein … nein, nein, nein! Ihr Geist schrie auf, als das Fahrzeug nach vorne ruckte und an Geschwindigkeit gewann. Ihr Herz schlug gegen ihre Rippen, ihr Atem ging nun hektisch, während das Auto schneller wurde. Es war, als würde sich die Welt drehen, sich jeder Kontrolle entziehen. Das passiert nicht … sagte sie sich und klammerte sich an die letzten Fäden ihres Bewusstseins. Die Bewegung war brutal. Das Auto rumpelte über Felsen und unebenes Gelände, und sie wurde in ihrem Sitz hin- und hergeschleudert. Ihr Kopf schlug gegen die Scheibe, der Schmerz riss sie für einen Moment in ihren Körper zurück, doch es half nichts. Sie war dem Wagen ausgeliefert, unfähig, ihn aufzuhalten. Ihr Geist war erfüllt von roher, ursprünglicher Angst. Sie konnte nicht sehen, wohin das Auto fuhr, aber sie konnte es fühlen – das Gefälle, das Gefühl des Fallens. Ich werde sterben. Der Gedanke brach wie eine Welle über sie herein und riss sie mit sich. Sie spürte, wie sich das Auto einmal überschlug, dann ein zweites Mal, bevor alles zu einem chaotischen Wirbel aus Bewegung wurde. Das Krachen von Metall, das Splittern von Glas erfüllte ihre Ohren, und alles, was sie tun konnte, war es zu ertragen. Die Schwerelosigkeit, das Gefühl, wie eine Stoffpuppe herumgeschleudert zu werden, erfüllte sie mit blankem Entsetzen. Schließlich kam das Auto zum Stillstand – kopfüber, zwischen zwei Bäumen eingeklemmt. Isabellas Welt drehte sich, ihre Sicht verdunkelte sich. Ihr Körper war gebrochen, voller Prellungen, und ihr Geist glitt erneut davon. Sie hing im Sicherheitsgurt, das Gewicht ihres Körpers zog an dem Gurt. Blut rann ihr von der Stirn, brannte in ihren Augen, doch sie spürte es kaum noch. Das kann nicht das Ende sein, dachte sie schwach. Doch ihr Körper verriet sie, und sie fühlte, wie sie wieder abdriftete, wie die Welt in Schwarz versank, während ihr Geist dem Unvermeidlichen nachgab.
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