»Wie? Wie meinen Sie das!« rief Uhlenkort erregt.
Tredrup warf einen Blick in die Runde und drückte den Finger auf den Mund.
»Nun, Herr Obermoser«, wandte er sich an den eintretenden Wirt, »wollen Sie frischen Anstich melden?«
»Nein, Herr Tredrup«, sagte der Wirt, »es ist jemand draußen, der Sie sprechen möchte.«
Bei diesen Worten machte er ein kaum merkliches Zeichen ... Polizei.
Tredrup stutzte einen Augenblick, dann ging er mit dem Wirt zur Tür.
Durch die geöffnete Tür trat jener schwarze Gentleman, der mit Guy Rouse und dann später mit Juanita gesprochen hatte. Er murmelte ein paar undeutliche Worte und fragte dann: »Sind Sie Herr Klaus Tredrup?«
»Klaus Tredrup! Sie wünschen?«
»Ich bin beauftragt, Ihnen dieses zu überreichen.«
Mit einer leichten Verneigung verließ der Beamte den Raum.
Verwundert betrachtete Tredrup den zusammengefalteten Zettel. Ein Zirkusprogramm? Er trat unter die Lampe, entfaltete das Papier und begann zu lesen, was auf der Rückseite geschrieben stand. Es war eine kurze Notiz, in spanischer Sprache geschrieben.
Tredrup wendete das Blatt hin und her. Es zitterte in seiner Hand. Er besah es von allen Seiten, und seine Augen kehrten zu den wenigen Zeilen zurück. Wieder glitten seine Blicke über den Text. Dann ließ er das Blatt sinken und stand starr, wie geistesabwesend.
Bilder schienen an ihm vorüberzuziehen. Der Kanal ... der Kanal von Panama ... das kleine Montegna ... Juanita ... und da war Guy Rouse ... Guy Rouse ...
Seine Rechte ballte sich zur Faust. Ein tiefes Atemholen, dann gab er sich einen Ruck. Mit langsamen Schritten kehrte er an seinen Platz zurück.
Uhlenkort hatte mit Staunen und Teilnahme die kurze Szene beobachtet.
»Bekamen Sie eine unangenehme Nachricht, Herr Tredrup?«
Tredrup schob ihm das Blatt zu.
Die wenigen auf der Rückseite des Programms gekritzelten Worte lauteten:
›Hüte dich! Denke an Montegna!‹ Ein einfaches J war die Unterschrift.
»Ihnen droht eine Gefahr, Herr Tredrup. Kann ich Ihnen nützlich sein? Soweit es in meinen Kräften steht, stelle ich mich Ihnen zur Verfügung.«
Tredrup richtete sich auf, wie aus einem schweren Traum erwachend.
»Eine kurze Geschichte ... wie sie in der Welt tausendmal passiert. Ich war bei den Arbeiten am Panamakanal tätig. Ich war wie hier Ingenieur ... Mineningenieur bei den großen Bohrungen.«
Uhlenkort merkte auf und sah ihn mit gesteigertem Interesse an.
»Sie waren auch bei den großen Bohrungen am Panamakanal mit tätig?«
Tredrup nickte.
»Zwei Jahre war ich da unten und wäre heute noch da, wenn nicht eben diese kleine Geschichte seinerzeit passiert wäre.«
Er schob seinen Krug beiseite und rückte näher an den Tisch heran.
»Ja, da war ich ... und da war ein alter Mann, ein Mexikaner ... ein Bohrmeister aus meiner Abteilung, und da war dessen Tochter ... Juanita. Auch außerhalb der Arbeitsstunden kam ich häufig mit dem alten Alameda zusammen. Kam auch in sein Häuschen, das ein paar Kilometer von der Kanalstrecke landeinwärts lag und das er mit seiner Tochter Juanita zusammen bewohnte.
Juanita war damals achtzehn Jahre ... Was soll ich Ihnen weiter sagen ... Schön und rein wie der junge Morgen. Wir liebten uns! ... Ja, wir liebten uns ...«
Ein kurzes ironisches Lachen verzerrte seinen Mund.
»Liebten uns, bis er kam ... er ... dieser Rouse. Der große Rouse! ... Sie kennen ihn ...«
»Mr. Guy Rouse!« Walter Uhlenkort beugte sich weit vornüber ... »Rouse, der Präsident der neuen Kanalgesellschaft?«
»Derselbe ... Seine Leidenschaft beschränkt sich nicht auf seine Milliarden allein. Sie kennen ihn? ... Seine faszinierende Person! Seine Gabe, sich jedes Wesen gefügig zu machen, das er irgendwie zu gebrauchen gedenkt, versagte auch hier nicht. Wie er es fertigbrachte ...?
Er brachte es fertig ... Eines Tages war Juanita verschwunden, ohne ein Lebenszeichen zu hinterlassen. Alle, die sie kannten, waren ratlos. Ihr Vater, der alte Pedro Alameda, war verzweifelt. Man dachte an einen Unglücksfall. Es bot sich damals in den Sprengfeldern des Kanalgebietes mehr als eine Gelegenheit dazu.
Ich allein ahnte sofort, was geschehen war! Die Nachforschungen, die ich im geheimen anstellte, bestätigten es. Sie war ein Opfer von Guy Rouse geworden.
Ich versuchte zu ihm vorzudringen. Es gelang nicht. Ich stellte ihn auf der Straße, als er in seinen Kraftwagen steigen wollte. Ich sagte ihm die Wahrheit ins Gesicht. Er leugnete ... lächelnd.
Dies Lächeln brachte mich zur Raserei. Ich schlug zu, mitten in das Lächeln hinein. Er taumelte.
Ich floh! ... Nicht aus Furcht ... Juanita wollte ich suchen ... Ich fand sie bald, er hatte sie nicht versteckt, wie ich glaubte ... nein! Ich fand sie an seiner Seite als große Weltdame. Seine Geldmacht genügte auch hier, um alle Mäuler verstummen zu lassen. Ich sah sie als seine Begleiterin bei Festen, umschwärmt von einer Schar von Verehrern aus den besten Kreisen ... lachend und froh ...
Ich gab sie auf ... Weg von allem, was an Juanita erinnern konnte ... Am Tschadsee konnte man Leute wie mich gebrauchen, und mir kam es gelegen. Ich war der Welt reichlich müde. Die Enttäuschung war zu niederschmetternd gewesen.
Seit drei Jahren sitze ich nun an dem verteufelten Schacht, komme selten mal weg von da, nach Timbuktu meistenteils ... glaubte vergessen zu haben, glaubte auch mich vergessen ... und jetzt. Da!«
Er schlug auf das Blatt.
Uhlenkort antwortete: »Wenn ich richtig vermute, sind Juanita und Guy Rouse hier in Timbuktu. Sie haben Sie gesehen. Die Warnung kommt von Juanita. Was werden Sie tun?«
»Ich werde ... Ich weiß noch nicht! ... Erst klaren Kopf ... den werde ich morgen früh haben ... Gehen wir jetzt?«
»Ich bin bereit! Ich wohne im Hotel Astoria. Und Sie?«
»Nicht weit davon ... In dem Millerschen Boardinghouse. Wir haben denselben Weg.«
Draußen empfing sie die Kühle der Nacht. Tredrup zog seinen Hut und strich sich durch das volle Blondhaar.
Ihr Weg führte über die breite Esplanade, die sich vom kaiserlichen Schloß nach dem Augustus-Park hinzog.
Neue Nachrichten des Pressedienstes. Die Riesenfront des Astoria-Hotels schien in Flammen zu stehen. In allen wichtigen Weltsprachen flackerten die Nachrichten in Leuchtschrift über die Fassade.
›Paris, den 18. März, 8 Uhr abends. Krawalle vor der amerikanischen Botschaft. Polizei vermochte nur mit Mühe die erregte Menge am Eindringen zu verhindern. Deputierte aus der Normandie und der Bretagne halten aufreizende Reden an die Massen. Verlangen Übersendung scharfer Protestnote an die USA wegen der geplanten Sprengungen.‹
›Bern, den 18. März, 8 Uhr 25 Min. abends. Die Sitzung des europäischen Parlaments beginnt morgen vormittag um 11 Uhr.‹
›New York, 2 Uhr 30 Min. amerikanischer Zeit. Die Aktien der New Canal Cy. fielen an der Nachtbörse um zehn Punkte.‹
Das Licht erlosch.
»Na, allerhand Neues.«
»Aber wenig Schönes.«
»Jedenfalls nichts vom Augustus-Schacht. Vielleicht war es eine Ente mit der Feier des sechsten Kilometers. Gute Nacht, Herr Uhlenkort. Es bleibt bei unserer Verabredung.«
»Jawohl, hier oder in Mineapolis!«
*
Im Arbeitskabinett des Kaisers saßen der amerikanische Botschafter Mr. Bowden und Guy Rouse am Teetisch. Augustus Salvator stand am Schreibtisch, über eine Karte gebeugt, einen kleinen Zirkel in der Hand.
»Der Plan Ihrer Admiralität wäre nicht übel, wenn nicht ...«
Bei diesen Worten richtete er sich auf und ging auf die beiden Amerikaner zu.
»... wenn nicht ein Faktor außer acht gelassen wäre, den ich allein und der Chef meines Stabes kennen ... immerhin ist der Plan der Beachtung wert. Auch liegt mir an dem guten Willen, den Ihre Regierung meinen Absichten entgegenbringt. Der Krieg mit Südafrika ist unvermeidlich, wird unvermeidlich, meine Herren, wenn – beachten Sie, ich sage wenn, denn – ich werde ihn zu vermeiden suchen. Wenn die Südafrikanische Union mir in der Eingeborenenfrage jedoch nicht nachgibt, ich will sagen, nicht entgegenkommt ... Die Unterstützung Ihrerseits durch Kaper-U-Boote ist zweifellos nicht bedeutungslos. Die wenigen und leider noch wenig bewehrten Seehäfen meines Landes werden durch euro ... feindliche ...«
Mit leichtem Hüsteln unterbrach er die Rede »... Blockade lahmgelegt.«
Sein Blick flog über den Botschafter hinweg und blieb auf Guy Rouse ruhen.
Der Amerikaner lag halb zurückgelehnt im Sessel. Jetzt richtete er sich aus seiner nachlässigen Stellung empor.
»Europäische Blockade, Sire? Sollte Europa sich offen an die Seite Südafrikas stellen?«
Der Kaiser nickte mit einer energischen Kopfbewegung.
»Der Friede von Bern war kein Friede. Er beendete nur die offenen Feindseligkeiten. Durch den engen Anschluß Südafrikas an Europa ist der Kriegszustand nur latent geworden. Die Unterstützung seitens Amerikas allein durch Kaper-U-Boote genügt mir nicht. Die von mir bei amerikanischen Werften bestellten U-Kreuzer kommen viel zu langsam zur Ablieferung. Auch die Personalfrage ist nicht einfach. Ich habe in meinem Land nicht genügend technisch ausgebildete Leute. Von meiner Admiralität laufen fortwährend Beschwerden ein, daß unter den angeworbenen Amerikanern viel schlechtes Material ist. Besonders heikel ist die Kommandantenfrage. Bei dem Überfluß, den Sie drüben an solchen Männern haben, müßte eine energische Einwirkung Ihrerseits besseren Erfolg zeitigen.«
Mr. Rouse zog es vor, nicht zu sagen, was er dachte.
Der Kaiser fuhr fort: »... Können Sie mir da nicht zweckmäßige Vorschläge machen?«
Sein Blick ruhte auf Mr. Bowden. Der richtete sich mit verlegenem Räuspern auf.
»Hm! ... Bei der allgemeinen Volksstimmung, Majestät ...«
»Volksstimmung! ... Was heißt Volksstimmung? Ist Ihre Regierung abhängig von der Volksstimmung?«
Der Botschafter wiegte verlegen den Kopf.
»Was sagen Sie, Mr. Rouse?«
»Sire! Die Regierung trifft ihre Maßnahmen völlig unabhängig von der Volksstimmung. Aber wir haben keinen Einfluß auf die Gesinnung unseres Seeoffizierskorps.«
»Gestatten, Euer Majestät, daß ich mich ganz offen ausspreche. Das Offizierkorps im ganzen steht einer Unterstützung des schwarzen Afrika gegen das weiße Europa nicht sympathisch gegenüber ...«
Augustus Salvator zog die Brauen zusammen.
»Hm! So, so! Was ist da zu tun?«
Guy Rouse lächelte. »Nur ein Mittel gibt's! Das Allheilmittel Geld! Sire, verdoppeln ... verdreifachen Sie die Gage, und Sie werden haben, was Sie brauchen.«
»Glauben Sie?« Der Kaiser schaute den Amerikaner prüfend an.
Guy Rouse machte eine wegwerfende Handbewegung.
»Irgendwer prägte mal im Altertum den Satz, daß ein goldbeladener Esel über die höchsten Mauern kommt. Ich persönlich habe bis jetzt jedes Vorurteil, auch das der Ehrlichkeit, die doch schließlich auch nur ein Vorurteil ist, durch Gold überwunden.«
Der Kaiser lachte.
»Gut, Mr. Rouse! Die nötigen Offiziere und Mannschaften hätte ich sonach. Fehlen jetzt nur noch die Boote! Hilft uns Ihr Mittel auch da?«
»Auch da, Majestät!« erwiderte Guy Rouse mit kalter Miene. »Es bedarf nur der gehörigen Dosis.«
»Daran soll es nicht fehlen! Wem ist das Mittel beizubringen? Welche Wirkung wird es haben?«
Mr. Rouse überlegte mehrere Sekunden. Dann sprach er langsam, sorgfältig jedes Wort abwägend:
»Bei den täglichen großen Fortschritten im U-Boot-Bau dürfte ein großer Teil unserer Staatsflotte veraltet sein. Es liegt im Interesse der Nation« – hier warf er einen kurzen Blick zu dem Botschafter hin –, »das veraltete Material durch neues zu ersetzen. Im Interesse der Staatsfinanzen liegt es, das auszurangierende Material nicht einfach abzuwracken, sondern vorteilhaft zu verwerten. Interessenten, die diese Boote für Handelszwecke umbauen, werden sich wohl finden, aber nicht viel bieten. Euer Majestät würden als Interessent voraussichtlich das Höchstgebot abgeben.«
»Wahrscheinlich!« Der Kaiser nickte. »Was sagen Sie zu dem Vorschlag, Herr Botschafter?«
Mr. Bowden wand sich hin und her.
»Ich kann es nicht unterlassen, Euer Majestät nochmals auf die allgemeine Volksstimmung bei uns aufmerksam zu machen, auch auf die voraussichtlich unvermeidbaren außenpolitischen Schwierigkeiten ...«
Guy Rouse und Augustus Salvator wechselten einen Blick.
Der Amerikaner drehte spielerisch einen kleinen goldenen Schreibstift in den Fingern.
»Die Bedenken Mr. Bowdens sind leicht zu zerstreuen. Die New Canal Cy. wird zweifellos in Zukunft auch das Reedereigeschäft betreiben und würde versuchsweise große U-Kreuzer kaufen ... Sollte sich das Geschäft nicht als nutzbringend erweisen, würde die Company die Hände wieder herausziehen.«
Die Blicke des Kaisers hafteten an der lächelnden Miene des Amerikaners.
»Sie würden die Boote dann vielleicht sogar mit Aufschlag verkaufen?«
»Majestät! Ich habe die Interessen meiner Gesellschaft zu wahren. Ich bin sicher, daß sich sehr kapitalkräftige Interessenten finden werden, die einen Aufschlag von hundert Prozent nicht scheuen würden!«
»Gut, Mr. Rouse! Sie sind ein kluger Geschäftsmann. Die Stellung als Finanzminister bei mir bleibt Ihnen jederzeit vorbehalten.«
»Ich danke Euer Majestät für diese Anerkennung. Ließen mich meine Interessen in den Staaten frei, würde es mir eine Ehre sein ... Als vorsichtiger Geschäftsmann möchte ich nicht unterlassen, auf den anderen Weg hinzuweisen, auf dem unsere gegenseitigen Handelsbeziehungen sich zeitweise abspielen. Ich meine die Eisenbahnlinien durch die arabischen Nordstaaten.«
»Vorläufig, Mr. Rouse, geht das. Im Kriegsfall würde das Loch bei Gibraltar sehr eng werden. Die Verbindungen über den Atlas sind zu spärlich. Die Verhandlung mit Südafrika über die vollständige Gleichberechtigung der schwarzen und weißen Rasse schleppen sich ungebührlich lange hin. Sie würden schneller gehen und zu einem guten Abschluß kommen, wenn Ihre Vorschläge, Mr. Rouse, realisiert sein werden. Könnte die Angelegenheit nicht noch beschleunigt werden?«
Mr. Rouse schien zu überlegen, an den Fingern zu rechnen, zu überschlagen.
»Ich denke, Majestät, in vier Monaten bei hundert Prozent, in drei Monaten bei zweihundert Prozent.«
»Sagen wir lieber in zwei Monaten bei zweihundert Prozent!«
Mr. Rouse schien in Gedanken eine neue Berechnung aufzustellen.
»Well! Das Geschäft ist gemacht ...«
»Well!« echote der Kaiser. »Sie sind ein guter, ein außerordentlich guter Geschäftsmann. Die Zeche wird für meine Gegner immer höher.«
Mr. Rouse zuckte die Achseln.
»Business is business, Majestät!«
Augustus Salvator erhob sich, ein Zeichen, daß die Unterredung beendet sei. Er ging auf den Botschafter zu und drückte ihm die Hand. Während dieser der Tür zuschritt, verabschiedete sich der Kaiser von Guy Rouse und fügte mit erhobener Stimme hinzu: