Kapitel 2-1

1600 Words
KAPITEL ZWEI »Ach du Scheiße! Das ist nicht wahr, oder? Ernsthaft? Erzähl, was passiert ist, und lass bloß nichts aus!« Ihre Mitbewohnerin hüpfte beinahe vor Aufregung. »Das habe ich dir doch gerade erzählt … Ich habe einen Krinar im Park getroffen.« Mia massierte sich ihre Schläfen und fühlte die Anspannung, die die vorangegangene Überdosis Adrenalin hinterlassen hatte. »Er hat sich neben mich auf die Bank gesetzt und ein paar Minuten lang mit mir geredet. Dann habe ich ihm gesagt, dass ich losmüsse – und bin gegangen.« »Einfach so? Was wollte er denn?« »Ich habe keine Ahnung. Als ich ihn das Gleiche gefragt habe, hat er mir geantwortet, dass er sich einfach nur mit mir unterhalten wolle.« »Ja klar, und Schweine können fliegen.« Jessie tat diese Möglichkeit genauso ab, wie Mia selbst das auch getan hatte. »Nein, jetzt mal ehrlich, er hat nicht versucht, dein Blut zu trinken oder so?« »Nein, er hat nichts gemacht.« Er hatte nur kurz ihre Hand berührt. »Er hat mich nur gefragt, wie ich heiße, und hat mir seinen Namen gesagt.« Jessies große, braune Augen wurden immer größer, falls das noch möglich war. »Er hat dir seinen Namen gesagt? Wie heißt er?« »Korum.« »Natürlich, Korum der Krinar, passt perfekt!« Jessies Sinn für Humor schlug häufig zu den seltsamsten Zeiten zu. Beide kicherten über diese lächerliche Bemerkung. »Wusstest du sofort, dass er ein Krinar war? Wie hat er ausgesehen?« Während Jessie sich noch vom Lachen erholte, fragte sie auch schon weiter. »Ja.« Mia dachte zurück an den Augenblick, in dem sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Wie hatte sie es wissen können? Waren es seine Augen gewesen? Oder hatte sie instinktiv das Raubtier in ihm erkannt, als sie ihn sah? »Ich glaube, es war die Art und Weise, wie er sich bewegte. Das ist schwer zu beschreiben. Aber es sieht mit Sicherheit nicht menschlich aus. Er sah eigentlich schon so aus wie die Krinar aus dem Fernsehen. Er war groß, gut aussehend, mit den typischen Merkmalen der Krinar, und hatte fremdartige Augen, die nahezu gelb aussahen.« »Wow, ich kann das gar nicht glauben.« Jessie drehte die ganze Zeit Runden durch das Zimmer. »Wie hat er mit dir gesprochen? Wie hat er sich angehört?« Mia seufzte. »Wenn mir nochmal ein Außerirdischer im Park auflauern sollte, werde ich auf jeden Fall sicherstellen, ein funktionstüchtiges Aufzeichnungsgerät dabeizuhaben.« »Ach komm, als wärst du an meiner Stelle weniger neugierig.« Stimmt, da hatte Jessie recht. Mia seufzte erneut und beschrieb dann ihrer Mitbewohnerin das ganze Treffen nochmal mit allen Einzelheiten. Nur diesen kurzen Moment, in dem seine Hand ihre Hand gestreift hatte, ließ sie aus. Seltsamerweise wollte sie diese Berührung und ihre Reaktion darauf für sich behalten. »Also hast du ihm tschüss gesagt, und er hat geantwortet bis später? Oh mein Gott, weißt du, was das bedeutet?« Anstatt sich mit der detaillierten Beschreibung des Treffens zufriedenzugeben, schien Jessie durch die detaillierte Beschreibung nun völlig durchzudrehen. Sie rannte nun fast schon die Wände ein. »Nein, was?« Mia fühlte sich schlapp und ausgelaugt. Sie fühlte sich wie nach einem Vorstellungsgespräch oder einer Prüfung, wenn sie einfach nur noch ihr armes überlastetes Gehirn zur Ruhe kommen lassen wollte. Vielleicht hätte sie Jessie bis morgen nichts von dem Treffen erzählen sollen. Dann hätte sie die Möglichkeit gehabt, sich zwischenzeitlich ein wenig auszuruhen. »Er will dich wiedersehen!« »Was? Warum?« Mias Müdigkeit war auf einmal wie weggewischt, als das Adrenalin einschoss. »Das ist doch nur eine Floskel! Ich bin mir sicher, dass er es nicht so gemeint hat, schließlich ist Englisch ja auch nicht seine Muttersprache. Warum sollte er mich wiedersehen wollen?« »Na ja, du hast gesagt, dass er dich hübsch fand.« »Nein, ich habe gesagt, dass er mir geantwortet hat, er sei hier, um ein hübsches Mädchen mit lockigen Haaren zu treffen. Er hat sich nur über mich lustig gemacht. Ich bin mir sicher, das war seine Art, mit mir zu spielen … Wahrscheinlich war es ihm zu langweilig, einfach nur da am Geländer zu stehen, und deshalb kam er zu mir herüber, um sich ein bisschen zu unterhalten. Warum sollte sich ein Krinar für mich interessieren?« Mia warf einen abschätzenden Blick in den Spiegel, auf ihre zwei Jahre alten Ugg-Boots, ihre verschlissene Jeans und den zu großen Pulli, den sie im Schlussverkauf bei Century 21 bekommen hatte. »Mia, ich hab dir doch gesagt, dass du deine Reize immer unterschätzt.« Jessie hörte sich ehrlich an, so wie sie es immer tat, wenn sie versuchte, Mias Selbstvertrauen auf die Sprünge zu helfen. »Du siehst sehr niedlich aus mit deinem vollen, braunen Lockenkopf. Und dazu diese wirklich schönen blauen Augen, die sehr außergewöhnlich sind, wenn man so dunkles Haar hat wie du.« »Ach bitte, Jessie.« Mia rollte mit eben diesen blauen Augen. »Ich bin mir sicher, niedlich bringt nichts, wenn man ein hinreißender Krinar ist. Mal ganz davon abgesehen bist du meine Freundin und musst mir solche netten Sachen sagen.« In Mias Augen gab es nur eine Schönheit in diesem Raum, und das war Jessie. Mit ihrem kurvenreichen, durchtrainierten Körper, ihrem langen, schwarzen Haar und ihrer glatten, goldfarbenen Haut war sie der Traum eines jeden Mannes, ganz besonders dann, wenn er auch noch auf asiatische Mädchen stand. Dazu besaß ihre Mitbewohnerin der letzten drei Jahre, eine ehemalige Cheerleaderin, auch die aufgeschlossene und offene Art, die zu ihrem Aussehen passte. Wie es dazu gekommen war, dass die beiden so gute Freundinnen geworden waren, würde Mia wohl nie verstehen, besonders da ihr soziale Kompetenzen, gerade im Alter von achtzehn Jahren, völlig gefehlt hatten. Als sie an diese Zeit zurückdachte, erinnerte sich Mia, wie verloren und überwältigt sie sich gefühlt hatte, als sie aus einer kleinen Stadt in Florida, in der sie ihr ganzes Leben verbracht hatte, in die große Stadt kam. Die New York University war die beste der Universitäten gewesen, die sie angenommen hatten, und die finanziellen Hilfen fielen zur großen Freude ihrer Eltern auch großzügig aus. Trotzdem war Mia selbst alles andere als begeistert davon gewesen, an einer Uni ohne richtigen Campus, und dazu noch in einer Großstadt, zu studieren. Während des Bewerbungsprozesses hatte sie sich auf Grund der großen Konkurrenz bei fast jeder der fünfzehn besten Universitäten beworben, aber viele Absagen oder unzureichende Stipendienangebote zurückbekommen. Die NYU schien damals von allen Angeboten die beste Wahl zu sein. Die Universitäten vor Ort in Florida waren nie in Frage gekommen, da gemunkelt wurde, die Krinar könnten eine Siedlung in Florida errichten. Für diesen Fall wollten ihre Eltern sie schon einmal weit weg wissen. Es war nicht dazu gekommen. Arizona und New Mexico wurden die beliebtesten Bundesstaaten der Krinar in den USA. Aber da war es schon zu spät gewesen. Mia hatte ihr zweites Semester an der NYU begonnen, hatte Jessie getroffen und sich langsam in New York, und alles was dort geboten wurde, verliebt. Es war schon komisch, wie letztendlich alles gekommen war. Vor nur fünf Jahren hatten die meisten Menschen gedacht, sie seien die einzigen intelligenten Lebewesen im Universum. Klar hatte es immer Spinner gegeben, die behaupteten, UFOs gesehen zu haben, oder auch wissenschaftliche Projekte für die Suche nach außerirdischen Zivilisationen; ernsthafte, von der Regierung unterstützte Bestrebungen, die Möglichkeit außerirdischen Lebens zu erforschen. Aber die Menschen besaßen nicht einmal die Fähigkeit, herauszufinden, ob es auf anderen Planeten irgendeine Art von Leben gab, selbst wenn es sich dabei nur um Einzeller handelte. Deshalb hatten die meisten auch geglaubt, dass die Menschen etwas Besonderes seien, dass die Homo sapiens die Spitze der evolutionären Entwicklung sein mussten. Jetzt wirkte das alles so dumm, genauso wie im Mittelalter, als die Menschen dachten, dass die Erde eine Scheibe sei und der Mond und die Sterne sich darum drehten. Als die Krinar am Anfang des zweiten Jahrzehnts des einundzwanzigsten Jahrhunderts auf der Erde erschienen, stellten sie alles auf den Kopf, was Wissenschaftler über das Leben und seine Entstehung zu wissen geglaubt hatten. »Ich sag dir, Mia, ich glaube, der mochte dich.« Jessies eindringliche Stimme unterbrach ihre Gedanken. Seufzend widmete Mia ihre Aufmerksamkeit wieder ihrer Mitbewohnerin. »Das glaube ich nicht. Davon mal ganz abgesehen, was würde es denn ändern, wenn er es täte? Wir sind zwei unterschiedliche Rassen. Der Gedanke, er könnte mich mögen, ist einfach beängstigend … Was würde er von mir wollen, mein Blut?« »Das wissen wir nicht mit Sicherheit. Das ist nur ein Gerücht. Offiziell wurde niemals bestätigt, dass die Krinar Blut trinken.« Jessie hörte sich aus irgendeinem seltsamen Grund optimistisch an. Vielleicht war Mias Sozialleben in den Augen ihrer Mitbewohnerin so schlecht, dass diese einfach nur wollte, dass Mia sich mit irgendjemandem verabredete, egal von welcher Rasse. »Es ist ein Gerücht, dem viele Leute Glauben schenken, und ich bin mir sicher, es gibt einen Grund dafür. Sie sind Vampire, Jessie. Vielleicht nicht die aus Draculas Legenden, aber jeder weiß, dass sie Raubtiere sind. Deshalb leben sie ja auch in ihren Siedlungen in abgegrenzten Gebieten … damit sie dort alles machen können, was sie wollen, ohne dass irgendjemand etwas mitbekommt.« »Ja, ja, ist ja schon gut.« Da ihre Aufregung allmählich abflaute, konnte Jessie sich auch auf ihr Bett setzen. »Du hast recht. Es wäre schon sehr beängstigend, wenn er dich wirklich wiedersehen wollte. Aber trotzdem macht es Spaß, ab und zu so zu tun, als seien sie nichts weiter als hinreißende Menschen aus einem anderen Universum und nicht eine völlig andersartige und geheimnisvolle Spezies.« »Ich weiß. Er sah unglaublich gut aus.« Die Mädchen tauschten verständnisvolle Blicke. »Wenn er doch nur ein Mensch wäre …« »Du bist zu wählerisch, Mia. Das habe ich dir schon immer gesagt.« Während sie ihren Kopf in gespieltem Tadel schüttelte, benutzte sie ihre ernsthafteste Stimme. Mia schaute sie ungläubig an, und dann brachen sie beide in Lachen aus.
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