* * *
Als Mia am nächsten Morgen aufwachte, war der Himmel grau und bedeckt. Sie streckte sich nach ihrem Telefon aus und stöhnte auf, als sie die Wettervorhersage sah. Neunzig Prozent Regenwahrscheinlichkeit bei Temperaturen von unter zehn Grad. Genau das, was sie brauchte, um sich ihrer Hausarbeit in Soziologie zu widmen. Na ja, vielleicht würde sie es ja noch rechtzeitig zur Bibliothek schaffen, bevor es anfing zu regnen.
Sie sprang aus dem Bett und zog sich ihre bequemste Trainingshose, ein langärmliges Shirt und einen großen Kapuzenpulli an. Letzteren hatte sie sich auf einer Klassenfahrt aus Europa mitgebracht. Das war ihre typische Lern- bzw. Schreibkleidung, und es sah heute noch genauso hässlich aus wie das erste Mal, als sie es angehabt hatte. Damals war sie in der zehnten Klasse gewesen und hatte für ihre Matheklausur gepaukt. Die Sachen passten ihr immer noch genauso gut, da sie seit dem Alter von vierzehn Jahren offensichtlich unfähig gewesen war, auch nur ansatzweise an Brustumfang zuzunehmen oder wenigstens noch ein wenig in die Länge zu wachsen.
Während sie sich schnell die Zähne putzte und das Gesicht wusch, betrachtete sich Mia kritisch im Spiegel. Ein blasses Gesicht mit leichten Sommersprossen blickte sie an. Ihre Augen waren wahrscheinlich das Schönste an ihr, der ungewöhnliche blau-graue Ton, der einen so schönen Kontrast zu ihrem dunklen Haar bildete. Ihr Haar dagegen war eine ganz andere Geschichte. Wenn sie es eine Stunde lang ausgiebig mit dem Fön bearbeitete, konnte sie aus ihren Korkenzieherlocken vielleicht so etwas wie eine Frisur machen. Ihre Angewohnheit, immer mit nassen Haaren ins Bett zu gehen, führte allerdings zu nichts, außer zu genau dem krausen Durcheinander, das sie jetzt gerade auf ihrem Kopf hatte. Sie seufzte laut und band sich ihre Locken unbarmherzig zu einem Pferdeschwanz zusammen. Bald, wenn sie einen richtigen Job hatte, könnte sie in einen dieser teuren Friseursalons gehen und sich die Haare permanent glätten lassen. Da sie nicht jeden Morgen eine Stunde Zeit für ihre Haare aufwenden konnte, musste sie momentan wohl oder übel damit leben, stellte Mia fest.
Zeit für die Bibliothek. Mia nahm ihren Rucksack und ihren Laptop, zog sich ihre Ugg-Boots an und verließ ihr Apartment. Fünf Treppenabsätze später ging sie aus dem Gebäude, ohne die abblätternde Farbe auf den Wänden und die vereinzelten Kakerlaken, die gerne in der Nähe der Müllschächte lebten, zu beachten. So sah das Studentenleben in New York aus, und Mia war eine der wenigen Glücklichen, die eine halbwegs bezahlbare Wohnung in Campusnähe hatten.
Die Immobilienpreise in Manhattan waren genauso hoch wie seit jeher. In den ersten paar Jahren nach der Invasion brachen die Preise für Apartments in New York ein, genau wie in allen großen Städten weltweit. Mit den idiotischen Invasionsfilmen im Hinterkopf meinten die meisten Menschen, dass die großen Städte unsicher seien, und zogen in ländliche Gegenden, sofern sie konnten. Familien mit Kindern, die sowieso schon eine Seltenheit in Manhattan gewesen waren, verließen scharenweise die Stadt, um sich in die entlegensten Winkel zurückzuziehen, die sie finden konnten. Die Krinar hatten zur Migration ermutigt, da dadurch die Verschmutzung in den städtischen Gebieten eingedämmt werden konnte. Natürlich bemerkten die Menschen bald ihre eigene Dummheit, denn die Krinar wollten gar nichts mit den großen Städten der Menschen zu tun haben, sondern bauten stattdessen ihre Siedlungen in warmen, weitgehend unbewohnten Gebieten rund um den Globus. Die Preise in Manhattan stiegen wieder bis zum Himmel, und ein paar Glückspilze, die während der Krise Immobilien erstanden hatten, wurden mit deren Verkauf steinreich. Jetzt, fünf Jahre nach dem K-Day, wie der erste Tag der Invasion mittlerweile genannt wurde, strebten die Mieten in New York schon wieder Rekordhöhen an.
Ich Glückliche, dachte Mia leicht ironisch. Wenn sie nur ein paar Jahre älter gewesen wäre, hätte sie ihr jetziges Apartment für weniger als die Hälfte mieten können. Aber natürlich musste auch berücksichtigt werden, dass sie dafür nächstes Jahr die Uni abschließen würde, und nicht inmitten der großen Panik, den dunklen Monaten, die auf das erste Zusammentreffen der Menschen mit den Eindringlingen folgten.
Sie hielt bei dem örtlichen Imbiss und bestellte einen leicht getoasteten Bagel (natürlich Vollkorn, etwas anderes gab es auch nicht) mit einer Avocado-Tomaten-Creme. Seufzend erinnerte sie sich an die leckeren Omeletts, die ihre Mama ihr immer mit Schinkenstücken, Champignons und Käse zubereitet hatte. Heutzutage waren die Champignons die einzige Zutat davon, die sich ein Student überhaupt noch irgendwie leisten konnte. Fleisch, Fisch, Eier und Milch waren Delikatessen, die nur für besondere Anlässe gekauft wurden, so wie das damals bei Gänseleber und Kaviar der Fall gewesen war. Das war eine der vielen Änderungen, die die Krinar eingeführt hatten. Nachdem sie entschieden hatten, dass die typische Ernährung in den Industrieländern des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts sowohl für die Menschen als auch für die Umwelt schädlich sei, schlossen sie die größten industriellen Viehfarmen und zwangen die Fleisch- und Milcherzeuger zum Obst- und Gemüseanbau. Nur die kleinen Bauern waren in Ruhe gelassen worden und durften einige Tiere für besondere Anlässe halten. Umwelt- und Tierrechtsorganisationen waren wie in Ekstase gewesen, und die Zahl der Übergewichtigen in Amerika hatte sich schnell der Vietnams angenähert. Natürlich waren die Ausfälle groß gewesen, viele Unternehmen mussten ihren Betrieb einstellen, und es kam zu einer Lebensmittelknappheit während der Großen Panik. Später, als die vampirischen Neigungen der Krinar entdeckt worden waren (auch wenn immer noch nicht offiziell bestätigt), hatten die extremen Rechtsaktivisten behauptet, dass der wahre Grund der erzwungenen Nahrungsumstellung der war, dass das menschliche Blut dadurch süßer schmecke. Wie dem auch sei, das meiste Essen, das man jetzt noch bekommen konnte, war ekelhaft gesund.
»Regenschirme, Regenschirme, Regenschirme!« Ein ungepflegt aussehender Mann stand an der Ecke und verhökerte dort seine Waren mit einem starken Akzent aus dem Nahen Osten. »Regenschirme für fünf Dollar!«
Und natürlich begann es weniger als eine Minute später zu nieseln. Zum x-ten Male fragte Mia sich, ob diese Straßenverkäufer von Regenschirmen irgendeinen sechsten Sinn für Regen hatten. Sie schienen immer kurz vor dem ersten Regentropfen aus dem Nichts aufzutauchen, auch wenn gar kein Regen vorhergesagt worden war. So verlockend es auch war, sich einen Schirm zu kaufen und trocken zu bleiben, Mia hatte nur noch ein paar Straßen zu gehen, und der Regen war zu leicht, um die unnötige Ausgabe von fünf Dollar zu rechtfertigen. Sie hätte ja auch einfach ihren alten Schirm von zu Hause mitbringen können, aber sie nahm nie gerne zusätzliche Sachen mit.
Mia ging so schnell, wie sie das mit ihrem schweren Rucksack konnte, bog um die Ecke auf die West Fourth Street ein und konnte die Bibliothek sogar schon sehen, als der Platzregen einsetzte. Mist, sie hätte den Regenschirm doch kaufen sollen! Mia gab sich in Gedanken einen Tritt und begann zu rennen, oder eher zu trotten – dank der Last des Rucksacks auf ihrem Rücken –, als Regentropfen so stark gegen ihr Gesicht prallten, dass sie sich anfühlten, als kämen sie aus einer Wasserpistole. Ihr Haar löste sich irgendwie aus dem Pferdeschwanz und hing in ihr Gesicht, so dass sie gar nichts mehr sehen konnte. Eine Menschentraube lief an ihr vorüber und beeilte sich, aus dem Regen zu kommen. Mia wurde einige Male von Fußgängern angerempelt, die sie wegen der Kombination aus heftigem Regen und den Regenschirmen einiger Glückspilze nicht sehen konnten. In solchen Momenten waren eine Größe von 1,60 Meter und ein Gewicht von kaum 45 Kilo ein echter Nachteil. Ein großer Mann drängte sie zur Seite, indem er seinen Ellenbogen in ihre Schulter rammte, und Mia stolperte, da sie mit einem Fuß in einem Riss im Bürgersteig hängen blieb. Sie stürzte nach vorne, konnte den Fall aber mit ihren Händen auf dem nassen Pflaster abfangen, nachdem sie noch ein paar Zentimeter auf der rauen Oberfläche entlanggerutscht war.
Auf einmal hoben sie starke Hände vom Boden auf, als würde sie nichts wiegen, und stellten sie aufrecht unter einen Regenschirm, den ein Mann über sie beide hielt.
Mia, die sich wie eine dreckige, abgesoffene Ratte fühlte, versuchte sich mit der Rückseite ihrer aufgeschürften Hand ihr durchnässtes Haar aus dem Gesicht zu entfernen, während sie die restlichen Regentropfen von den Augen wegblinzelte. Ihre Nase entschied sich dazu, noch etwas zu ihrer Beschämung beizutragen und wählte genau diesen Moment dazu aus, Mia unkontrolliert auf ihren Retter niesen zu lassen.
»Oh Gott, das tut mir so leid!« Mia entschuldigte sich verzweifelt und vollkommen beschämt. Ihre Sicht war wegen des Wassers, das ihr Gesicht herunterlief, immer noch ganz verschwommen, und sie versuchte verzweifelt, sich mit einem nassen Ärmel die Nase zu putzen, bevor sie noch einmal niesen musste. »Es tut mir so leid, ich wollte Sie wirklich nicht anniesen!«
»Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, Mia. Offensichtlich bist du durchgefroren und nass. Und außerdem verletzt. Lass mich deine Hände anschauen.«
Das konnte doch nicht wahr sein. Mia vergaß ihr Unbehagen, und das Einzige, was sie noch tun konnte, war, ungläubig dabei zuzuschauen, wie Korum vorsichtig ihre Handgelenke fasste, ihre Handflächen nach oben drehte und ihre Schürfwunden untersuchte. Seine großen Hände waren unglaublich behutsam auf ihrer Haut, obwohl er so fest zugegriffen hatte, dass ein Entkommen unmöglich war. Auch wenn sie in einem frischen Mitte-April-Wetter bis auf die Haut nass war, fühlte sich Mia trotzdem so, als würde sie jeden Moment in Flammen aufgehen. Allein seine Berührung rief eine Hitzewelle in ihr hervor, die durch ihren ganzen Körper strömte.
»Du solltest diese Verletzungen sofort behandeln lassen. Sie könnten Narben hinterlassen, wenn du nicht vorsichtig bist. Komm einfach mit mir mit, und wir lassen sie versorgen.« Korum ließ ihre Handgelenke los, legte einen besitzergreifenden Arm um ihre Taille und begann, sie zurück in Richtung Broadway zu führen.
»Warte, was …?« Mia versuchte ihre Gedanken zu ordnen. »Was machst du hier? Wohin führst du mich?« Endlich wurde sie sich der ganzen Gefahren dieser Situation bewusst, und sie begann, teils vor Kälte und teils aus Angst, zu zittern.
»Offensichtlich frierst du. Ich bringe dich aus dem Regen raus, und dann reden wir.« Sein Ton ließ keine Widersprüche zu.
Als Mia sich verzweifelt umschaute, sah sie, wie alle Menschen sich beeilten, schnell aus dem schüttenden Regen zu kommen, ohne ihrer Umgebung auch nur die kleinste Aufmerksamkeit zu schenken. Bei so einem Wetter könnte man jemanden unbemerkt auf offener Straße umbringen, wer sollte da die Gegenwehr eines kleinen Mädchens bemerken? Korums Arm lag wie ein Stahlband um ihrer Taille, vollkommen unnachgiebig, und Mia konnte ihm nur noch hilflos folgen, egal wohin er sie führte.
»Warte, ich kann wirklich nicht mit dir mitkommen«, protestierte Mia zitternd. Nach Strohhalmen greifend, platzte sie heraus: »Ich muss doch eine Hausarbeit schreiben!«
»Ach wirklich? Und du kannst in diesem Zustand schreiben?« Korums Ton triefte vor Sarkasmus, und er warf ihr einen abschätzigen Blick zu, der an ihrem Haar und den aufgeschürften Händen hängen blieb. »Du bist verletzt und hast dir wahrscheinlich mit deinem mickrigen Immunsystem eine Lungenentzündung eingefangen.«
Wie zuvor bekam er es irgendwie hin, sie zu provozieren. Wie konnte er es wagen, sie als mickrig zu bezeichnen? Mia sah rot. »Entschuldige bitte, aber meinem Immunsystem geht es sehr gut! Niemand bekommt heutzutage noch eine Lungenentzündung davon, dass er Regen abbekommt. Und davon mal ganz abgesehen, was geht es dich an? Was machst du hier? Verfolgst du mich?«
»Ja.« Seine Antwort war ruhig und gelassen.
Sofort ruhig, merkte Mia, wie sich langsam wieder die Angst in ihr breitmachte. Obwohl sie schluckte, um ihre trockene Kehle zu befeuchten, brachte sie nur ein Wort heraus. »Warum?«
»Ah, wir sind da.« Eine schwarze Limousine stand auf der Kreuzung West Fourth und Broadway. Als sie näher kamen, öffneten sich die automatischen Türen und gaben die Sicht auf ein edles cremefarbenes Interieur frei. Mias Herz schlug ihr bis zum Hals. Unter keinen Umständen würde sie mit diesem Krinar, der zugegeben hatte, sie zu verfolgen, in ein fremdes Auto steigen.
Sie blieb stur und machte sich darauf gefasst, zu schreien.
»Mia. Steig. In. Das. Auto.« Seine Worte waren wie Peitschenhiebe. Er sah wütend aus, und seine Augen wurden mit jeder Sekunde gelber. Sein normalerweise sinnlicher Mund sah auf einmal grausam aus, zu einem kompromisslosen Strich zusammengepresst. »Ich möchte mich nicht wiederholen müssen.«
Zitternd wie Espenlaub gehorchte Mia. Oh Gott, sie wollte das hier doch einfach nur überleben, egal was der Krinar mit ihr vorhatte. Jede Horrorgeschichte, die sie jemals über die Krinar gehört hatte, war auf einmal wieder klar und deutlich in ihrem Kopf, genauso wie alle Bilder der grauenvollen Kämpfe während der Großen Panik. Sie unterdrückte ein Schluchzen, als sie sah, wie Korum hinter ihr in die Limo einstieg und den Regenschirm zumachte. Die Türen schlossen sich.
Korum drückte auf den Knopf der Gegensprechanlage. »Roger, bitte bring uns zu mir.« Er sah jetzt viel ruhiger aus, seine Augen waren wieder goldbraun.
»Ja, Sir.« Die Antwort des Fahrers kam hinter einer Abtrennung hervor, die es völlig unmöglich machte, ihn zu sehen.
Roger? Das war ein menschlicher Name, dachte Mia verzweifelt. Vielleicht konnte er ihr helfen, die Polizei in ihrem Auftrag zu rufen oder so. Andererseits, was konnte die Polizei machen? Sie konnte nicht wirklich einen Krinar festnehmen. Soweit Mia wusste, standen sie außerhalb der menschlichen Gesetze. Er konnte so ziemlich alles mit ihr machen, was er wollte, und es gab niemanden, der ihn davon abhalten konnte. Mia fühlte, wie ihr Tränen über ihr regennasses Gesicht liefen, als sie daran dachte, wie sehr ihre Eltern trauern würden, wenn sie herausfanden, dass ihre Tochter verschwunden war.
»Was? Weinst du etwa?« In Korums Stimme schwang Ungläubigkeit mit. »Wie alt bist du, fünf?« Er griff nach ihr, seine Finger schlossen sich fest um ihre Oberarme, und er zog sie näher zu sich heran, um ihr ins Gesicht zu sehen. Als er sie berührte, begann Mia noch heftiger zu zittern und wurde von Schluchzern geschüttelt.
»Ruhig jetzt. Das ist doch überhaupt nicht nötig. Schschscht …« Plötzlich lag Mia völlig zusammengerollt auf seinem Schoß und hatte ihr Gesicht an seine Brust gedrückt. Obwohl sie immer noch schluchzte, nahm sie unterschwellig einen angenehmen Geruch nach frisch gewaschener Wäsche und warmer, männlicher Haut wahr, während seine Hand beruhigend auf ihrem Rücken kreiste. Er behandelt mich wirklich wie eine Fünfjährige, die weint, weil sie Aua gemacht hat, dachte sie halb hysterisch. Komischerweise wirkte es. Mia fühlte, wie ihre Angst verebbte, als er sie behutsam in diesen starken Armen hielt. An ihre Stelle traten ein immer stärker werdendes Bewusstsein seiner Nähe zu ihr und ein Gefühl der inneren Wärme. Adrenalin verstärkt Anziehung, bemerkte sie mit sonderbarer Distanz, und dabei fiel ihr eine Studie zu diesem Thema ein, die sie in einem ihrer Psychologie-Seminare behandelt hatte.
Obwohl sie immer noch auf seinem Schoß kauerte, gelang es ihr, ein wenig von ihm abzurücken, um zu seinem Gesicht hochsehen zu können. Aus nächster Nähe war sein Aussehen noch umwerfender. Seine Haut, in einem warmen Goldton, der ein paar Schattierungen dunkler als der ihrer Mitbewohnerin war, war makellos und schien vollkommene Gesundheit auszustrahlen. Volle, schwarze Wimpern umrandeten diese unglaublich hellen Augen, die von geradlinigen dunklen Augenbrauen eingerahmt wurden.
»Wirst du mir wehtun?« Die Frage entwischte ihr, bevor sie es sich anders überlegen konnte.
Ihr Entführer stieß einen erstaunlich menschlichen Seufzer aus und klang schon fast verzweifelt. »Mia, hör mir mal zu, ich will dir nichts Böses …— Okay?« Er sah ihr tief in die Augen, und Mia konnte nicht wegschauen, da sie von den gelben Flecken in seiner Iris wie hypnotisiert war. »Alles, was ich wollte, war, dich aus dem Regen zu holen und deine Verletzungen zu behandeln. Ich bringe dich zu mir nach Hause, weil es gleich in der Nähe ist und du dort medizinische Versorgung und Wechselklamotten bekommen kannst. Ich wollte dir keine Angst machen und dich noch weniger in den Zustand versetzen, in dem du jetzt bist.«
»Aber du hast gesagt … du würdest mich verfolgen!« Mia starrte ihn verwirrt an.
»Ja. Ich fand dich im Park interessant und wollte dich gerne wiedersehen. Aber doch nicht, weil ich dir wehtun wollte.« Er war dazu übergegangen, ihre Oberarme mit leichten Auf-und-ab-Bewegungen zu reiben, so als würde er ein scheuendes Pferd beruhigen.
Sein Zugeständnis führte bei ihr zu einer Hitzewelle, die sich in ihrem ganzen Körper ausbreitete. Meinte er etwa, dass er sich von ihr angezogen fühlte? Ihr Herzschlag wurde wieder schneller, diesmal allerdings aus einem anderen Grund.
Da gab es noch etwas, was sie wissen musste. »Du hast mich gezwungen, in das Auto zu steigen …«
»Aber nur, weil du stur warst und nicht auf den gesunden Menschenverstand hören wolltest. Du warst nass und kalt. Ich wollte keine Zeit damit vergeuden, mit dir im Regen zu diskutieren, wenn gleich um die Ecke ein warmes Auto auf uns wartet.« So gesehen hörte sich sein Verhalten durchweg gut gemeint an.
»Hier.« Er zog ein Taschentuch von irgendwo her und tupfte damit vorsichtig die letzten Tränen aus ihrem Gesicht. Dann gab er ihr ein weiteres Taschentuch, damit sie sich die Nase putzen konnte, und sah ihr belustigt dabei zu, wie sie versuchte, so vorsichtig wie möglich zu schnauben. »Fühlst du dich jetzt besser?«
Seltsamerweise tat sie das. Er könnte sie auch anlügen, aber wozu? Er konnte ja sowieso alles mit ihr machen, was er wollte, wieso sollte er also Zeit damit verschwenden, ihre Angst zu mildern? Als der vorherige Schrecken verdaut war, fühlte Mia sich plötzlich ganz erschöpft von dem starken Auf und Ab der Gefühle. Als würde er ihren Zustand fühlen, zog Korum sie näher an sich heran und legte ihr Gesicht vorsichtig auf seine Brust. Sie hatte nichts dagegen. Irgendwie fühlte Mia sich auf seinem Schoß sitzend, seinen warmen Geruch einatmend und mit der Wärme seines Körpers, die sie umschloss, besser, als sie sich seit Langem gefühlt hatte.