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1469 Words
Hikaru saß auf dem Boden und starrte auf die Röhrenmonitore. Alle drei Sekunden flackerten die Bildschirme. Er kannte den Rhythmus auswendig. Unter seiner Matratze hatte er ein Notizbuch, in dem er die toten Winkel kartierte, aber heute dauerte das Flimmern länger. Es fühlte sich an, als würden die Maschinen atmen. Die Türklingel ertönte. Hikaru lehnte sich mit dem Rücken an die kalte Wand. Die Stimme seiner Tante drang aus dem Flur. Sie klang scharf und ungeduldig. Der Kurier war da. Lieferungen kamen nie bei Hikaru an, und seine Tante sprach selten lange mit Fremden. Er wartete auf das dumpfe Geräusch der Haustür. Sobald das Schloss einrastete, bewegte sie sich. Fünf volle Sekunden lang flackerten die Monitore grau. Hikaru schlüpfte in den Flur. Seine nackten Füße waren auf dem Teppich lautlos. Er erreichte den Eingangstisch und sah das Paket. Es war in braunes Papier gewickelt und trug ein seltsames Wachssiegel. Die Adresse lautete auf seinen Onkel. Hikaru sah auf die nächste Überwachungskamera. Es war noch dunkel. Er riss das Papier ab. Im Inneren lag eine schwere Einladung mit vergoldeten Rändern. Die Akademie für Himmelsnavigation bat um die Anwesenheit seines Onkels. Hikaru starrte auf den Namen. Sein Onkel verließ das Haus nur dienstags zum Einkaufen. Er sprach nie von Sternen oder Akademien. Er sprach kaum. Hikaru berührte das geprägte Siegel. Ein statischer Schlag durchfuhr seine Haut. Es tat nicht weh, aber es haftete wie ein Netz an seinen Fingern. Das Gefühl kroch sein Handgelenk hinauf und drang in seine Knochen. Die Luft um das Papier flimmerte. Das Licht im Flur verzerrte sich und beugte sich zur Einladung. Die Gegensprechanlage über der Tür zischte. Rauschen erfüllte den schmalen Raum, gefolgt von einem leisen Summen. Eine Frauenstimme durchbrach das Rauschen. „Hikaru.“ Er erstarrte. Die Monitore an der Wand schalteten sich wieder ein. Jeder Bildschirm zeigte den Flur. Jede Linse fokussierte sein Gesicht. Er war gefangen. „Hikaru“, sagte die Stimme erneut. Es war nicht seine Tante. Der Tonfall war ruhig, fast emotionslos. Das statische Aufladen an seinem Arm pulsierte im Takt der Worte der Frau. Er blickte auf die Einladung. Schwache Lichtspuren huschten über das Papier. Sie bildeten Muster, die sich wie Gezeitentümpel veränderten. Er versuchte, die Karte fallen zu lassen, doch seine Finger weigerten sich, sie loszulassen. Die Gegensprechanlage zischte ein letztes Mal und verstummte. Das Haus fühlte sich schwer an. Hikaru stand im Zentrum des Bildausschnitts, die Einladung brannte kalt auf seiner Handfläche. Er sah auf die Bildschirme. Die Kameras blinkten nicht. Sie beobachteten ihn, wie er ein Geheimnis hütete, das ihm nicht gehörte. Ihm wurde klar, dass die toten Winkel, die er kartiert hatte, verschwunden waren. Das Haus hatte darauf gewartet, dass er das Siegel berührte. Er drehte sich zur Treppe, doch die Monitore folgten seiner Bewegung in perfekter Synchronität. Er war nicht länger ein Geist in seinem eigenen Haus. Er war das Subjekt. Hikaru drehte seine Hand um und beobachtete, wie das statische Aufladen über seine Fingerspitzen knisterte. Er presste seine Handfläche gegen die Wand, in der Hoffnung, der Putz würde ihn erden, doch die Ladung pulsierte nur heller. Das Licht haftete wie Spinnweben an seiner Haut und wollte einfach nicht verblassen. Die Monitore an der Wand waren wieder aktiv. Jeder Bildschirm zeigte den Flur. Jede Linse verfolgte sein Gesicht. Wenn die Überwachungskameras seiner Tante ihn sehen konnten, konnten sie auch das hier sehen. Das Zeichen war ein in Licht geschriebenes Geständnis. Hikaru blickte auf die Einladung, die er noch immer in der anderen Hand hielt. Die vergoldeten Ränder fingen das Licht der Deckenlampe ein. Das geprägte Siegel glänzte. Er konnte es verstecken. Er konnte es zusammen mit dem Notizbuch unter seine Matratze schieben und so tun, als hätte er es nie berührt. Vielleicht würde das Rauschen bis zum Morgen verschwinden. Vielleicht würde seine Tante die Aufnahmen erst nach dem Frühstück überprüfen. Er drehte die Karte um. Die Akademie für Himmelsnavigation. Der Name seines Onkels erschien in perfekter Schrift. Die Stimme der Frau hallte noch immer in seinem Kopf wider. Sie hatte seinen Namen gesagt. Hikaru. Nicht seinen Onkel. Ihn. Er dachte an die Jahre, die er in diesem Haus verbracht hatte. Er erinnerte sich an den Teppich, der seine Schritte dämpfte, und an die toten Winkel, die er in seinem Notizbuch markiert hatte. Er hatte gelernt, das dreisekündige Flackern der Kameras zu timen. Alles nur, um sich ungesehen bewegen zu können. Alles nur, um zu beweisen, dass er durch die Ritzen schlüpfen konnte. Jetzt waren die Ritzen verschwunden. Hikaru schloss die Faust um die Einladung. Das statische Aufleuchten war so hell, dass es Schatten an die Wand warf. Die Monitore blinkten nicht. Sie beobachteten ihn, wie er ein Geheimnis hütete, das nicht seins war. Sie beobachteten ihn bei seiner Entscheidung. Er könnte sie im Spülbecken verbrennen. Seiner Tante erzählen, der Kurier habe sich geirrt. Aber die Stimme der Frau hatte seinen Namen gerufen. Hikaru steckte die Einladung in die Tasche. Das statische Aufleuchten pulsierte an seinen Rippen. Das Licht drang schwach, aber sichtbar durch den Stoff seines Hemdes. Er blickte zur nächsten Kamera auf. Die Linse starrte ihn an, ohne zu blinken. Er wusste nicht, ob die Überwachungstechnik das statische Aufleuchten erfasst hatte, bevor er die Karte einsteckte. Er wusste nicht, ob seine Tante die Live-Bilder schon verfolgte und ihren nächsten Schritt plante. Er wusste nicht, ob die Einladung ernst gemeint war oder eine Falle. Aber er wusste, dass er sie nicht ignorieren konnte. Hikaru wandte sich der Treppe zu. Die Monitore folgten seiner Bewegung synchron. Das Haus wirkte kleiner als zuvor.Es war noch vor einer Stunde so gewesen. Die Wände rückten näher. Die Luft schmeckte nach Kupfer und Ozon. Er stieg die erste Stufe hinauf. Das statische Aufladen brannte kalt auf seiner Brust. Er blickte nicht zurück. Der Onkel saß in seinem Arbeitszimmer und beobachtete den zweiten Monitor. Der Röhrenbildschirm flackerte grau, dann erschien ein klares Bild von Hikaru im Flur. Der Junge stand wie erstarrt unter der Kamera. Er presste eine Hand gegen die Wand und umklammerte mit der anderen die Einladung. Statisches Aufladen kroch wie ein lebender Draht über seine Fingerspitzen. Das Licht pulsierte im Takt seines Atems. Der Onkel lehnte sich in seinem Ledersessel zurück. Er hatte Hikaru monatelang beobachtet, wie er die toten Winkel kartierte. Er hatte beobachtet, wie der Junge das dreisekündige Flackern der Kameras stoppte und den Rhythmus des Hauses erfasste. Hikaru hielt sich für clever. Er glaubte, die Überwachungslücke sei ein Fehler im System. Auf dem Bildschirm drehte Hikaru seine Hand um. Das statische Aufladen klebte an seiner Haut. Er schüttelte seine Hand einmal, dann noch einmal, fester. Die Ladung wollte einfach nicht verschwinden. Der Junge verstand noch nicht, was das statische Aufladen bedeutete. Er wusste nicht, dass ihn die Berührung der Einladung kennzeichnete. Das Siegel der Akademie hatte ihn bereits als Mitglied beansprucht. Hikaru presste seine Handfläche gegen die Wand. Das statische Aufladen pulsierte heller. Er zog die Hand zurück und starrte auf das Leuchten, das zwischen seinen Fingern hindurchschimmerte. Der Onkel sah die Berechnung in dem Gesicht des Jungen. Hikaru wollte sie verbergen oder verbrennen. Er wollte so tun, als wäre sie nie angekommen. Der Überlebensinstinkt des Jungen war ausgeprägt. Er hatte ihn fünfzehn Jahre lang zum Schweigen gebracht. Doch Überleben war nicht dasselbe wie Flucht. Auf dem Bildschirm blickte Hikaru auf die Einladung. Die vergoldeten Ränder fingen das Deckenlicht ein. Das geprägte Siegel glänzte. Der Onkel wusste, was der Junge dachte. Er hatte ihn in diesem Haus aufwachsen sehen. Er hatte gesehen, wie er lernte, sich wie ein Geist zu bewegen. Er hatte gesehen, wie er sich nach etwas jenseits dieser Mauern sehnte. Hikaru schloss die Faust um die Einladung. Das statische Aufladen flammte auf und warf lange Schatten an die Wand. Die Monitore blinkten nicht. Sie beobachteten, wie er ein Geheimnis hütete, das nicht seins war. Sie beobachteten seine Entscheidung. Der Onkel lächelte. Hikaru steckte die Einladung in die Tasche. Die statische Aufladung pulsierte an seinen Rippen. Das Licht drang durch den Stoff seines Hemdes. Es war schwach, aber sichtbar. Er blickte zur nächsten Kamera auf. Die Linse blickte zurück. Das Lächeln des Onkels wurde breiter. Der Junge hatte die Entscheidung getroffen, die er ohnehin treffen würde. Die Überwachungslücke war nie ein Fehler gewesen. Sie war ein Köder. Die Einladung war kein Fehler. Sie war eine Vorladung. Hikarus Rebellion war keine Flucht. Sie war eine Lieferung. Der Onkel schaltete den Monitor aus. Der Bildschirm wurde schwarz. Er brauchte nicht mehr zuzusehen. Der Junge war bereits unterwegs. Die Akademie wartete. Der Direktor würde zufrieden mit ihm sein. Hikaru hatte fünfzehn Jahre damit verbracht, das Verschwinden zu lernen. Die Akademie würde ihm beibringen, vollständig zu verschwinden. Der Onkel stand auf und strich seinen Anzug glatt. Alles verlief nach Plan. Er ging zum Fenster und blickte hinaus auf das dunkle Spielfeld. Das Spiel war vorbei, bevor der Junge überhaupt gemerkt hatte, dass es begonnen hatte.
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