KAPITEL ZWÖLF

1917 Words
KAPITEL ZWÖLF Thanos war am Boden zerstört als er vor dem Wrack seines Boots stand. Das Unvorstellbare war eingetroffen: er saß ohne Ausweg auf der Gefangeneninsel fest. Der Gefangene, der es zerstört hatte, drehte sich zu ihm herum. In seinen Augen funkelte der Wahnsinn. „Niemand entkommt!“ schrie er. „Niemals!“ Thanos hörte die Worte kaum. Seine einzige Möglichkeit die Insel zu verlassen und seine Suche nach Ceres fortzusetzen, war ihm genommen worden, genauso plötzlich, wie Ceres ihm genommen worden war. Thanos stand wie versteinert da und suchte nach einem Sinn in dieser Sinnlosigkeit. Wenn der Gefangene sein Boot gestohlen hätte, dann hätte er es verstanden. Doch das war nichts als mutwillige Zerstörung. Der Gefangene rannte mit einem der Ruder auf ihn zu und Thanos spürte, dass auch er sich wie automatisch in Bewegung setzte. Sie prallten aufeinander und Thanos drehte sich halb, sodass der Mann zu Boden ging. Der Gefangene rollte sich ab, sprang auf und Thanos griff ihn erneut an, denn er wollte dem Mann keinen Raum geben, sein Schwert zu zücken. Der größere Mann versuchte seine Waffe zu heben und schlug zu. Thanos erwischte seinen Arm und konnte ihn auf Abstand halten, sodass er ihn mit seinem gestohlenen Dolch mehrere Male treffen konnte. Für einen Augenblick schien ihm jedoch selbst das nichts auszumachen, und der Gefangene brüllte einfach nur wütend. Thanos stach ein drittes Mal zu und dieses Mal schien er ihn an entscheidender Stelle getroffen zu haben. Der Gefangene keuchte und all seine Kraft schien aus ihm zu weichen. Thanos ließ ihn zu Boden fallen und ging zu den Überresten seines Boots zurück. Dieser Anblick schmerzte, nicht weil es kaputt war, sondern weil er dadurch etwas anderes verloren hatte: die Chance weiterzumachen, die Chance Ceres vielleicht zu finden. All das schien jetzt verloren zu sein, in Trümmern zu liegen durch das, was der Gefangene getan hatte und das, was er auf der Insel erfahren hatte. „Piraterie, Mord, Schlägereien, Söldnerwerk gegen das Reich, ein bisschen Diebstahl um über die Runden zu kommen. Ah und als ich einmal im Hafen unterwegs war, hatte ich das Pech, an den falschen Adligen zu geraten, hab seine Avancen zurückgewiesen. Das war eigentlich der Hauptgrund.“ Thanos wirbelte bei diesen Worten herum und zog sein Messer. Zu seinem Entsetzen erblickte er Felene, wie sie im Schneidersitz auf einem Felsen nicht weit von ihm entfernt saß. „Was?“ brachte er noch hervor. Er sah, wie sie mit den Schultern zuckte. „Du hast vorhin gesagt, dass ich aus sonst was für Gründen hier sein könnte. Nun, deshalb bin ich hier. Mehr oder weniger. Die vollständige Liste ist ziemlich lang. Du hast auch gesagt, dass du mir nicht trauen kannst, dass ich dir in den Rücken fallen würde. Nun, Thanos, eine Herde aus Rindern hätte dich, ohne dass du es gemerkt hättest, in den letzten Minuten niedertrampeln können. Doch dein Rücken ist bemerkenswert unversehrt geblieben.“ Als wollte sie das Gesagte noch weiter verdeutlichen, legte sie ein Schwert auf ihre Knie. „Woher hast du das?“ fragte Thanos. „Irgendjemand“, sagte sie mit einem Grinsen, „hat eine riesen Schlägerei angefangen und es war einfach naheliegend, dass da ein paar Waffen abfallen würden. Ach und du kannst Plünderei auch noch zu der Liste von vorhin hinzufügen. Hätte ich fast vergessen.“ „Warum folgst du mir?“ fragte Thanos. „Bei mir ist nichts zu holen. Du siehst, dass mein Boot zerstört wurde.“ Felene zuckte die Schultern. „Was wäre, wenn ich dir sagen würde, dass es hier noch ein anderes Boot gibt?“ „Warum würdest du dann hier sein?“ fragte Thanos. „Weil das andere gut gewacht wird. Zu gut bewacht wird, dass ich es allein kapern könnte. Aber wenn wir es zusammen...“ „Du willst, dass ich mit einer geständigen Kriminellen zusammenarbeite?“ „Das letzte was ich von dir gehört habe, Prinz Thanos, war, dass du ein Verräter bist. Außerdem will ich einfach nur weg, du etwa nicht?“ Es klang riskant und idiotisch so jemandem zu vertrauen, aber Thanos fiel nichts Besseres ein. „In Ordnung.“ „Gut“, sagte Felene. „Oh und Thanos? Wenn du versuchen solltest mich zurückzulassen, dann werde ich dir den Hals durchschneiden.“ Das Gefühl dass sie verfolgt wurden, ließ Thanos nicht los als er Felene über die Insel folgte. Jedes Mal wenn sie an einem Felsen vorbeikamen blickte er sich um, sicher, dass Aufseher oder Verlassene oder beide dieses Mal hinter ihm auftauchen würden. „Mach dich doch mal locker“, sagte Felene. „Ich weiß, wann Gefahr lauert.“ „Habe ich dich deshalb kopfüber an einem Baum hängend gefunden?“ konterte Thanos. „Nun, das kann doch jedem mal passieren. Ich war seit fast zwölf Tagen auf der Flucht vor den Verlassenen. Komm schon. Wir sollten bald da sein.“ „Sollten?“ fragte Thanos, doch er erhielt seine Antwort, als sie an eine Steilküste kamen und von dort aus über den Rand der Klippe blickten. Unter ihnen lag eine kleine Bucht, die von Steinen gesäumt war, die aussahen als wären ihre Kanten messerscharf. Brausende Wellen fraßen sich in den Schiefer und schwarzen Sand dort. Thanos’ Herz begann zu klopfen. Dort lag ein Boot. Es war größer als Thanos es erwartet hatte. Er hatte an ein Ruderboot vergleichbar mit dem, das er gehabt hatte, gedacht. Doch das hier war eine Bark mit einem Mast. Sie lag auf der Seite. Die Wachen die davor postiert waren, würden den schwierigeren Part darstellen. Es war ein halbes Dutzend. Es überraschte ihn nicht, dass Felene es vermieden hatte, es allein mit ihnen aufzunehmen. „Mein edler ‚Gönner’ hat mir erzählt, dass man viel Geld machen kann, wenn man die richtigen Güter auf die Insel schifft“, sagte sie. „Vielleicht auch, wenn man jemandem bei der Flucht hilft. Er hat es wie eine Rettungsaktion klingen lassen. Er hat mir allerdings nicht gesagt, dass diese Meute auf mich warten würde.“ Das klang in Thanos’ Ohren nur allzu vertraut. „Schmuggler haben das gleiche mit mir versucht.“ Er sah, wie Felene nickte. „Ich hoffe nur, dass sie es noch nicht komplett ausgeweidet haben. Das Reich schickt ihnen so gut wie gar nichts, deshalb nehmen sie alles auseinander, was sich ihnen auch nur nähert. Ich versuche schon seit Tagen, einen Weg nach dort unten zu finden. Es gibt einen, besonders nah komm ich allerdings trotzdem nicht ran.“ „Also werden wir kämpfen müssen“, schloss Thanos. Er sah Felene nicken. „Ich hoffe nur, dass du mit dem Schwert so gut umgehen kannst, wie du aussiehst.“ Er folgte ihr als sie einem Pfad zu folgen begann, der kaum sichtbar an der Seite der Klippe entlang verlief. Sie lief den Pfad so flink wie eine Bergziege hinab, während Thanos Mühe hatte überhaupt das Gleichgewicht zu halten. Sie schlüpften hinter einen Felsen in Nähe des Strandes. „Sie werden uns sehen, sobald wir unser Versteck verlassen“, vermutete Thanos. Er legte einen Pfeil in seinen gestohlenen Bogen. „Ich kann mich näher heranpirschen“, versicherte ihm Felene. „Wenn du mir Rückendeckung gibst?“ Thanos konnte das Misstrauen darin hören. Ihres Selbstbewusstseins und all der Verbrechen, die sie behauptete so unverfroren, begangen zu haben zum Trotz war klar, dass sie einen Alleingang nicht riskieren wollte. Das konnte Thanos verstehen. Er war bereits einmal auf dieser Insel verraten worden. „Mach dir keine Sorgen“, versicherte Thanos ihr. „Ich hintergehe meine Freunde nicht.“ „Oh, wir sind schon Freunde?“ sagte Felene und zog ihr Schwert. „Gut zu wissen.“ Thanos sah, wie sie nach vorne kroch, fast ohne ein Geräusch und auf ihrem Bauch. Thanos wartete mit gespanntem Bogen. Zu seiner Überraschung gelang es Felene fast den gesamten Weg bis zu einem der Wachen zu kriechen. Sie stach mit ihrem Schwert auf Knöchelhöhe zu und er ging schreiend zu Boden. Die anderen drehten sich daraufhin um und Thanos überkam für einen Moment die Angst, als er erkannte, wie schnell ihr Plan schiefgehen konnte. Er sah, wie einer der Wächter nach dem Horn an seinem Gürtel griff während ein anderer, der über Felene thronte als diese versuchte aufzustehen, eine leichte Axt hervorzog. Thanos hatte für seine Entscheidung nur eine Sekunde Zeit, doch auch wenn er die Gefangene erst seit kurzem kannte, musste er nicht lange nachdenken. Er ließ den Pfeil los und pflanzte ihn tief in die Brust des Mannes, der über Felene stand. Dann ließ er den Bogen fallen und stürmte nach vorne während seine neue Gefährtin sich mit ihrer Klinge um einen anderen kümmerte. Er zog sein eigenes Schwert, brauste in die Wächtergruppe und metzelte den Mann mit dem Horn nieder. Doch er kam zu spät, das Horn erscholl in einem tiefen und vollen Ton, der sich über die Kampfgeräusche erhob. Thanos ließ sein Schwert rechts und links niedergehen, wehrte den Schlag von einem der Wachen ab und versenkte dann sein Schwert in dem zweiten Wächter. Er duckte sich unter einen zweiten Schlag hinweg, hieb mit einem zweihändigen Schlag nach oben aus und brachte einen anderen Mann zu Fall. Der letzte Mann war bereits tot, Felene stand über ihm. „Sieht aus, als könntest du tatsächlich so gut kämpfen, wie du behauptet hast. Schnell, wir müssen das, was wir brauchen, aufs Schiff bringen und dann die Segel setzen. Dank dir hat er es ja noch geschafft, in sein Horn zu blasen, sodass sie wissen werden, wo sie uns suchen müssen.“ „Vielleicht hätte ich sie lieber dich töten lassen“, schlug Thanos vor, doch Felene war bereits damit beschäftigt, Vorräte an Bord zu schaffen. Thanos durchfuhr es als er ein zweites Horn weiter oben hörte. Er blickte nach oben und erblickte die Männer, die auf dem Kliff standen. „Schneller“, sagte Felene. „Wir haben keine Zeit mehr. Wir müssen uns beeilen.“ Thanos warf sich gegen das kleine Boot und erst bewegte es sich keinen Zentimeter. Der Sand in dem es steckte, schien sich wie Ketten um das Boot gelegt zu haben. „Mehr Schwung!“ ermunterte ihn Felene und lehnte sich selbst mit voller Kraft gegen das Boot. Thanos ächzte, als er versuchte das Boot in Bewegung zu setzen, doch dann konnte er spüren, wie es sich bewegte. Plötzlich steckte ein Pfeil neben ihm im Rumpf des Bootes. Das ließ ihn seine letzte Kraft noch einmal bündeln. Dann spürte er, wie das Boot aus dem Sand in das Wasser glitt. Er sah, wie Felene an Bord sprang. Noch mehr Pfeile regneten auf sie nieder dennoch holte Thanos weitere Vorräte vom Strand. Ohne sie würden sie nicht weit kommen und schließlich würden die Wachen noch ein wenig brauchen bis sie es an den Strand geschafft hatten. Er hievte sich ein Wasserfass auf die Schultern und rannte dann auf das Ufer zu. Er bewegte das Fass mit seinen Füßen nach vorne während er auf das Boot zu schwamm. Doch hatte sich das Boot bereits weiter entfernt als er erwartet hatte. Pfeile landeten neben ihm im Wasser. Sie glitten mit einem leisen Platschen durch die Oberfläche. Thanos konnte einfach nur weiterschwimmen. Würde Felene ihn zurücklassen? Thanos wollte es nicht glauben, doch dann fiel ihm ein, dass er sie eigentlich gar nicht kannte. Angst stieg in ihm auf als er an das dachte, was mit ihm geschehen würde, wenn sie einfach davonsegelte und ihn den Wachen überließ. Da er sie auf der Suche nach seinem eigenen Boot zuvor zurückgelassen hatte, war das nicht auszuschließen. Dann sah er, wie Felene ihm vom Heck des Bootes aus ein Seil zuwarf. Thanos griff dankbar danach, zog sich und sein Fass zum Boot und kletterte an Deck. Der Pfeilregen hielt an und Wachen rannten an das Ufer, um von dort aus besser zielen zu können. Thanos griff nach einer Kiste und hob sie schützend vor Felene. Gerade noch rechtzeitig, denn schon steckte ein Pfeil im Holz der Kiste. Er begann aufzustehen, doch sie stieß ihn zur Seite, denn schon steckten weitere Pfeile im Holz des Decks. „Danke“, sagte er. Wasser tropfte von seiner Kleidung auf das Deck. Er sah, wie sie mit den Schultern zuckte. „Nun ich konnte das gute Wasser doch nicht einfach zurücklassen. Also, mein Prinz, da du mir geholfen hast, diese Insel zu verlassen, darfst du jetzt festlegen, wo es hingehen wird. Zurück nach Hause?“ Thanos schüttelte den Kopf. Wenn Ceres nicht hier war, dann gab es nur eine Möglichkeit, wie er seinen Leuten zu Hause helfen konnte. „Haylon“, sagte er. „Wir fahren nach Haylon.“
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