P.o.V.: Harry
Es war warm. Viel zu warm. Es war Ende August. Da sollte es doch gar nicht mehr so warm sein. In London ist es nie so. Wer hatte überhaupt die dumme Idee nach Italien zu fliegen? Und dann auch noch auf einen Campingplatz?
Hier hat es 35° C im Schatten. In meiner Heimatstadt konnte man froh sein, wenn man überhaupt mal 28° C für eine Woche durchgehend bekam.
Ein weiterer Nachteil an dem Campingplatz war, dass hier einfach viel zu viele Leute waren. Und vor allem so viele Sprachen. Natürlich Italiener. Niederländer. Schweizer. Deutsche. Franzosen. Spanier. Irgendwie war hier alles versammelt. Und als Engländer kannst du nicht mal über jemanden lästern. Jeder versteht Englisch. Aber wenn du natürlich Französisch, Italienisch oder Deutsch sprichst, da kannst du in normaler Lautstärke reden und kein Schwein versteht dich.
Allerdings durfte man sich das hier nicht so vorstellen, dass hier überall Zelte standen. Meine Mutter und ich hatten ein Bungalow. Der Campingplatz war in drei Teile gegliedert. Wohnwagen, Zelte und eben Bungalows.
Viel lieber wäre ich trotzdem zuhause geblieben. Hier kannte ich niemanden. Alles war Fremd. Und das Wetter ist schrecklich. Und erst die Mücken. Ich hatte allein an meinem Rücken bestimmt sieben Stiche. Wenn ich schon allein daran dachte fing es wieder an zu jucken. Und der Rücken war der schrecklichste Platz für einen Mückenstich. Da konnte man sich meistens gar nicht richtig kratzen.
Wir hatten zuhause doch auch ein Meer. Wieso dann Italien? Jedesmal, wenn der Euro knapp wurde, musste man Geld wechseln. Das ist doch unnötig. Wieso kann man sich denn auf der ganzen Welt nicht auf eine Währung einigen?
Was noch ungewohnt war, war definitiv das rechts fahren. Da wir geflogen sind, weil es mit dem Auto definitiv zu lange gedauert hätte, hatten wir ein Leihauto. Und ich lernte es selbst in den letzten sechs Tagen nicht. Ich will immer noch links auf der Beifahrerseite einsteigen. Aber die Beifahrerseite war rechts.
Meine Mutter dachte, dass es doch perfekt wäre, wenn wir gleich drei Wochen Urlaub machen würden. Angeblich würde es sich für zwei Wochen nicht rentieren. Hallo?! Zwei Wochen sind 14 Tage. Da konnte man doch so viel machen. Aber gleich drei Wochen? Oh nein, danke.. Aber aussuchen konnte ich mir das ja nicht.
Autsch!
Ich schlug mir aufs Bein.
Schon wieder hatte mich eine Mücke gestochen. Sofort wischte ich die Leiche weg und lehnte meinen Kopf in den Nacken. Wenigstens gibt es hier gutes WLAN. "Harry, Schätzchen", sprach mich meine Mutter an. Ich seufzte, sah zu ihr hinter und nahm die Kopfhörer aus den Ohren. "Geh doch mal nach vorne. Vielleicht lernst du ein paar Leute kennen. Du kannst nicht den Rest der Zeit nur hier rumsitzen und Löcher in die Luft starren", forderte sie mich auf. Mit 'nach vorne gehen' meinte sie die Spielanlagen. Hier gab es einen Fußballplatz, einen Spielplatz für kleine Kinder und einen großen Gemeinschaftspool. "Die sprechen doch alle nicht meine Sprache", versuchte ich mich rauszureden. "Ach komm. Stell dich nicht so an. Englisch ist die Weltsprache. Jeder kann Englisch. Eher sprichst du nicht ihre Sprache" Ich schüttelte den Kopf. "Keiner will Englisch sprechen, wenn er Ferien hat. Das ist das gleiche, wie wenn du mich jetzt dazu zwingen würdest, Mathe zu lernen. Vergiss es"
Meine Mutter seufzte. "Eigentlich wollte ich, dass wir einen schönen Urlaub haben", fing sie an. "Ja, haben wir doch auch. Aber trotzdem wäre ich lieber in England geblieben. Hier ist es viel zu heiß", beschwerte ich mich und legte mein Handy auf den Tisch. "Ben sagt, in England regnet es. Und das hätte ich gerade lieber als 35° C im Schatten" Meine Mutter lachte und fuhr mir durch die Haare. "Ich koche uns jetzt was und danach fahren wir gemeinsam in eine Stadt", schlug sie vor. Ich nickte zustimmend und steckte mir wieder die Kopfhörer in die Ohren.
Als meine Mutter wieder ins Haus ging, nahm ich mir mein Handy und schrieb mit Ben weiter. Ben war mein bester Freund zuhause in England. Wir gehen zusammen in eine Klasse und das schon seit Anfang der Highschool.
H: Du glaubst nicht, wie langweilig es hier ist..
B: XD willst du das jetzt jeden Tag sagen?
H: Jaa! Es ist viel zu heiß hier! Ich schmelze
B: Hier regnet es schon den ganzen Tag. Is auch nicht geil. Außerdem, brauchst du die Sonne. Du brauchst n bisschen Farbe auf deiner Haut
H: Pff. Eher bekomm ich Sonnenbrände als das ich braun werde
B: Dann musst du dich eincremen
H: Ja, was denkst du, was ich mache
B: Ich kenn dich, Hazza
H: Halt die Klappe
B: Sind denn wenigstens heiße Italiener am Start?
H: Wieso sollte ich darauf achten? Wie dumm wäre ich, würde ich mich im Urlaub in jemanden verlieben. Den seh ich danach doch nie wieder
B: Sag niemals nie ¯_(ツ)_/¯
H: Ben
B: Was?!
H: Du nervst
B: Ich hab dich auch lieb
B: Ohhh ignorierst du mich jetzt?
B: Heyyy!
B: Ich sehe, dass du die Nachrichten ließt!
B: Außerdem weiß ich, dass du in der 8. nen Crush auf den Austauschschüler aus der 10. hattest
H: Ben! Das hab ich dir nie erzählt! Woher?!
B: Och Hazzaaa Egaaaaal
H: Du bist so scheiße
B: ❤️
H: Ne das kannst du dir jetzt auch sparen
B: :c
H: Und schmollen brauchst du auch nicht
B: :cccc
H:
B:
H: Ich geh jetzt off. Muss Handy laden. Fahren nach dem Essen in ne Stadt
B: Ohh, okeyy :) Viel Spaß
H: Jaja, danke
H: Hab dich lieb, auch wenn du scheiße bist
B: Ich weiß
B: Ich dich auch
Ohne, dass ich Ben noch eine Antwort gab, ging ich offline und deckte den Tisch. Kurz darauf war auch schon das Essen fertig.
Wie versprochen fuhren meine Mum und ich noch nach Livorno. Eine Hafenstadt, etwa 30km von unserem Campingplatz entfernt. Es war schön dort. Wir beobachteten den Sonnenuntergang und schlenderten durch die Straßen.
Italien war überhaupt nicht mit England zu vergleichen. Es gab so viele Unterschiede. Es fing schon alleine bei der Gesellschaft an. Es waren einfach total andere Menschen. Die Straßen waren anders. Das Geld. Das Wetter. Die Umwelt.
Ich musste schon zugeben.. Auch, wenn es langweilig war, weil man als Einzelkind nun mal niemanden hat, mit dem man was zusammen unternimmt oder sich über Dinge unterhält um die Zeit zu vertreiben, hatte der Abend eigentlich doch ziemlich Spaß gemacht. Natürlich kann ich mich mit meiner Mum unterhalten. Aber mit ihr konnte ich schlecht über die heißen Schauspieler oder Sänger reden. Ich war noch nicht mal vor ihr geoutet. Wobei ich glaube, dass sie es vermutet.. Aber naja. Es ist ja nicht nötig. Ich hab sowieso keinen Freund, also brauche ich mich auch nicht outen.
Von unserem Ausflug kamen wir erst spät in der Nacht wieder zurück. Wir waren beide total müde, weshalb wir abwechselnd ins Bad gingen und dann direkt ins Bett. Ohne nochmal Ben eine Nachricht zu schicken, schlief ich halb zugedeckt sofort ein.