1. The Eldorado, Shreveport, Louisiana

2540 Words
EINS THE ELDORADO, SHREVEPORT, LOUISIANA 14. MÄRZ, 2012 Das letzte Jahr war beschissen gewesen und dieses Jahr bereits jetzt noch übler. Vergangenes Jahr, nachdem meine Eltern während ihres Karibikurlaubs bei einem „Unfall“ ums Leben gekommen waren, hatte ich sehr hart gearbeitet und nicht auf meinen Instinkt gehört, der so laut „Blödsinn“ schrie, dass ich auf dem „dritten Ohr“ beinahe taub wurde. Ich bereitete mich gerade auf den größten Fall meiner Karriere vor, daher hatte ich sozusagen eine Entschuldigung, die für mich funktionierte, solange ich zur Happy Hour aufkreuzte, aber in Wirklichkeit war ich von dem privaten Ermittler besessen, dem mein Fall zugeteilt worden war. Nick. Der fast geschiedene Nick. Mein neuer Mitarbeiter Nick, der ab und zu Signale aussandte, als wolle er mir meine Ann-Taylor-Bluse mit den Zähnen vom Leib reißen, wenn er nicht gerade damit beschäftigt war, mich zu ignorieren. Aber die Sachlage hatte sich geändert. Gerade war das Urteil in meinem Mega-Prozess gefällt worden, im Fall der unrechtmäßigen Kündigung von Mr. Burnside. Meine Kanzlei akzeptiert nur selten Fälle von Zivilklägern, daher war ich bei diesem Fall ein großes Risiko eingegangen – und hatte Mr. Burnside drei Millionen Dollar gewonnen, von denen die Kanzlei ein Drittel bekam. Das war das völlige Gegenteil von beschissen. Nach meinem Triumph im Gerichtshof von Dallas fuhren meine Anwaltsgehilfin Emily und ich sofort auf die I-20 nach Shreveport, Louisiana, in das Hotel, wohin sich unsere Kanzlei in Klausur begeben hatte. Shreveport gehört bei Klausuren der meisten Unternehmen nicht zu den zehn Spitzenreitern, aber unser Seniorpartner hielt sich für einen tollen Pokerspieler und stand auf Cajun-Küche, Jazz und Flussschiff-Casinos. Die Klausur war eine großartige Entschuldigung für Gino, sich zwischen Teamaufbau- und Sensibilitätssitzungen ein bisschen Texas Hold’Em, eine Pokervariante, zu gönnen und trotzdem noch wie ein toller Typ rüberzukommen. Es hieß aber auch dreieinhalb Stunden Fahrt einfach. Für mich und Emily war das kein Problem. Wir überbrückten beide mühelos die Kluft zwischen Anwaltsgehilfin und Anwältin sowie zwischen Kollegin und Freundin, größtenteils, weil keine von uns besonders scharf auf Dallas war. Eigentlich überhaupt nicht. Emily und ich hetzten ins Eldorado zum Check-in. „Wünschen Sie eine Karte mit den Geistertouren?“ fragte uns die Angestellte am Empfang. Mit ihrem polyglotten Texas-Cajun-Südstaaten-Akzent klang Tour wie „Tor“. „Oh, vielen Dank, meine Liebe, aber nein, danke“, antwortete Emily in ihrem schleppenden Südstaaten-Tonfall. In den zehn Jahren, seit sie aus Amarillo weggezogen war, hatte sie ihre Herkunft im Tonfall immer noch nicht abgeschüttelt, genauso wenig wie Barrel-Racing mit Pferden. Ich glaubte zwar auch nicht an faulen Zauber, aber ich war auch kein Fan von Casinos, die nach Rauch und Verzweiflung stanken. „Gibt es bei euch auch Karaoke oder andere Sachen als nur Casinos?“ „Aber ja, wir haben eine Bar auf der Dachterrasse mit Karaoke, Poolbillard-Tischen und ähnliches.“ Das Mädchen wischte ihre Stirnfransen zur Seite, dann beförderte sie sie mit einer Kopfbewegung genau dahin zurück, wo sie vorher gewesen waren. „Das ist schon eher was“, sagte ich zu Emily. „Karaoke“, meinte sie. „Schon wieder.“ Sie verdrehte die Augen. „Nur, wenn wir nach der Halbzeit wechseln. Ich will Black Jack spielen.“ Als wir unsere Taschen in den Zimmern verstaut und uns frisch gemacht hatten, wobei wir uns die ganze Zeit, in der wir getrennt waren, am Handy unterhielten, gingen wir zu unserer Gruppe. Spontaner Applaus aller Kollegen brandete auf, als wir das Konferenzzimmer betraten. Die Nachricht, dass wir gewonnen hatten, war uns vorausgeeilt. Wir knicksten und ich imitierte in Emilys Richtung mit beiden Armen eine Geste der Moderatorin Vanna White. Sie erwiderte die Gefälligkeit. „Wo ist Nick?“, rief ich. „Komm auch hier rauf.“ Nick hatte den Gerichtssaal verlassen, als sich die Geschworenen zur Beratung zurückgezogen hatten, daher war er schon vor uns angekommen. Er erhob sich von einem Tisch auf der anderen Seite des Raums, kam aber nicht zu uns nach vorne. Ich imitierte trotzdem Vanna White auch in seine abgelegene Ecke. Der Applaus legte sich und ein paar meiner Partner signalisierten, dass ich mich zu ihnen an den Tisch beim Eingang setzen sollte. Ich ging hin und in den nächsten fünfzehn Minuten waren wir damit beschäftigt, Leitlinien für die Kanzlei auszuarbeiten. Emily und ich waren genau rechtzeitig zum Ende der Tagessitzung gekommen. Als sich die Versammlung auflöste, trampelte die Gruppe hektisch vom Hotel auf das angedockte Schiff mit dem Casino. In Louisiana ist Glücksspiel nur „auf dem Wasser“ oder in Stammesgebieten legal. Anstatt ins Casino ging ich spontan zu den Aufzügen. Kurz bevor sich die Türhälften schlossen wurde eine Hand durchgestreckt, sie glitten wieder auf und da stand ich mit keinem anderen als Nick Kovacs im Aufzug, auf dem Weg nach oben zu den Hotelzimmern. „Aha, Helena, du bist also auch keine Spielerin“, sagte er, während sich die Aufzugtüren schlossen. Mein Magen vollführte einen komischen Hopser. Kitschig, ich weiß, aber wenn er gut gelaunt war, nannte mich Nick Helena – nach der schönen Helena von Troja. Ich hatte Emily versprochen, dass wir uns vor dem spätabendlichen Karaoke zu einer zeitigen Runde Black Jack treffen würden, aber das brauchte er nicht zu wissen. „Ich habe das Glück der Iren“, meinte ich. „Spielen ist gefährlich für mich.“ Er antwortete mit tödlichem Schweigen. Wir sahen beide nach oben, nach unten, auf die Seite und überallhin außer Blickkontakt aufzunehmen, was schwierig war, weil im Aufzug über einem goldenen Handlauf und einer Holzvertäfelung Spiegel angebracht waren. Es lag ein kleines bisschen Spannung in der Luft. „Ich habe aber gehört, dass in der Hotelbar angeblich ein Pool-Tisch steht, da wäre ich dabei“, bot ich an, stürzte mich damit kopfüber ins Nichts und hielt auf dem Sturz nach unten die Luft an. Schon wieder tödliches Schweigen. Langes tödliches Schweigen. Der Aufprall auf dem Boden würde wehtun. Ohne Blickkontakt aufzunehmen sagte Nick: „Okay, treffen wir uns da in ein paar Minuten.“ Hatte er wirklich gesagt, dass er mich da treffen wollte? Nur wir beide? Eine Verabredung? Du lieber Himmel, Katie, was hast du getan? Die Aufzugtüren gaben einen Klingelton von sich und wir gingen in entgegengesetzte Richtungen zu unseren Zimmern. Jetzt war es zu spät für einen Rückzieher. Ich bewegte mich wie im Nebel. Hyperventilierte. Bekam schweißnasse Achselhöhlen. Wildes Herzklopfen. Mein Outfit war völlig unpassend, also vertauschte ich Ann Taylor mit Jeans und einer strukturierten Bluse und ja, ich gebe es zu, einer bunten Jessica-Simpson-Handtasche und den dazu passenden orangefarbenen Plateau-Sandalen. Weiß steht mir prima zu meinen langen, gewellten roten Haaren, aus denen ich die Spange löste und sie mit den Fingern über meine Schultern kämmte. Nicht sehr anwaltsmäßig, aber genau das war ja der Punkt. Außerdem mochte ich meinen Beruf als Anwältin nicht mal, warum also sollte ich wie eine aussehen? Normalerweise ist mein Zweitname Katie Sauberfrau, aber ich gab mich mit flüchtigem Zähneputzen, Deo und Lippenstift zufrieden. Ich überlegte, ob ich Emily anrufen und ihr sagen sollte, dass ich nicht aufkreuzen würde, aber ich wusste, sie würde mich verstehen, wenn ich es ihr später erklärte. Im Sturmschritt hetzte ich zu den Aufzügen und fluchte, weil er an jedem Stockwerk hielt, bevor er die Grotte auf der Dachterrasse erreichte. Ping. Endlich. Ich blieb stehen, um durchzuatmen. Ich zählte bis zehn, holte nochmal tief Luft und trat in die gedämpfte Beleuchtung über der Bar mit dem steinernen Tresen. Ich stand neben einem Mann, der sogar noch aus mehreren Metern Entfernung Maskulinität ausstrahlte. Meine Backen brannten. Ich hatte Herzrasen. Genau der Mann, wegen dem ich gekommen war. Nick war ungarischer Abstammung und seinen Zigeunervorfahren verdankte er sein dunkles Aussehen – Augen, Haare und Teint – und ausgeprägte Wangenknochen. Er war muskulös und langgliedrig, was ich toll fand, aber nicht gutaussehend im herkömmlichem Sinn. Seine Nase war ziemlich groß und krumm, weil sie zu oft gebrochen worden war. Er hatte mir mal erzählt, dass er den abgebrochenen Vorderzahn dem Schlag eines Surfboards auf den Mund verdankte. Aber auf undefinierbare Art war er hinreißend und ausgehend von den schnellen Blicken anderer Frauen war ich nicht die Einzige im Raum, die das merkte. Jetzt hatte er mich bemerkt. „Hallo, Helena.“ „Hallo, Paris“, erwiderte ich. Er schnaubte. „Dein Paris bin ich definitiv nicht, Paris war ein Waschlappen.“ „Hmmm. Wie wär’s mit Menelaos?“ „Äh, Bier.“ „Ich bin ziemlich sicher, dass in der Helena-von-Troja-Story niemand vorkommt, der Bier heißt“, bemerkte ich und schniefte gespielt überheblich. Nick sagte zum Barkeeper: „St. Pauli Girl.“ Endlich schenkte er mir sein Nick-Grinsen und die restliche Spannung unseres Aufzugstrips löste sich auf. „Willst du auch eins?“ Ich brauchte etwas Stärkeres als pure Luft, um mir Mut zu machen. „Amstel Light.“ Nick bestellte. Der Barkeeper gab Nick zwei Bierflaschen, an denen Wassertropfen abperlten, dann schüttelte er sich das Wasser von den Händen. Nick händigte mir mein Bier aus und ich wickelte eine Serviette um die Flasche, wobei ich die Serviettenenden mit der militärischen Präzision ausrichtete, die mir so gefiel. Nick sang mit wiegendem Kopf leise vor sich hin. Honky Tonk Woman. „Ich glaube, ich mag dich in Shreveport lieber als in Dallas“, sagte ich. „Dann sag ich mal danke. Es ist schön, wenn du zufrieden bist. Ich schätze, es war ein hartes Jahr für dich mit dem Tod deiner Eltern und so. Prost auf dieses Lächeln“, sagte er und erhob sein Bier in meine Richtung. Bei dem Toast setzte beinahe mein Herzschlag aus. Hart hatte es genau getroffen, aber es war besser für mich, wenn ich das Thema meiner Eltern mit ihnen im Grab ruhen ließ. Ich stieß mit meiner Flasche an, konnte ihn aber nicht ansehen dabei. „Vielen Dank, Nick.“ „Willst du Pool spielen?“, fragte er. „Los geht’s.“ Ich war so aufgedreht wie ein Schulmädchen, das mit dem High-School-Quarterback ausgeht. Wir liebten beide Musik, also redeten wir über Musikrichtungen, Bands (seine ehemalige Band Stingray und „echte“ Bands), mein Nebenfach Musik in Baylor und LSD, auch bekannt als Leadsänger-Krankheit. Bei vielen Flaschen Bier tauschten wir High-School-Stories aus und er erzählte, wie er mal einen verletzten Tölpel gerettet hatte. „Einen verletzten Tölpel?“ fragte ich. „Einen richtigen Trampel? Nummer 8 ins Eckloch.“ Ich versenkte den Ball. Er sammelte die Bälle aus dem Löchern ein und legte sie in das Rack, während ich meine Stockspitze mit blauer Kreide rieb und den Überschuss wegpustete. „Du bist sowas von landfixiert. Ein Tölpel ist ein Vogel, Katie.“ Ich wälzte die Anrede mit meinem richtigen Namen in meinem Hirn hin und her und genoss, wie es sich anfühlte. „Ich war surfen und sah einen Tölpel, der nicht fliegen konnte. Ich habe ihn mitgenommen und gepflegt, bis er soweit war, dann ließ ich ihn frei.“ „Du lieber Himmel! Hat er sehr gestunken? Hat er nach dir gehackt? Ich wette, deine Mama war begeistert davon!“ Ich schwätzte hektisch drauflos, jeder Satz war ein Ausruf. Peinlich. Ich war wie ein junges Ding auf LSD, du lieber Gott. „Er stand unter Schock, also war er ruhig, aber er wurde jeden Tag wilder. Ich war vierzehn und meine Mama war froh, dass ich nicht auf meinem Zimmer hockte und ein Mädel angrapschte, also war es okay für sie, aber nach ein paar Tagen hat er derb gestunken.“ Ich machte den Break. Bälle klackten und rollten in alle Richtungen, ein gestreifter Ball purzelte in eine Seitentasche. „Halbe“, rief ich. „Deine Mama hat dich also schon mal vorher erwischt, wie du ein Mädel angegrapscht hast, oder?“ „Äh, das habe ich nicht gesagt …“, stotterte er und verstummte. Ich war hingerissener von ihm denn je. „Damn, I Wish I Was Your Lover“ spielte im Hintergrund. Ich hatte den Song seit Jahren nicht mehr gehört. Monatelang hatte ich den Drang unterdrückt, meine Arme um Nicks Hals zu schlingen und ihn in den Nacken zu beißen, aber mir war klar, dass die meisten Leute in der Arbeit das für unpassendes Benehmen hielten. Ziemlich kleinkariert, wenn Sie mich fragen. Ich fasste den großen Balkon vor der Bar ins Auge und dachte, dass ich es vielleicht schaffen könnte, wenn es mir nur gelang, Nick nach draußen zu bugsieren. Meine Chancen standen eigentlich ganz gut, bis einer unserer Kollegen hereinkam. Tim war Rechtsberater in der Kanzlei. „Rechtsberater“ in dem Sinn hieß, dass er zu alt war, um Sozius genannt zu werden, aber sehr erfolgreich war er nicht. Außerdem saß sein Hosenbund etwa drei Zentimeter zu hoch über der Taille. Die Kanzlei würde ihn niemals zum Partner machen. Nick und ich sahen uns in die Augen. Bisher waren wir zwei Kurzwellenradios auf demselben Sender gewesen, bei der Funkübertragung hatte es geknistert. Aber jetzt war da nur noch ein Rauschen und sein Blick umwölkte sich. Seine Haltung wurde steif, er rückte unmerklich von mir ab. Er rief Tim einen Gruß zu. „Hallo, Tim, hier sind wir.“ Tim winkte und näherte sich durch die verrauchte Bar. Er kam sich mit behäbigen Schritten näher, wie in Zeitlupe. Man hörte das Echo seiner Schritte auf dem Boden, es klang wie nein … nein … nein … Vielleicht sagte ich das laut. Ich wusste es nicht und es spielte auch keine Rolle. „He, Tim, prima, dass du auch da bist. Hol dir ein Bier, spielen wir eine Runde Pool.“ Oh bitte, bloß nicht, Nick hat gerade Tim eingeladen, mit uns abzuhängen. Er hätte ja auch kurz etwas sagen können wie: „He, alles klar bei dir, schönen Abend, bin gerade am Gehen“ oder irgendwas in der Richtung, aber nein, er hatte Tim aufgefordert, sich zu uns zu gesellen. Tim und Nick sahen mich an und warteten auf Zustimmung. Ich hatte die flüchtige Fantasie, wie ich einen perfekten Seitentritt in Tims Bauch landete und er sich mit trockenen Würgelauten auf dem Boden zu wälzen begann. Was für einen Sinn machten dreizehn Jahre Karate, auf denen mein Vater bestanden hatte, wenn ich es bei Gelegenheiten wie dieser nicht anwenden konnte. „Jede Frau sollte in der Lage sein, sich zu verteidigen, Katie“, pflegte Papa zu sagen, wenn er mich zum Training beim Dojo ablieferte. Vielleicht war das rein technisch gesehen kein physischer Selbstverteidigungsmoment, aber Tims Erscheinen hatte meine Hoffnungen auf die Sache mit dem Nackenbiss zunichtegemacht sowie alles Weitere, was darauf hätte folgen können. War das nicht Grund genug? Ich verscheuchte die Fantasie. „Tim, übernimm doch für mich. Ich hatte die ganze Woche den Prozess und bin erledigt. Morgen geht es früh los. Das wird der letzte Klausurtag, das große Finale für das Hailey & Hart-Team.“ Ich gab Tim meinen Queue. Tim hielt das für eine tolle Idee. Es war klar, dass ihm Frauen Angst machten. Ich hatte auf Widerspruch von Nick gehofft, aber es kam keiner. Er war wieder in seinen „Was für eine Katie?”-Modus außerhalb der Arbeit zurückgefallen. Alles, was ich von ihm bekam, war „Gute Nacht“, ohne Helena- oder Katie-Zusatz. Ich schnappte mir an der Bar noch ein Amstel Light für unterwegs und trottete auf mein Zimmer zurück.
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