~Samantha Lee~
Mein Handy vibrierte auf dem Holztisch und klang wie eine Mücke in meinem Ohr. Ich stöhnte und vergrub mein Gesicht tiefer in meinen Armen. Es war kaum 9 Uhr morgens an einem Donnerstag, und mein Gehirn protestierte aktiv gegen jede Form von bewusstem Denken.
„Sam, geh einfach ran“, zwitscherte Lily, deren Stimme für diese unchristliche Uhrzeit viel zu fröhlich klang. Sie rutschte auf die Bank neben mir und ihr langer blonder Pferdeschwanz schwang hin und her.
„Geht nicht, Ladies“, murmelte ich mit gedämpfter Stimme. „Sie ist es.“
„Sie?“, fragte Rachel, obwohl die leichte Neigung ihres Kopfes darauf hindeutete, dass sie genau wusste, wen ich meinte. „Deine Mutter? Vielleicht ist es wichtig, Sam.“
Ich schnaubte, hob endlich den Kopf und mein schwarzes Haar lag chaotisch um mein Gesicht herum. „Wichtig? Das Einzige, was meine Mutter jemals als ‚wichtig‘ bezeichnet, ist, mir meine Lebensentscheidungen vorzuschreiben, meine Kleidung von vor drei Wochen zu kritisieren oder mich über eine weitere ihrer Gesellschaftsgalas zu informieren. Nein, danke.“ Ich winkte abweisend mit der Hand, als könnte ich damit die drohende Katastrophe einer elterlichen Standpauke physisch wegwischen. Ehrlich gesagt, diese Frau könnte sogar einer Welpenkonferenz die Freude nehmen.
In diesem Moment hallte ein zuckersüßer, absolut nervtötender Jubel von der Bühne vor dem Amphitheater der Universität. „Cheerleaderinnen! Wir sind die Besten! Stellt uns auf die Probe!“
Mein Auge zuckte. „Ach, ernsthaft?“, murmelte ich mit verächtlicher Stimme.
Lily verzog das Gesicht. „Hannah und ihre Herde von Plastiktauben.“
„‚Plastiktauben‘, gut gesagt, Lil“, sagte ich und ein kleines Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus. „Ich schwöre, wenn sie nicht mit diesem ohrenbetäubenden Unsinn aufhören, drehe ich durch.“
Rachel nahm einen dramatischen Schluck von ihrem Espresso. „Ich hasse sie und Hannah am meisten. Sie starrt uns buchstäblich an, als hätten wir ihr persönlich ihre Tiara gestohlen.“
„Weil wir das vorhaben“, erklärte ich und beugte mich vor. „Die Glitter Girls werden ihnen in dieser Saison ihre perfekten, chirurgisch verschönerten Hintern versohlen. Wir müssen nur noch mehr trainieren, eine engere Formation beim Triple Basket Toss einnehmen und vielleicht einen neuen Chant einstudieren, der nicht so klingt, als wäre er von einem sechsjährigen Zuckerkind geschrieben worden.“
„Genau!“, rief Lily und gab mir über den Tisch hinweg ein High Five. Rachel stimmte mit ein, und endlich huschte ein kleines, echtes Lächeln über ihre Lippen. Das war unser heiliges Band, ein gemeinsamer Hass auf die Cheer Chicks und der unerschütterliche Glaube, dass die Glitter Girls das überlegene Cheerleader-Team waren.
Der Jubel verstummte endlich, Gott sei Dank. Eine neue Energie durchströmte das Amphitheater, ein leises Summen, das schnell zu einem Dröhnen anschwoll. Die Lichter wurden gedimmt, dann hellten sie sich wieder auf und beleuchteten den Eingang zur Bühne.
Und dann kam das Hockeyteam der Universität.
Adrenalin schoss durch die Menge, als sie herauskamen. Ich konnte nur ihre breiten Schultern und schlanken Muskeln sehen, sie sahen aus, als kämen sie gerade von einem GQ-Cover-Shooting, den Schläger in der Hand. Mein Blick fiel sofort auf Logan, meinen Freund. Er zwinkerte mir von der Bühne aus zu, ein charmantes, selbstbewusstes Grinsen auf seinem Gesicht. Mein Magen machte einen kleinen Sprung, definitiv der übliche Logan-Effekt. Er war gutaussehend, beliebt und unglaublich gut im Hockey. Was könnte ein Mädchen mehr wollen?
Doch dann kam die zweite Welle von Spielern, und meine Stimmung, die stetig gestiegen war, sank schneller als ein Bleiballon in einem Aufzugsschacht.
Tyler Pierce.
Sein dunkles Haar war immer auf kunstvolle Weise zerzaust, und seine Augen, die eine auffällige grüne Farbe hatten, schienen selbst aus der Ferne einen schelmischen Glanz zu haben. Er war der Goldjunge der Universität, der verlorene Sohn des Hockeyteams und mein persönlicher Migräneauslöser.
Als er die Bühne betrat, stieg der Geräuschpegel im Amphitheater sprunghaft an. „TYLER! TYLER! TYLER!“ Die Sprechchöre waren ohrenbetäubend und schienen direkt in meinem Schädel zu vibrieren. Mädchen kreischten seinen Namen und hielten Schilder mit Aufschriften wie „Heirate mich, Tyler!“ und „Pierce, mein Held!“ hoch.
Ich presste die Kiefer aufeinander, weil ich es albern und lächerlich fand, wie die Mädchen ihn anfeuerten, denn offenbar war er auf dem Eis sehr energiegeladen. Oder vielleicht war es auch nur eine Ausrede für alle, seinen Namen zu skandieren, als wäre er eine Art Sportgott. Was er, um fair zu sein, auch irgendwie war. Und das ruinierte mir jedes Mal absolut und eindeutig die Laune. Logan war großartig, sogar fantastisch, aber Tyler ... Tyler war eine andere Art von Monster, eine, die unter die Haut ging und dort blieb.
„Ugh, ich kann nicht“, murmelte ich und schob mich mit solcher Kraft vom Tisch weg, dass er gefährlich ins Wanken geriet. „Ich muss hier raus, bevor ich anfange, Glitzerbomben auf begeisterte Fans zu werfen.“
„Sam, wo gehst du hin?“, rief Lily, ihre Stimme kaum hörbar über dem tosenden Gedränge.
„In die Umkleidekabine!“, schrie ich zurück, ohne mich umzudrehen. „Ich bin weg. Das ist mir zu viel.“
Ich schlängelte mich mit gesenkten Schultern durch die Menge der Schüler und versuchte, mich so klein und unsichtbar wie möglich zu machen. Die „Tyler“-Sprechchöre folgten mir und hallten nervig in meinem Kopf wider. Gerade als ich die Doppeltüren erreichte, die zu den Umkleideräumen der Sporthalle führten, trat eine Gestalt vor mich und versperrte mir den Weg.
„Hey, Sam!“
Es war Mike, einer von Logans Teamkollegen, ein stämmiger Verteidiger mit einem stets gutmütigen Grinsen. Er hielt mir eine bunte Einladungskarte hin. „Morgen Abend gibt es eine Party. Im alten Verbindungshaus, weißt du? Das am See. Wir laden alle aus dem Sport ein, Hockey, Cheerleader, Basketball, Schwimmteam, was auch immer. Das wird episch.“
Ich nahm die Karte und warf kaum einen Blick auf die auffällige goldene Schrift. Mein Kopf schwirrte immer noch von der Überdosis „Tyler“. „Äh, ja, danke, Mike. Verstanden.“
„Cool! Wir sehen uns dort!“ Er grinste und verschwand wieder in der Menge.
Ich murmelte ein vages „Ja“ und schob mich durch die Türen in den ruhigen, leicht feucht riechenden Umkleideraum. Endlich Ruhe. Ich ging zu meinem Spind und kramte nach meinem Schlüssel, als mein Handy, das ich in meine Tasche gesteckt hatte, wieder zu vibrieren begann.
Mama.
Schon wieder!
Ich stöhnte, ein langgezogener Laut purer Qual. Ich wusste, dass dies eine unerbittliche Verfolgungsjagd werden würde. Sie wusste, dass ich ihre Anrufe gesehen hatte. Sie würde nicht aufhören, bis ich abnahm.
„Hallo Mama, das ist gerade kein guter Zeitpunkt für einen Anruf“, schnauzte ich ins Telefon, ohne mich um eine höfliche Begrüßung zu kümmern.
„Samantha Lee! Ist das eine Art, mit deiner Mutter zu sprechen?“ Ihre Stimme ging mir immer noch auf die Nerven. „Ich rufe dich schon seit einer Stunde an, Liebling. Warum gehst du nicht ran?“
„Weil ich beschäftigt bin, Mama. Und es ist Donnerstag. Du weißt, dass ich donnerstags vor Mittag keine Anrufe annehme, es sei denn, es handelt sich um einen echten Notfall.“
„Das ist ein Notfall, Liebling. Ein sehr wichtiger. Du musst nach Hause kommen.“
Ich runzelte die Stirn. „Nach Hause? Wozu? Was ist passiert?“ Bitte lass es nicht Tante Carols fünfte Scheidungsparty oder eine weitere ihrer lächerlichen Wohltätigkeitsauktionen sein.
„Wir müssen etwas besprechen. Eigentlich sind es Vorbereitungen. Wir haben viel zu besprechen, von Angesicht zu Angesicht.“ Ihr Tonfall war ungewöhnlich ernst, was bei meiner Mutter fast beängstigend war.
„Hör mal, Mama, sag es mir einfach. Ist alles in Ordnung? Geht es dir gut?“ Mein Herz schlug vor Angst.
Eine kurze Pause, dann ein Seufzer. „Ja, ja, mir geht es gut. Die Vorbereitungen sind für ... Ich werde heiraten.“
Mir blieb der Mund offen stehen. Der Schließfachschlüssel glitt mir aus den tauben Fingern und fiel klappernd auf den Fliesenboden. Die Luft entwich mit einem dramatischen Zischen aus meinen Lungen. Mein Telefon fühlte sich wie ein Bleigewicht an meinem Ohr an.
„Du ... was jetzt?“ Meine Stimme war ein ersticktes Flüstern.
„Ja, ich werde heiraten, Liebling, am Samstag. Wir haben alles vorbereitet. Du musst nur nach Hause kommen, um deinen Stiefvater kennenzulernen und das Kleid anzuprobieren.“
„Das muss ein Scherz sein, Mama“, murmelte ich, unfähig, meine Bestürzung zu verbergen.
Dass meine Mutter wieder heiraten würde, war das Absurdeste, was ich seit Jahren gehört hatte.
Was war aus dem Vorsatz geworden, sich bis in alle Ewigkeit von Männern fernzuhalten?