3: Völlig sprachlos

1310 Words
~Samantha Lee~ Mein Blick fiel auf Tyler, der offenbar mit derselben Angst zu kämpfen hatte wie ich. Sein Kiefer war angespannt, sein Blick starrte auf einen unsichtbaren Punkt über meiner linken Schulter, überallhin, nur nicht auf mich. „Also, Samantha“, zwitscherte Mom, ihr Lächeln wurde breiter, völlig unbeeindruckt von der Angst zwischen Tyler und mir, „Pierce und ich haben uns überlegt, dass du mit uns in die Villa ziehen solltest“, sagte sie, und meine Augen weiteten sich vor Schreck. „Warte! Was, Mama?! Mein Zimmer im Wohnheim ist völlig in Ordnung“, antwortete ich mit zusammengebissenen Zähnen. „Dein Zimmer im Wohnheim ist in Ordnung, Schatz, aber Mr. Pierces Haus liegt auch in der Nähe des Campus. Du musst dir kein Zimmer mit jemandem teilen.“ Ich runzelte die Stirn: „Mama, nein. Auf keinen Fall. Das Wohnheim ist perfekt. Ich mag meinen Freiraum, ich mag meine Freiheit, ich mag es, nicht mit Fremden zusammenzuleben.“ Ich versuchte, es vernünftig klingen zu lassen, aber die Betonung auf „Fremden“ war definitiv für Tyler gedacht. Tyler seinerseits wandte seinen Blick endlich mir zu, und in seinen grünen Augen blitzte etwas Unlesbares auf. „Ja, Mrs. Pierce, Sam hat recht. Das Hostel ist in Ordnung.“ „Unsinn!“, donnerte Mr. Pierce. „Es ist ein großes Haus, mit viel Platz! Und ihr zwei seid jetzt praktisch eine Familie. Gibt es einen besseren Weg, die Bindung zwischen unserer neuen Patchwork-Familie zu stärken, als unter einem Dach zu leben?“ Er strahlte und übersah dabei völlig die entsetzten Blicke, die Tyler und ich uns zuwarfen. „Ihr seid wie Bruder und Schwester.“ Die Worte hallten in meinem Kopf wider, verspotteten mich und verwandelten die Erinnerung an die Ereignisse der letzten Nacht in etwas wirklich Schreckliches. Mein Gesicht fühlte sich heiß an, und ich konnte spüren, wie mir die Röte in den Nacken stieg. „Nein!“, platzte ich heraus, gleichzeitig mit Tylers „Auf keinen Fall!“. Mamas Lächeln verschwand. Ihre perfekt gepflegten Augenbrauen hoben sich. „Ist alles in Ordnung mit euch beiden?“, fragte sie. Ich kniff die Augen zusammen und wünschte mir, der Boden würde sich öffnen und mich verschlucken. „Ja, Mama. Alles ist ... bestens“, log ich. „Gut“, verkündete sie, „denn das reicht jetzt. Samantha, du ziehst dieses Wochenende in das Haus ein, das steht fest. Es geht um die Familie, Tyler wird dich jeden Tag zur Schule fahren, und damit basta.“ Tyler sank in seinem Stuhl zurück und stieß einen resignierten Seufzer aus. Wir sagten nichts und verließen die Hochzeitsfeier, um zur Villa der Pierces zu fahren. Als wir das Tor zur Villa passierten, blieb mir wahrscheinlich der Mund offen stehen. Ich musste mich buchstäblich zurückhalten, um nicht meinen Kopf herumzureißen und Tyler anzustarren. Das war sein Haus? Der Typ, der nie mit irgendetwas geprahlt hatte. Sicher, er war im Elite-Hockeyteam der Universität, aber das bedeutete für mich nicht, dass er in einer Villa lebte. Mein innerer Monolog bestand aus einer Reihe von schockierten Ausrufen. Heilige Scheiße! Das ist ... wow. Wir traten ein, und die große Eingangshalle war noch beeindruckender. Hohe Decken, eine geschwungene Treppe und Kunstwerke, die wahrscheinlich mehr kosteten als meine gesamten Studiengebühren. Mr. Pierce, der vor Stolz als Vater nur so strahlte, ging voran. „Samantha, dein Zimmer ist gleich hier oben!“ Er deutete großzügig die Treppe hinauf, die aussah, als stamme sie aus einem Film. Was für eine neue Hölle erwartete mich? Er öffnete eine Tür am Ende eines sehr langen, sehr stillen Flurs. Der Raum war riesig, mit einem Kingsize-Bett, einem eigenen Badezimmer und einem Blick auf eine Art Garten. Es war zweifellos wunderschön. Aber dann deutete er auf die andere Seite des Flurs, zu einer weiteren Tür. „Und das ist Tylers Zimmer! Ihr beiden werdet Nachbarn sein!“ Nachbarn?! Natürlich. Weil das Universum mich hasste. Mein Blick blieb an dieser Tür hängen, dann huschte er zu Tyler, der an seinem Türrahmen lehnte und ein schwaches, unlesbares Grinsen auf den Lippen hatte. Das würde ein absoluter Albtraum werden. Nach der kompletten Führung, die eine lächerlich große Küche, ein Heimkino und einen Fitnessraum umfasste, der unseren Campus in den Schatten stellte, klatschte Mom in die Hände. „Nun, das war alles! Mr. Pierce und ich gehen jetzt ein paar Pläne schmieden. Ihr zwei unterhaltet euch!“ Und damit waren sie weg und ließen mich allein in dem riesigen, hallenden Flur mit der einen Person, mit der ich absolut und definitiv nicht allein sein wollte. Sobald ihre Schritte verklungen waren, drehte ich mich auf dem Absatz um, bereit, in mein neues, überaus luxuriöses Gefängnis zu flüchten. Aber eine Hand schoss hervor und umfasste mein Handgelenk. Mein ganzer Körper versteifte sich. „Denk nicht einmal daran, Lee“, grollte Tylers Stimme hinter mir. Ich riss meine Hand weg, als wäre seine Berührung Säure. „Bleib mir fern, Pierce“, zischte ich mit kaum hörbarer Stimme, die von einer Abscheu geprägt war, von der ich hoffte, dass sie überzeugend wirkte. „Du ekelst mich an.“ Er trat langsam näher, mit einem wissenden Funkeln in den Augen. „Das hast du doch nicht gedacht, als du letzte Nacht damit beschäftigt warst, meinen Namen zu stöhnen, oder?“ Meine Augen weiteten sich, mein Gesicht glühte. Hatte er das wirklich gerade gesagt? Laut? Im Haus seines Vaters? „Wage es ja nicht“, hauchte ich mit beschämter Miene. „Erwähne das nie wieder! Und es ist offensichtlich, dass du dich von mir fernhältst!“ Er lachte leise. „Und was, wenn ich das gar nicht vorhabe, Lee?“, neckte er mich und grinste gerade so breit, dass man seine perfekten Zähne sehen konnte. „Weil ich immer wusste, dass du mich magst, Tyler“, erwiderte ich, wobei mich die Verzweiflung mutig machte. „Aber ich mag dich nicht. Du bist es nicht wert, dass ich dich mag.“ Die Worte stolperten aus meinem Mund, ein verzweifelter Versuch, ihn zu verletzen, Abstand zwischen uns zu schaffen. Der Humor verschwand so schnell aus seinem Gesicht, wie er erschienen war. Seine Augen verdunkelten sich und er machte einen langsamen, bedächtigen Schritt auf mich zu, dann noch einen. Ich wich mit schnellen, ruckartigen Schritten zurück, mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. Mit jedem Schritt, den er machte, wich ich zurück, bis mein Rücken mit einem leisen Schlag gegen die Wand stieß. Ich war gefangen. Er beugte sich vor, sein großer, muskulöser Körper drückte mich gegen die kühle Wand, sein Duft umhüllte mich. Er war so nah, dass ich die Wärme spüren konnte, die von seiner Haut ausging. Langsam, quälend langsam, näherte er sein Gesicht meinem, seine Lippen streiften meine Wange und wanderten dann weiter zu meinem Hals. Es war kein Kuss, es war eine Qual, eine absichtliche Verletzung meiner Privatsphäre, als würde er mich einatmen, jeden Duft, jede Reaktion entdecken. Mein Atem stockte und meine Hände gingen unbewusst nach oben und drückten gegen seine Brust. Ich war bereit, alles zu riskieren, ihn wegzustoßen, ihn aufzufordern aufzuhören, oder vielleicht ... vielleicht ihn näher zu mir zu ziehen. Meine Augen flatterten zu, gefangen in diesem berauschenden, erschreckenden Moment. Dann, gerade als die Spannung ihren absoluten Höhepunkt erreicht hatte, zog er sich plötzlich und abrupt zurück. Meine Augen flogen auf, ich blinzelte schnell und versuchte, die plötzliche Leere zu begreifen, die an der Stelle war, an der sein Körper gewesen war. Seine Finger strichen über meine Stirn. Vor Schreck öffnete ich den Mund. Was zum Teufel war gerade passiert? Er grinste, dieses ärgerliche, wissende Grinsen war wieder da. „Siehst du, Lee? Es ist offensichtlich, dass du auf mich stehst. Du solltest aufhören, so zu tun als ob.“ Damit drehte er sich um und ging weg, während ich dort stehen blieb, gegen die Wand gedrückt, völlig sprachlos.
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