4: Operation: Alle Pierces vermeiden

1585 Words
~Samantha Lee~ Die Decke meines neuen Schlafzimmers war riesig und gnadenlos weiß. Ich hatte 1.472 imaginäre Schafe gezählt, alle Landeshauptstädte alphabetisch benannt und die letzten drei Sekunden des Meisterschaftsspiels der letzten Saison mindestens fünfzig Mal im Kopf wiederholt. Dennoch war Schlaf ein Luxus, den ich offenbar nicht mehr verdient hatte. Meine Bettlaken waren um meine Beine gewickelt und feucht von kaltem Schweiß, der nichts mit der Temperatur zu tun hatte. Jedes Mal, wenn ich meine Augen schloss, spielte sich die Szene in meinem Kopf ab, wie die Hand meiner Mutter sich in den Arm eines lächelnden Mr. Pierce schob, und direkt hinter ihnen stand sein Sohn. Tyler! Verdammter! Pierce. Mein Erzfeind und jetzt, dank einer stürmischen Romanze, die offenbar bei einer Wohltätigkeitsgala entstanden war, mein Stiefbruder. Der Gedanke daran lässt mich erschaudern, und zwar nicht auf angenehme Weise. Wie konnte meine Mutter das tun? Von allen alleinstehenden, heiratsfähigen Männern in dieser Stadt musste sie sich ausgerechnet in den Vater der einzigen Person verlieben, die mein Blut zum Kochen brachte, wenn sie nur in meine Richtung atmete. Sie hatte keine Ahnung von der jahrelangen Rivalität, den abfälligen Bemerkungen auf den Fluren, dem Wettbewerbsgeist, der zwischen der Eishockeymannschaft und dem Cheerleader-Team herrschte. Sie hatte keine Ahnung von dieser Nacht auf der Party, dem Nebel aus Alkohol und Anspannung, der damit endete, dass seine Hände meine Taille umfassten und sein Mund meinen gefährlich verschlang. Allein beim Gedanken daran, was zwischen uns passiert war, stieg mir eine Hitzewelle in den Nacken. Meine Mutter würde mich umbringen, nicht nur umbringen, sie würde mich enterben und dann wieder auferstehen lassen, nur um mich ein zweites Mal umzubringen, wenn sie jemals herausfände, dass ich außerhalb einer von der Schule genehmigten Veranstaltung auch nur die gleiche Luft wie Tyler Pierce geatmet hatte. Mich von ihm fernzuhalten war keine Empfehlung, sondern eine Überlebensnotwendigkeit, und jetzt sollte ich mit ihm zusammenleben. Die ersten Strahlen des Morgenlichts drangen endlich durch die Jalousien, und ich nahm das als Zeichen, zu fliehen. Ich schlüpfte leise aus dem Bett wie ein Spion auf einer Mission. Die Mission? Operation: Alle Pierces vermeiden. Ich schlich auf Zehenspitzen an der Küche vorbei, deren Duft nach frischem Kaffee eine schmerzhafte Versuchung war, und schlüpfte aus der Eingangstür der lächerlich überdimensionierten Villa, ohne auch nur einen Müsliriegel mitzunehmen. Freiheit schmeckte wie frische Morgenluft und ein leerer Magen. Mein altes Hostelzimmer fühlte sich an wie eine Zeitkapsel. Kartons lehnten halb gepackt und vorwurfsvoll an den Wänden. Ein verblasstes Poster meiner Lieblingsband hing noch immer an der Wand, ein Relikt aus einer einfacheren Zeit, etwa der letzten Woche. Ich stöhnte und ließ mich auf die Kante meiner abgezogenen Matratze sinken. Der Gedanke, den Rest meines Lebens in diese Kisten zu stopfen und sie bis zum Wochenende zum Pierce-Palast zu schleppen, ließ meinen ganzen Körper vor Angst schmerzen. Ein Blick auf mein Handy versetzte mich in Panik. Vorlesung! Mist! Ich sprintete praktisch über den Campus, mein Rucksack schlug gegen meinen Rücken. Ich rutschte mit brennenden Lungen in den Hörsaal, nur wenige Minuten vor Beginn der Vorlesung. Meine Erleichterung war nur von kurzer Dauer. Ich hasste diesen Kurs nicht wegen des Professors oder des Fachs, sondern weil Logan dabei war. Und genau in dem Moment, als ich mich auf einen Platz in der hinteren Ecke setzte, kam er herein. Aber er war nicht allein. Seine Hand war mit Hannahs verschränkt, ihre Finger ineinander verschlungen, als wäre es das Natürlichste der Welt. Sie mussten es nicht mehr geheim halten, nicht seit ich sie beim Fremdgehen erwischt hatte, wie sie sich küssten, als hinge ihr Leben davon ab, aber ich konnte nicht leugnen, dass diese öffentliche Zurschaustellung ein neuer Stich in mein Herz war, ein bitterer, hässlicher Schmerz, der sich in meinem Magen zusammenballte, und ich musste mich zwingen, wegzuschauen und mich auf einen besonders interessanten Riss in der Decke zu konzentrieren. Ich wollte ihnen nicht die Genugtuung geben, zu sehen, wie sehr es mich noch immer schmerzte. Fast sofort begann das Flüstern, ein leises Zischen, das durch den Raum schlich. „... kann nicht glauben, dass er Sam für sie verlassen hat ...“ „Machst du Witze? Hannah ist viel hübscher. Das ist ein totaler Upgrade.“ „Gott, ich wäre so beschämt, wenn ich sie wäre ...“ Meine Knöchel wurden weiß, als ich meinen Stift umklammerte. Jedes Wort war wie ein kleiner, scharfer Kieselstein, der auf mich geworfen wurde. Meine Wangen brannten vor Scham, und ich wünschte mir nur, der Boden würde mich verschlucken. Gerade als ich dachte, ich würde vor lauter Scham spontan in Flammen aufgehen, kam Professor Albright herein und knallte seine Aktentasche auf das Rednerpult. „Okay, Leute, beruhigt euch!“ Noch nie in meinem Leben war ich so dankbar, seine dröhnende, monotone Stimme zu hören. Das Flüstern verstummte und wurde durch das Rascheln von Notizbüchern ersetzt. Ich atmete aus, ohne mir bewusst gewesen zu sein, dass ich den Atem angehalten hatte, und meine Schultern sackten vor Erleichterung herab. Die nächste Stunde war ein Wirrwarr aus akademischem Fachjargon, der zum einen Ohr rein- und zum anderen wieder rausging. Sobald der Unterricht beendet war, stopfte ich meine Bücher in meine Tasche und machte mich bereit zur Flucht. Mein Plan war es, Rachel und Lily zu finden und meinen Kummer in einer wirklich obszönen Menge Eiskaffee zu ertränken. Aber natürlich hatte das Universum andere Pläne. „Na, na, was haben wir denn hier?“ Ich blieb wie angewurzelt stehen. Hannah und ihre beiden identischen Handlangerinnen Amber und Jessica versperrten mir den Weg zur Tür. Ich verdrehte die Augen so stark, dass ich mich wunderte, dass sie nicht hängen blieben. „Hast du etwas verloren?“, fragte ich mit einer Stimme, die vor falscher Freundlichkeit nur so triefte. Ein Grinsen spielte um Hannahs perfekt geschminkten Lippen. „Ich frage mich nur, wie es sich anfühlt, Sam, zu verlieren.“ Sie beugte sich vor und senkte ihre Stimme zu einem Flüstern, das laut genug war, dass alle im Raum es hören konnten. „Logan hat mir gesagt, dass du ... langweilig bist. Er brauchte jemanden mit mehr Leidenschaft. Ich bin einfach besser, weißt du? Er hat mich gewählt.“ Amber und Jessica kicherten wie zwei Hyänen. Die Worte waren wie Giftpfeile gemeint, und verdammt, sie trafen ihr Ziel. Meine Kehle fühlte sich eng an, meine sorgfältig aufgebaute Mauer der Gleichgültigkeit bröckelte. „Willst du wissen, was sie braucht?“ Eine neue Stimme durchbrach die Spannung. Rachel erschien an meiner Seite, Lily direkt hinter ihr, beide sahen aus, als wären sie bereit für den Krieg. Rachel warf Hannah einen vernichtenden Blick zu. „Sie will, dass du weitermachst und ihren Müll genießt. Bon appétit.“ Lily verschränkte die Arme und hatte einen gefährlichen Glanz in den Augen. „Im Ernst, Hannah. Sam braucht Logan nicht. Er wird benutzt und dann fallen gelassen. Du kannst ihn gerne haben.“ Hannahs Kiefer fiel herunter. Sie blickte von Rachels kühlem Blick zu Lilys unverhohlener Aggression und dann wieder zu mir. Ausnahmsweise war die Königin einmal sprachlos. Mit einem frustrierten Schnaufen, das ihr perfektes Haar zerzauste, drehte sie sich auf dem Absatz um und stürmte davon, ihre Gefolgschaft eilte ihr hinterher. In dem Moment, als sie verschwunden waren, löste sich die Spannung. Ich gab Lily und Rachel ein High Five und endlich zeigte sich ein echtes, aufrichtiges Lächeln auf meinem Gesicht. „Gott, ich liebe euch, Mädels. Im Ernst. ‚Ihren Müll essen‘?“ Rachel zuckte mit den Schultern und grinste. „Das schien mir angemessen.“ Ich lachte und eine Welle der Dankbarkeit überkam mich. Das war meine Familie, die ich mir ausgesucht hatte. Gerade als ich mich umdrehen wollte, um vorzuschlagen, dass wir Kaffee trinken gehen, fiel mein Blick auf eine Gestalt, die an der gegenüberliegenden Wand am Eingang zur Halle lehnte. Groß, breitschultrig, mit einer lässigen Selbstsicherheit, die mir immer auf die Nerven ging. Tyler. Er unterhielt sich mit niemandem und schaute auch nicht auf sein Handy. Er stand einfach nur da und fixierte mich mit seinen dunklen Augen. Er hatte alles gesehen. Die Konfrontation, das Eingreifen meiner Freunde, alles. Sein Gesichtsausdruck war unlesbar, eine Intensität, die die Luft d**k und schwer machte. Eine seltsame Spannung ging zwischen uns hin und her, eine stille, aufgeladene Anerkennung, die durch den überfüllten Flur knisterte. Rachels Blick huschte von mir zu Tyler und wieder zurück. Sie hob eine perfekt geformte Augenbraue. „Okay“, sagte sie langsam mit leiser Stimme. „Wir haben viel zu besprechen. Angefangen damit, was zum Teufel wirklich auf der Party am Freitagabend passiert ist, bis hin zu der Frage, warum dein Erzfeind dich anstarrt, als wärst du der letzte Tropfen Wasser in der Wüste.“ Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. „Ja, okay“, brachte ich mit etwas atemloser Stimme hervor. Ich nickte ihnen kurz und knapp zu. „Ich bin gleich zurück.“ Ich wartete nicht auf eine Antwort. Mit einem tiefen Atemzug ging ich los, nicht zu meinen Freunden, sondern zum Eingang der Halle, zu ihm. Meine Schritte waren gleichmäßig und entschlossen, mein Blick starrte geradeaus. Ich würde nicht anhalten, ich würde mich nicht auf ihn einlassen, ich würde direkt an ihm vorbeigehen, hinaus an die frische Luft und so tun, als würde er nicht existieren. Als ich den Eingang erreichte, streifte ich an ihm vorbei, die Wärme, die von seinem Körper ausging, erwärmte meine Haut für den Bruchteil einer Sekunde, ich sah ihn nicht an, ich ging einfach weiter. Ich hatte drei Schritte gemacht, als ich hinter mir Schritte hörte, die sich meinem Tempo anpassten. Er folgte mir.
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