„Ein Tag im Schatten“

1202 Words
Wo war er? Warum war er nicht zu Hause? Der Gedanke traf mich wie ein Dolch. Die Wachen meines Vaters hatten das getan. Sie hatten ihn mir weggenommen. „Nein! Killian!“ schrie ich, meine Stimme zerriss die Stille. Tipp-tapp. Schritte. Schnell und präzise, sie kamen näher. Ich wusste, ohne hinzusehen, wer es war (die Palastwachen). Aber wohin hatten sie ihn gebracht? Mein Blut kochte und meine Adern pulsierten vor Wut. „Eure Gnade!“ Die Stimme des Generals war vorsichtig und zögernd. „Seine Majestät hat befohlen, dass euer Geliebter aus dem Clan verbannt wird.“ Als ich das hörte, explodierte die Wut in mir. Meine Hände ballten sich, meine Muskeln spannten sich an. Dann brach ein urtümliches Brüllen aus meiner Brust hervor, das den Boden erzittern ließ, die Wachen taub machte und den Palast selbst erschütterte. Im selben Augenblick verwandelte ich mich: silbernes Fell blitzte auf, schwarze Pfoten schlugen auf den Boden, und über meinen Augen brannte ein dunkles Zeichen. Meine China-Wolf-Gestalt brüllte, gewaltig und furchterregend, vollkommen genährt von Zorn. Ich stürzte mich auf die Wachen, Kiefer schnappend, Klauen schneidend, doch ich hielt mich zurück, verschonte ihr Leben, während ich meine Dominanz zeigte. Mit einer einzigen, mächtigen Bewegung durchbrach ich das Fenster und landete im Wald dahinter. Der Wind peitschte an mir vorbei, als ich in rasender Geschwindigkeit zurück zum Palast sprintete, ein Wirbelsturm aus silberner Wut, mit gefletschten Zähnen und brennenden Augen. Am Palasttor stellten sich die Wachen mit erhobenen Speeren auf, ahnungslos gegenüber dem Raubtier, dem sie gegenüberstanden. Ich griff erneut an, präzise und tödlich, doch ohne zu töten, und machte sie kampfunfähig. Dann, mit einem letzten Kraftstoß, sprang ich in den Innenhof und verwandelte mich zurück in meine menschliche Gestalt, die Brust heftig hebend, das Fell verschwand in Schweiß und Adrenalin. Mein Vater stand wartend da, sein Gesichtsausdruck ruhig, fast anerkennend. Hinter ihm starrte die königliche Familie mit bleichen, schockierten Gesichtern, sie hatten mich noch nie so gesehen. „Beeindruckender Mut“, bemerkte mein Vater beiläufig, als hätte ich nur eine unbedeutende Tat vollbracht. „Morgen wird der Prinz des Dritten Regionalclans kommen, um um deine Hand anzuhalten. Sorge dafür, dass du anwesend bist.“ Er zog sich ins Innere zurück, die anderen folgten ihm, ihre Blicke huschten in meine Richtung, begleitet von geflüsterten Urteilen und ungläubigem Staunen. Ich blieb stehen, die Brust heftig hebend, Wut und Erschöpfung ineinander verschlungen. Zurück in meinem Zimmer flossen die Tränen frei, heiß und unaufhaltsam, und ich spürte, wie meine Seele von Zorn und Verzweiflung verbrannt wurde. Ich konnte diese Hilflosigkeit und diese Ungerechtigkeit nicht ertragen. „Willst du nicht essen?“ Catherines Stimme durchbrach meine Einsamkeit. Ich funkelte sie an und schob ihr das Tablett entgegen. „Lass mich in Ruhe!“ verlangte ich. Sie seufzte, gehorchte aber. Der nächste Tag kam schneller als erwartet, und die Sonne vergoldete die Palastmauern. Ich erwachte müde und angespannt, und als ich mich streckte, klingelte es an der Tür, Catherines Stimme rief aus dem Wohnzimmer. Widerwillig wusch ich mir das Gesicht und folgte ihr, innerlich gefasst. Im Wohnzimmer lümmelte ein Mann selbstbewusst auf dem Sofa, ein listiges Lächeln kräuselte seine Lippen. Mein Herz sank und Reizbarkeit flammte in mir auf. „Wer sind Sie?“ verlangte ich kalt und scharf, ohne ihm auch nur einen zweiten Blick zu gönnen. „Oh, Liebling,“ „Ich habe gefragt! Wer zur Hölle sind Sie? Sprechen Sie!“ schrie ich und trat näher. Er hob die Hände in gespielter Kapitulation, unbeeindruckt. „Ich bin dein zukünftiger Beta“, sagte er ruhig, sein undurchdringlicher Ausdruck ließ mein Blut noch stärker kochen. „Geh. Sofort.“ zischte ich und packte sein Handgelenk. „Geh und komm niemals zurück!“ „Weißt du überhaupt, wer ich bin?“ fragte er, ein spöttisches Lachen in der Kehle, das meine Wut nur weiter anfachte. „Das ist mir egal! Geh!“ schrie ich. „Nun gut, aber wenn dein Widerstand gegen deinen zukünftigen Gefährten deine Eltern erzürnt, gib mir nicht die Schuld“, sagte er mit einem Zwinkern, bevor er durch die Tür verschwand. Catherine, die sich in der Nähe verborgen hatte, rannte nach vorn. „Was um alles in der Welt tust du da?“ fragte sie vorwurfsvoll. Ich knallte die Tür zu und stürmte wortlos vor Wut in mein Zimmer zurück. Die nächsten drei Tage waren ein Wirbelsturm, denn viele Freier erschienen, jeder kühn genug, um um meine Gunst zu werben, nachdem sie von meiner Ablehnung von Alpha James’ Antrag gehört hatten. Doch ich war fertig mit Männern, fertig mit Spielen und fertig mit Hoffnung. Ich wies sie alle zurück, ignorierte die Funken von Interesse, die sie in meinen Augen sahen, entschlossen, mein Herz unbeansprucht zu lassen. Doch das Schicksal, unerbittlich und listig, war noch lange nicht fertig. Ein schicksalhaftes Ereignis näherte sich. Ein Moment, der die Welt, die ich mir aufgebaut hatte, zerschmettern würde und mich zwingen würde, Wahrheiten, Macht und Verlangen zu begegnen, die ich mir noch nicht einmal vorgestellt hatte. Tage wurden schnell zu Wochen, und allmählich wurde ich zu einem Schatten im Palast meines Vaters, und als wäre das nicht genug, verbot er mir, meine kammerartige Gefängniszelle zu verlassen. Wenn ich drinnen war, hörte ich manchmal die Mägde hinter meinen geschlossenen Türen flüstern. Sie machten grausame Witze über Killian, verspotteten ihn dafür, dass er geglaubt hatte, er könne reich und mächtig werden, indem er sich an eine Beta klammerte. Diese harten Worte schnitten tief in mein Herz, und manchmal verspürte ich den Drang, sie zur Rede zu stellen. Aber sag mir, wer würde nicht über eine Beta wie mich tratschen, die sich mit einem Mann einließ, der so gewöhnlich war, dass selbst die Mägde sich nicht mit ihm abgeben würden? Ich rieb mir mit der Handfläche über die Augen und spürte, wie winzige salzige Tropfen fielen. Verdammt! Es waren Tränen. Aber zum Teufel, er war nicht einfach nur ein Gemeiner. Jedes Mal, wenn ich ihn ansah, spürte ich etwas Edles in ihm, oder vielleicht war es einfach die Liebe, die mich glauben ließ, es sei so. Je mehr ich über diesen Tag nachdachte, den mein Vater verursacht hatte, desto stärker regte sich mein innerer Wolf unter meiner glühenden Haut, dieses rastlose, schmerzende Wesen, gefangen zwischen Pflicht und Verlangen. „Versprich mir, dass wir uns wiedersehen werden“, flüsterte ich in den unheimlichen Wind und spielte nervös mit meinen Fingernägeln. Dann – Boom! Die Tür flog mit gewaltiger Wucht auf. Ich konnte mir denken, dass es meine Mutter war, also drehte ich mich nicht einmal um. „Was um alles in der Welt tust du dir da selbst an?“ schrie sie, die Wut knisterte in ihrer Stimme, während sie die Tür festhielt. „Willst du deine Meridiane ruinieren? Kultivierst du nicht mehr? Warum machst du mich vor Sorge krank?“ Sie überschüttete mich mit Fragen, alle auf einmal. „Fertig?“ schnappte ich. „Komm mir nicht mit diesem Unsinn“, knurrte sie und schlug die Tür zu. „Du hast seit Tagen nichts gegessen, kein Essen, keine Medizin, was tust du dir selbst an?“ zischte sie. „Du musst essen, mein Kind“, flehte sie in einem weicheren, beinahe sanften Ton, der mich fast schwach werden ließ.
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