Für dich bis in den Tod

1211 Words
In dem Moment, als meine Füße den Boden berührten, explodierte Schmerz in meinem Kopf. Es war kein dumpfer Schmerz. Es war scharf und erbarmungslos, wie eine Klinge, die direkt durch meinen Schädel getrieben wurde, eine brutale Erinnerung daran, dass jede Wärme oder Illusion, an die ich mich geklammert hatte, verschwunden war. Die Realität war zurückgekehrt, und sie kannte kein Erbarmen. Mein Blick verschwamm, schwarze Flecken tanzten an den Rändern, und ich schwankte, gerade noch imstande, den Rand des Bettes zu greifen, bevor ich wieder darauf zusammensank. Für einen Moment überlegte ich, mich der Schwindelattacke hinzugeben und mich fallen zu lassen. Alles stillstehen zu lassen – doch Schwäche war ein Luxus, den ich mir nicht leisten konnte. Mit einem zitternden Atemzug zwang ich mich aufzurichten, mein Körper protestierte gegen jede Bewegung. Meine Gelenke fühlten sich steif an, meine Brust eng, mein Herz raste noch immer, als hätte es nicht realisiert, dass der Albtraum vorbei war. Oder vielleicht war er es nicht. Vielleicht hatte der Albtraum nur seine Form gewechselt. Das Badezimmer schien unendlich weit entfernt, jeder Schritt schwer, als wären meine Füße in unsichtbarem Sand vergraben. Als ich schließlich den Spiegel erreichte und hineinsah, erkannte ich das Mädchen kaum, das mir entgegenblickte. Meine Augen waren matt, von Erschöpfung und Trauer überschattet. Mascara war wie blaue Flecken unter ihnen verschmiert, und mein Lippenstift war verblasst, rissig, verschmiert vom unruhigen Schlaf. Da traf es mich. Ich hatte mit Make-up geschlafen. Ein bitteres Lachen wollte mir entweichen, doch es starb ab, bevor es sich formen konnte. Selbst meine Gewohnheiten hatten mich verraten. Ich war immer sorgfältig, immer kontrolliert. Jetzt sah ich aus wie jemand, der eine Schlacht verloren hatte, ohne überhaupt seine Waffe gezogen zu haben. Genervt, erschöpft und emotional zerrüttet. Ich griff nach meinem Handtuch, tränkte es in Gesichtswasser und schrubbte mein Gesicht härter als nötig, als könnte ich die Erinnerung an die letzte Nacht zusammen mit den Farbflecken auslöschen. Meine Haut brannte unter der Reibung, doch ich begrüßte es. Schmerz war einfacher zu ertragen als Schuld. Einfacher als Herzschmerz. „Verschwinde“, murmelte ich leise, während die Schatten und der Lippenstift endlich verschwanden. Danach putzte ich mir die Zähne, spülte immer wieder, versuchte, die Bitterkeit von meiner Zunge zu waschen. Aber es war nicht nur ein Geschmack. Es war Reue. Es war Angst und die Last von Worten, die nie zurückgenommen werden konnten. Mein Körper brannte noch immer. Nicht vom Training. Nicht von Erschöpfung, sondern von allem Ungesagten. Meine Gedanken waren unruhig, wild, weigerten sich, sich zu beruhigen. Also füllte ich die Badewanne mit kaltem Wasser, ignorierte, wie meine Hände zitterten, als ich den Wasserhahn aufdrehte. Als ich hineinschlüpfte, raubte mir der Schock den Atem. Die Kälte schnitt wie Eis durch mich hindurch und zog mich zurück zu mir selbst. Ich keuchte, klammerte mich an das Porzellan. Lass es wehtun. Lass es mich daran erinnern, dass ich noch lebte. Langsam lehnte ich mich zurück, ließ die Kälte meinen Herzschlag beruhigen, den Sturm in meinem Kopf beruhigen. Der silberne Wolf in mir regte sich, unruhig, aber wachsam, reagierte auf den Schock wie ein Wächter, der aus dem Schlaf erwacht. Erst nachdem das Zittern nachließ, wusch ich mich richtig und ließ das Wasser die letzten Fragmente von Schwäche fortspülen. Erst dann atmete ich wieder frei. Ich putzte mir die Zähne, spülte meinen Mund, versuchte, die Bitterkeit von meiner Zunge zu entfernen. Sie klammerte sich hartnäckig, nicht an meinen Geschmacksknospen, sondern an meiner Brust, schwer und ungelöst. Egal wie viel Wasser ich nutzte, egal wie oft ich schluckte und ausspuckte, das Gefühl blieb. Es war der Geschmack von Reue, von ungesagten Worten und zu schnell getroffenen Entscheidungen. Mein Körper brannte noch immer, nicht vor Fieber, sondern vor Anspannung. Jeder Muskel fühlte sich gespannt an, als hätte ich im Schlaf die Luft angehalten. Meine Gedanken rasten in ungleichmäßigen Kreisen, weigerten sich, sich zu beruhigen. Also füllte ich die Badewanne mit kaltem Wasser. Das Geräusch hallte im stillen Badezimmer wider, scharf und endgültig, wie eine getroffene Entscheidung. Als ich hineinschlüpfte, schockierte die Kälte meine Sinne. Sie raubte mir den Atem, zwang mich zu einem Keuchen und zog mich zurück in die Gegenwart. Meine Haut kribbelte, die Nerven schrien, als protestierten sie gegen die Strafe, doch ich begrüßte sie. Schmerz war erdend. Schmerz erinnerte mich daran, dass ich noch hier war, noch lebte, noch in der Lage war, etwas zu fühlen, das kein Herzschmerz war. Ich lehnte mich gegen das Porzellan, ließ die Kälte in meine Knochen ziehen, beruhigte den Sturm in meinem Kopf. Mein Atem verlangsamte sich, mein Puls stabilisierte sich, und erst dann erlaubte ich mir, die Augen zu schließen. Für einen Moment war ich nicht mehr die Tochter des Alphas, nicht mehr eine widersprüchliche Beta, nicht mehr ein Mädchen, das das Herz eines Mannes gebrochen hatte. Ich war einfach nur ein Körper im Wasser, schwebend zwischen Stärke und Schwäche. Erst nachdem ich mich richtig gewaschen hatte, atmete ich endlich wieder frei. Danach zog ich meine Trainingskleidung an: schwarze Pyjamahosen, weiße Sneakers und meine schwarze Kappe. Ein Outfit, das mich daran erinnerte, wer ich war, wenn Emotionen versuchten, meine Konturen zu verwischen. Ich reinigte meine Suite schnell, aber gründlich. Schmutzige Kleidung wanderte in den Korb. Teller wurden gewaschen und gestapelt. Der Boden wurde mit gezielten Bewegungen gefegt. Jede Bewegung erdete mich. Jede Handlung erinnerte mich daran, dass die Kontrolle noch immer mir gehörte. Die Leute wunderten sich immer, warum ich diese Dinge nicht meiner Zofe überließ. Sie dachten, es sei Stolz oder Rebellion. Sie irrten sich. Dies war meine Disziplin. Ich weigerte mich, eine faule Beta zu werden, behütet durch Privilegien und abgeschwächt durch Komfort. Stärke musste verdient werden, nicht geerbt. Mein Vater herrschte durch Macht und Angst, aber ich herrschte über mich selbst durch Einsatz und Entschlossenheit. Ja, dies war der Palast meines Vaters. Aber für mich war es ein Camp. Ein Ort der Tradition. Hierarchie und stilles Urteil. Und in dieser Welt wurden weibliche Wölfe immer noch als zerbrechlich angesehen. Dekorativ. Austauschbar. Also arbeitete ich härter, still und unerbittlich. Ich beschwerte mich nie. Ich verlangsamte nie. Ich bat nie um Nachsicht. Als ich schließlich aus meiner Suite trat, zog sich meine Brust zusammen. Der Flur fühlte sich genau so an wie in meinem Traum. Das Schicksal kannte wirklich keine Scham. Killian trat gleichzeitig aus seinem Zimmer, als hätte das Universum den Moment sorgfältig getimt, nur um mich zu testen. Unsere Blicke trafen sich. Seine Augen waren geschwollen. Rot umrandet und schwer von Trauer. Der Anblick nahm mir den Atem. Für einen Moment wartete ich. Ich wartete auf sein vertrautes Lächeln, auf die neckische Kurve seiner Lippen. Auf diesen warmen Blick, der mich immer fühlen ließ, als würde die Welt um mich herum weicher. Ich wartete darauf, dass er um eine Umarmung bat, so tat, als wäre alles normal. Doch er tat es nicht. Ohne ein Wort schloss er die Tür und ging an mir vorbei. Keine Begrüßung. Kein Blick. Keine Wärme. Nur eine kalte Distanz. Und in diesem Moment wusste ich, dass der Traum gelogen hatte. Mein Herz stolperte in meiner Brust, als hätte es einen Schlag verpasst. Die Stille, die er hinterließ, war lauter als jedes Streitgespräch, das wir je hatten. Sie hallte in meinen Ohren, kroch unter meine Haut und wickelte sich eng um meinen Hals. Verdammt. Er verhielt sich heute merkwürdig.
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