„Mein erster Rebell“

1293 Words
Sie rieb mir sanft die Schulter, ihre Finger streiften über meine Haut wie ein Flüstern von Trost, doch ich zuckte zurück, schob ihre Hand weg, als würde ihre Berührung brennen. Ich wischte die Tränen aus meinen Augen, wütend über ihren Verrat an meiner Fassung. Jeder Herzschlag schrie nach ihm, jeder Puls forderte seine Anwesenheit. Meine Stimme brach heraus, roh und verzweifelt. „Er ist da draußen, Mutter“, platzte ich heraus, meine Worte zitterten unter der Last meiner Sehnsucht und Angst. „Ich kann ihn spüren. Er braucht mich an seiner Seite. Er ist meine andere Hälfte.“ Ihre Lippen pressten sich zu einer dünnen Linie, ihr Ausdruck verhärtete sich, scharf wie die Klinge eines Messers. „Nein, das ist er nicht“, warnte sie scharf, ihre Stimme schnitt durch die Luft wie Eis, als könnte sie mich allein durch ihre Worte dazu zwingen, ihn zu vergessen. „Ihr seid beide herzlos“, fauchte ich, meine Wut roh und ungezügelt. „Habt ihr überhaupt eine Ahnung, was ihr getan habt?“ Ich konnte den Sturm in mir kaum noch halten, und er brach aus, hallte von den Wänden des Zimmers wider. „Ihr habt gesehen, was meinem Gefährten damals widerfuhr – aber was habt ihr getan? Nichts! Nichts! Ihr standet einfach da, starr vor Schock, während er mir entrissen wurde, aus dem Palast gejagt von diesen abscheulichen, herzlosen Wachen, und jetzt kommt ihr hierher und sagt mir, ich solle essen? Was nützt mir Nahrung, wenn ich nicht bei der einen Person sein kann, die ich liebe?“ Ihre Augen wurden für einen Moment weich, als wollte sie mich verstehen, doch diese Weichheit trug die Last von Urteil und Vorwurf. „Die eine Person, die du liebst?“ wiederholte sie, fast spöttisch. „Du liebst diesen einfachen Mann mehr als den Ruf und die Ehre deiner Familie?“ Ich erstarrte für einen Augenblick, die Brust zog sich wütend zusammen. „Kannst du bitte aufhören, ihn einen einfachen Mann zu nennen?“ fauchte ich, meine Stimme tief und scharf. „Und hast du gerade von Familienruf und Ehre gesprochen? Kümmert dich mein Ruf überhaupt, Mutter?“ Sie öffnete den Mund, vielleicht um zu antworten, doch ich schnitt ihr das Wort ab, meine Stimme stieg mit der Kraft meines Trotzes. „Und was, wenn doch? Was, wenn ich ihn mehr liebe als euren verdammten Ruf? Ihr habt mir meine Freude, mein Glück, meine Freiheit genommen und alles, was ich hatte. Ihr habt mir befohlen, die perfekte Beta zu sein, und ich habe es getan. Ihr habt mich von zu Hause ferngehalten, von meinem Leben, und ich habe mich nicht beschwert. Ihr habt die Führung meinem jüngeren Bruder überlassen – habe ich jemals protestiert? Nein! Aber was habt ihr jemals für mich getan? Mich in dieses erstickende Leben gezwungen, in diesen Clan, gefangen unter Erwartungen und Regeln! Warum überhaupt geboren, wenn ihr mir alles nehmen wolltet, was ich lieben könnte?“ Ein scharfer, heftiger Schlag traf plötzlich mein Kinn, und Sterne explodierten vor meinen Augen. Ich wich instinktiv zurück und erkannte mit einer Mischung aus Schock und Wut, dass die Hand meiner Mutter mich getroffen hatte, ihre Wut brannte in dieser Bewegung. „Kenne deinen Platz, Kind“, zischte sie, die Augen gefährlich funkelnd. „Du wirst nicht gegen mich die Stimme erheben. Wir haben getan, was das Beste für dich war!“ „Das Beste für mich?“ zischte ich, drehte mich weg und hielt das kleine, abgenutzte Amulett, das Killian mir gegeben hatte, fest an meine Brust. Seine Kanten waren durch jahrelanges Berühren glatt geworden, doch es pulsierte mit einer Kraft und Liebe, die keine Wut auslöschen konnte. Ich presste es an mein Herz, wünschte mir mit jeder Faser meines Wesens, dass er zurückkehren würde, dass ich sein Gesicht sehen und seine Wärme spüren könnte. Meine Mutter verließ den Raum, die Tür hinter sich zuschlagend, frustriert und wütend. Ihre Schritte hallten wie eine Warnung durch den Flur, und ich sank gegen die Wand, Brust hebend, zitternd vor der Kollision aus Trauer und Zorn. „Kein Erbe von mir wird es wagen, mir oder dem Clan zu trotzen!“ donnerte die Stimme meines Vaters den Korridor hinunter, durchdrang den Palast wie ein Sturm. „Leck mich doch“, murmelte ich unter meinem Atem, ignorierte die Last seiner Autorität, den Stich seiner Worte berührte mich kaum. „Ich kann dich immer noch hören, Kind“, lachte er, sein Seufzen hallte durch den großen Flur, ein Klang, der sowohl spöttisch als auch seltsam zustimmend war. Die Nacht fiel wie ein seidiger Vorhang über den Clan, und ich lag auf meinem Bett, das Amulett fest umklammernd, als wäre es ein Rettungsanker. Meine Finger strichen über die eingravierten Muster, spürten die Erinnerung an seine Hände, seine Worte, seine Gegenwart, die Wärme, die mich unzählige Male gerettet hatte. Die Tränen liefen heiß und unaufhaltsam, und ich fühlte meine Seele von Wut, Sehnsucht und Verzweiflung verbrannt. Der Schmerz der Hilflosigkeit und Ungerechtigkeit nagte unbarmherzig an mir. „Willst du nicht essen?“ Catherine’s Stimme durchbrach die Stille, sanft, aber bestimmt, riss mich für einen Moment aus meinem Strudel. Ich funkelte sie an und stieß das Tablett giftig in ihre Richtung. „Lass mich in Ruhe!“ verlangte ich, Brust hebend. Sie seufzte, gehorchte aber, zog sich leise zurück und ließ mich erneut allein mit meinem Sturm. Der Schlaf kam in Fragmenten, flach, unterbrochen von der Erinnerung an seine Augen, das Echo seines Lachens, die Stille, die unerträglich geworden war. Dann, gerade als die Nacht endlos schien, hörte ich es, das leiseste Flüstern, sanft und unmöglich nah: „Meine Liebe…“ Seine Stimme, getragen von einer unmöglichen Kraft durch die Dunkelheit, ließ meine Brust sich zusammenziehen und meine Knie weich werden. Mein Puls beschleunigte sich, donnert vor Leben und Verzweiflung. Ich erhob mich vom Bett, hielt das Amulett wie einen Schlüssel zu seiner Gegenwart an mein Herz. Mein Herz schmerzte, wild vor Hoffnung, in Angst, es sei nur Fantasie, aber nicht bereit, die Möglichkeit zu leugnen. Ich flüsterte in die Schatten, meine Stimme zitterte vor Dringlichkeit und Liebe: „Ich werde dich finden. Wo immer du bist, ich werde dich finden. Ich werde nicht zulassen, dass sie dich mir noch einmal nehmen. Versprich mir, dass wir uns wiedersehen werden…“ Die Wände meiner Kammer schienen das Flehen zurückzuwerfen, verstärkten es, ließen die Worte in der Luft hängen wie Funken vor einem Sturm. Und während ich wartete, den Atem angehalten, pulsierte die Nacht vor Energie, lebendig, geladen. Irgendwo jenseits dieser Wände, irgendwo in der Welt, musste er mich hören. Ich konnte ihn fühlen. Ich konnte seine Gegenwart im Wind spüren, im Ziehen der Schatten, im unruhigen Rühren des silbernen Wolfs unter meiner Haut. Mein Herz schmerzte mit der Gewissheit, dass welche Barrieren, welche Regeln, welche Ungerechtigkeit auch immer zwischen uns standen, wir uns nicht aufhalten lassen würden. Die Welt mochte versuchen, uns zu brechen, diese Bindung zu schweigen, aber das Feuer zwischen uns brannte zu stark, zu wild, um eingedämmt zu werden. In diesem Moment verstand ich mit absoluter Klarheit die Wahrheit, die ich mich gefürchtet hatte zu akzeptieren: Liebe war keine Wahl mehr, kein sanftes Flüstern – sie war eine Rebellion. Ein Krieg, geführt in Stille und in Stürmen, in Schatten und gestohlenen Momenten. Und ich würde kämpfen, mit jedem Atemzug, jedem Herzschlag, jeder Faser meiner Kraft. „Ich werde dich nicht gehen lassen“, flüsterte ich erneut, schloss die Augen, spürte, wie das Amulett warm gegen mein Herz schlug. „Ich werde es nicht.“ Und zum ersten Mal in dieser Nacht, mitten in Trauer, Wut und Verzweiflung, entflammte Hoffnung. Ich hoffe, dass er da draußen ist, wartend. Ich hoffe, dass wir uns wiedersehen werden. Hoffnung, dass unsere Liebe, wild und unnachgiebig, alles überleben wird.
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