Karmas Fall

956 Words
Ich war mir nicht sicher, was sich schlimmer anfühlte: Die Tatsache, dass er Andrew nie wirklich nach seiner Meinung fragen wollte und nur auf die grausamste Weise seine Dominanz demonstrieren musste, oder dass er irgendwie meine Ringgröße kannte und das Kleid bereits vor drei Monaten selbst entworfen hatte. „Zufrieden?“, fragte ich, meine Stimme triefend vor unverhohlenem Gift. Es würde ihn nicht überraschen, wie sehr ich ihn hasste. „Das wäre übertrieben“, erwiderte er und wandte sich an die Assistentin. „Packen Sie es ein.“ „Wo ist Andrew?“, fragte ich und blieb stur stehen. „Ich gehe hier nicht weg, bevor du mir sagst, wo Andrew ist.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich hätte es dir sowieso gesagt. Er wartet draußen auf dich.“ Ich ging Richtung Tür, doch bevor ich sie erreichte, versperrte Leone mir den Weg. Seine Augen waren kalt und emotionslos. „Nicht in dem Kleid.“ Ich holte tief Luft, drehte mich um und lief zurück in den kleinen Raum. Hastig zog ich das Kleid aus. Die Assistentin packte es sofort ein und reichte es mir. Ich fluchte leise, nahm es entgegen und rannte hinaus. Leone war nirgends mehr zu sehen. Ich verließ das Gebäude, meine Augen suchten fieberhaft nach Andrew. Ich lief zu meinem Auto, legte das Kleid auf den Rücksitz und wollte gerade die Fahrertür öffnen, als ich gedämpfte Geräusche hörte. Ich erstarrte, ging langsam um die Vorderseite des Wagens herum. Andrew lag direkt vor dem Auto auf dem Boden, Hände und Beine gefesselt, den Mund mit Klebeband verschlossen, sein Körper wand sich verzweifelt. Ich keuchte auf, die Augen weit aufgerissen, zog ihn sofort zu mir und schlang meine Arme um ihn, während mein Brustkorb heftig hob und senkte. Ich hatte den Wagen links geparkt. Wäre ich nicht stehen geblieben, hätte ich ihn zumindest verletzt. „Dieses verdammte Arschloch“, zischte ich, mein Atem ging stoßweise, meine Arme schlossen sich fester um Andrew. Ich schaffte es, ihn loszubinden und ins Auto zu setzen, dann fuhr ich mit Höchstgeschwindigkeit zurück zum Penthouse. „Warte hier“, sagte ich, half ihm vorsichtig aufs Bett und wollte ins Badezimmer gehen, um den Verbandskasten zu holen. Seine Hand schlang sich jedoch um mein Handgelenk und hielt mich zurück. Ich drehte mich zu ihm um, mein Herz raste. Ich wusste, dass ich zu schuldig war, um ihm in die Augen zu sehen, aber es musste sein. „Andrew.“ Er stemmte sich hoch, bis er saß, seine Hand noch immer um meine, sein Blick eine Mischung aus Angst und Überraschung. „Er…“, flüsterte er, seine Stimme kaum hörbar. „Er hat mich erkannt, Ginevra.“ Ich schluckte schwer und drückte seine Hand fester. „Es tut mir leid. Es tut mir so leid, Andrew.“ „Willst du ihn wirklich heiraten? Vor zehn Jahren habt ihr und Don Matteo…“ „Hör auf“, unterbrach ich ihn und sah ihm fest in beide Augen. „Ich habe keine andere Wahl.“ „Und was ist mit mir? Ich habe vor zehn Jahren alles getan, was du von mir verlangt hast, bevor Don Matteo den Unfall arrangiert hat. Früher oder später wird er mich töten, Gine.“ „Das wird er nicht. Ich werde dafür sorgen, dass er es nicht tut.“ „Aber was ist mit uns?“ Die Verzweiflung kroch nun deutlich in seine Stimme, sein Griff um meine Hand wurde so fest, dass es wehtat. „Du tust mir weh“, sagte ich und versuchte, meine Hand wegzuziehen. Sein Griff wurde nur noch fester. Er zog mich zu sich, seine Augen wild vor Wut und einer fast wahnsinnigen Rage. „Du hast das getan. Du wolltest ihm eine Lektion erteilen. Es war dein Vater, der…“ „Du tust mir weh!“, rief ich, meine Stimme wurde lauter, doch er zog mich nur noch näher, die Augen weit aufgerissen. „Nein. Du gehst nicht mit diesem Mann weg und lässt mich als seine Beute zurück. Du wirst nicht…“ „Andrew.“ „Ich bin nicht einverstanden.“ „Lass mich los!“ „Nein!“ Bevor ich es realisierte, schlug ich ihm hart ins Gesicht. Sein Kopf flog zur Seite, und seine Worte verstummten endlich. Meine Augen weiteten sich, aber ich fühlte keine Reue. Er hatte mir wehgetan. Ich riss meine Hand aus seinem Griff, trat zurück, mein Brustkorb hob und senkte sich heftig. „Ich weiß, was ich vor zehn Jahren getan habe. Und ja, ich werde heiraten. Bleib einfach verdammt nochmal raus, wenn du nicht verletzt werden willst.“ Er antwortete nicht. Ich drehte mich um, ging nach unten und verließ das Penthouse. Der Himmel hatte sich mit Regenwolken verdunkelt, und die Tropfen fielen bereits stetig, zerbrachen wie ich selbst tief in mir. Vor zehn Jahren hatte ich eine Entscheidung getroffen, die mein Leben zerstört hatte. Ich schloss die Augen, und die Bilder überfluteten meinen Verstand. Wie Leone der Einzige gewesen war, der zur Beerdigung meiner Mutter gekommen war. Wie er mir mittags Blumen und kleine Zettel gegeben hatte. Wie er der Sonnenstrahl gewesen war, den ich in der schlimmsten Zeit meines Lebens gebraucht hatte. Nur damit er durch meine Hand dieses Schicksal erlitt. Ich konnte immer noch hören, wie er bettelte, als Andrew und die beiden anderen Jungs aus seiner Clique ihn in der Kabine einsperrten. Ich konnte immer noch hören, wie er meinen Namen schrie. Ich konnte immer noch die Unfallstelle vor mir sehen. Ich blickte auf meine Knie. Die lange, gezackte Narbe war immer noch auf meinem rechten Knie – von dem Tag, an dem ich dort gewesen war. Vielleicht ist das meine Karma. Vielleicht lerne ich endlich, damit umzugehen.
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