Julian war gerade bei seinem dritten Scotch, als sein Telefon klingelte.
Er war nicht betrunken. Er wurde eigentlich gar nicht mehr betrunken – er hatte irgendwann in den letzten zwei Jahren die l**t daran verloren, als ihm aufgefallen war, dass mehr Alkohol die Stille nur lauter statt leiser machte. Drei Whiskys waren mittlerweile nur noch ein Ritual. Das Glas, das Eis, das Fenster, die Stadt. Seine Art der Meditation, die seine eigentliche Meditations-App aufgegeben hatte, nachdem er siebenundvierzig Tage hintereinander versäumt hatte, und sie ihm eine Benachrichtigung geschickt hatte, in der stand: „Wir vermissen dich“, in einem Tonfall, der sich aufrichtig verletzt anhörte.
Die Wohnung in Tribeca war dunkel, bis auf das Licht in der Küche und den Schein von Midtown, der durch die raumhohen Fenster drang. Mrs. Parrott war heute da gewesen – das erkannte er daran, dass alles schwach nach Zitrone roch und die Zierkissen, die sie ständig kaufte, auf dem Sofa in Anordnungen lagen, die er niemals gewählt hätte. Sie hatte einen Behälter mit irgendetwas im Kühlschrank zurückgelassen, zusammen mit einem Post-it, auf dem stand: „Iss das, es ist nicht schwer.“ Er hatte es noch nicht gegessen. Es war 9:15 Uhr.
Auf seinem Handybildschirm stand: Marcus Webb.
Sein Anwalt. Ein Anruf um 9:15 Uhr an einem Mittwoch.
Julian nahm ab.
„Sag mir, dass es nichts ist“, sagte er.
Eine Pause, die genau so lange dauerte, dass sie aussagekräftig war. „Heute Nachmittag wurde bei der SEC eine Übernahmeanfrage eingereicht. Die Steele Group ist das Ziel.“
Julian stellte seinen Scotch ab. „Wer?“
„Cole Capital.“
Der Name hallte wie ein greifbarer Gegenstand durch den Raum. Julian stand regungslos am Fenster, vierunddreißig Stockwerke über der Straße, und beobachtete, wie ein Taxi weit unter ihm ohne Zwischenfall drei Fahrspuren überquerte.
„Julian.“
„Ich habe dich gehört.“
„Ich weiß, dass du mich gehört hast. Das ist nicht meine Frage.“
Webb war seit neun Jahren sein Anwalt. Lange genug, um die besondere Fähigkeit entwickelt zu haben, Fragen zu stellen, die keine Fragen waren – zu sagen „Ich weiß, dass du mich gehört hast“, wenn er eigentlich meinte: „Sag mir, was dir gerade durch den Kopf geht, denn das hat rechtliche Konsequenzen.“
Julian wandte sich vom Fenster ab. „Schick mir alles, was sie eingereicht haben.“
„Habe ich bereits getan. Es gibt noch mehr.“ Eine Pause. „Der Geschäftsführer der Kanzlei ist als M. Cole aufgeführt. Das M steht für …“
„Mara.“ Das Wort klang flach. Nicht gebrochen, nicht wütend. Nur eine Tatsache, die er feststellte. „Sie heißt Mara.“
Webb schwieg einen Moment. „Du kanntest sie.“
„Ich war mit ihr verheiratet.“
Wieder Stille, diesmal länger. Eine Stille, in der Julian hören konnte, wie Webb umdachte – wie er seine Gedanken ordnete und das, was er sagen wollte, an das anpasste, was er nun verstanden hatte. „Wie lange ist das her?“
„Vier Jahre. Es ist vor vier Jahren zu Ende gegangen.“ Er nahm seinen Scotch wieder in die Hand, stellte ihn dann aber wieder ab, ohne zu trinken. „Das ist irrelevant.“
„Julian. Die Firma deiner Ex-Frau versucht, dein Unternehmen zu übernehmen. Wie kann das nicht …“
„Weil sie es nicht aus persönlichen Gründen tut.“ Er sagte es mit mehr Überzeugung, als er empfand, was ebenfalls nichts Neues war. „Mara tut nichts aus persönlichen Gründen. Wenn sie den Antrag gestellt hat, sprechen die Zahlen dafür.“
Er ging zu seinem Schreibtisch, klappte seinen Laptop auf und suchte Webbs E-Mail. Die SEC-Meldung lud langsam – Bundesdokumente luden immer langsam, als hätte die Regierung beschlossen, dass wichtige Informationen mit angemessener Würde eintreffen sollten. Er scrollte sie durch, während Webb redete; die Wörter verschwammen an den Rändern leicht, so wie es bei Text der Fall war, wenn ein Teil seines Gehirns gerade mit etwas ganz anderem beschäftigt war.
Cole Capital LLC. Geschäftsführerin: Mara A. Cole. Vor vier Jahren gegründet. Verwaltetes Vermögen –
Er hörte auf zu scrollen.
Er betrachtete die Zahl einen Moment lang.
Dann sah er sie sich noch einmal an.
„Sie hat das alles in vier Jahren aufgebaut“, sagte er. Nicht speziell zu Webb. Einfach laut, in den Raum hinein, wo es ohne Kommentar hing.
„Anscheinend.“
„Aus dem Stand heraus.“
„Ihr erster Deal war ein Pharmavertriebsunternehmen. Mercer Logistics. Sie hat es umstrukturiert und nach achtzehn Monaten mit einer Rendite verkauft, die einige Leute aufhorchen ließ. Danach –“ Webb hielt inne. Julian konnte Papierrascheln hören. „Danach hat sich das alles potenziert. Sie hat den Ruf, die stillste Geschäftsabschließerin im Raum zu sein. Die Leute reden über sie so, wie sie über –“
„Ich weiß, was die Leute über sie sagen.“ Er klappte den Laptop zu. „Ich werde morgen früh den Vorstand anrufen.“
„Um sieben Uhr ist ein Anruf angesetzt. Ich habe mir die Freiheit genommen.“
„Natürlich hast du das.“
„Julian.“ Webbs Stimme veränderte sich leicht – sie verlor ihre anwaltliche Schärfe und gewann etwas Menschlicheres. Sie hatten gemeinsam genug durchgemacht, dass so etwas gelegentlich vorkam. „Wirst du das schaffen?“
Julian blickte in die dunkle Wohnung. Die Bilder an den Wänden, die er nie ausgesucht hatte. Die Kissen, die in Anordnungen lagen, die nicht von ihm stammten. Der Behälter im Kühlschrank mit dem Post-it, auf das er nicht geantwortet hatte.
„Ich werde an dem Treffen teilnehmen“, sagte er.
„Das habe ich nicht gefragt.“
„Das ist die einzige Antwort, die ich heute Abend habe.“
Er beendete das Gespräch. Er legte das Telefon beiseite. Stand einen Moment lang in der Küche und öffnete dann, fast ohne es zu wollen, den Kühlschrank und holte Mrs. Parrotts Behälter heraus. Er nahm den Deckel ab. Irgendeine Art von Nudeln, noch leicht warm. Er suchte sich eine Gabel und aß sie im Stehen an der Arbeitsplatte im Dunkeln, ohne etwas zu sehen, ohne etwas zu schmecken, während sein Verstand das tat, was er immer tat, wenn ihn etwas unerwartet traf – er wurde ganz still und gleichzeitig sehr schnell.
Mara.
Er hatte ihren Namen schon seit – er wusste eigentlich gar nicht, wie lange – nicht mehr laut ausgesprochen. Ein Jahr vielleicht. Länger. Er hatte sich das abgewöhnt, so wie man sich jede Gewohnheit abgewöhnt, die einen etwas kostet: durch Wiederholung und Ersatz und das langsame Verschwinden der Gelegenheiten. Es gab nicht viele Gelegenheiten. Sie hatten keine gemeinsamen Freunde mehr, kein sich überschneidendes soziales Umfeld, nichts, was ihn dazu zwingen würde, ihren Namen zu hören oder ihn selbst auszusprechen.
Er hatte jedoch an sie gedacht. Daran konnte er nichts ändern.
Er dachte an sie, so wie man an die Version von sich selbst denkt, die in einem früheren Kapitel existierte – mit einer ganz bestimmten Mischung aus Wiedererkennung und Distanz, als würde man ein Foto von jemandem betrachten, der man einmal war, bevor man bestimmte Dinge über sich selbst verstanden hatte. Diese Ehe war sein umfassendster Misserfolg gewesen. Nicht, weil sie endete. Ehen gingen zu Ende. Wegen des Grundes, warum sie zu Ende ging, und weil er den Grund so spät erkannt hatte, und weil sie, als er endlich begriff, was er angerichtet hatte, bereits fort war und er niemandem außer sich selbst Rechenschaft ablegen konnte – was sich als das schwierigste Publikum herausstellte.
Er aß die Nudeln auf. Spülte den Behälter aus. Stellte ihn in die Spüle.
Sein Handy leuchtete auf der Arbeitsplatte auf. Eine SMS von einer unbekannten Nummer, gesendet um 21:47 Uhr.
Er nahm es in die Hand.
Der Termin steht fest. Donnerstag, 10 Uhr, Büros von Cole Capital. 31. Stock, 540 Madison Avenue. Bitte bestätigen Sie den Erhalt.
Er starrte darauf.
Nicht Webbs Nummer. Niemand aus seinen Kontakten. Nur eine nüchterne, professionelle SMS von einer Nummer, die noch nie zuvor in seinem Telefon aufgetaucht war und die irgendwie in elf Worten alles darüber verriet, wie das hier ablaufen würde.
Sie hatte den Termin bereits festgesetzt.
Natürlich hatte sie das. Der Antrag war an jenem Nachmittag eingegangen, und sie hatte den Termin bereits festgelegt, bereits jemanden damit beauftragt, die Bestätigung zu schicken, bereits den nächsten Schritt eingeleitet, während er mit einem Scotch, den er nicht trank, am Fenster stand und versuchte, sich daran zu erinnern, wie man normal atmet.
Er tippte zurück: Bestätigt.
Er legte das Handy mit dem Display nach unten auf die Arbeitsplatte.
Dann nahm er es wieder in die Hand, öffnete seine Kontakte und fand den Namen, den er nie gelöscht hatte.
Mara.
Ihre alte Nummer. Innerhalb eines Monats nach der Scheidung wurde sie freigeschaltet – er hatte es einmal versucht, nicht um etwas Bedeutungsvolles zu sagen, nur um zu sehen, und hatte das dreifache Freigeschaltet-Signal erhalten, das irgendwie schlimmer war, als es eine Voicemail gewesen wäre. Er hatte den Kontakt trotzdem behalten. Er konnte das niemandem erklären, nicht einmal sich selbst. Er stand einfach da, ihr Name in seinem Handy, der nirgendwohin führte.
Er sah ihn einen langen Moment lang an.
Dann legte er das Telefon beiseite, schaltete das Licht in der Küche aus und ging ins Bett.
Er schlief lange Zeit nicht ein.
Und als er schließlich einschlief, kurz vor zwei Uhr morgens, träumte er von Boston. Von der Wohnung. Von dem unverwechselbaren Geräusch, das sie machte, wenn sie in der Küche herumging, während er noch im Halbschlaf lag. Davon, wie sie früher am Fenster saß und las, die Beine unter sich angezogen, völlig regungslos, das Buch mit beiden Händen fest umklammert, als könnte es versuchen, ihr zu entgleiten.
Er wachte um vier Uhr auf, lag im Dunkeln und starrte an die Decke.
Bis Donnerstag waren es noch zwei Tage.
Er hatte keine Ahnung, was er ihr sagen sollte.
Was er nicht wusste – was er noch nicht wissen konnte – war, dass Mara Cole seit drei Uhr wach war, an ihrem eigenen Fenster auf der anderen Seite der Stadt saß, eine Tasse Kaffee in der Hand hielt, die bereits kalt geworden war, und über genau dasselbe nachdachte.