Der Wahnsinn! Ein Vorstellungsgespräch bei MoonIndustries! Ich hatte es fast geschafft. Mein Traumjob lag zum Greifen nahe. Und das schon mit Mitte 20. Wenn ich das schaffte, würde ich nur noch die Karriereleiter aufsteigen. Mit einem Spitzengehalt.
Meine Euphorie brodelte über.
Nachdem ich mich beruhigt hatte, bereitete ich mich gut auf das Vorstellungsgespräch vor. Ich lernte alles über die Firmengeschichte, die Partner der Firma und die Produkte.
Dann war der Tag da. Ich zog mir mein schönstes Business-Kostüm an und schminkte mich seriös. Meine Unruhe rüttelte etwas an meinem Selbstbewusstsein, aber ich war mir sicher, dass ich es schaffen würde. So wie jedes Vorstellungsgespräch. Bisher hatte ich jeden von mir überzeugt. Ich las mir nochmal die E-Mail durch und den angehangen Termin. Mich wunderte immer noch, dass der Chef von MoonIndustries geantwortet hatte und ich auch mit ihm das Gespräch führen sollte. Waren die Anderen nur nicht eingeladen? Ein Boss von so einer großen Firma hatte doch sicherlich anderes zu tun, als Bewerbungsgespräche persönlich zu führen. Andererseits hatte ich mich auf eine Führungsposition beworben und vielleicht sah er sich alle Bewerber dieser Positionen persönlich an. Wer weiß?
Ich sah es als Chance. Konnte ich ihn überzeugen, wären folgende Bewerbungsgespräche sicher einfacher. Falls es mehrere Runden geben würde, was in dieser Branche nicht unüblich war.
Entschlossen ging ich auf das große Gebäude zu. Es war ein imposanter Wolkenkratzer und die Vorstellung, hier jeden Tag zur Arbeit zu gehen, weckte in mir ein Vorfreude-Kribbeln.
Ich musste es schaffen!
Im Foyer meldete ich mich an und wurde in die 20. Etage geschickt. Tatsächlich gab es sogar einen Liftboy. Nachdem ich meinen Namen gesagt hatte, drückte er seinen Daumen auf einen Sensor und dann auf die 20. Die allerneuste Technik. Selbst in den Fahrstühlen. Ich grinste.
Der Liftboy sagte mir, ich solle mich im Vorraum hinsetzen und warten, bis ich aufgerufen wurde. Ich runzelte die Stirn. Als ich oben ankam und den Fahrstuhl verließ, wartete tatsächlich nur ein kleiner Vorraum auf mich. Ich erkannte, dass es hier mal eine Art Theke gegeben haben musste, aber diese war entfernt worden und stattdessen wurden ein paar kalte Stühle aufgestellt. Bilder gab es keine an der Wand und bis auf eine große Plastikpflanze war das auch schon alles an Deko. Ich hatte mir den Vorraum des Chefs ein wenig anders vorgestellt. Ich setzte mich auf einen der unbequemen Stühle und wartete. Von dem Raum gingen zwei Türen ab. Durch die eine Tür erblickte ich einen langen dunklen Flur, von dem mehrere weitere Türen abgingen. Es war elf Uhr, ich konnte mir nicht vorstellen, dass alle schon Feierabend hatten. Arbeitete nur der Chef auf dieser Etage?
Die andere Tür war eine Schalltür, die mit Leder umkleidet war. Ich kannte solche Türen aus meiner letzten Firma. Dort konnte man vertrauliche Gespräche führen, ohne dass jemand, der an der Tür lauschte, etwas mitbekommen würde.
Natürlich hatte der Chef der Firma solch eine Tür. Auch wenn es schwierig war, an einer Tür zu lauschen, wenn man nur mit Fingerabdruck hier hochkam und die Etage ansonsten leer war.
Die Schalltür öffnete sich einen Spalt. Dann hörte ich sich entfernende Schritte.
“Frau Xan, kommen Sie herein.”
Eine gedämpfte Stimme bat mich in den Raum.
Ich stand auf und betrat mit meinen Absatzschuhen den Raum. Das klack-klack endete abrupt, denn ich sank sofort in einen tiefen Teppich ein, als ich den Raum betrat. Der Raum war in dunkelgrau gehalten. Die eine Wand war voll mit Bücherregalen und vor dem Fenster stand ein Eichenschreibtisch. Auf diesem saß der ungeheuer charismatische Geschäftsführer. Ich hatte mich auch über ihn belesen und einige Fotos von ihm gefunden. Aber real sah er noch sehr viel besser aus. Seine Augen fixierten mich und sein Blick kam mir eher aggressiv, denn freundlich vor, obwohl ich ein leichtes Lächeln auf seinen Lippen erkennen konnte.
“Bitte schließen Sie die Tür hinter sich.”
Ich tat wie geheißen, wandte mich zur Tür und schloss sie leise. Sie rastete mit einem lauten Klick ein. Mir wurde ganz mulmig. Ich schluckte schwer und setzte dann wieder mein professionelles Lächeln auf, bevor ich mich umdrehte.
Er saß immer noch auf dem Tisch und ich wusste nicht, wo ich mich positionieren sollte. Normalerweise gab es bei einem Vorstellungsgespräch einen Stuhl. Ich ging einen Schritt auf ihn zu und knickte fast um. Wer machte so einen weichen Teppich in seinem Büro?
“Ziehen Sie die Schuhe ruhig aus!”
Ich war irritiert. Dieser ganze Raum, diese Position, dieser Teppich und dieser… ich überlegte ein paar Sekunden, was mich am meisten irritierte. Dann wurde es mir bewusst. Es war der Geruch. Dieser ganze Raum roch nach Erdbeeren, nach frischen Buchseiten und Kiefern. Nachdem mir das bewusst wurde, entstand eine Unruhe in mir. Eben wollte ich noch seinen Vorschlag vehement ablehnen, doch etwas in mir wollte ihn annehmen. Ich zog meine Schuhe ganz automatisch aus und ließ sie neben mir fallen. Er beobachtete meine Bewegungen und musterte mich dann von den Füßen bis nach oben. Es war kein lüsterner Blick, eher abschätzend und wertend.
Er gefiel mir nicht, aber gleichzeitig stieg eine Hitze in mir hoch und ich spürte, wie meine Wangen Feuer fingen. Was war los mit mir? Sonst brachten mich solche Blicke von Kerlen nicht so in Verlegenheit. Aber ich musste auch zugeben, dass es das erste Vorstellungsgespräch war, bei dem mich jemand so ansah.
Ich räusperte mich und versuchte einen Gesprächsanfang:
“Guten Tag, mein Name ist Zara Xan. Ich bin hier für die Stelle als…”
“Ich weiß!”
Er unterbrach mich so aggressiv und unfreundlich, dass mein Mund wieder zuklappte.
Was sollte das? Hatte er überhaupt Interesse daran, mich einzustellen? Er strahlte nur Feindseligkeit aus, während er mich weiter schweigend ansah.
Ich schwieg auch. Wer mich so unfreundlich unterbrach, musste anscheinend wissen, was er von mir wollte. Ich erwägte sogar, das Büro wieder zu verlassen, weil es jede Sekunde unangenehmer wurde. Nur dieser Geruch war so gegensätzlich. Ich liebte süße Erdbeeren und alle Süßspeisen dazu. Aber noch mehr liebte ich den Geruch von einem eingeschweißten Buch, das man aufriss und dann die Nase direkt an die Buchseiten hielt, während man sie durchblätterte. Die dritte Komponente war Kiefer. Ich liebte vor allem Kiefernbäder. Darin konnte ich mich so gut entspannen.
Obwohl dieser Mann mir großes Unbehagen bereitete, war dieser Geruch genau das Gegenteil. Es brachte mich dazu zu bleiben und abzuwarten, was als nächstes geschah.
“Gut, du riechst ihn also.”
Was? Hatte ich zu auffällig geschnüffelt in der Luft? Wieder merkte ich, dass meine Wangen brannten. Und wieso duzte er mich plötzlich?
Sein Lächeln wurde eindringlicher, aber nicht freundlicher. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich es als hämisches Grinsen bezeichnen.
Er stand auf und kam zu mir. Aber er blieb nicht vor mir stehen, sondern ging weiter, so dass ich zurück weichen musste, bis ich die Tür im Rücken hatte.
Er legte eine Hand auf die Tür genau neben meinem Gesicht und sah mir tief in die Augen. Sie waren dunkelblau mit weißen Sprenkeln. Der Geruch wurde immer stärker. Die Unruhe in mir wuchs. Ich konnte seine Nähe kaum ertragen. Irgendetwas knurrte. Was war das? War er es? Nein, es kam aus mir selbst.
“Du hast sie unterdrückt. Das dachte ich mir. Lass sie frei!”
Ich wusste nicht, was er meinte. Nein, ich versuchte, es mir einzureden. Aber siedend heiß wurde mir bewusst, was er war. Ein Wolf. Ein Werwolf.
Ich fluchte. Ich versuchte, ihn von mir zu drücken, aber er blieb stehen wie ein Fels.
“Lass das. Das ist meine Entscheidung.”
“Nicht mehr.”