Ich begleitete den Beta in den Fahrstuhl. Endlich ließ der Geruch nach, der meine Gedanken vernebelte. Ich atmete tief durch. Der Beta beobachtete mich. Ich wusste, dass ich nicht fliehen konnte. Wenn der Alpha diese Firma anführte, waren sicher viele seiner Rudelmitglieder in dieser Firma angestellt. Ein Hilferuf hatte also sicher kaum Wirkung. Ich unterdrückte die Tränen. Heute Morgen war ich noch voller Euphorie und nun war ich in die größte Scheiße meines Lebens geraten. Ich, eine Luna. Das war lächerlich! Ich wusste nicht einmal, wie man in einem Rudel zusammenlebte. Als mein Wolf das erste Mal erwachte, machte ich ihm klar, dass er unerwünscht war. Oder sie. Sie hatte sich in eine Ecke meines Bewusstseins zurückgezogen, als ich ihr sagte, dass ich eine Abtrünnige bin und kein Rudel oder Gefährte auf sie wartete. Ich spürte ab und zu ihre Einsamkeit, aber eine Verschmelzung mit ihr hatte einfach keinen Sinn ergeben. Ohne Rudel war sie ein Teil von mir, den ich nicht brauchte.
Doch jetzt war sie da. Genauso präsent und mächtig wie mein menschlicher Teil. Ich schaffte es nicht mehr, sie zu unterdrücken, dabei hatte ich mich so stark gefühlt, als sie das letzte Mal aufgab.
Ich hatte nicht aufgegeben. Ich habe gewartet.
Auf was?
Auf heute.
Bis heute wusste ich nicht mal ihren Namen. Ich wollte Ice nicht in mir haben. Ich fand es gruselig, wie eine gespaltene Persönlichkeit, zwei Seelen in meinem Körper zu haben. Aber sie war stark geworden. Karon hatte sie stark gemacht. Ich fluchte innerlich. Dieser Mann hatte mein ganzes Leben verpfuscht. Selbst, wenn ich es schaffte, wegzurennen, würde ich Ice nie wieder zurückdrängen können.
Und mein Plan war definitiv zu fliehen.
Der Beta führte mich zu einem Auto und ich stieg auf den Beifahrersitz. Er verriegelte die Tür von innen, als würde er von meinen Fluchtgedanken wissen, und fuhr mich durch die Stadt. Nach einer halben Stunde waren wir am Stadtrand. Er fuhr noch ein Stückchen weiter, bis er langsamer wurde. Er drückte auf eine Klingel und wechselte ein paar Worte. Dann ging ein großes eisernes Tor auf und ich fuhr die Auffahrt hinauf. Vor uns eröffnete sich ein wahrer Palast. Das Haus hatte bestimmt 20 Zimmer, schätzte ich. Da würde ich sicher eine Gelegenheit zur Flucht bekommen. Das Tor hinter uns schloss sich wieder. Keine Ahnung, wie ich über den Zaun oder die Mauer klettern sollte, aber mir fiel sicher etwas ein.
Ice belächelte alle meine Fluchtgedanken. Irgendwann reichte mir dieses von-oben-herab-Gefühl und ich sprach sie drauf an.
Wieso lachst du mich aus?
Unser Gefährte ist ein Alpha. Und nicht irgendeiner. Eine Flucht wird nicht möglich sein.
Wir werden sehen.
Der Beta stieg aus und führte mich in das Anwesen. Es begrüßten uns zwei Buttler und vier Dienstmädchen. Jedenfalls schloss ich das aus ihrer Kleidung, die ziemlich klischeehaft war. Ich verdrehte die Augen. Noch mehr Leute.
Ich hätte gedacht, dass der Beta sich nun von mir verabschieden würde, aber er folgte mir ins Haus. Ein Dienstmädchen führte uns die Treppe hinauf in eines der Zimmer. Es war riesengroß, fast wie ein Tanzsaal. In der Mitte stand ein großes King-Size Bett mit blauen Seidentüchern an der Decke, die es wie ein Himmelbett wirken ließen. Am rechten Rand standen ein Schreibtisch und ein Schminktisch wie aus dem Mittelalter. Oh Gott, wo war ich hier nur hingeraten? Auch ein Sichtschutz war daneben, damit ich mich dahinter umziehen konnte.
Der Beta betrat mit mir das Zimmer.
“Das ist dein Gemach.”
Hatte er wirklich Gemach gesagt?
“Das Bad links am Ende des Ganges”, er deutete mit der Hand nach draußen und dann nach links. Dann zeigte er auf eine Tür rechts im Zimmer.
“und dort dein gefüllter, begehbarer Kleiderschrank.”
Gefüllt? Bestimmte dieser Kerl etwa auch meine Garderobe? Ich kam mir immer mehr wie seine Sklavin als seine Gefährtin vor.
Das bestätigten auch die folgenden Worte vom Beta.
“Ich soll dir deine Kleidung abnehmen, könntest du dich umziehen und mir deine Kleidung überreichen?”
“Ähm, nein?”
Das war meine erste spontane Antwort. Die Gesichtszüge des Betas verdunkelten sich. Vielleicht sollte ich mir nicht auch noch den Beta zum Feind machen, denn irgendetwas sagte mir, dass ich schon genug mit dem Alpha zu tun haben würde.
Ich ging hinter den Sichtschutz und zog mich wütend aus. Dann bemerkte ich, dass ich nichts zum Wechseln mitgenommen hatte. Ich überlegte, ob ich nun meine Hand hinter den Sichtschutz herausstrecken sollte, damit er mir die Kleidung abnahm. Aber die Wut und der Trotz in mir obsiegten, vor allem, weil ich wusste, dass Ice es nicht gefallen würde. Ich trat nur in Unterwäsche hervor und übergab ihm meinen Blazer, meine Bluse, meine Hose und meine Schuhe. Der Beta nahm alles entgegen und ließ seinen Blick über mich gleiten. Er grinste mich anerkennend an. Ice knurrte in mir. Ich wusste, dass sie der Meinung war, dass nur unser Gefährte sie so ansehen durfte. Aber mir war das egal, nein, ich provozierte sie sogar. Sie, meinen Gefährten und den Beta.
“Brauchst du meine Unterwäsche auch oder darf ich sie behalten?”
Er hielt meinen Blick nicht mehr stand und suchte sich einen Punkt hinter mir, als er antwortete:
“Nein, das dürfte so in Ordnung sein.”
Er drehte sich mit meiner Kleidung in den Armen um und verließ den Raum und, wie ich vermutete, auch das Anwesen.
Dann ging ich in diesen soeben gezeigten begehbaren Kleiderschrank und seufzte auf, als ich den vorherrschenden Kleidungsstil erkannte. Fast ausnahmslos war alles sehr enganliegend, freizügig und sexy. Das konnte ja was werden…