Das schwarze Seidenkleid fühlte sich weniger wie Kleidung an, eher wie eine zweite Haut – glatt, schwer und gefährlich. Als Ava vor dem Spiegel stand, begriff sie, dass es bei der „Marshall-Ästhetik“ nicht nur um Reichtum ging, sondern um Auslöschung. Die Frau, die ihr entgegenblickte, war markant, kantig und völlig unkenntlich.
Um 19:55 Uhr erschien Victor an ihrer Tür. Er klopfte nicht; er wartete einfach, bis sie sich umdrehte. „Sie sind da, Miss Ava. Denken Sie daran: Sie sind nicht nur seine Frau. Sie sind seine treueste Vertraute. Jeder Blick, den Sie ihm zuwerfen, muss ein Anker sein.“
„Und wenn ich keine gute Schauspielerin bin, Victor?“
„Dann rate ich Ihnen, die Stille zu lieben“, erwiderte er und deutete auf die Treppe.
Das Esszimmer hatte sich verwandelt. Das grelle Morgenlicht war verschwunden und hatte dem bernsteinfarbenen Schein von einem Dutzend Kristallkerzen Platz gemacht, die flackernde Schatten auf den weißen Marmor warfen. Ethan stand am Sideboard und schenkte Wein ein. Er sah in seinem Smoking makellos aus, das strahlende Weiß seines Hemdes bildete einen starken Kontrast zu seinem dunklen, intensiven Blick.
Zwei Gäste saßen am Tisch: Marcus Sterling, dessen Familienname die Hälfte der Wolkenkratzer der Stadt zierte, und seine Frau Elena, eine Frau mit Augen wie poliertem Feuerstein und einem Lächeln, das sie nicht erreichte.
„Ava, Liebling“, sagte Ethan mit seidenweicher Stimme, während er den Raum durchquerte. Er streckte die Hand aus, die sich fest um ihre Taille legte. Es war eine besitzergreifende Geste, ein Anspruch, der vor allen Anwesenden geltend gemacht wurde. „Du erinnerst dich doch an die Sterlings.“
„Natürlich“, log Ava, ihr Herz hämmerte ihr gegen die Rippen. Sie schenkte ihr ein geübtes Lächeln. „Es ist mir eine Freude, Sie bei uns zu Hause zu haben.“
Das Abendessen war ein Minenfeld. Zwischen Gängen mit Wagyu-Rind und Trüffelrisotto kreisten die Gespräche um Hafenausbau und politische Gefälligkeiten. Marcus Sterling beobachtete Ava mit einer räuberischen Neugier, sein Blick verweilte auf dem schweren Diamanten an ihrem Finger.
„Es war ein ziemlicher Wirbelwind, nicht wahr?“, fragte Elena und schwenkte ihr Weinglas. „Eben noch war Ethan der begehrteste Junggeselle der Stadt, und im nächsten Moment entführt er eine Galerieassistentin zu einem privaten Altar. Sag mir, Ava, was hat ihn denn nun endgültig um den Finger gewickelt? Oder war es einfach nur … das richtige Timing?“
Ava spürte, wie sich Ethans Finger leicht um ihre Seite schlossen. Es war eine Warnung.
„Ethan macht nichts zufällig, Elena“, sagte Ava mit festerer Stimme, als sie sich fühlte. Sie sah Ethan an und spielte die verliebte Braut. „Er hat etwas in mir gesehen, was ich selbst noch nicht gesehen hatte. Vielleicht war es die Tatsache, dass ich nicht nach ihm gesucht habe, die ihn dazu brachte, gefunden werden zu wollen.“
Ethans Blick huschte zu ihr, ein kurzer Ausdruck – Belustigung oder vielleicht echte Überraschung – huschte über seine Augen.
„Sie ist bescheiden“, fügte Ethan mit tieferer Stimme hinzu. „Sie ist die Einzige in dieser Stadt, die nichts von mir will. Das ist eine Seltenheit.“
Die Lüge schmeckte Ava wie Kupfer im Mund. Sie wollte sein Geld, um ihren Vater zu retten; er wollte ihr Schweigen, um seinen Ruf zu wahren. Beide wollten alles voneinander.
Als die Teller abgeräumt waren, beugte sich Marcus vor, sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich. „Die Fusion ist ein gewagter Schritt, Ethan. Aber es wird gemunkelt, dass der Vorstand nervös ist. Sie denken, du übernimmst dich. Sie denken, diese Ehe lenkt dich nur ab.“
„Meine Ehe ist ein Fundament, Marcus“, erwiderte Ethan mit eiskaltem Ton. „Und wenn der Vorstand nervös ist, dann nur, weil ihm meine Vision fehlt. Die Sterling-Gala wird das Gerede verstummen lassen. Für immer.“
Nachdem die Gäste endlich gegangen waren, kehrte bedrückende Stille in das Haus zurück. Ethan stand am Fenster und sah zu, wie die Rücklichter der Limousine der Sterlings die lange Auffahrt hinunterfuhren. Er hatte seine Krawatte nicht gelockert. Er war nicht aus seiner Rolle gefallen.
„Das hast du gut gemacht“, sagte er, ohne sich umzudrehen. „Die Sache mit dem ‚Sie suchen mich nicht‘ war ein netter Einfall. Dadurch wirkte die Lüge menschlich.“
„Ich bin total erschöpft, Ethan“, sagte Ava und rieb sich die Schläfen. „Kann ich jetzt ins Bett gehen? Oder werde ich noch durchleuchtet?“
Ethan drehte sich um, seine Silhouette vom Mondlicht umrahmt. Er ging auf sie zu und blieb erst stehen, als er nur noch wenige Zentimeter von ihr entfernt war. Er streckte die Hand aus, sein Daumen streifte ihre Kieferlinie – eine Geste, die sich für einen Mann, der ihr gerade gestanden hatte, dass ihr Leben ein Theaterstück war, erschreckend intim anfühlte.
„Du wirst immer durchleuchtet, Ava. Aber für heute Abend ist die Vorstellung vorbei.“ Er beugte sich näher zu ihr, seine Stimme vibrierte leise. „Denk dran, die Sterlings suchen nach einer Schwachstelle. Gib ihnen keine.“
Er ließ sie los und ging in sein Arbeitszimmer, Ava allein im Kerzenlicht zurücklassend. Sie betrachtete die leeren Stühle, die Weinflecken auf dem weißen Tischtuch und die Kameras, von denen sie wusste, dass sie im Dunkeln noch blinkten.
Sie hatte das erste Abendessen überstanden, aber die Gala war nur noch 48 Stunden entfernt. Und sie wusste, dass Ethan sie nicht auffangen würde, wenn sie auch nur einmal stolperte – er würde sie stoßen.