Der Abgrund

447 Words
Die erste Session mit Daniel war wie ein Tanz auf einem Drahtseil. Er führte sie durch eine Welt, die sie gleichzeitig faszinierte und abstieß. Der Raum war mit Kerzenlicht getaucht, die Schatten spielten auf den Wänden wie stille Beobachter. Daniel sprach wenig, aber seine Anweisungen waren klar. Es ging nicht nur um Schmerz oder Vergnügen – es ging um Macht. „Du denkst, du bist stark", sagte er, während er ihre Handgelenke mit kalten Lederriemen an einer Stange befestigte. „Aber Stärke ist nicht das, was du kontrollierst. Sie liegt in dem, was du ertragen kannst." Ayla biss die Zähne zusammen, als die ersten Spuren von Schmerz durch ihren Körper zuckten. Es war nicht brutal, aber es war fordernd. Doch es war nicht nur der Schmerz, der sie erschütterte. Es war die Intimität. Die Art, wie Daniel jede ihrer Reaktionen beobachtete, wie er sie analysierte, als wäre sie ein Rätsel, das es zu lösen galt. „Du bist mehr als das, was du zeigst", flüsterte er schließlich und löste die Fesseln. Ayla sank auf die Knie, ihre Beine zitternd. Doch in ihrem Inneren regte sich etwas – ein dunkler Funken, der nach mehr verlangte. Ein Netz aus Vertrauen Ayla hatte die zweite Einladung von Daniel beinahe ignoriert. Sein Anruf war schlicht gewesen, seine Stimme ruhig und dennoch voller Versprechen: „Morgen, 20 Uhr. Kein Nein." Sie hätte auflegen können, ihn aus ihrem Leben verbannen können – aber etwas hielt sie zurück. Es war nicht nur Neugier, es war dieses seltsame Ziehen in ihrer Brust. Daniel war gefährlich, ja, aber nicht in der Art, wie sie es erwartet hätte. Er war nicht gewalttätig, nicht unberechenbar. Seine Gefahr lag in der Klarheit, mit der er ihre innersten Gedanken durchschaute, und der Macht, die er darüber hatte. Als sie am nächsten Abend im Club ankam, wartete er bereits in einem privaten Raum auf sie. Er saß auf einem schwarzen Ledersessel, eine Hand lässig auf der Lehne, die andere um ein Glas Whiskey gelegt. Sein Blick erfasste sie, durchbohrte sie, als würde er jedes Detail ihres Wesens analysieren. „Du bist pünktlich", bemerkte er. „Ich nehme an, das wird von mir erwartet", erwiderte sie trocken, um ihre Nervosität zu überspielen. Er hob eine Augenbraue. „Das hier ist keine Arbeit, Ayla. Hier gibt es keine Erwartungen. Nur Entscheidungen. Deine." Sie schluckte. Seine Worte klangen wie eine Herausforderung, eine Einladung, ihre Schutzmauern zu senken. „Warum tust du das?" fragte sie schließlich. Daniel lehnte sich zurück, als würde er die Frage abwägen. „Weil du danach suchst", sagte er. „Nicht nach mir, nicht nach dem, was ich dir geben kann, sondern nach dem, was du in dir selbst finden musst."
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