Kimberly
Wir erreichten das Anwesen schneller, als ich erwartet hatte. Der Maybach kam zum völligen Stillstand, während sich das elektronische Tor mit einem Surren schloss.
Mehrere Personen warteten bereits am Eingang, als wir ankamen. Ich konnte sechs von ihnen zählen.
„Sie ist schön“, murmelte jemand, kaum hörbar – doch mit meinem übernatürlichen Gehör verstand ich es klar und deutlich.
„Wie lange, meinst du, wird sie durchhalten?“
„Ich wette, sie wird noch vor Mitternacht um den Tod betteln.“
„Das arme Ding.“
Mein Herz raste bei diesen Kommentaren, doch überrascht war ich nicht. Ich hatte die Geschichten über den Blutlord gehört, und mir war klar, dass mein Leben nach dieser Hochzeit kein leichtes sein würde. Aber es direkt von ihnen zu hören, ließ eine andere Art von Angst in mir aufsteigen.
„Willkommen, Mylady“, riefen alle im Chor.
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, also entschied ich mich für ein schlichtes Nicken und ein kleines Winken.
„Das ist Cynthia“, erklärte Mr. Simpson und deutete auf eine Frau, die um die vierzig war; sie machte einen Knicks. „Das ist Joyce“, zeigte er auf ein junges Mädchen, kaum älter als eine Teenagerin. „Und das ist Elena“, er deutete auf eine blonde Frau. „Sie werden Ihnen zur Seite stehen.“
Dann wies er auf einen kräftigen Mann mit einer Narbe am Kiefer. „Das ist Lyon.“ Danach zeigte er auf einen riesigen Mann. „Das ist Andrew. Sie sind Ihre Wachen.“ Schließlich wandte er sich einem untersetzten Mann zu. „Und das ist Pete. Er wird Ihr persönlicher Fahrer.“
Sobald er Fahrer erwähnte, erinnerte ich mich an das Auto, das ich zu meinem Geburtstag geschenkt bekommen hatte – meinen Ferrari.
Die Wut stieg in mir auf, als ich daran dachte, wie Mr. Simpson mir verbot, ihn mitzunehmen – nur weil es seinem monströsen Herrn nicht gefallen würde. Laut ihm könnte mir sein Meister, wenn ich mich brav benähme, noch viele solcher Autos schenken.
Was für eine Arroganz!
Ich sah mich um und konnte nicht anders, als das Anwesen zu bewundern. Es war makellos sauber, kein Staubkorn in Sicht.
Nach seinem Namen hatte ich erwartet, Blutspuren zu finden, Leichenberge und vertrocknete Knochen – doch hier war es das völlige Gegenteil.
„Kommen Sie“, forderte Mr. Simpson mich auf, bevor ich die Umgebung richtig in mich aufnehmen konnte.
Gehorsam schritt ich hinter ihm her in das prächtigste Wohnzimmer, das ich je gesehen hatte.
Mir klappte der Mund auf. Hatten wir etwa unterwegs das Haus gewechselt? Das konnte doch unmöglich das Heim dieses Monsters sein.
Der Raum war atemberaubend schön.
Die Decke war so gestaltet, dass sie den offenen Himmel nachahmte. Ein prachtvoller, mondförmiger Kronleuchter hing herab, gespickt mit zahllosen Sternlichtern.
Die Wände waren mit durchsichtigen Marmorplatten verziert, und der Boden schimmerte wie das Meer – es fühlte sich an, als würde ich über den Ozean schreiten.
Die Stühle waren geschwungen wie ein „S“, mit einem runden, muschelförmigen Tisch in der Mitte.
Der Kamin war geformt wie eine Kaurischnecke, das Feuer brannte sanft und verbreitete Wärme. Über dem Kamin hing ein riesiger LED-Bildschirm.
Ein wahres Wunderwerk. Wer auch immer hier lebte, musste ein Naturfreund sein – ein Monster wie Kendrick konnte unmöglich der Besitzer sein.
„Willkommen, mein Herr“, verbeugte sich Mr. Simpson, als ein junger Mann, Mitte zwanzig, die schlangenförmige Treppe hinabstieg.
Mein Herr?
Ich sah den Mann an – und verlor mich in seinen tiefen, haselnussbraunen Augen. Sein goldenbraunes Haar fiel in lockigen Wellen herab.
Als er näherkam, klebten meine Augen an ihm, als hätten sie einen eigenen Willen. Ich konnte sie nicht von ihm lösen, so sehr ich es auch versuchte.
Kleine Augen unter dichten Brauen, eine gerade Nase, wie maßgeschneidert, dünne Lippen über einem markanten Kiefer.
Dieser gutaussehende Mann soll der Besitzer dieses wundervollen Hauses sein – und nicht das blutrünstige Monster Kendrick.
„Verbeug dich vor dem Meister“, flüsterte Mr. Simpson.
Mein Kopf ruckte herum, als mich die Erkenntnis traf. Hatte er gerade Meister gesagt? War Kendrick nicht sein Meister? Warum nannte er diesen Mann so?
Konnte dieser Mann tatsächlich Kendrick sein?
Unfassbar! Nach seinem Ruf hatte ich einen hässlichen, fetten Kahlkopf mit Fangzähnen erwartet.
Und nun stand er da – jung und schön.
„Ke… Kendrick?“ sprach ich meine Gedanken laut aus, noch immer ungläubig, dass dieser Mann der Blutlord sein sollte.
„Lord Kendrick“, verbesserte er mich, während seine Augen mich von Kopf bis Fuß musterten. „Lord Kendrick Crowley.“
Ich verdrehte die Augen über seine narzisstische Vorstellung. Seinen Namen kannte ich schon, er musste ihn nicht so betonen.
„Zur Kenntnis genommen“, erwiderte ich mit einer leichten Verbeugung – nur, um ihn zu amüsieren.
Mein Hass auf ihn war stärker als die Furcht vor seiner dominanten Ausstrahlung.
„Gut.“ Er steckte die Hände in die Taschen und setzte sein Mustern fort. „Bringt sie in ihr Zimmer und schickt Linda, damit sie sie reinigt.“
Mich reinigen? Ist das sein Ernst? Sehe ich etwa schmutzig aus?
„Ich brauche keine…“
Wie ein Blitz stand er plötzlich vor mir, seine Hand legte sich um meinen Hals. „Du sprichst nicht, solange ich es dir nicht erlaube!“
Ich hielt den Atem an und erwiderte seinen Blick mutig. Ich würde vor diesem Monster nicht schwach werden oder um Gnade flehen.
Bei genauerem Hinsehen entdeckte ich eine Narbe oberhalb seines Wangenknochens. Ich fragte mich, wie er wohl dazu gekommen war.
„Klar?“ Seine tiefe, herrische Stimme vibrierte in meinem Ohr.
Um seinen Zorn nicht weiter herauszufordern, schwieg ich und nickte nur.
Doch ich hatte den Blutlord unterschätzt. So leicht ließ er mich nicht davonkommen.
Sein Griff verstärkte sich, seine Nägel bohrten sich in meine Haut. „Du antwortest mir, wenn ich zu dir spreche!“
Hatte er nicht gerade eben gesagt, ich solle schweigen, bis er es mir erlaubt? Wie sollte ich wissen, wann er es erlaubte?
„Ja… Lord Kendrick“, presste ich unter Schmerzen hervor.
Er stieß mich zur Seite und zog sofort ein Taschentuch hervor, um sich die Hände abzuwischen, als hätte er etwas Unreines berührt.
„Ich kann Schmutz nicht ertragen – und Frauen sind ein Sack voller Schmutz.“