Kapitel 17:
Kühle des Morgens
Die Hitze brach nicht. Sie wurde anders.
Esther wachte in ihrem Apartment, nicht weil der Schlaf endete, sondern weil die Kühle des Morgens durch das Fenster drang, eine Kühle, die keine Erleichterung brachte, nur die Erinnerung daran, dass die Hitze wiederkommen würde, dass sie immer wiederkam, dass sie nie wirklich ging, sondern nur wartete, verborgen in den Wänden, im Asphalt, in der Haut.
Sie stand auf. Sie ging zum Fenster. Die Stadt lag da, grau, nass, nicht von Regen, von der Feuchtigkeit, die die Hitze zurückgelassen hatte, die nicht verdunstete, die einfach — blieb.
Das Telefon klingelte. Sie nahm ab. Es war Morales.
»Das Gesicht«, sagte er. Nicht als Einleitung. Als Fortsetzung. Als das, was zwischen gestern und heute lag, was keine Nacht überbrückt hatte, was einfach — war. »Wir haben ihn gefunden. Den Mann, den Sie gezeichnet haben. Ohne zu wissen, dass Sie ihn zeichneten. Ohne zu wissen, wer er ist.«
»Und?«
»Er ist tot.«
Die Worte fielen in den Raum wie der Schnee gefallen war, wie die Hitze gefallen war, wie alles fiel, was nicht mehr aufhörte, das aufhörte, ohne zu enden.
»Wie?«
»Nicht wie die anderen. Nicht wie Voss. Nicht wie —« Morales hielt inne. Sie hörte ihn atmen, das Rauhe, das nicht von Rauchen kam, sondern von Müdigkeit, von zu vielen Fällen, von zu vielen Gesichtern, die er suchte, die er fand, die er nicht mehr finden wollte. »Sein Gesicht war intakt. Vollständig. Aber — anders. Verändert. Nicht chirurgisch. Nicht gewaltsam. Einfach — anders. Als ob jemand es gezeichnet hätte. Mit Tinte. Mit Stift. Mit —«
»Mit was?«
»Mit etwas, das nicht wegwischt. Das nicht verblasst. Das in die Haut eingedrungen ist. Wie eine Narbe. Aber keine Narbe. Eine — Zeichnung. Ein Gesicht, das über sein Gesicht gelegt wurde. Ein Gesicht, das nicht seins war. Das nicht unseres war. Das —«
»Das meines war.«
Morales schwieg. Nicht lange. Nicht kurz. Einfach — so lange, wie das Schweigen dauerte, so lange, wie es dauern musste.
»Kommen Sie«, sagte er schließlich. »Sehen Sie es selbst.«
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Der Morgue war kalt. Nicht die Kälte der Cabin, nicht die Kälte der Erinnerung, nicht die Kälte, die heilt oder tötet. Die Kälte der Institution, der Gleichgültigkeit, des Weitermachens, das nicht mehr aufhört.
Esther stand am Tisch. Der Mann lag darauf. Jung. Nicht so jung wie Markus. Nicht so alt wie Voss. Dazwischen. Das Gesicht, das sie gezeichnet hatte, das sie nicht gezeichnet hatte, lag über seinem eigenen, wie eine Maske, wie eine Hülle, wie eine Identität, die er nicht gewählt hatte, die er nicht getragen hatte, die ihn getragen hatte.
Sie erkannte ihre Hand. Nicht die Hand, die sie jetzt trug. Die andere. Die Hand, die vor dem Feuer gezeichnet hatte. Die Hand, die nicht mehr existierte, die nicht mehr existieren konnte, die einfach — da war, in den Linien, in den Schattierungen, in der Art, wie das Kinn geformt war, wie die Augenbrauen gezogen waren, wie der Mund —
»Es ist nicht möglich«, sagte sie.
»Es ist da«, sagte Morales. »Es ist real. Es ist —«
»Es ist nicht meins.«
»Es ist Ihre Hand. Ihre Linien. Ihre —«
»Es ist nicht meins.«
Sie drehte sich um. Nicht weg. Nicht hin. Einfach — weg von dem Tisch, von dem Gesicht, von dem Mann, der tot war, weil sie gezeichnet hatte, weil sie nicht gezeichnet hatte, weil —
Levi stand in der Tür. Er war gekommen, ohne gerufen zu werden, ohne zu wissen, warum, ohne zu wissen, dass er wusste.
»Ich habe es gesehen«, sagte er. Nicht das Gesicht auf dem Tisch. Das andere. Das im Spiegel. Das, das wartete. Das, das nicht mehr wartete.
»Was?«
»Das Gesicht, das Sie gezeichnet haben. Es ist —« Er hielt inne. Er trat näher. Er berührte ihre Hand. Nicht die Narbe. Die Hand. Die Finger. Die Stelle, wo sie lebendig war, wo sie warm war, wo sie hier war, wo sie zeichnete, wo sie nicht zeichnete, wo sie einfach — war. »Es ist das Gesicht, das im Spiegel war. Das andere. Das dritte. Das, das nicht Sie sind, das nicht ich bin, das —«
»Das was?«
»Das wir werden. Oder nicht werden. Das einfach — ist.«
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Sie gingen zum Lagerhaus in Red Hook. Nicht weil sie suchten. Weil sie nicht mehr wussten, wo sonst. Weil die Spiegel warteten, weil die Frau wartete, weil —
Sie war nicht da.
Die Spiegel waren nicht da.
Nur die Wände. Nur der Staub. Nur die Hitze, die zurückgekehrt war, die nicht gegangen war, die einfach — wartete.
»Sie ist weg«, sagte Esther.
»Sie war nie da«, sagte Levi. Nicht leugnend. Nicht bejahend. Einfach — feststellend. »Oder sie war immer da. Oder —«
»Die Unterscheidung zählt nicht mehr.«
»Nein.«
Sie standen in der leeren Halle. Die Sonne fiel durch die zerbrochenen Fenster, scharf, schneidend, unbarmherzig. Sie warf keine Schatten. Oder sie warf zu viele. Oder sie warf — Gesichter. Gesichter, die nicht da waren. Gesichter, die im Staub hingen, im Licht, im Nichts.
Esther sah eines. Nicht im Spiegel — es gab keine Spiegel mehr. Im Licht selbst. Ein Gesicht, das sie kannte, das sie nicht kannte, das —
»Das bin ich«, sagte sie.
»Nein«, sagte Levi.
»Das bist du.«
»Nein.«
»Das ist —«
»Das ist das Gesicht, das wir nicht sehen können. Das wir nicht zeichnen können. Das wir nicht formen können. Das wir nur — tragen können. Oder nicht tragen. Das einfach — ist. Oder nicht ist.«
Esther trat in das Licht. Das Gesicht verschwand. Nicht langsam. Nicht schnell. Einfach — weg. Wie die Frau im Spiegel. Wie Noah. Wie Voss. Wie alles, das nicht mehr aufhörte, das aufhörte, ohne zu enden.
Aber etwas blieb. Auf dem Boden. Ein kleiner Spiegel, rund, zerbrochen an einem Rand. Der, den Levi gesehen hatte. Der, der auf ihn gewartet hatte.
Sie hob ihn auf. Sie sah hinein. Sie sah —
Nichts.
Nicht das Nichts von Voss. Nicht das Nichts von Noah. Ein anderes Nichts. Ein Nichts, das alles enthielt. Ein Nichts, das — wartete. Nicht auf sie. Nicht auf Levi. Nicht auf jemanden. Einfach — wartete.
»Was sehen Sie?«, fragte Levi.
»Nichts.«
»Und?«
»Alles.«
»Und?«
Esther lächelte. Nicht das alte Lächeln. Nicht das neue. Ein drittes. Ein viertes. Ein unzähliges. Das Lächeln von jemandem, der wusste, dass es kein Lächeln mehr gab, dass es nur noch — gab. Nur noch war. Nur noch atmete, ohne zu atmen, lebte, ohne zu leben, war, ohne zu sein.
»Ich sehe das Gesicht, das ich nicht zeichnen kann. Das ich nicht formen kann. Das ich nur — sein kann. Oder nicht sein. Das einfach — ist. Und ich sehe, dass es genug ist. Dass es alles ist. Dass es —«
»Dass es was?«
»Dass es nicht aufhört. Auch wenn ich aufhöre. Auch wenn Sie aufhören. Auch wenn die Stadt aufhört, zu atmen, zu sehen, zu überleben. Es hört nicht auf. Es ist. Einfach — ist.«
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Sie gingen zur Brücke. Nicht weil sie mussten. Weil es keinen anderen Ort gab. Weil es nie einen anderen Ort gegeben hatte.
In der Mitte blieben sie stehen. Nicht berührend. Nicht berührt. Einfach — nah. Näher als früher, weiter als in der Cabin, weiter als auf der Brücke in den Nächten zuvor, in den Nächten, die nie gewesen waren, die immer gewesen waren, die einfach — waren.
Der Himmel war — keine Farbe. Nicht grau. Nicht weiß. Nicht schwarz. Einfach — Himmel. Der Ort, wo die Wolken waren, wo die Wolken nicht waren, wo —
Es begann zu regnen. Nicht der Regen der Schmelze. Nicht der Regen der Hitze. Einfach — Regen. Wasser, das fiel, das nicht fiel, das einfach — war.
Esther hob ihr Handgelenk. Die Narbe war nicht mehr sichtbar. Nicht unsichtbar. Einfach — da. Ein Zustand, der keiner war. Eine Geschichte, die keine Erzählung mehr brauchte. Eine Identität, die nicht mehr aufhörte, die aufhörte, ohne zu enden.
Levi berührte sie. Zum elften Mal. Oder zum ersten Mal, der zählte. Oder zum einzigen Mal, der je gewesen war, der je sein würde, der einfach — war.
Sie zuckte nicht zusammen.
»Der Mann«, sagte Levi. »Der mit dem Gesicht. Dem Ihrem. Dem unserem. Dem —«
»Er ist tot.«
»Ja. Aber das Gesicht —«
»Das Gesicht lebt.«
»Wo?«
Esther sah in den Regen. In den Himmel. In das Nichts, das alles war. In das Alles, das nichts war.
»Überall. Nirgends. In dem, was wir zeichnen, was wir formen, was wir —«
»Was wir was?«
»Was wir sind. Wenn wir nicht mehr weglaufen. Wenn wir nicht mehr wegsehen. Wenn wir einfach — im Regen stehen. Und nass werden. Und frieren. Und leben.«
Levi nahm ihre Hand. Nicht die Narbe. Die Hand. Die Finger. Die Stelle, wo sie lebendig war, wo sie warm war, wo sie hier war, wo sie nicht hier war, wo sie einfach — war.
»Ich friere«, sagte er.
»Ich auch.«
»Ich lebe.«
»Ich auch.«
Der Regen fiel. Die Stadt atmete. Die Stadt sah. Die Stadt überlebte.
Die schöne Narbe blieb.