Kapitel 14:
Was nicht vergeht
Esther wachte in einem Bett, das nicht ihres war. Nicht Levis. Nicht Dr. Chens. Nicht das der Cabin, nicht das des Morgues, nicht das der Brücke, wo sie manchmal schlief, wenn der Schlaf nicht anderswohin wollte.
Es war weiß. Alles war weiß. Die Wände, die Laken, das Licht, das durch Vorhänge kam, die weiß waren oder vielleicht nur die Farbe des Vergessens hatten.
Sie hob ihr Handgelenk. Die Narbe war da. Das war das Einzige, was sie erkannte. Das Einzige, was blieb, wenn alles andere weiß wurde, wenn alles andere verging, wenn alles andere —
»Sie sind wach.«
Die Stimme gehörte niemandem. Oder allen. Einer Krankenschwester, vielleicht. Einer Ärztin. Einer Frau, die im Vorbeigehen blieb, die im Bleiben vorbeiging.
»Wo?«
»St. Vincent's.« Nicht Manhattan. Nicht das Morgue. Nicht die 23rd Street. Ein anderes. Ein Ort, wo Gesichter heilten oder nicht heilten, wo Narben behandelt oder ignoriert wurden, wo das Weiß alles bedeckte, alles auslöschte, alles —
»Warum?«
Die Frau zuckte mit den Schultern. Nicht gleichgültig. Unwissend. Das war schlimmer. Oder besser. Oder einfach — da.
»Sie wurden gefunden. Auf der Brücke. Bewusstlos. Nicht verletzt. Nicht —« Sie hielt inne. Das Wort, das schwierige Wort, das neue Werkzeug, das die Medizin nicht kannte, das keine Medizin kannte. »Nicht krank. Einfach — nicht da. Nicht mehr da. Oder noch nicht da. Wir wussten nicht. Wir wissen nicht.«
Esther saß auf. Das Weiß schwankte. Nicht der Raum. Sie selbst. Die Grenze zwischen ihr und dem Weiß, zwischen ihr und dem Nichts, zwischen ihr und —
»Levi?«
Die Frau schwieg. Nicht mit Bedeutung. Nicht mit Absicht. Einfach — ohne Antwort. Ohne das Wort, das sie nicht hatte, das sie nicht geben konnte, das vielleicht nicht existierte.
»Es war niemand bei Ihnen. Nur Sie. Nur —« Wieder die Pause. Wieder das Fehlen. »Nur das Weiß.«
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Sie durfte gehen. Niemand hielt sie. Niemand fragte. Niemand wusste, was zu fragen war, was zu halten war, was zu sein war.
Sie ging hinaus. Durch die Türen, die sich öffneten, durch die Straßen, die nass waren, durch die Stadt, die atmete, die sah, die nichts bemerkte, die alles überlebte, die nichts überlebte, die einfach — war.
Sie ging zu Levis Studio. Nicht weil sie wusste, dass er dort war. Weil sie nicht wusste, wo sonst. Weil das Studio der einzige Ort war, wo sie je gewesen war, ohne zu wissen, warum, ohne zu wissen, wohin, ohne zu wissen —
Die Tür war verschlossen.
Nicht offen, nie offen. Verschlossen. Zum ersten Mal. Zum einzigen Mal. Oder zum tausendsten Mal, den sie nicht gesehen hatte, den sie nicht gewusst hatte, den sie —
Sie klopfte. Nicht laut. Nicht leise. Einfach — da. Die Berührung, die keine Antwort erwartete, die keine Antwort bekam, die keine Antwort brauchte.
Nichts.
Sie klopfte wieder. Wieder nichts. Wieder das Nichts, das alles war, das alles bedeckte, das alles auslöschte, das alles —
»Er ist nicht da.«
Die Stimme kam von hinten. Nicht von innen. Nicht von dem Studio, dem Raum, dem Ort, der nicht mehr da war, der nie dagewesen war, der einfach —
Sie drehte sich um. Es war Noah. Nicht der Noah, den sie kannte. Nicht der, der Gesichter sammelte, die im Vorbeigehen blieben. Ein anderer. Älter. Jünger. Das Gesicht, das er trug, war — unverändert. Unveränderlich. Das Einzige, was sich nicht veränderte, während alles andere verging.
»Wo?«
Noah lächelte. Nicht das Lächeln, das man sah, ohne zu schauen. Nicht das, das man vergaß, ohne zu wissen, dass man es gesehen hatte. Ein anderes. Schwerer. Leichter. Das Lächeln von jemandem, der wusste, was sie nicht wusste, der wusste, was sie wusste, der wusste, dass die Unterscheidung nicht mehr zählte.
»Er sucht.«
»Was?«
»Das Gleiche wie Sie. Das, was nicht vergeht. Das, was bleibt, wenn alles andere weiß wird. Das, was —« Er hielt inne. Er berührte ihre Narbe. Nicht unerwartet. Nicht unerlaubt. Einfach — da. Die Berührung, die keine Bedeutung hatte, die alle Bedeutung hatte. »Das, was Sie verloren haben. Auf der Brücke. Im Weiß. Im Nichts.«
»Ich habe nichts verloren.«
»Genau.«
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Sie fand ihn am Morgue. Nicht drinnen. Davor. Auf den Stufen, die sie kannte, die sie nicht kannte, die sie immer gekannt hatte, ohne zu wissen, dass sie sie kannte.
Er saß. Nicht stand. Nicht ging. Saß. Wie jemand, der nicht mehr weiter konnte, der nicht mehr zurück konnte, der einfach — blieb, wo er war, weil es kein Wo mehr gab, weil es kein Weiter gab, weil es nur noch —
»Esther.«
Er sagte ihren Namen. Nicht als Frage. Nicht als Feststellung. Einfach — da. Das Wort, das sie war, das sie nicht war, das sie gewesen war, das sie nicht mehr sein wollte, die sie nicht mehr sein konnte.
»Sie waren nicht da«, sagte sie. Nicht vorwurfsvoll. Nicht fragend. Einfach — da. Die Feststellung, die keine Bedeutung hatte, die alle Bedeutung hatte.
»Ich war überall. Ich war —« Er hielt inne. Er sah auf seine Hände. Tonverfärbt. Nicht mehr. Sauber. Zu sauber. Die Hände eines Mannes, der nicht mehr formte, der nicht mehr berührte, der nicht mehr — »Ich war im Studio. Ich habe es fertig gemacht. Das Gesicht. Das niemand war. Das alle waren. Das —«
»Es ist verschwunden.«
Er sah auf. Nicht sie. Nicht weg. Etwas dazwischen. Etwas, das weder noch war, das beides war, das mehr war, das weniger war, das nichts war.
»Ich weiß. Ich habe es weggeworfen. Nicht weggeworfen. Ich habe es —« Er suchte das Wort. Das Wort, das schwierige Wort, das neue Werkzeug, das sie alle suchten, das sie alle fanden, das sie alle verloren. »Ich habe es freigegeben. Zurückgegeben. An das, was es war, bevor ich es berührte. Bevor ich es formte. Bevor ich —«
»Warum?«
Er stand auf. Nicht langsam. Nicht schnell. Mit der Geschwindigkeit von jemandem, der nicht mehr weglaufen kann, der nicht mehr wegsehen kann, der nicht mehr wegformen kann, der aber auch nicht mehr bleiben kann, nicht mehr sein kann, nicht mehr —
»Weil es nicht meins war. Weil es nicht Ihres war. Weil es niemandem gehörte. Weil es —« Er berührte ihre Wange. Nicht die Narbe. Die Wange. Die Stelle, wo das Gesicht begann, wo die Geschichte begann, wo alles begann, was nicht aufhörte, was aufhörte, ohne zu enden. »Weil es das Gesicht war, das wir nicht machen können. Das wir nicht zeichnen können. Das wir nicht formen können. Das wir nur — verlieren können. Oder finden. Oder beides. Oder nichts.«
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Sie gingen zur Brücke. Nicht weil sie mussten. Weil es keinen anderen Ort gab. Weil es nie einen anderen Ort gegeben hatte. Weil alle anderen Orte — die Cabin, das Morgue, das Studio, das Büro, das Apartment, das Labor — nur Wege zur Brücke gewesen waren, nur Umwege, nur Verzögerungen, nur —
In der Mitte blieben sie stehen. Nicht berührend. Nicht berührt. Nicht nur nah. Nicht fern. Etwas dazwischen. Etwas, das weder noch war, das beides war, das mehr war, das weniger war, das nichts war, das alles war.
Der Himmel war grau. Nicht der Schnee, der kommen wollte. Nicht der Regen, der ging. Einfach — grau. Die Farbe des Nichts, das alles bedeckte. Die Farbe des Alles, das nichts bedeckte.
»Ich habe es gesehen«, sagte Esther. »Im Weiß. Im Nichts. Das Gesicht, das nicht vergeht. Das nicht bleibt. Das einfach — ist.«
»Ich auch.« Levi lächelte. Nicht das alte Lächeln. Nicht das neue. Ein drittes. Ein viertes. Ein unzähligtes. Das Lächeln von jemandem, der wusste, dass es kein Lächeln mehr gab, dass es nur noch — gab. Nur noch war. Nur noch atmete, ohne zu atmen, lebte, ohne zu leben, war, ohne zu sein. »Im Studio. Als ich das Gesicht fertig machte. Als ich es wegwarf. Als ich — es sah. Mich selbst. Nicht mich selbst. Das, was nicht vergeht. Das, was bleibt, wenn das Gesicht weg ist. Die Narbe, die nicht heilt. Die Geschichte, die nicht endet. Die Identität, die —«
»Die nicht aufhört.«
»Ja.«
Sie hob ihr Handgelenk. Die Narbe war da. Im Licht der grauen Stadt, im Schein der nicht-Laternen, im Blick von Levi, von der Brücke, von allem, was sie überlebt hatten, von allem, was sie nicht überlebt hatten, von allem, was nicht aufhören würde, von allem, was aufgehört hatte, ohne zu enden.
Er berührte sie. Zum elften Mal. Oder zum ersten Mal, der zählte. Oder zum einzigen Mal, der je zählen würde, der je gezählt hatte. Sie wusste es nicht. Sie würde es nie wissen. Sie würde nur — weiter. Nur nicht aufhören. Nur sein.
Sie zuckte nicht zusammen.
»Was ist das Gesicht, das nicht vergeht?«, fragte sie.
Er schwieg. Nicht lange. Nicht kurz. Einfach — so lange, wie das Schweigen dauerte, so lange, wie es dauern musste, so lange, wie es dauern würde.
Dann sagte er: »Es ist nicht ein Gesicht. Es ist das, was zwischen den Gesichtern ist. Das Weiß. Das Grau. Das Nichts, das alles ist. Die Narbe, die nicht heilt, weil sie nicht wunden will. Die Geschichte, die nicht endet, weil sie nicht erzählt werden will. Die Identität, die nicht aufhört, weil sie nicht sein will. Das —«
»Das was?«
»Das einfach — ist. Ohne zu sein. Ohne nicht zu sein. Ohne —«
Er hielt inne. Sie hielten beide inne. Die Brücke hielt inne. Die Stadt hielt inne. Alles hielt inne, was nicht mehr aufhörte, was aufhörte, ohne zu enden.
Dann sagte er: »Die Liebe.«
Nicht laut. Nicht leise. Einfach — da. Das Wort, das sie nicht gesagt hatten, das sie gesagt hatten, das sie nicht mehr sagen konnten, das sie immer sagen würden, das nicht aufhörte, das aufhörte, ohne zu enden.
»Die Liebe«, wiederholte sie.
»Ja. Die Liebe, die nicht vergeht. Die nicht bleibt. Die einfach — ist. In der Narbe. In dem Gesicht. In der Geschichte. In dem, was zwischen uns ist, was wir nicht berühren, was wir nicht sehen, was wir nur —«
»Was wir nur sind.«
»Ja.«
Der Schnee begann zu fallen. Nicht der erste Schnee des Winters. Nicht der letzte Schnee des Frühlings. Einfach — Schnee. Weiß. Alles bedeckend. Alles auslöschend. Alles schön machend. Alles heil machend. Vorübergehend. Immer vorübergehend.
Sie standen da. Nicht berührend. Nicht berührt. Nicht nur nah. Nicht fern. Einfach — da. Im Schnee. Im Weiß. Im Nichts, das alles war. In der Liebe, die nicht vergeht. In der Narbe, die bleibt.
Die schöne Narbe blieb.