Episode 4

1500 Words
Kapitel 4: Das Gesicht im Schnee Der erste Schnee fiel in der Nacht, als sie das dritte Gesicht fanden. Esther stand am Kanalrand in Gowanus, die Stiefel im Schlamm, den Atem einziehend vor Kälte, die sie erst spürte, als sie aufhörte zu zählen. Die Lichter der Polizeiwagen warfen blaue Schatten auf das Wasser. Das Wasser warf nichts zurück. Es war zu dunkel, zu kalt, zu bereit, zu verbergen. »Die Knochenstruktur stimmt nicht«, sagte Levi hinter ihr. Sie drehte sich nicht um. Sie kannte seine Stimme jetzt, das Rauhe, das nicht von Rauchen kam, sondern von Stille. Von zu vielen Stunden ohne Gespräch, ohne Echo. »Du hast den Schädel nicht gesehen«, sagte sie. »Ich muss ihn nicht sehen.« Ein Geräusch, nasse Hände an trocknendem Ton. Er trug seinen Kittel, den er im Studio liegen gelassen hatte, als sie ihn anrief. Er war gekommen, ohne zu fragen, warum sie ihn rief. Er wusste es. »Die Wangenknochen waren höher. Sie hat sich geschminkt, um sie niedriger wirken zu lassen. Foundation, Kontur. Ich habe es an den Knochen gesehen, als du nicht hinsahst.« Esther sah hin. Die Leiche lag auf der Trage, zugedeckt bis zum Kinn. Das Kinn war intakt. Das Gesicht war nicht mehr da. »Du bildest dir das ein«, sagte sie. »Du verweigerst es dir.« Sie drehte sich um. Er stand da, die Hände leer, der Ton wahrscheinlich in seinem Studio, halb fertig, der Mund grob, die Augen hohl. Er sah sie nicht an. Er sah immer drei Zentimeter neben ihr, an ihre Schläfe, an ihr Ohr, an die Haare, die sie zurückgebunden hatte, weil Haare im Gesicht bei der Arbeit störten. »Warum bist du hier?«, fragte sie. »Warum rufst du mich an?« Sie hatte keine Antwort, die nicht eine weitere Frage wäre. --- Dr. Chens Büro roch nach Bergamotte und nassem Holz. Der Schnee hatte sich gegen die Fenster gelegt, ein weißer Druck von außen, als versuche die Welt, hereinzukommen, oder sie einzuschließen. »Sie wissen, wer er ist«, sagte Esther. Dr. Chen goß Tee ein. Ihre Hände zitterten nicht. Das war schlimmer. »Ich weiß, wer er war.« »War.« »Adrian Voss. Ein Chirurg. Kosmetische Chirurgie, bevor es ein Modewort war. Er nannte es ›Wiederherstellung‹. Nicht Veränderung. Befreiung.« Der Tee war zu heiß. Esther spürte es an den Fingern, bevor sie die Tasse berührte. »Seine Schwester starb auf seinem Tisch. Sie wollte jemand anders sein. Er half ihr. Die Komplikationen waren... unvorhersehbar.« »Nichts ist unvorhersehbar.« »Nein.« Dr. Chen sah sie an. Zum ersten Mal seit Jahren sah Esther, dass ihre Therapeutin älter geworden war, dass die Falten nicht nur von Lachen kamen, dass das weiße Haar an den Schläfen nicht gefärbt war. »Nichts ist unvorhersehbar. Er wusste, was passieren könnte. Er tat es trotzdem. Er glaubte, der Wunsch, befreit zu werden, rechtfertige das Risiko.« »Und jetzt?« »Jetzt befreit er andere. Ob sie es wollen oder nicht.« Esther stellte die Tasse ab. Der Tee war noch zu heiß. Sie würde ihn nicht trinken. »Warum haben Sie uns nicht gewarnt?« »Ich habe Sie gewarnt.« Dr. Chens Stimme war leiser als der Schnee. »Jede Sitzung, Esther. Jedes Mal, wenn Sie von Ihrem Gesicht sprachen, von dem, was Sie verloren haben, von dem, was Sie gewonnen haben. Jedes Mal, wenn Levi von seinen Skulpturen sprach, von den Mündern, die er nicht beenden kann, von den Augen, die er nicht füllt. Ich habe Sie gewarnt, indem ich Sie sah. Er hat das gleiche getan. Er hat nur länger zugesehen.« »Er hat Sie bedroht.« »Er hat mich eingeladen.« Dr. Chen öffnete die Schublade ihres Schreibtischs. Der Skalpel lag auf Samt, das Licht der Leselampe brach sich an der Klinge. Die Initialen: A.V. »Er will, dass ich Zeugin bin. Er will, dass ich sehe, was er macht. Was er mit ihnen macht.« »Mit den Gesichtern.« »Mit den Gesichtern.« Esther stand auf. Der Schnee drückte gegen das Fenster. Sie dachte an ihr Apartment in Greenpoint, an die weißen Wände, die Hunderte von Skizzen, jedes Gesicht, das sie wiederhergestellt hatte, jedes Opfer, das sie benannt hatte. Sie dachte an die Abwesenheit, das Fehlen, das sie nicht pinnte, nicht zeichnete, nicht ansah. »Er weiß es«, sagte sie. Nicht als Frage. »Er weiß alles, was ich weiß.« Dr. Chen schloss die Schublade. Der Skalpel verschwand, aber er war da, er war immer da. »Er weiß, dass Sie beide bereit sind. Er weiß, dass Sie das perfekte Gesicht machen können. Das Gesicht ohne Geschichte, ohne Wunde, ohne Identität. Das Gesicht, das frei ist.« »Das gibt es nicht.« »Er glaubt, dass es Levi gibt. Und dass Sie es finden können.« Esther ging zur Tür. Ihre Hand lag auf der Klinke, kälter als der Schnee. »Er hat Sie nicht verstanden«, sagte Dr. Chen hinter ihr. »Nicht Sie. Nicht Levi. Er hat verstanden, was Sie verbergen. Nicht, warum Sie es verbergen. Nicht, was es Ihnen ermöglicht.« Esther öffnete die Tür. Der Flur war dunkel, der Schnee draußen heller als die Glühbirnen. Sie ging hinaus, ohne sich umzudrehen. Sie wusste, dass Dr. Chen sie ansah. Sie wusste, dass Voss sie irgendwo ansah. Sie wusste, dass Levi sie nicht ansah, nicht direkt, nicht so, wie andere Menschen einander ansahen. Sie wusste nicht, ob sie das wollte oder fürchtete. --- Levis Studio war kalt. Er hatte die Heizung nicht angestellt. Ton wurde hart, wenn er fror, aber er arbeitete trotzdem, die Finger steif, die Bewegungen langsamer, präziser. Der Kopf auf dem Tisch hatte keine Augen. Der Mund war grob, unterbrochen, ein Satz, der nicht beendet werden durfte. Er hörte sie kommen. Die Schritte auf der Metalltreppe, das Zögern vor der Tür, das Klopfen, das nicht kam. Sie trat ein, wie sie es immer tat, ohne Erlaubnis, ohne Zurückhaltung, als gehöre der Raum ihr, weil er ihr nicht gehörte. »Er war ein Chirurg«, sagte sie. »Ich weiß.« »Du weißt es?« Er drehte den Kopf der Skulptur, nicht seinen eigenen. Der Ton gab nach, verzog sich, wurde wieder glatt. »Ich habe seine Akten gelesen. Vor Jahren. Als ich noch suchte.« »Wonach?« Er legte den Skalpel aus Ton beiseite. Es war kein echter Skalpel. Er benutzte keine echten Werkzeuge mehr, nicht seit — er wusste nicht, seit wann. Seit er aufgehört hatte, sich selbst zu berühren, vielleicht. Seit er aufgehört hatte, sich im Spiegel zu sehen. »Nach dem Grund«, sagte er. »Warum ich die Münder nicht beenden kann. Warum die Augen hohl bleiben. Er hatte eine Theorie. Voss. Er glaubte, dass das Gesicht eine Gefängniswand ist. Dass wir hinter unseren Zügen gefangen sind. Dass die einzige Befreiung darin besteht, die Wand einzureißen.« »Und du?« Er berührte die Wange der Skulptur. Der Ton war kalt, tot, bereit. »Ich glaube, dass das Gesicht eine Tür ist. Dass wir hinter unseren Zügen wohnen. Dass die einzige Befreiung darin besteht, die Tür zu öffnen. Jemanden hereinzulassen.« Esther stand neben ihm. Sie roch nach Schnee, nach Dr. Chens Tee, nach der Angst, die sie nicht zeigte. Er roch nach Ton, nach Erde, nach dem, was aus dem Boden kam und wieder zu Boden ging. »Du lässt niemanden herein«, sagte sie. »Du auch nicht.« Sie hob die Hand. Er sah es aus den Augenwinkeln, die Bewegung, das Zögern, das Entschlossenwerden. Sie löste die Uhr. Das Armband fiel zurück, das Gesicht der Uhr zeigte keine Zeit mehr — die Batterie war vor Monaten leer gewesen, sie trug sie für das Gewicht, für die Bedeckung, für die Erinnerung an etwas, das sie nicht mehr brauchte. Die Narbe war sichtbar. Am Handgelenk, wo die Haut sich nicht richtig geschlossen hatte, wo der Brand seine Signatur hinterlassen hatte, wo das Feuer sie gezeichnet hatte, bevor sie sich neu gezeichnet hatte. Er drehte sich zu ihr. Nicht ganz. Nicht so, wie Menschen sich zueinander drehen. Aber näher als je zuvor. Drei Zentimeter, zwei, einer. Er berührte die Narbe. Seine Finger waren kalt vom Ton, rau von der Arbeit, lebendig in ihrer Unvollkommenheit. Sie zuckte nicht zusammen. Draußen fiel der Schnee. Die Stadt atmete durch die Schächte. Die Dampfwolken stiegen auf, sichtbar, vergänglich, schön in ihrer Zerstörung. »Er wird kommen«, sagte Levi. »Ich weiß.« »Er wird uns das perfekte Gesicht abverlangen.« »Ich weiß.« »Wirst du es ihm geben?« Esther sah auf seine Hand, auf ihre Narbe, auf die Stelle, wo Haut auf Haut traf, wo Kälte auf Wärme, wo Sichtbarkeit auf Verborgenes. Sie dachte an die weißen Wände in Greenpoint, an die Hunderte von Gesichtern, die sie wiederhergestellt hatte. Sie dachte an das eine Gesicht, das fehlte, das sie nicht pinnte, nicht zeichnete, nicht ansah. »Nein«, sagte sie. »Ich werde ihm zeigen, warum es nicht existiert.« Levi nahm seine Hand nicht zurück. Die Narbe war da, unter seinen Fingern, Teil von ihr, Teil von dem, was sie geworden war, Teil von dem, was sie verloren hatte, bevor sie sich selbst gefunden hatte. »Und du?«, fragte sie. Er lächelte. Es war kein schönes Lächeln. Es war unvollendet, wie seine Skulpturen, wie sein Leben, wie alles, was er berührte und nicht beenden konnte. »Ich werde ihm zeigen, warum ich die Münder nicht schließe.« Der Schnee fiel. Die Stadt sah. Die Stadt überlebte. Die Narbe blieb.
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