Episode 20

1665 Words
Kapitel 20: Erwachen ohne Traum Esther wachte in einem Bett, das keines war. Nicht weiß. Nicht grau. Nicht farblos. Einfach — nicht. Keine Laken, keine Matratze, keine Wände, die atmeten oder nicht atmeten. Nur — sie. Und das, was sie trug. Das Gesicht, das sie war. Das Gesicht, das sie nicht war. Das Gesicht, das — Sie öffnete die Augen. Nicht langsam. Nicht schnell. Einfach — da. Wie alles, das nicht mehr aufhörte, das aufhörte, ohne zu enden. Sie lag auf der Brücke. Nicht in der Mitte. Nicht am Rand. Auf einem Punkt, der keiner war, der alle war, der zwischen den anderen lag, der sie alle verband, der sie alle trennte. Der Schnee war geschmolzen. Nicht zu Wasser. Nicht zu Eis. Einfach — weg. Wie er gekommen war. Wie er immer gekommen war. Wie er immer gegangen war. Ohne Anfang. Ohne Ende. Einfach — da, und dann nicht mehr da. Levi lag neben ihr. Nicht berührend. Nicht berührt. Einfach — nah. Näher als früher, weiter als in der Cabin, weiter als auf der Brücke in den Nächten zuvor, in den Nächten, die nie gewesen waren, die immer gewesen waren, die einfach — waren. Er schlief nicht. Er wachte nicht. Er war einfach — da. Im Zustand, der keiner war. In dem, was zwischen Schlaf und Wachen liegt, zwischen Traum und Erwachen, zwischen — »Es war kein Traum«, sagte er. Nicht als Feststellung. Nicht als Frage. Einfach — da. Das Wort, das keine Bedeutung mehr hatte, weil es alle Bedeutung hatte. »Ich weiß.« »Der Raum. Die Spiegel. Die Frau. Voss. Alles —« »Echt. Nicht echt. Beides. Keines. Einfach — was es war. Was es ist. Was es —« »Was es bleibt.« »Ja.« Sie standen auf. Nicht langsam. Nicht schnell. Mit der Geschwindigkeit von Menschen, die nicht mehr weglaufen können, die nicht mehr bleiben können, die einfach — gehen, weil gehen das Einzige ist, was bleibt. Die Stadt lag da. Nicht grau. Nicht nass. Nicht trocken. Einfach — da. Wie sie immer dagewesen war. Wie sie nie dagewesen war. Wie sie einfach — war. Sie gingen. Nicht zusammen. Nicht getrennt. Einfach — nebeneinander. Durch die Straßen, die keine Namen hatten, die alle Namen hatten, die einfach — da waren. --- Das NYPD war anders. Nicht größer. Nicht kleiner. Einfach — anders. Die Klimaanlage funktionierte. Die Luft roch nach nichts. Nach allem. Nach dem, was bleibt, wenn alles andere vergeht. Morales wartete. Nicht ungeduldig. Nicht geduldig. Einfach — wartend. Auf das, was kommen würde, was nicht kommen würde, was einfach — war. »Es gibt einen dritten«, sagte er. Nicht als Einleitung. Nicht als Fortsetzung. Einfach — da. Das Wort, das keine Bedeutung mehr hatte, weil es alle Bedeutung hatte. »Einen dritten was?« »Einen dritten Toten. Mit dem Gesicht. Dem Ihrem. Dem —« Er hielt inne. Er suchte das Wort, das schwierige Wort, das neue Werkzeug, das sie alle suchten, das sie alle fanden, das sie alle verloren. »Dem Gesicht, das nicht aufhört.« Esther folgte ihm. Nicht weil sie musste. Weil sie nicht mehr wusste, was Muss bedeutete, was Wollen bedeutete, was die Unterscheidung bedeutete. Der dritte Tote lag im selben Raum wie die anderen. Nicht an ihrer Stelle. Neben ihnen. Als ob sie alle dagewesen waren, als ob keiner dagewesen war, als ob die Unterscheidung nicht mehr zählte. Alt. Nicht so alt wie Voss. Nicht so jung wie der erste. Dazwischen. Das Gesicht, das über seinem lag, war — anders. Nicht das, das Esther gezeichnet hatte. Nicht das, das sie nicht gezeichnet hatte. Nicht das aus dem Spiegel. Nicht das aus dem Licht. Ein fünftes. Ein sechstes. Ein unzähliges. »Wer ist er?«, fragte Esther. »Wir wissen es nicht. Wir wissen nur —« Morales hielt inne. Er berührte das Gesicht auf dem Toten. Nicht mit Zärtlichkeit. Nicht mit Gewalt. Einfach — mit der Berührung, die er hatte. Die, die er war. »Wir wissen nur, dass er es trug. Das Gesicht. Das Ihre. Das unsere. Das —« »Das was?« »Das Gesicht, das die Liebe hat.« Esther trat zurück. Nicht vor Schreck. Nicht vor Erkenntnis. Einfach — zurück. In den Raum, der keiner war. In die Zeit, die keine war. In das, was zwischen den Toten lag, zwischen den Lebenden, zwischen — »Es ist nicht möglich«, sagte sie. »Es ist da«, sagte Morales. »Es ist real. Es ist —« »Es ist nicht meins.« »Es ist nicht unseres. Es ist nicht seins. Es ist —« »Einfach.« »Ja.« --- Esther ging hinaus. Nicht zu Levi. Nicht zur Brücke. Nicht zum Studio. Sie ging zu dem Ort, der keiner war. Zu dem Gebäude in der Lower East Side. Zu dem Raum ohne Wände, ohne Decke, ohne Boden. Zu dem Spiegel ohne Glas. Es war nicht mehr da. Nicht abgerissen. Nicht verändert. Einfach — nicht mehr da. Wie die Frau. Wie die Spiegel. Wie alles, das nicht mehr aufhörte, das aufhörte, ohne zu enden. An seiner Stelle lag ein Feld. Nicht grün. Nicht braun. Nicht farblos. Einfach — ein Feld. Mit Gras, das nicht wuchs, das nicht verdorrte, das einfach — war. In der Mitte des Feldes stand ein Baum. Nicht groß. Nicht klein. Nicht alt. Nicht jung. Ein Baum, der einfach — war. Esther ging zu ihm. Nicht weil sie musste. Weil sie nicht mehr wusste, was Muss bedeutete, was Wollen bedeutete, was die Unterscheidung bedeutete. Unter dem Baum lag ein Spiegel. Nicht aus Glas. Aus Holz. Aus Erde. Aus dem, was bleibt, wenn alles andere vergeht. Sie hob ihn auf. Sie sah hinein. Sie sah — Nichts. Nicht das Nichts von Voss. Nicht das Nichts von Noah. Nicht das Nichts aus dem Lagerhaus. Ein anderes Nichts. Ein Nichts, das alles enthielt. Ein Nichts, das — wartete. Nicht auf sie. Nicht auf jemanden. Einfach — wartete. Und in dem Nichts, in dem Warten, in dem — Einfach-Sein, sah sie ein Gesicht. Nicht ihr eigenes. Nicht das von Levi. Nicht das von Voss, von Markus, von Noah, von Dr. Chen, von Clara, von allen, die sie gekannt hatte, die sie nicht gekannt hatte. Ein Gesicht, das sie nicht kannte. Ein Gesicht, das sie kannte. Ein Gesicht, das — »Das bin ich«, sagte eine Stimme hinter ihr. Sie drehte sich um. Nicht langsam. Nicht schnell. Einfach — da. Wie alles, das nicht mehr aufhörte, das aufhörte, ohne zu enden. Die Frau, die sprach, war — niemand. Jeder. Das Gesicht, das sie trug, war das aus dem Spiegel. Das, das sie nicht kannte. Das, das sie kannte. Das, das — »Wer sind Sie?« »Ich bin —« Die Frau hielt inne. Sie berührte ihr Gesicht. Nicht mit Stolz. Nicht mit Scham. Einfach — mit der Berührung, die sie hatte. Die, die sie war. »Ich bin das Gesicht, das Sie werden. Das Sie nicht werden. Das Sie sind. Das Sie nicht sind. Das —« »Das was?« »Das einfach ist.« --- Esther stand unter dem Baum. Die Frau stand neben ihr. Nicht berührend. Nicht berührt. Einfach — nah. »Warum die Toten?«, fragte Esther. »Warum das Gesicht auf den Toten? Warum —« »Weil die Toten nicht mehr wählen. Sie tragen, was gegeben wird. Sie sind, was sie sind. Ohne Weglaufen. Ohne Bleiben. Einfach — Sein. Und das Gesicht, das nicht aufhört, es braucht das Einfach-Sein. Es braucht die Ruhe, die nur der Tod gibt. Aber auch —« »Auch was?« »Auch das Leben. Das Leben, das nicht mehr wählt. Das nicht mehr flieht. Das nicht mehr sucht. Das einfach — ist. Wie Sie. Wie er. Wie —« »Wie wir.« »Ja.« Die Frau zerfiel. Nicht langsam. Nicht schnell. Einfach — weg. Wie der Spiegel unter der Berührung. Wie alles, das nicht mehr aufhörte, das aufhörte, ohne zu enden. Aber etwas blieb. Auf dem Boden. Ein Samen. Nicht groß. Nicht klein. Einfach — ein Samen. Esther hob ihn auf. Sie hielt ihn in der Hand. Er war warm. Nicht von der Sonne. Nicht von der Erde. Von etwas anderem. Von dem, aus dem Gesichter gemacht werden, wenn sie nicht mehr aufhören, wenn sie einfach — sind. --- Sie fand Levi auf der Brücke. Nicht wartend. Nicht gehend. Einfach — da. Im Zustand, der keiner war. In dem, was zwischen allen Zuständen lag. »Ich habe es gefunden«, sagte sie. Nicht stolz. Nicht bescheiden. Einfach — feststellend. »Was?« »Das Gesicht, das nicht aufhört. Nicht im Spiegel. Nicht im Licht. Nicht im Nichts. Hier.« Sie öffnete ihre Hand. Der Samen lag darin. Warm. Lebendig. Wartend. »In dem, was wächst. In dem, was nicht mehr aufhört zu wachsen. In dem —« »In dem was?« »In dem, das einfach ist.« Levi berührte den Samen. Nicht mit Zärtlichkeit. Nicht mit Gewalt. Einfach — mit der Berührung, die er hatte. Die, die er war. »Was tun wir damit?« »Wir pflanzen ihn.« »Wohin?« Esther sah auf die Brücke. Auf die Stadt. Auf den Fluss, der darunter floss, der nicht floss, der einfach — war. »Hier. Unter der Brücke. Wo niemand ihn sieht. Wo jeder ihn sieht. Wo —« »Wo er einfach ist.« »Ja.« Sie gingen unter die Brücke. Nicht zusammen. Nicht getrennt. Einfach — nebeneinander. Durch den Schlamm, durch das Gras, durch das, was zwischen der Stadt und dem Wasser lag. Sie gruben ein Loch. Nicht tief. Nicht flach. Einfach — ein Loch. Sie legten den Samen hinein. Sie bedeckten ihn mit Erde. Nicht fest. Nicht locker. Einfach — Erde. Und dann standen sie da. Nicht berührend. Nicht berührt. Einfach — nah. »Er wird wachsen«, sagte Levi. »Oder nicht.« »Er wird bleiben.« »Oder vergehen.« »Er wird —« »Einfach sein.« »Ja.« Esther hob ihr Handgelenk. Die Narbe war nicht mehr sichtbar. Nicht unsichtbar. Einfach — da. Ein Zustand, der keiner war. Eine Geschichte, die keine Erzählung mehr brauchte. Eine Identität, die nicht mehr aufhörte, die aufhörte, ohne zu enden. Levi berührte sie. Zum vierzehnten Mal. Oder zum ersten Mal, der zählte. Oder zum einzigen Mal, der je gewesen war, der je sein würde, der einfach — war. Sie zuckte nicht zusammen. Die Stadt atmete. Die Stadt sah. Die Stadt überlebte. Die schöne Narbe blieb. Der Samen wartete.
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