„ Das Wichtigste ist, dass Vera nichts merkt! Sie muss ihr Leben hier mit mir weiterleben. Ein ruhiges Leben“, murmelte Tante Cecilia mit gebrochener Stimme.
„ Nun beruhige dich doch! Solange Kardinal Montagnard lebt, wird ihr nichts geschehen. Trotz des Drängens von Kardinal Siringer kann der Orden ohne einen Befehl von Montagnard nichts tun, und er würde nie zulassen, dass Vera etwas geschieht“, beruhigte Pater Dominick sie.
„ Ja.“
Sie schwiegen.
Schließlich verabschiedeten sie sich voneinander und der Pfarrer ging.
Ich stand wie angewurzelt oben auf der Treppe.
Ich hörte das erste Mal von Kardinälen und diesem Orden. Wer waren sie? Was wollten sie?
Was noch wichtiger war, warum waren sie an mir interessiert?
Ich hätte gerne meine Tante um Erklärungen gebeten, aber ich wusste, dass ich es diesmal für mich behalten musste.
Niemand musste wissen, dass ich dieses Gespräch belauscht hatte. Weder meine Tante, noch Ahmed oder Pater Dominick.
Am folgenden Morgen kam ich nur mit Mühe aus dem Bett. Ich hatte bis zwei Uhr morgens an dem Geschichtsaufsatz gearbeitet und konnte dann wegen des Gesprächs, das ich zwischen Tante und Pater Dominick gehört hatte, kein Auge zutun.
Zum x-ten Mal war ich zu spät und musste auf das Frühstück verzichten. Ich stürzte trotz der Ermahnungen meiner Tante, mich nicht zu überanstrengen, aus dem Haus und erwischte gerade noch den Bus.
Ich hatte noch keinen Fuß in die Klasse gesetzt, als sofort Patty Shue auf mich zukam, gefolgt von ihren beiden Freundinnen, Claire und Martha, wobei sie ihre sinnlichen Hüften wiegte, die durch einen atemberaubenden Minirock noch betont wurden, und ihre dicken, scharlachroten Lippen zu einem schelmischen und gehässigen Schmollmund verzog.
„ Vera, sag, wie geht es dir heute? Erwartest du irgendwelche Ohnmachtsanfälle? Nun, falls du ohnmächtig werden solltest, wissen wir, wen wir rufen müssen. Ich bin sicher, Ron würde nicht zögern, dir mit einer Mund-zu-Mund-Beatmung zu helfen! Vor allem nach seinem Nachhilfeunterricht, dann wirst du es sicher dringend brauchen", grinste die Hexe.
Das mit Ron und mir hatte sich also bereits herumgesprochen.
Wer anders als er hätte mich vor allen anderen so erniedrigen können?
Zum Glück hatte ich gerade eine Hämodose zu mir genommen, so dass ich ausgezeichnet sehen konnte.
Blitzschnell suchte mein vernichtender Blick den Schuldigen.
Da war er!
Ron saß ruhig an seinem Schreibtisch und kopierte Zeichnungen auf ein Blatt Papier.
Ich ging zu ihm.
„ Ron“ sagte ich mit meinem eisigsten Tonfall.
„ Hallo Vera. Sieh mal einer an, ich habe gerade an dich gedacht.“
„ Oh, ja?“
Natürlich, nach dem, was er angerichtet hatte!
„ Ja, ich habe gerade einige einfache Übungen für dich auf dieses Blatt geschrieben. So können wir sie, wenn wir uns das erste Mal treffen, miteinander durchsehen. Auch morgen, wenn du willst. Hier musst du zum Beispiel aufschreiben, wie die verschiedenen Körperteile heißen, die ich für dich gezeichnet habe“, er war ganz aufgeregt und zeigte mir das Blatt.
Ich war fassungslos. War es möglich, dass er gar nicht merkte, was er angerichtet hatte?
Vor diesem Abend hätte jeder gedacht, dass Ron, der den Spitznamen „Fauler Atem“ hatte, und ich zusammen waren.
Ohne Zweifel konnte ich mich für all das bei Patty bedanken.
Ich wusste nicht, wann und wie, aber nach dem Unterricht am Morgen versammelten sich alle in der Cafeteria, wo großer Lärm herrschte.
Am Nachmittag begannen die ersten Blicke und das Grinsen.
Im Bus nach Hause war ich den umlaufenden Gerüchten zufolge bereits seit einem Monat mit Ron verlobt.
Noch ein bisschen länger und sie würden Plakate aufhängen: „Die Love Story zwischen der blassen Vera und Fauler Atem."
Ich war angewidert.
Als ich nach Hause kam, traf ich auf Tante Cecilia, die ihre Haare in einen weichen goldenen Zopf gebunden hatte und eine riesige grüne Schürze trug, da sie vorhatte, Tomatensauce für den Winter einzumachen.
Ich schleuderte ärgerlich die Schuhe von meinen Füßen und warf den Rucksack auf den Boden, bevor ich zu meiner Tante lief und sie mit meinen Problemen überschüttete.
„ Da muss erst einmal Brot mit Honig her“, meinte sie, als sie merkte, wie viel Hass in meiner Stimme war, als ich von Patty und Ron berichtete.
„ Du glaubst doch wohl nicht, dass ich mir von diesem Idioten Nachhilfeunterricht geben lasse?“ platzte ich heraus.
In der Zwischenzeit bereitete meine Tante mir das Brot zu.
„ Iss, dann beruhigst du dich“ sie reichte mir das Stück Brot und ignorierte meine Worte.
Ich schlang das Brot hinunter, wobei es weiter aus mir hervorsprudelte und ich hier und dort ein paar Krümel ausspuckte. Trotzdem beruhigte ich mich am Ende. Das war der Honig. Der Geschmack des Honigs hatte schon immer eine beruhigende Wirkung auf mich ausgeübt, wenn ich unruhig oder ärgerlich war.
„ Danke“ murmelte ich zum Schluss.
„ Gut, a du jetzt also einen kleinen Imbiss zu dir genommen hast und dich ausgesprochen hast empfehle ich dir, in dein Zimmer zu gehen und Biologie zu lernen, wenn du willst, dass ich es mir wegen der Nachhilfestunden mit Ron anders überlege,“ bestimmte Tante Cecilia.
„ Oh, danke!“
Ich umarmte sie stürmisch. Ich wusste, dass sie mich verstanden hätte!
„ Du bist meine Lieblingstante!“ fügte ich hinzu.
„ Natürlich, ich bin ja auch deine einzige Tante“.
Wir brachen beide in Lachen aus und danach beeilte ich mich, mit dem Lernen anzufangen.
Ich nahm mir fest vor, meinen Durchschnitt in den wissenschaftlichen Fächern zu verbessern. Drei Tage lang büffelte ich ununterbrochen und meldete mich dann zum Abfragen.
Sieben.
Diese Note reichte, um meine Tante davon zu überzeugen, den Nachhilfeunterricht bei Ron wieder abzusagen.
Ich war im siebten Himmel.
Es war mir egal, ob Ron deshalb beleidigt war, weil er sich abgewiesen vorkam. Als wenn wir wirklich zusammen wären.
Auch Patty war es nicht recht, weil meine Love-Story mit Fauler Atem immer uninteressanter wurde und am Ende völlig zum Erliegen kam.
Eines Tages, als ich aus der Schule kam, lief ich wie üblich durch das Tor, das seit einigen Tagen mehr als üblich quietschte, und schritt auf das Haus zu.
„ Ich muss es ölen“, sagte mir Ahmed, wobei er das Tor meinte, während er nicht weit von mir ein Stück Zaun reparierte.
„ Hallo Ahmed. Wie geht es?“, fragte ich ihn.
„ Heute scheint die Sonne, also geht es mir gut,“ antwortete er mir.
Ich lächelte ihm verständnisvoll zu.
„ Ich mache das Stück hier eben fertig und gehe dann Besorgungen machen,“ fügte er hinzu.
„ Kann ich mitkommen?“
Wenn die Sonne schien konnte man einfach nicht zu Hause bleiben und lernen.
„ Lieber nicht. Pater August ist eben gekommen und ich glaube, er möchte dich sehen,“ antwortete er mir und entfernte sich mit ein paar Brettern in der Hand.
Pater August, dieser alte verkrüppelte Zwerg mit dem bösen Blick.
Weder ich noch meine Tante mochten ihn, trotzdem kam er uns einmal im Monat besuchen.
Tante Cecilia erklärte mir, dass Pater August eigentlich ein netter Mensch war und ihr sehr geholfen hatte, als ich klein war.
Er ihr bei den entstandenen Arztkosten geholfen, als bei mir diese schreckliche Anämie diagnostiziert wurde, so dass er hier immer willkommen war, obwohl er für mich wie eine schleimige und verachtenswerte Kreatur aussah.
Widerwillig betrat ich das Haus.
Meine Tante und Pater August saßen im Wohnzimmer auf dem Sofa und tranken Kaffee.
„ Liebling, da bist du ja,“ begrüßte mich meine Tante so freundlich wie immer, obwohl ich sofort die Nervosität in ihrer Stimme spürte.
„ Hallo Tante. Guten Tag Pater August.“
„ Vera, wie geht es dir?“, fragte er mich misstrauisch, während er mich von Kopf bis Fuß musterte, als wenn er nach einem Zeichen einer möglichen Verschlechterung meines Gesundheitszustandes oder nach etwas anderem suchen würde.
Bei ihm hatte ich immer Eindruck, als wenn irgendetwas nicht bei mir stimmen würde, auch wenn er versuchte, es vor mir zu verbergen.
Obwohl wir uns schon so viele Jahre kannten, hatte er mir jedoch noch niemals irgendeine Zuneigung gezeigt, so wie Pater Dominick.
„ Gut, danke.“
„ Deine Tante erzählte mir, dass du deine Hämodose immer noch alle drei Wochen nimmst."
„ Ja, gewiss.“
„ Das ist gut. Du musst immer tun, was deine Tante dir sagt und wenn es dir nicht gut geht, musst du es sofort dagen.“
„ Das werde ich.“
„ Gut. Du nimmst immer noch an den Katechismuskursen von Pater Dominick teil, nicht wahr?"
Ich seufzte. Das Verhör machte mich langsam ärgerlich.
Jedes Mal dasselbe.
Ich hasste es, wenn meine Gesundheit zu einer Staatsaffäre wurde.
„ Sieh mal, ich mache mir doch nur Sorgen um dich.“
„ Ja, ich weiß. Aber es geht mir doch gut, deshalb verstehe ich den Grund all dieser Fragen nicht.“ brach es ärgerlich aus mir heraus.
Der Priester runzelte die Strin.
„ Viele Leute sorgen sich um dich und unternehmen alles, damit du am Leben bleibst. Viele wichtige Leute kümmern sich um deine Gesundheit, wie die Kardinäle Montagnard und Siringer. Du müsstest ein wenig freundlicher sein und das anerkennen!“ flüsterte er mahnend.
Montagnard und Siringer? Schon wieder diese Namen.
So eine Gelegenheit durfte ich mir nicht entgehen lassen.
„ Bitte entschuldigen Sie. Ich wusste nicht, dass ich die Aufmerksamkeit so wichtiger Leute auf mich gezogen habe aber… wer sind die Kardinäle Montagnard und Siringer?“ versuchte ich, mit unschuldiger Stimme zu fragen.
Tante Cecilia hatte ein ganz blasses und angespanntes Gesicht, aber schließlich gelang es ihr, mir zu antworten.
„ Das ist meine Schuld. Sieh mal Vera, in Wirklichkeit habe ich dir eines nie erzählt. Als meine Cousine Annie, also deine Mutter, zu mir kam, war sie schon in den letzten Monaten ihrer Schwangerschaft. Ich war zu der Zeit leider in einem Kloster in Portugal und wusste nichts von ihr. Wir hatten schon viele Jahre nichts mehr voneinander gehört. Es war Kardinal Montagnard, der dann den Kontakt zu uns hergestellt hat, und er war es auch, der sich um dich gekümmert hat, als du geboren wurdest, bevor ich nach Irland zurückkehrte. Leider war deine Mutter bereits begraben worden, als ich in der Klinik ankam, in der ihr ward. Niemand hat jemals den Namen deines Vaters in Erfahrung gebracht, trotz der Nachforschungen von Kardinal Siringer", erklärte Tante Cecilia schwser atmend.
Ich war bestürzt.
„ Warum hast du mir das nie gesagt?“, fragte ich flüsternd.
„ Bitte entschuldige, ich wollte dir nicht noch mehr Schmerz bereiten, Kleines,“ murmelte meine Tante, während ihre Augen sich mit Tränen füllten.
Ich merkte, dass das Thema sie traurig stimmte.
Ich umarmte sie fest und lächelte ihr zu.
„ Mach dir keine Sorgen.“
Pater August trank in der Zwischenzeit seinen Kaffee aus.
Er war nervös. Wahrscheinlich hatte er gemerkt, dass er zu viel gesagt hatte und beschloss, zu gehen. Vor allem auch, um weitere Fragen zu vermeiden.
Ohne noch etwas hinzuzufügen näherte er sich der Tür.
„ Es ist spät geworden. Ich muss gehen.“ verabschiedete er sich von uns.
Wir erwiderten seinen Gruß und begannen, das Abendessen vorzubereiten, ohne das Thema meiner Mutter und meiner Geburt noch einmal zu berühren, obgleich meine Tante von ihren Enthüllungen noch immer ziemlich erschüttert schien.
Eine Woche verging ohne besondere Neuigkeiten.
Es war ein eisiger Wind aufgekommen und alle blieben lieber zu Hause.
Auch Patty schien sich beruhigt zu haben.
Und ich hatte eine weitere gute Note in Biologie bekommen.
Am Wochenende legte sich der Wind und die herbstliche Sonne kam wieder hervor.
Ich verbrachte den ganzen Samstag damit, Ahmed bei den übliche Hofarbeiten zu helfen. Ich war eigentlich eher sein Hilfsarbeiter.
Wir ölten das Tor, reparierten meine Schranktür und beendeten die Reparatur des Zauns.
„ Kommst du mit, das Hühnerfutter von Kevin zu holen?“ fragte mich Ahmed, der mich ärgern wollte.
Er wusste, dass ich schrecklich in Kevin Moore verknallt war, den Lehrling, der bei John McKaine's Agricenter arbeitete.
Blond, blaue Augen, ein strahlendes und intelligentes Lächeln. Er sah einfach umwerfend gut aus.
Er war sechs Jahre älter als ich und auch verlobt und war seiner schönen Clara Shue treu, Pattys nicht ganz so unausstehlichen Schwester.