~Xyana~
Langsam kommt das Bewusstsein in schmerzhaften Wellen zu mir. Mein Körper fühlt sich schwer an, als wäre er von dicken Steinen niedergedrückt worden, und mein Verstand ist neblig und kämpft darum, das letzte, woran ich mich erinnere, zusammenzusetzen.
Meine Augenlider fühlen sich an, als wären sie durch eine äußere Kraft zugeklebt, so dass ich sie mit Gewalt öffnen muss. Das erste, was ich sehe, ist eine hohe, gewölbte Decke aus dunklem Holz.
Ich versuche, mich aufzusetzen, aber ein stechender Schmerz schießt durch meine Rippen und zwingt mich zurück. Eine sanfte Hand drückt gegen meine Schulter, und ich drehe mich um und sehe einen Mann mit freundlichen Augen und einem Stethoskop um den Hals. Ein Arzt, nehme ich an.
"Sie müssen es ruhig angehen lassen", sagt er sanft. "Ihr Körper erholt sich noch." Er legt zwei Finger auf mein Handgelenk, um meinen Puls zu messen. "Wie heißen Sie?"
"Xyana." antworte ich.
"Herzlich willkommen im Gurreo-Valley-Pack, Xyana." Er schenkt mir dieses tröstliche Lächeln, das man bei medizinischem Personal in Krankenhäusern leicht findet. "Weißt du noch, wie du hierher gekommen bist?" fügt er hinzu.
Erstens hat dieser Mann gesagt, dass ich im Gurreo-Valley-Rudel bin. Göttin! Ist das nun besser oder schlechter als das Crimson-Pack? Als Antwort auf die Frage des Arztes schüttele ich den Kopf.
"Woran erinnern Sie sich?" Fragt er mich.
Ich schüttele wieder den Kopf und lüge leicht. "An nichts."
Ich hoffe, ich wirke überzeugend genug. Alle sagen, dass der kommende Krieg entweder vom Crimson-Werwolfsrudel oder vom Gurreo-Valley-Werwolfsrudel ausgelöst werden wird.
Die beiden Werwolfsrudel sitzen sich schon seit langem gegenseitig im Nacken. Doch keiner von ihnen hat bisher wirklich über den anderen gesiegt.
Das Crimson-Rudel wird Gerüchten zufolge von einem verfluchten, herzlosen Alpha regiert, der den Sklavenhandel fördert, der die Werwolfgemeinschaften in dieser Zeit verwüstet, während das Gurreo-Valley-Rudel von einem bestialischen Alpha und seinen Brüdern regiert wird. Es wurde einmal gemunkelt, dass der Alpha und seine Brüder eine Löwenhöhle haben, in der sie respektlose Diener zum Sterben aussetzen.
Keines der Gerüchte hat sich bestätigt, aber viele kleinere Werwolfsrudel schwören bereits ihre Loyalität und schließen sich mit einem der beiden Rudel zusammen, während sie darauf warten, dass der sich anbahnende Krieg beginnt.
Ich weiß nicht einmal, wer das größere Monster unter den Anführern dieser Rudel ist. Aber ich bin mir sicher, dass ich nicht hier sein möchte.
"Es könnte eine Weile dauern, bis ihre Erinnerungen zurückkehren. Zumindest erinnert sie sich an ihren Namen. Das ist ein gutes Zeichen." verkündet der Doktor und zwingt mich, in die Richtung seines Blicks zu schauen.
Mein Blick ruht auf vier Männern, die nahe am Eingang des Raumes stehen. Ihre Augen sind auf mich gerichtet, und sie sind alle auffallend gut aussehend, jeder mit seiner eigenen einzigartigen Präsenz.
Sofort überkommt mich das Grauen. Ich sehe, wie der Arzt seine Ausrüstung zusammenpackt und verspricht, jeden Tag nach mir zu sehen. Als er den Raum verlässt, tritt einer der Männer vor.
Er sieht so perfekt aus, dass ich mich in ihn verlieben möchte. Seine Schönheit und Präsenz sind schon von weitem zu spüren. Er geht weiter auf mich zu und starrt mich so verträumt an, dass ich mich unwohl fühle.
Als er fast neben mir ist, ruft er: "Kumpel".
Toll, jetzt beansprucht dich irgendein Narr für sich. Von Luna zur Hure. Wie der Mächtige gefallen ist. Selbst dein Vater wird sich so schämen.' sagt Juno, meine Wölfin, und sticht mich mit ihren schmerzhaften Worten.
Doch bevor ich verarbeiten kann, was passiert, schaltet sich einer der Männer ein. "Sie ist nicht deine verdammte Gefährtin, Dion!".
Er ist ein großer Kerl, mit Muskeln, bei denen man sich wünscht, so lange wie möglich auf seiner Brust zu liegen. Seine blauen Augen fixieren mich, und ich habe das Gefühl, dass er mich durchschaut.
"Er ist nicht dein Kumpel." sagt er und richtet seine Worte an mich.
Ich zucke bei seinem Tonfall zusammen, aber bevor ich etwas erwidern kann, unterbricht mich Dion, der immer noch auf seinen Worten beharrt. Seine grünen Augen sind auf mein Gesicht gerichtet, als er sagt: "Xyana ist meine Gefährtin, Declan. Ich kann das Paarungsband spüren. Mein Wolf kann ihres spüren, ganz schwach."
"Kannst du seinen Wolf spüren?" Eine dritte Stimme ertönt im Raum.
Der Besitzer tritt vor. Er ist ein solider Mann, wie das solide Herz eines Baumes, das gefällt und auf dessen Grund die ganze Hitze des Restes aufgebaut wird. Und er ist der größte der drei, mit einem muskulösen Körperbau und einem Kiefer, der Glas schneiden kann.
Seine grauen Augen fixieren mich mit einem intensiven, fast raubtierhaften Blick, der mein Herz höher schlagen lässt. Er grinst und verschränkt die Arme vor der Brust.
"Kannst du seinen Wolf spüren, Xyana?" fragt er erneut.
Ich schüttle den Kopf und sage immer noch nichts, weil ich nicht weiß, welche Worte ich benutzen soll.
"Warum?" fragt Mr. Solid-man, aber ich bleibe stumm.
"Ich verstehe nicht", beginnt Dion, "ich bin mir sehr sicher, dass du mein Kumpel bist."
"Das bin ich auch", sagt Declan und schockiert uns alle.
Mr. Solid-man grinst und stellt sich neben mich. "Xyana." ruft er und ich antworte. "Kannst du meinen Wolf spüren?" Ich öffne meinen Mund und schließe ihn wieder. "Antworte mir." drängt er.
Sein Befehl gibt mir das Gefühl, völlig machtlos zu sein, und ich bin gezwungen, ihm wahrheitsgemäß zu antworten.
"Nein."
"Warum? Warum kannst du meinen Wolf nicht spüren? Spürst du ihren Wolf, Declan?" fragt er.
Declan schüttelt den Kopf. "Kaum. Aber ich kann das Paarungsband spüren."
"Ich bin verwirrt, warum sollte sie deinen Wolf spüren, Clifton?" fragt Dion den kräftigen Mann.
"Weil sie meine Gefährtin ist."
Der Raum verstummt, und die eigentliche Bedeutung seiner Worte hängt schwer in der Luft. Mein Herz schlägt schneller, und ich spüre, wie Juno spöttisch lacht.
Dion stößt ein humorloses Glucksen aus. "Ihr habt beide Wahnvorstellungen." sagt er. "Sie gehört eindeutig mir. Also solltet ihr beide aufhören."
Die Spannung im Raum wird so groß, dass die drei in einem angespannten Kreis stehen, die Augen aufeinander gerichtet, die Fäuste an den Seiten geballt.
"Hört auf, sofort!" Eine andere Stimme schaltet sich ein, und die drei Männer erstarren, drehen sich um und sehen den Besitzer der Stimme an. "Das ist weder die Zeit noch der Ort für so etwas. Sie ist verletzt und braucht Ruhe. Ihr könnt eure Differenzen später klären."
Als ich mich an den Besitzer der Stimme wende, erinnere ich mich sofort an ihn. Nach dem Vorfall im Wald bin ich kurz in seinen Armen aufgewacht. Er sagte mir, dass ich in Sicherheit sei und dass er mich vor den Bösewichten gerettet habe. Seine Zusicherung war alles, was ich brauchte, um wieder in die Bewusstlosigkeit zu fallen.
Seine dunklen Augen fixieren die meinen, und für einen Moment vergesse ich zu atmen. Er ist ein heißes Teil von einem Mann.
"Halt dich da raus, Gaston", schnauzt Clifton, der Solid-Mann. "Das geht dich nichts an."
"Doch, das tut es, vor allem, wenn du in meinem Rudelhaus eine Szene machst", erwidert Gaston, wobei seine Augen warnend aufblitzen.
Juno verspottet mich mit herzzerreißendem Gelächter, und ich bin nicht nur von der Tatsache überwältigt, dass diese Männer wegen mir streiten, sondern auch, weil mein Wolf sich über meine missliche Lage lustig macht.
"Ihr drei solltet gehen." befiehlt Gaston.
Einen Moment lang sieht es so aus, als ob die drei Männer sich streiten oder seinem Befehl nicht gehorchen würden, denn keiner von ihnen bewegt auch nur ein Glied. Doch dann drehen sie sich einer nach dem anderen um und stürmen aus dem Raum, wobei jeder die Tür mit unnötiger Wucht hinter sich zuschlägt. Die Stille, die folgt, ist ohrenbetäubend.
Gaston seufzt und fährt sich mit der Hand durch die Haare. Er sieht mich an und sagt leise: "Das tut mir leid, sie sind einfach... Das alles ist im Moment sehr viel. Ich kann dir versichern, dass meine Brüder sehr entgegenkommend und verspielt sind. Und ihre Existenz ist mit ein Grund dafür, dass dieses Rudel noch existiert."
'Seine Brüder?'
Macht ihn das also zum Alpha dieses Rudels und diese Männer zu seinen Brüdern, von denen es heißt, dass sie genauso mächtig sind wie ihr Alpha?
Moment, er ist der Alpha? Wenn das der Fall ist, dann ist es noch schlimmer, als ich gedacht habe. Ich muss von diesem Ort fliehen.
"Aber warum können sie deinen Wolf nicht spüren?" fragt Gaston plötzlich.
Ich schüttle den Kopf, "das ist alles so plötzlich und..."
"Das ist verständlich." Er unterbricht mich: "Man hat gehört, dass man mit Zwillingen, Drillingen, Vierlingen verpaart wird, aber niemals mit Einlingen, die Blutsbrüder sind. Das könnte also hart für deinen Wolf sein, das kann ich verstehen."
Juno zischt: "Warum sagst du ihm nicht, dass du immer noch mit einem echten Mann verpaart bist, einem Alpha aus einem ehrenhaften Rudel. Sie seufzt. 'Erbärmlich'
Ich nicke bei Gastons Worten, traue mir selbst nicht zu sprechen. In meinem Kopf dreht sich alles und ich versuche, mir einen Reim auf alles zu machen, was gerade passiert.
Drei Männer... drei Gefährten? Wie ist das alles möglich? Und warum kann ich das Paarungsband nicht spüren?
Gaston tritt näher, seine Augen werden sanft, als er auf mich herabblickt. "Ruh dich aus", sagt er sanft. "Eines der Dienstmädchen wird später kommen, um dich in ein Zimmer zu bringen. Den Rest klären wir später."
Ich schließe meine Augen, die Erschöpfung überkommt mich. Doch gerade als ich einschlafen will, kommt mir ein Gedanke: Was ist, wenn ich die Bindung der beiden nicht spüren kann? Bedeutet das, dass sie mich zurückweisen und wegschicken werden?
Und wenn sie das tun, wohin soll ich dann gehen? Ich fühle mich nicht einmal stark genug, um auf eigenen Beinen zu stehen. Das bedeutet nur, dass ich langsam heile, zu langsam.
Juno hilft mir nicht zu heilen.
Ich kann nur so tun, als ob ich endlich sicher wäre, dass die drei Männer meine Freunde sind. Das würde mir genug Zeit geben, um zu heilen. Dann werde ich fliehen, bevor sie meine Lüge herausfinden.
Abgesehen davon, dass du für unseren Kumpel wertlos bist, weil du ein Schwächling bist, willst du dich auch noch verstellen? Bravo!' Juno verspottet mich, während ich die Augen schließe und mir wünsche, nicht mehr in dieser Welt zu existieren.