Der Preis einer Krone

1291 Words
In der Nacht, als Selene Voss ihr Erbe aufgab, hatte der Mond die Farbe frischer Wunden. Sie hatte 36 Stunden nicht geschlafen und die ganze Zeit mit den Vorbereitungen für ihr Ritual verbracht, ihrem Reinigungsbad und dem Anbringen des Nachfolgezeichens entlang ihres Schlüsselbeins – dasselbe Zeichen, das ihr Vater, sein Vater und jeder andere Alpha der Familie seit 300 Jahren getragen hatten. Es war eine lebendige Narbe, verbunden mit den Banden des Rudels, und es aufzugeben, war, als würde man sich das Herz herausreißen. Dreihundert Wölfe waren in der Halle des Voss-Rudels anwesend – Älteste, Betas, Vollstrecker, sogar Gäste von verbündeten Rudeln. Die Luft war erfüllt vom Duft von Kiefernharz und altem Stein, und Kerzen flackerten in eisernen Haltern. Blumen schmückten den Altar. Sie hatte barfuß auf dem kalten Steinboden des Tempels gestanden, das weiße Kleid um ihre Füße gelegt, und sie hatte nicht gezittert. Sie war dazu geboren, ein Alpha zu sein; von Kindheit an war sie darauf trainiert worden, nicht vor dem Rudel zu zittern. Damon Hale stand in schwarzer Kleidung mitten auf dem Podium, sein schwarzes Haar ordentlich zurückgebunden, und sein Kiefer war von einer Intensität angespannt, die sie bewunderte. Er war sechsundzwanzig, ein Einzelgänger und so intensiv, dass sie, als sie ihn mit achtzehn Jahren zum ersten Mal sah, wusste, dass sie sich verbrennen könnte, aber sie ging trotzdem auf ihn zu. Acht Jahre lang hatte sie ihn geliebt und sogar ihren Titel aufgegeben, weil sie wusste, dass die alten Familien sich ihr niemals unterwerfen würden, da ihr Alpha ein Einzelgänger war und sie keinen Anführer akzeptierten, der nicht aus dem Blut stammte. Sie glaubte, Liebe sei Grund genug. Sie hatte sich viele Lügen erzählt. Das Ritual dauerte vierzig Minuten. Als die Übertragung vollzogen war, spürte sie die Hitze durch ihren Körper brennen und sank auf ein Knie. Sie stand auf, bevor einer der Zuschauer sie erreichen konnte. Sie war von der Alpha-Familie. Sie war nicht liegen geblieben. Als alles vorbei war, lächelte Damon vom Podium herab auf sie herab. Sein Lächeln war wunderschön, voller Großzügigkeit und Wärme, ein Lächeln, das jeden im Raum dazu bringen konnte, ihm alles zu glauben, was er ihnen weismachen wollte. Einen Moment lang hatte sie geglaubt, dass dies wahr war. Es war Dankbarkeit. Es war Liebe. Es war der Beginn der Gleichheit. Sie hatte wie üblich gekämpft, doch nur ein Wolf gegen drei, die alle noch immer die Verbindung zum Rudel hielten. Als der Kampf vorbei war, lag sie mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden, die offizielle Verbannungsnachricht zusammengefaltet neben ihr. Damons Siegel drückte sich in das rote Wachssiegel in der unteren Ecke. Sechzig Sekunden lang verharrte sie regungslos, bevor sie den Schaden begutachtete. Rippen – angebrochen, aber intakt. Lippe – gespalten, aber oberflächlich. Stolz – der verdiente eine eigene Kategorie, denn Stolz war eine Wunde, die sie nicht untersuchen wollte, während sie mit Schlamm bedeckt war. Sie raffte sich auf und blickte sich im Aschschleier um. Der Aschschleier war dunkel und undurchdringlich, ein Ort, den kein Rudelkind nach Einbruch der Dunkelheit jemals im Umkreis von hundert Kilometern betrat. Es war Lykanerland – souverän, urzeitlich, regiert von Regeln, die außerhalb der Zuständigkeit jeglicher Regierung standen. Dort gab es Kreaturen, von denen moderne Wölfe glaubten, sie existierten nur in Fabeln. Doch es waren keine Mythen. Hinter ihr stand ein Exil, das sich als tödlich erweisen würde, sollten Damons Truppen sie jemals wiederfinden. Sie machte sich keine Illusionen. Der dritte Versuch hatte es bewiesen: Er wollte sie loswerden. Nicht nur vorübergehend. Sondern für immer. Der Wald erstreckte sich vor ihr. Ebenso der Pfad, der in ihn hineinführte. Sie musste fast eine Viertelmeile in die Dunkelheit vorgedrungen sein, bevor sie merkte, dass sie gejagt wurde. Nicht auf eine Weise, die man mit den Ohren spüren konnte; kein Knacken von Zweigen, kein Rascheln von Büschen. Nur das Gefühl, von etwas viel Größerem als ihr selbst beobachtet zu werden; etwas, von dem ihr schlafender Wolf, obwohl unterdrückt, wusste, dass er es im Zaum halten und ganz stillhalten musste. Und so blieb Selene stehen. Und straffte die Schultern, denn wie jede Tochter ihres Vaters war sie dazu geboren, sich ihren Problemen direkt zu stellen, so dumm das auch erscheinen mochte. Ein Mann trat hinter zwei uralten Eichen hervor, als wäre er von der Dunkelheit selbst heraufbeschworen worden. Er war groß, aber nicht auf eine protzige, machohafte Art; einfach groß, weil er es konnte. Silberschwarzes Haar, ein Kinn, das aus demselben Stein gemeißelt sein konnte wie die Bäume. Doch es waren seine Augen, die ihr als Erstes auffielen – ein perfekter Wintersturm, kurz davor, sich am Himmel zu entladen. Eisig und tief, mit einer ganzen Atmosphäre voller Geheimnisse, die in ihnen eingeschlossen waren. Er war ganz in Dunkel gekleidet, ohne ein einziges Abzeichen oder Insigne des Rudels an seinem Mantel. Er bewegte sich, wie sie sich Gletscher vorstellte – langsam und stetig, mit der Gewissheit von etwas, das niemals Eile kennt, denn der Rest der Welt wird unweigerlich seinen Weg dorthin finden. Er blickte auf das Blut auf ihrer Jacke. Den Schlamm an ihren Knien. Die absolute Weigerung zu fallen, obwohl jeder Knochen in ihrem Körper etwas anderes sagte. Der Sturm in seinen Augen veränderte sich. Kein Mitleid. Sie hätte lieber alles getan, als Mitleid zu empfinden. „Du blutest auf meinen Wald“, sagte er. Sein Ton war sanft und ruhig und hallte in ihrer Brust wider wie der tiefste Ton eines Instruments, das sie nicht beschreiben konnte. „Dein Wald“, erwiderte sie. „Caius Dravane.“ Er sprach den Namen mit derselben Distanz aus, mit der man eine Wahrheit verkündet; sachlich, ohne jede Verstellung. „Und du stehst am Rande des Herrschaftsgebiets der Lykaner, was bedeutet, dass deine Anwesenheit hier entweder verzweifelt oder töricht ist.“ Sie erkannte den Namen. Alle übernatürlichen Wesen im Umkreis von fünfhundert Kilometern kannten den Namen. Der Lykanerkönig. Das letzte überlebende Mitglied des Königshauses. Uralt, selbst für die kühnsten Vergleiche. Und, wenn die Gerüchte stimmten, bald tot sein. Wahrscheinlich beides“, antwortete sie, denn mehr konnte sie nicht sagen. „Selene Voss. Kürzlich parteilos. Ohne Ausweg.“ Er betrachtete sie länger als sonst. Dann näherte er sich ihr mit vollkommener Stille – nicht unbedingt heimlich, sondern in jener Ruhe, die nur einem Wesen eigen war, das kein Bedürfnis nach Lärm hatte. „Deine Rippen sind gebrochen“, stellte er fest. „Das weiß ich.“ „Du wirst zusammenbrechen, bevor du den ersten Hügel erreichst.“ „Nein.“ Er sah sie mit der ruhigen Erkenntnis eines älteren Mannes an, der verstand, wann jemand eine Illusion erschaffen musste, um weiterzuleben. „Nein“, flüsterte er. „Vielleicht musst du es nicht, aber du musst es nicht.“ Sie sollte Angst vor ihm haben. All ihre Urinstinkte schrien ihr zu, dass sie Angst haben musste. Der Lykanerkönig, allein und um Mitternacht, der eine Ausgestoßene ohne Zuhause und ohne Menschen überblickte – Angst war die richtige Reaktion. Doch stattdessen empfand sie etwas ganz anderes, als sie dort im Schatten stand, das warme Blut an ihrem Kragen trocknete und die Last all ihrer Verluste wie Gewitterwolken über ihr hing. Erleichterung. Nicht die Erleichterung über die Sicherheit, denn ihm war diesbezüglich sicherlich nicht zu trauen. Sondern die Erleichterung darüber, dass er sie so sah, wie sie war, und nicht als Problem. Sie ließ sich von ihm aufhelfen, als ihre Beine nachgaben. Seine Finger waren kalt auf ihrem Arm, knochenkalt – kalt wie Stein, der nie das Licht der Sonne spüren wird –, doch er hielt sie fest. „Komm.“ Er wollte nicht gütig sein. Er hatte seine Wahl getroffen. Sie kam. Der verwundete Mond beobachtete, irgendwo über ihnen zwischen den Zweigen des Eschenschleiers, wie ein Wolf und ein toter König gemeinsam in die Dunkelheit verschwanden.
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