Kapitel 5

724 Words
Der Verrat enthüllt Das Lager lag in trügerischer Ruhe, als die Sonne unterging. Die Wunden der Patrouille waren versorgt, Nyx ruhte in einer Hütte mit Kräutern auf der Schulter, und das Rudel aß gemeinsam – ein Ritual, das nach jedem Kampf den Zusammenhalt stärkte. Doch Elara spürte es: Ein falscher Geruch in der Luft, ein zu langes Schweigen bei manchen Wölfen, ein Blick, der zu schnell abgewandt wurde. Lucian bemerkte es ebenfalls. Er saß neben ihr am großen Feuer, die Ohren leicht gespitzt. „Etwas stimmt nicht“, murmelte er. „Die Nomaden… Kael ist zu ruhig.“ Kael hatte sich in den letzten Jahren verändert. Aus dem stolzen, rachsüchtigen Alpha war ein stiller Krieger geworden – oder so hatte es den Anschein. Er trainierte die Jungen, half bei der Jagd, teilte sogar Geschichten am Feuer. Doch in seinen eisblauen Augen lag immer noch ein Schatten, der nie ganz verschwand. In dieser Nacht, als das Feuer herunterbrannte und die meisten Wölfe schliefen, hörte Elara ein leises Knurren aus den Schatten am Rand des Lagers. Sie schlich hinaus, Lucian an ihrer Seite. Sie folgten dem Geruch – Moschus, Eisen und Verrat – bis zu einer kleinen Lichtung. Dort stand Kael. Vor ihm kniete ein junger Wolf aus seiner alten Gruppe, die Ohren angelegt, zitternd. Und in Kaels Pranke lag ein schwarzes Amulett – ein Splitter des Schattens, pulsierend wie ein zweites Herz. „Du hast es gewusst“, flüsterte Elara, trat aus dem Dunkel. Kael fuhr herum, die Zähne gebleckt. Doch er senkte den Kopf nicht. Stattdessen lachte er – ein kaltes, bitteres Geräusch. „Natürlich habe ich es gewusst“, sagte er. „Der Lord hat mich gerufen, seit dem Tag, an dem du mich verschont hast. Er hat mir versprochen, was du mir nie geben konntest: Ein eigenes Reich. Keine zweite Geige mehr unter deiner Stärke.“ Lucian knurrte tief. „Du hast uns verraten. Unsere Kinder in Gefahr gebracht.“ Kael zuckte mit den Schultern. „Deine Kinder sind stark. Aber der Lord ist stärker. Er hat mir gezeigt, wie ich ihn wecken kann – mit einem Tropfen deines Blutes, Lucian. Deines alten Fluchs. Ein Funke reicht.“ Elara trat vor, ihre Augen glühten. „Warum jetzt? Nach all den Jahren?“ „Weil ich nie vergessen habe“, knurrte Kael. „Du hast mich gedemütigt. Vor meinem Rudel. Vor mir selbst. Der Frieden, den du geschaffen hast… er war immer nur deine Herrschaft. Und ich will meine.“ Der junge Wolf neben ihm winselte. „Er hat mich gezwungen…“ Kael schlug zu – ein Prankenhieb, der den Jungen gegen einen Baum schleuderte. „Schweig.“ Der Kampf begann blitzschnell. Elara sprang Kael an, Lucian deckte ihre Seite. Kael war immer noch stark – seine Pranken donnerten wie Hämmer, seine Zähne suchten die Kehle. Doch die Bindung zwischen Elara und Lucian war ein Schild: Sie bewegten sich wie ein Wesen, parierten, konterten, ohne ein Wort. Kael traf Elara an der Flanke, Blut spritzte. Lucian rammte ihn von der Seite, nagelte ihn fest. „Gib auf“, knurrte Elara, ihre Schnauze an seiner Kehle. Kael lachte wieder – schwächer diesmal. „Töte mich. Oder lass mich leben und bereue es.“ Elara zögerte nur einen Moment. Dann zog sie sich zurück. „Nein. Buße statt Tod. Du wirst uns helfen, den Lord zu besiegen. Oder du stirbst durch seine Hand – nicht durch meine.“ Kael starrte sie an, die eisblauen Augen voller Hass – und etwas Neuem: Respekt. Schließlich senkte er den Kopf. „Einverstanden.“ Der junge Wolf kroch zu ihnen, zitternd. „Er hat noch mehr… Spione im Lager.“ Elara nickte. „Dann finden wir sie. Und wir machen weiter.“ In dieser Nacht schlief niemand wirklich. Das Rudel wurde geweckt, Verhöre begannen. Drei weitere Verräter wurden enttarnt – junge Wölfe, die Kael mit Versprechungen geködert hatte. Sie wurden nicht getötet. Stattdessen wurden sie in Ketten gelegt, bis sie ihre Treue beweisen konnten. Elara und Lucian saßen bis zum Morgengrauen zusammen. „Du hast ihn wieder verschont“, sagte Lucian leise. „Weil Gnade manchmal stärker ist als Tod“, erwiderte sie. „Und weil wir jeden brauchen, den wir kriegen können.“ Doch in ihrem Herzen wusste sie: Der Verrat hatte eine Wunde gerissen, die nicht so leicht heilen würde.
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