Lyras Perspektive
Sobald ich die Stimme meines Vaters den Korridor entlanghallen hörte, ergriff eine Welle der Angst meine Brust. Mein Herz raste so heftig, dass ich dachte, es würde aus meinem Brustkorb springen. Schwindel überkam mich und trübte mein Sehvermögen.
„Da ist jemand hinter dieser Tür eingesperrt“, sagte der Mann.
„Oh, sie? Um die muss man sich keine Sorgen machen. Das ist nur eine Omega, die den Dachboden sauber hält“, erwiderte Seraphina beiläufig.
„Ich würde sie aber gerne kennenlernen“, drängte der Mann.
„Das ist keine Option“, warf Thorne schroff ein. „Sie ist, man könnte sagen, instabil. Ein problematisches Mädchen, das von anderen ferngehalten werden muss.“
Ich saß auf der anderen Seite der Tür und hörte jedes Wort ihrer Unterhaltung. Meine Brust zog sich zusammen. Ich hätte ihre Verachtung vorhersehen sollen, aber es laut ausgesprochen zu hören, stach doch scharf wie ein frischer Schnitt. Ich kämpfte gegen den Drang an, laut zu schreien, dass das nicht wahr war, dass ich nicht kaputt oder instabil war. War das etwa die Lüge, die sie allen erzählten? Hatte jeder Gast sich bereits ein Urteil über mich gebildet, bevor er mich überhaupt getroffen hatte.
„Das ist wirklich bedauerlich“, bemerkte der Mann.
„Komm jetzt, Alpha Elias! Du verpasst sonst noch die gesamte Feier, die wir extra zu deinen Ehren veranstalten“, sagte Seraphina, um ihn vor der Tür wegzulocken.
Ihre Stimmen verklangen allmählich, während sie weggingen. Ich atmete langsam aus und kroch dann zurück zu der Liege, die als mein Bett diente. Nun konnte ich mich endlich entspannen. Die Party würde stundenlang dauern und das bedeutete, dass ich in Sicherheit war, zumindest vorerst. Erschöpfung überkam mich. Nach all dem Kochen und Putzen, das ich an diesem Tag erledigt hatte, war es sowieso ein Wunder, dass ich noch hatte stehen können. Ich schlüpfte unter die dünnen Decken und ließ mich erneut vom Schlaf davontragen.
Doch dann fuhr ich abermals mit verschwommener Sicht hoch. Thorne stand neben meinem Bett und Metall blitzte in seiner Hand auf. Bevor ich reagieren konnte, schlug er zu.
Der Schmerz explodierte regelrecht. Es war eine silberne Peitsche. Noch ein Schlag. Und noch einer.
„Ich habe dich gewarnt, nie mit jemandem zu sprechen!“, knurrte er.
„Hab ich doch gar nicht! Ich habe ihm nur gesagt, dass er wieder gehen soll. Ich habe nicht einmal die Tür geöffnet. Ich schwöre es!“, schrie ich und meine Stimme zitterte vor Angst.
„Du hast mit ihm gesprochen. Das reicht schon!“ Noch ein Hieb.
„Er sagte, er könne mich hören! Mein Atmen, meinen Herzschlag!“, flehte ich verzweifelt, aber wusste tief im Inneren, dass es nichts ändern würde.
Das Silber schnitt tief in meine Haut, selbst die Heilung eines Werwolfs konnte einem bei solchen Verletzungen nicht helfen. Thorne peitschte mich aus, bis er völlig atemlos war und die Waffe schließlich fallen ließ.
„Ich hätte dich schon längst loswerden sollen“, zischte er. „Geh runter! Mach Frühstück, bevor unsere Gäste aufwachen!“
Er drehte sich um, ging weg und ließ mich zusammengebrochen auf der Liege zurück. Mein Körper schrie vor Schmerz. Jeder Zentimeter meiner Haut brannte oder war geprellt. Ich konnte nicht einmal mehr still liegen. Der Schmerz war unerträglich.
Schließlich setzte ich mich stöhnend aufrecht hin und zog das zerrissene Kleid aus, das nun in Fetzen an mir herunterhing und mit Blut befleckt war. Ich griff nach einem schlabberigen, grauen Kleid, das ein paar Nummern zu groß war, und machte mich leise auf den Weg vom Dachboden hinunter. Dabei war ich darauf bedacht, nicht gesehen zu werden. Ich schlüpfte durch das geheime Treppenhaus, das zur Küche führte.
Die Wanduhr zeigte vier Uhr morgens. Keine Überraschung. Ich musste schließlich alles vorbereiten, bevor das Haus zum Leben erwachen würde.
Ich begann damit, Tee und Kaffee zuzubereiten und den Getränketisch im Ballsaal zu decken. Dies war der einzige Raum, der groß genug war, um alle Gäste unterzubringen. Sobald das erledigt war, kehrte ich in die Küche zurück und begann mit der Zubereitung des Frühstücks, wie ich es immer tat.
Ich war mitten im Kochen, als fröhliche Stimmen aus dem Ballsaal herüberkamen. Ich erkannte sie allerdings nicht. Trotzdem ließen ihr Lachen und Geplauder mich darüber nachdenken, wie es wäre, mit ihnen gemeinsam dort zu sitzen. Nicht als Dienerin, sondern als jemand, der willkommen wäre. Als eine Person, die wahrgenommen werden würde.
Kurz darauf kamen auch Thorne und Seraphina an. Wenige Augenblicke später entschuldigte sie sich und betrat die Küche, gerade als ich frische Muffins und Croissants aus dem Ofen holte.
Sie sagte kein Wort. Stattdessen stand sie mit verschränkten Armen da und tippte ungeduldig mit dem Fuß, während ich alles auf Tabletts arrangierte. Sie würde es nicht wagen, dabei gesehen zu werden, wie sie mit mir sprach, besonders nicht mit Alpha Elias im Haus. Denn die Offenlegung meiner Rolle könnte Probleme verursachen, die sie vermeiden wollte. Er könnte meine Stimme erkennen.
„Sie trainieren bei Tagesanbruch. Beeil dich!“, zischte Seraphina leise.
Ich beeilte mich, die Eier anzurichten, und stellte die letzten Tabletts auf die Theke, gerade als die Bedienungen hereinkamen, um alles hinauszutragen. Dann wurde ich schnell aus dem Blickfeld entfernt. Ich schlich die geheime Treppe hinauf, aber hielt inne, um durch die Lücken in der Wand zu spähen. Ich konnte niemanden im Ballsaal sehen, aber ich konnte es mir vorstellen. Ihr Lachen erfüllte die Luft, es war eine Welt, die mir für immer verschlossen wäre. Ich fühlte mich wie ein Geist, der nur am Rande existierte und die Räume heimsuchte. Aber dazugehören, würde ich nie.
Seraphina hatte erwähnt, dass sie am Morgen trainieren würden, also würde ich sie vielleicht später noch zu Gesicht bekommen.
Es gab viele Geschichten über das Vanguardrudel. Jeder wusste, wie kampferprobt sie waren und dass andere Rudel sie in Krisenzeiten um Hilfe baten. Sie waren Legenden, die von allen bewundert wurden.
Als ich sicher war, dass sie alle zu den Trainingsplätzen aufgebrochen waren, kehrte ich ins Erdgeschoss zurück, um ihre Zimmer zu reinigen. Ich wechselte die Bettwäsche, legte frische Handtücher aus und füllte die Toilettenartikel auf. Thorne und Seraphina führten das Rudelhaus immer wie ein gehobenes Hotel, wenn wir Gäste hatten.
Diese Krieger waren nicht nur auf der Durchreise, sie würden eine Weile hierbleiben.
Das letzte Zimmer, das ich reinigte, gehörte Alpha Elias. Demjenigen, der durch die Tür des Dachbodens mit mir gesprochen hatte. Ich erkannte seinen Duft sofort, als ich eintrat: Haselnuss und Zimt. Die Mischung ließ meinen Kopf schwirren.
Ich verweilte einen Moment und atmete einfach nur den Duft ein, bevor ich mich zwang, wieder an die Arbeit zu gehen. Sein Zimmer verfügte über ein eigenes Badezimmer, also wechselte ich die Bettwäsche, saugte den Teppich und ging ins Badezimmer, um die Handtücher zu ersetzen und die Toilettenartikel aufzufüllen.
Als ich mich umdrehte, um das Badezimmer zu verlassen, erstarrte ich beim Klang von Stimmen, die aus dem Flur hereindrangen.
„Warte mal kurz! Ich hab was in meinem Zimmer vergessen“, rief eine männliche Stimme lässig. Sein Tonfall klang locker und unbeschwert.
Ohne nachzudenken, schloss ich die Badezimmertür und verriegelte sie. Mein Herz raste, als ich Schritte hörte, die den Raum betraten und dann plötzlich stoppten. Es war, als ob er plötzlich vollkommen still stand und einfach nur lauschte.
Ein scharfes Klopfen an der Badezimmertür erschreckte mich dann und ließ mich zusammenzucken.
„Ist da jemand drin?“, fragte er.
Ich zögerte und hoffte, dass er einfach wieder gehen würde. Aber dann hörte ich, wie der Griff wackelte, weil er testete, ob die Tür abgeschlossen war.
„Du bist das Mädchen vom Dachboden, oder?“, fragte er mit Neugier in seiner Stimme.
„Bitte“, flüsterte ich fast unhörbar. „Lass mich einfach schnell fertig aufräumen und ich bin weg!“
„Öffne die Tür!“, sagte er sanft.
„Ich kann nicht“, antwortete ich schnell. „Du darfst mich nicht sehen.“
„Aber ich will“, erwiderte er und lehnte sein Gewicht gegen die andere Seite der Tür.
„Du darfst mich aber nicht sehen“, beharrte ich nun fester.
„Und was machen wir stattdessen? Soll ich etwa die Tür eintreten?“, fragte er. Sein Tonfall war halb spielerisch, halb ernst, während er einen Schritt zurücktrat.
„Wenn du das tust ...“, sagte ich mit zitternder Stimme, aber trotzdem entschlossen. „Dann verspreche ich dir, dass du mich niemals sehen wirst! Niemals! Ich kann es nicht riskieren, dass sie es herausfinden.“
Die folgende Stille war so dicht, dass es sich anfühlte, als wäre die Zeit stehengeblieben. Ich hielt den Atem an und betete, dass er einfach gehen würde. Aber dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, hörte ich ihn zur Tür zurückkehren und sich wieder dagegen lehnen.
„Sag mir wenigstens deinen Namen, ja?“, bat er mich sanft. „Das ist doch nun wirklich nicht zu viel verlangt.“
„Ich bin niemand“, erwiderte ich automatisch und rezitierte die einzige Wahrheit, die mir seit Jahren erlaubt war.
„Das glaube ich nicht“, sagte er leise. „Ich denke, du bist jemand. Und ich will wissen, wer dieser jemand ist.“
Die Aufrichtigkeit in seiner Stimme erfüllte die leeren Stellen in mir mit einer seltsamen Wärme. Meinte er das wirklich ernst? Wollte er tatsächlich wissen, wer ich war? Niemand hatte mich das je gefragt. Niemand hatte je Interesse an mir gezeigt.
Niemand wollte das Mädchen kennen, das ihre eigene Mutter getötet hatte.
„Ich, ich ...“, stammelte ich und war unsicher, was ich sagen sollte, als das Geräusch von scharfen Absätzen, die über den Holzboden klackten, meine Gedanken unterbrach.
„Alpha Elias, da bist du ja! Ich habe schon überall nach dir gesucht. Du warst ja nicht bei der Trainingseinheit“, erklang Luna Seraphinas glatte, berechnende Stimme.
„Ich musste nur schnell etwas aus meinem Zimmer holen“, antwortete er gelassen, als wäre nichts gewesen.