Kapitel 4

1663 Words
Elias' Perspektive Ein Rudel zu führen, war keine geringe Last. Nicht einmal für mich. Ich war nun fünfundzwanzig Jahre alt und hatte das Vanguardrudel durch Blut, Schweiß und schlaflose Nächte aus dem Nichts aufgebaut. Wir waren gestählte Krieger, die jeder Herausforderung ins Auge blickten. Einige meiner Rudelmitglieder hatten mittlerweile die Liebe gefunden und Familien gegründet. Es waren kleine Freuden, die ihnen gaben. Aber ich hatte das nicht. Ich sehne mich nach einer Luna. Aber nicht wegen der Macht, sondern wegen der einzigartigen Verbindung. Ich sehnte mich nach jemandem, der das Gewicht verstand, das ich zu tragen hatte. Doch ich weigerte mich, mein Herz für einen Titel zu verraten. Bevor ich eine unwürdige Frau an meiner Seite hätte, würde ich meinen Weg lieber alleine beschreiten. Unser Ruf war uns im Laufe der Jahre vorausgeeilt. Wir waren so geschickt im Kampf und in der Strategie geworden, dass andere Rudel uns um Hilfe baten, um ihre Mitglieder zu trainieren. Das war ein Grund für Stolz und Ehre. Diesmal waren wir auf dem Weg zum Kristallflussrudel, das von Alpha Thorne und Luna Seraphina geführt wurde. Ich wusste nicht, wie lange wir dort bleiben müssten oder wie viel Training ihre Krieger benötigten. Sie hatten eine formelle Veranstaltung in Abendgarderobe arrangiert, um uns willkommen zu heißen. Mit solchen Dingen hatte ich keine Erfahrung. Krieger wie wir hatten normalerweise nichts mit Smokings oder eleganten Banketts zu tun. Wir mussten uns extra Anzüge kaufen, das Binden von Krawatten üben und uns ungewohnte Bräuche einprägen. Es fühlte sich seltsam an, aber Luke, mein Beta, bestand darauf, dass es uns helfen würde, einen guten ersten Eindruck zu machen. Limousinen holten uns ab, als wären wir Könige. Es war vollkommen übertrieben. Wir kamen schließlich, um zu helfen, und nicht, um verwöhnt zu werden. Aber da der Vertrag bereits unterzeichnet war, nahmen wir die Gastfreundschaft an. Ich wusste nicht viel über das Kristallflussrudel, außer dass Alpha Thorne vor fünfzehn Jahren seine Gefährtin und sein Kind verloren hatte. Angeblich hatte dieser Verlust das Rudel ins Chaos gestürzt. Auf dem Weg dorthin zog ich ständig an meiner Krawatte. Es fühlte sich an, als würde sie mich erwürgen. Miles schlug mir ständig die Hände weg. „Was bedrückt dich?“, fragte er schließlich, als er bemerkte, wie still ich gewesen war. „Ich bin mir irgendwie nicht sicher bei der Sache“, sagte ich und starrte aus dem Limousinenfenster. „Thornes Gefährtin starb vor fünfzehn Jahren bei der Entbindung. Das Rudel zerfiel danach.“ „Vielleicht hat seine neue Luna etwas mit der Veränderung zu tun“, schlug Luke vor. „Vielleicht hat sie ihm einen Grund gegeben, die Dinge wieder in den Griff zu bekommen.“ „Ja, vielleicht“, entgegnete ich. Aber Zweifel entfachten ein Feuer in meiner Brust. Meine Instinkte wollten einfach nicht zur Ruhe kommen. Etwas an diesem ganzen Arrangement fühlte sich, tja, falsch an. Sogar beunruhigend auf eine Weise, die mich nicht loslassen wollte. Luke nickte. „Dein Bauchgefühl täuscht dich eigentlich nie. Sobald du sagst, dass wir wieder gehen sollten, stehe ich hinter dir. Ohne Fragen.“ Ich nickte ihm dankbar zu. „Danke. Das bedeutet mir viel.“ Das Rudelhaus war riesig und unnötig extravagant eingerichtet. Warum brauchten Thorne und seine Luna solch ein riesiges Herrenhaus? Als ich aus der Limousine stieg, schlug mir sofort ein Duft entgegen: reich, süß, unendlich berauschend. Schokolade und Kirschen. Der Duft raubte mir den Atem und ließ meine Knochen kribbeln. Mein Wolf, Kael, stürmte mit einem verzweifelten Heulen nach vorne. Die Kraft seines Verlangens riss mich fast auseinander. Ich war erschüttert und atemlos, während ich ihn kaum zurückhalten konnte. Der Duft verschwand genauso schnell, wie er gekommen war. Aber ich konnte niemanden in der Nähe erblicken. Verwirrt folgte ich den anderen ins Haus, wo wir von Alpha Thorne und Luna Seraphina begrüßt wurden. Der große Ballsaal sah aus wie aus einem Designermagazin. Das Buffet hingegen passte besser zu uns. Das Essen war einfach köstlich. Ich fragte mich, wer es gekocht hatte. Sie musste eine echte Göttin in der Küche sein. Neben mir saß ihr Hauptkrieger, Darius. „Also“, begann ich mit halbvollem Mund. „Welche Art von Problemen habt ihr denn beim Training?“ Darius seufzte. „Seit der Tragödie hat das Training nachgelassen. Alpha Thorne verlor seine Gefährtin und auch seine Tochter. Erst als Seraphina kam, begannen sich die Dinge zu wenden.“ Luke zog eine Augenbraue hoch. „Das Baby war ein Mädchen?“ „Ja“, antwortete Darius. „Aber das spielt ja eigentlich keine Rolle. Ein Kind ist ein Kind.“ Ich nickte. „Solch eine Tragödie würde jeden brechen.“ Darius stimmte zu. „Das Training hörte dann einfach, tja, einfach auf. Ehrlich gesagt, bin ich fast überrascht, dass wir nie angegriffen wurden. Aber ich denke, wir hielten uns so sehr zurück, dass andere Rudel vergaßen, dass wir überhaupt noch existierten.“ „Na ja“, sagte ich. „Wir werden euch auf jeden Fall helfen, eure Krieger wieder in Form zu bringen.“ „Das wissen wir wirklich zu schätzen“, erwiderte er aufrichtig. Als ich später mit Alpha Thorne durch die Flure ging und die kommenden Trainingspläne besprach, traf mich derselbe Duft erneut. Er war jetzt noch stärker, noch ausgeprägter. Er kam definitiv aus diesem Haus. Ich wusste es dann ohne Zweifel: Meine Gefährtin war hier! Und ich musste sie finden! Dort, wo ich stand, war der Duft zwar schwächer, aber immer noch präsent. Nachdem wir noch ein paar Worte gewechselt hatten, zeigte mir Alpha Thorne persönlich mein Zimmer. Es war geräumig und komplett mit eigenem Bad. Sobald ich eintrat und Alpha Thorne wieder ging, hielt ich an der Tür inne. Der Duft intensivierte sich, als wäre sie erst kürzlich in diesem Zimmer gewesen. Von meinem Instinkt getrieben, wartete ich einige Sekunden, bis der Flur leer war. Doch dann schlich ich hinaus, um der Spur zu folgen. Der Duft schien überallhin zu führen, was mir klar machte, dass sie Zugang zu den meisten Teilen des Hauses hatte. Ich ging zum Ende des Korridors im dritten Stock und bemerkte eine einzelne Tür, die in der Ecke versteckt war und mich magisch anzog. Ich näherte mich und testete dann sanft den Griff. Die Tür war verschlossen. Dann hörte ich leise Schritte auf der Treppe hinter der Tür und das vorsichtige Geräusch von jemandem, der sich hinsetzte. Aber dann folgte nur noch Stille. Der Duft war jetzt fast überwältigend. Er verweilte an der Tür und in der Luft, was es mir schwierig machte, meinen Drang zu unterdrücken, die Tür einfach aufzubrechen und sie mir anzusehen. Kael, mein Wolf, war unruhig und lief in meinem Kopf hin und her. Dann hörte ich ihre Stimme. Sie flehte sanft, fast schmerzlich, dass ich gehen sollte. Es zersplitterte mich sofort und ein scharfer, grober Schmerz drehte sich tief in meiner Brust. Ihre Zerbrechlichkeit hallte in jeder zitternden Note wider. In jedem flachen, zitternden Atemzug. Mein Herz schlug in ihrem Rhythmus. Es war pure Angst, aber nicht vor dem Unbekannten, sondern vor mir. Diese Erkenntnis verletzte mich mehr als jede Wunde. Ich antwortete ihr sanft und meine Worte waren von mehr Trauer durchzogen, als ich ihr eigentlich zeigen wollte. Ich bat um ihr Vertrauen, aber sie öffnete dir Tür immer noch nicht. Dann donnerten Schritte den Flur entlang. Es war Alpha Thorne. Seine Anwesenheit fühlte sich an wie ein Sturm, der den zerbrechlichen Frieden zerstörte. Und jeder Teil von mir bereitete sich auf das Schlimmste vor. Die Panik des Mädchens hinter der Tür explodierte. Ihre Angst war heftig und qualvoll, als würde sie zerbrechen, wenn er noch näher käme. Kein Rudelmitglied sollte solche Angst vor seinem Alpha haben. Kael ließ ein warnendes Knurren in meinem Kopf los. Es klang tief und tödlich. Etwas in diesem Haus war im Innersten zerbrochen. Ich hatte es bereits gespürt, als wir ankamen. Aber jetzt brüllte es durch mich hindurch. Mein Blut pochte mit der Frage: Wer war dieses Mädchen, das vor allen anderen weggesperrt wurde? Welches Geheimnis verlangte es, dass sie versteckt wurde? Welcher Schmerz hielt sie hier gefangen? Ich hatte ihren Duft hierher verfolgt und Kael drängte mich, zu ihr zu gelangen. Das Timing konnte kein Zufall sein. War sie wirklich meine Gefährtin? Ich hatte keinen absoluten Beweis, aber meine Instinkte ließen die Sache nicht ruhen. Ich traf eine Entscheidung: Wir würden dieses Rudel nicht verlassen, bis ich herausgefunden hatte, wer sie war. Als Luna Seraphina später das Mädchen erwähnte, stempelte sie sie als Unruhestifterin ab. Sie nannte sie beschädigt und instabil. In dem Moment, als Seraphina diese Worte aussprach, knurrte Kael in meinem Kopf. Er war extrem wütend über die Anschuldigung. Denn er wusste, dass es nicht stimmte, und verabscheute ihre Lüge. Aber ich blieb ruhig, hörte zu und verbarg meine Reaktion. Denn ich war fest entschlossen, mehr Informationen für uns beide zu sammeln. Thornes Geschichten zerfielen in den Details. Seraphinas Verurteilung, das Mädchen instabil zu nennen, fühlte sich wie pures Gift an. Kael knurrte in meinem Kopf. Sein Hass war brennend und seine Wut kaum unter Kontrolle zu halten. Ich vergrub alles hinter einer neutralen Maske. Jeder Muskel in meinem Körper war angespannt vor Anstrengung. Denn ich konnte es mir nicht leisten, sie es sehen zu lassen, um unser beider Willen. Ich hatte bereits von Alphas wie ihm gehört. Sie waren grausame Anführer, die ihr Rudel bestraften und missbrauchten. Und ich war nun mittendrin. Dann kehrten wir in den großen Ballsaal zurück. Ich durchsuchte den Saal, bis ich Luke fand, der sich lässig gegen die Wand lehnte und sich mit einem Krieger des Kristallflussrudels unterhielt. Ich machte mich auf den Weg zu ihm und wartete, bis der andere Mann wegging, bevor ich mit leiser Stimme sprach. „Du musst etwas für mich tun, Luke. Es könnte uns in Gefahr bringen, aber wir müssen handeln. Beobachte Alpha Thorne und Luna Seraphina ganz genau! Wenn nötig, spioniere sie aus und berichte alles Ungewöhnliche, das du bemerkst. Wir müssen die Wahrheit darüber herausfinden, was in diesem Rudel vor sich geht.“
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