Elias' Perspektive
Am nächsten Morgen wachte ich mit dem köstlichsten Duft auf, den man sich nur vorstellen konnte: Ein reichhaltiges Frühstück, das eindeutig nur für uns zubereitet worden war. Ich verschwendete keine Zeit, zog mich an und machte mich eifrig auf den Weg zur Küche.
Ich war im Begriff, die Küche zu betreten, als Luke den Raum betrat und mir auf die Schulter klopfte. Er schnappte sich eine Tasse Kaffee und wir setzten uns beide in die Nähe des Fensters, um die anderen Gäste zu beobachten, die nach und nach eintrafen. Ich wollte darüber sprechen, was wir letzte Nacht belauscht hatten, wartete jedoch darauf, dass Luke das Thema aufgriff.
Luke beugte sich vor und senkte seine Stimme. „Thorne hat sich letzte Nacht mit einer Silberpeitsche auf dem Dachboden eingeschlossen.“
„Dann hätte er sich doch Verbrennungen geholt“, knurrte ich und runzelte die Stirn.
„Nicht mit Handschuhen“, schnappte Luke. „Er hat herumgeschrien. Falls noch jemand anderes dort war, blieb er komplett still.“
Ich biss die Zähne zusammen. „Dieser Bastard! Er hat sie wahrscheinlich zum Schweigen gebracht.“
Luke zog die Augenbrauen zusammen. „Woher weißt du, dass es ein Mädchen war?“
„Weil ich letzte Nacht mit ihr gesprochen habe. Sie ist dort. Ich bin mir sicher“, sagte ich und sah ihm in die Augen, während die Wut in mir brodelte.
Luke nickte. „Bleib erstmal ruhig! Jetzt halten wir erstmal das morgendliche Training ab und danach überprüfen wir den Dachboden.“
„Lenk Thorne heute Nachmittag ab!“, befahl ich. „Wenn sie hier in Gefahr ist, nehmen wir sie mit. Ich werde sein Verhalten nicht dulden.“
„Verstanden“, stimmte Luke zu.
Nach dem Frühstück schlossen wir uns den Kriegern des Kristallflussrudels auf dem Trainingsfeld an. Ihr Problem war offensichtlich: Thornes Krieger waren völlig außer Form und hatten selbst mit den einfachsten Kampftechniken Schwierigkeiten.
Mit jeder schlampig ausgeführten Bewegung wurden meine Kopfschmerzen schlimmer. Mein Team war diesen Kriegern haushoch überlegen. Ich entschuldigte mich, um mich etwas zu erholen, als der verführerische Duft zurückkehrte. Er war stärker als zuvor. Sie war hier!
Ich schaute zur Badezimmertür und sie war geschlossen. Aber ich hatte sie an diesem Morgen gar nicht geschlossen. Ich konnte gerade noch den Schatten ihrer Füße unter der Tür sehen. Ich näherte mich und probierte vorsichtig den Griff. Verschlossen.
Wieder einmal sprach ich durch die Tür zu ihr und flehte sie an, herauszukommen. Ihre Antwort war dieselbe: eine unnachgiebige Weigerung. Dieses Mal war ich wirklich kurz davor, die Tür aufzubrechen. Doch dann sagte sie etwas, das mich erstarren ließ: „Wenn du diese Tür aufbrichst, wirst du mich niemals wiedersehen!“
Es war das einzige Mal, dass ihre Stimme nicht zitterte. Sie meinte es ernst, jedes Wort. Und ich war nicht bereit, das Risiko einzugehen, sie zu verlieren. Nicht jetzt.
In diesem Moment betrat Luna Seraphina den Raum. Sie spürte sofort, dass etwas nicht stimmte, und begann, die geschlossene Badezimmertür mit Argwohn zu mustern. Sie wollte sie öffnen, aber ich wusste, dass das nicht passieren durfte. Es war nicht sicher für das Mädchen.
Kael begann aufgeregt und angespannt in meinem Kopf zu kratzen, denn er spürte die Gefahr. Ich erfand eine Ausrede, die gerade so ausreichte, um Seraphina dazu zu bewegen, das Zimmer gemeinsam mit mir zu verlassen.
Zurück auf dem Trainingsfeld schleppten sich die Krieger des Kristallflussrudels durch erschöpfte Bewegungen. Ich rief zum Mittagessen und schüttelte fassungslos den Kopf, als sie davonhumpelten.
Wir gingen zurück zum Rudelhaus und dann in den Ballsaal. Der Geruch traf mich erneut, dieser unverkennbare, süchtig machende Duft. Aber es war kein Essen in Sicht. Ich wollte gerade zur Küche gehen, als Alpha Thorne mir den Weg versperrte.
„Bitte, setz dich einfach“, sagte er und deutete auf die Stühle. „Das Mittagessen kommt sofort.“ Ich setzte mich neben Luke, der bereits die Stirn runzelte.
„Seltsam“, murmelte Luke, als Thorne die Küche betrat und die Tür abschloss, bevor er schließlich wieder herauskam. Er befahl den Bediensteten, das Essen herauszubringen, und sie eilten in die Küche, um es zu holen.
Ich aß schnell, da ich wusste, dass ich nur ein kleines Zeitfenster haben würde. Wie geplant, ging Luke, um sich Thorne und Seraphina beim Mittagessen anzuschließen und sie abzulenken. Ich war entschlossen, das Haus ungestört zu durchsuchen, und Lukes Ablenkungsmanöver gab mir die perfekte Gelegenheit, unbemerkt zu verschwinden.
Zurück in meinem Zimmer wartete ich ab und lauschte. Sobald der Trubel im Erdgeschoss nachließ und die Leute begannen, zum Trainingsfeld zurückzukehren, schlich ich mich hinaus und kehrte zur Tür auf dem Dachboden zurück.
Ich konnte Bewegungen dahinter hören. Ein leises Knarren auf den Treppen, gedämpfte Schritte. Dann öffnete die Tür sich plötzlich. Ich hatte kaum Zeit, zur Seite zu treten und mich zu verstecken.
Als sie sich öffnete, umhüllte mich dieser Duft, ihr Duft, wie eine Droge. Sie war die Eine. Es blieb nicht der geringste Zweifel in meinem Kopf oder in Kaels unruhiger Energie. Sie trat heraus und schloss leise die Tür hinter sich.
Ich griff nach ihrem Arm.
Funken explodierten an meiner Haut und wanderten wie Feuer meinen Arm hinauf. Ich erstarrte und war einen Moment völlig perplex.
Sie war klein und erschreckend dünn. Ihr Haar hing in unordentlichen Strähnen herunter und ihre Haut war blass. Eines ihrer Augen war schwer verletzt und ihre Lippe war geschwollen. Sie trug ein formloses graues Kleid, das viel zu groß für sie war. Aber was wirklich meine Aufmerksamkeit erregte, waren die frischen, offenen Wunden an ihrem Arm. Es waren entzündete Striemen, die sich weigerten zu heilen.
Silber! Genau wie Luke es mir erzählt hatte.
„Nun, da lebt also doch jemand auf dem Dachboden“, sagte ich mit kalter Stimme. Sie stand völlig still, wie eine Statue, geschnitzt aus Angst und Unglauben. Ihre weit geöffneten blauen Augen waren auf meine gerichtet und ich war mir nicht sicher, ob sie mich sah oder nur irgendeinen Geist ihrer Vergangenheit. Ich hatte sie so schnell herumgedreht, dass sie fast das Gleichgewicht verloren hatte. Ich fing sie aber mit beiden Händen an ihren Armen auf. Und in dem Moment, als meine zweite Hand sie berührte, durchzuckte mich derselbe elektrische Schlag. Wieder sprühten Funken.
Sie starrte mich immer noch an, als ob sie versuchte, etwas zu verstehen, das keinen Sinn ergab. Ich wusste auch nicht, was ich davon halten sollte. Erkannte sie jemanden in mir? War es Panik? Die Gefährtenbindung, die sie so rief, wie sie mich rief? Oder war sie einfach nur vor Angst außer sich?
Ihr Gesicht erzählte tausend Geschichten. Alle miteinander verwoben, aber keine davon gut. Dann blinzelte sie plötzlich und senkte den Kopf, als hätte sie sich an ihren Platz erinnert. Sie starrte auf den Boden mit der geübten Unterwürfigkeit von jemandem, der sein Leben unter den Füßen anderer verbracht hatte.
„Ich bin Alpha Elias. Und du bist?“, fragte ich sanft.
„Ich bin, ähm, niemand“, antwortete sie schüchtern.
Ihre Antwort traf mich wie eine Welle aus Schock und Unglauben, die durch mich hindurchging.
Wie konnte jemand so über sich selbst denken? Niemand? Als ob sie nicht einmal glaubte, dass sie es verdiente, zu existieren.
Bevor ich etwas sagen konnte, durchschnitt eine scharfe Stimme den Flur.
„Was geht hier vor?“ Alpha Thorne marschierte voller selbstgerechter Wut und falscher Autorität auf uns zu.
Das Mädchen, Lyra, verkrampfte sich sofort. Ich konnte die Panik spüren, die von ihr ausging. Ihr Herzschlag beschleunigte sich und ihre Atmung wurde flach. Allein durch den Klang seiner Stimme stand sie kurz vor einem Zusammenbruch.
„Wer ist dieses Mädchen?“, verlangte ich zu wissen und trat vor sie.
„Sie ist niemand“, entgegnete Thorne kalt.
„Das hat sie mir auch schon gesagt. Aber wer ist sie wirklich? Wer ist sie für dich?“ Meine Stimme wurde leiser. Kael sträubte sich in mir und war bereits wütend.
Alpha Thorne verzog wütend das Gesicht. „Sie ist ein Fehler.“
Das Knurren, das mir entfuhr, war unwillkürlich. Es kam von einem tieferen Ort als meinem Instinkt und klang animalisch. Ich sah Lyra an und die Art, wie sich ihr Gesicht vor stillem Schmerz verzog, zerschmetterte etwas in mir. Sie zuckte nicht zusammen. Reagierte nicht. Als hätte sie dieses Wort bereits ihr ganzes Leben lang gehört.
Dann trat ich nach vorne.
„Der einzige Fehler, den ich hier sehe, bist du! Und natürlich diese giftige Frau, die du deine Gefährtin nennst“, sagte ich.
Thorne fletschte die Zähne. „Pass auf, was du sagst!“
Er bewegte sich auf uns zu. Ohne zu zögern zog ich Lyra hinter mich, legte meinen Arm um ihre Taille und schirmte sie mit meinem Körper ab. Ich würde nicht zulassen, dass er sie erneut verletzte. Nur über meine Leiche!
Warum tat er überhaupt so, als ob es ihn kümmern würde? Er hatte sie schlimmer als Dreck behandelt. Wie jemanden, der nicht einmal existierte.
Aber sie war da! Sie war meine! Meine Gefährtin! Und ich hatte jedes Recht, wütend darüber zu sein, wie sie behandelt worden war. Wie Müll, wie eine Gefangene, wie etwas Schändliches.
Stille legte sich um uns. Mein Anspruch war unausgesprochen, aber klar.
Ich wandte mich ihr zu, aber sie starrte immer noch auf den Boden. Ihr Gesicht war blass und ihre Lippen vor Unglauben leicht geöffnet. Das Gewicht der Situation stürzte auf sie ein.
„Ich bin ein Alpha“, sagte ich sanft. „Das bedeutet, du beantwortest meine Fragen, nicht wahr?“
„Ja, Alpha“, murmelte sie. Ihre Stimme war kaum hörbar.
„Gut, wie heißt du?“
„Lyra.“
Ich nickte. „Und Alpha Thorne? Was ist er für dich?“
Sie zögerte. Ich konnte fühlen, wie sie mit der Antwort kämpfte, aber sie zwang die Worte trotzdem heraus.
„Er ist mein Vater.“
Ich starrte sie fassungslos an. Dann drehte ich mich um und starrte Thorne an. „Hast du nicht gesagt, dass deine Tochter und deine Gefährtin bei der Entbindung gestorben sind?“
„Sie ist auch gestorben!“, knurrte Thorne. „Dieses Ding da hat meine Gefährtin getötet, als es geboren wurde!“
„Glaubst du tatsächlich, dass ein Neugeborenes dafür verantwortlich gemacht werden kann?“, rief ich wütend und auch fassungslos.
Er zuckte zusammen, blieb aber standhaft. „Ja, sie hat meine Gefährtin getötet.“
„Nein“, schnappte ich und trat vor. „Du hattest fünfzehn Jahre lang Zeit, dich davon zu überzeugen, und sie dafür zu bestrafen. Und währenddessen hast du ihr das auch noch eingeredet. Fünfzehn Jahre voller Folter!“
Ich packte Lyras Hand und wandte mich zur Treppe. Ich war entschlossen, sie von hier weg in Sicherheit zu bringen. Getrieben von dem Bedürfnis, sie vor weiterem Schaden zu bewahren.
„Du wirst sie nirgendwohin mitnehmen!“, bellte Thorne und stürmte hinter uns her. Seraphina folgte dich hinter ihm.
Ich bemerkte seine Bewegung aus dem Augenwinkel. Thorne griff nach ihr, aber ich schob sie sofort auf meine andere Seite. Dabei hatte ich meinen Arm fest um sie gelegt, um sie außerhalb seiner Reichweite zu positionieren.
„Sie kommt mit mir! Der Rat wird von deinen Taten erfahren. Du wirst damit nicht durchkommen.“
Ich zog sie mit mir. Wir gingen die Treppe hinunter und dann hinaus auf das Trainingsfeld, wo meine Männer noch mit den Kriegern des Kristallflussrudels kämpften. Alle hielten inne, als sie uns sahen. Lyra zuckte im Sonnenlicht zurück. Ihre Arme hoben sich instinktiv, als wollte sie ihr Gesicht schützen. Sie war extrem blass. Sie sah aus, als wäre sie seit Jahren nicht mehr draußen gewesen.
„Elias?“ Luke kam verwirrt herübergelaufen. „Was ist los?“
„Das ist Lyra“, sagte ich laut. „Sie ist Alpha Thornes Tochter. Lebendig. Fünfzehn Jahre alt. Und ihr ganzes Leben lang wurde sie von ihm wie eine Gefangene eingesperrt!“
Eine Schockwelle ging durch die Krieger um uns herum.
„Du nimmst sie nicht mit!“, brüllte Alpha Thorne hinter uns. Ich drehte mich um und sah, dass er sich verwandelte. Fell spross, Krallen fuhren aus, Zähne verlängerten sich.
„Luke, nimm Lyra!“, befahl ich mit Nachdruck. Ich konnte fühlen, wie Kael unter meiner Haut erwachte, und meine Zähne begannen, sich zu verlängern.